Goethe und das Jenaer Inspektorhaus am Botanischen Garten

von Ulrich Kaufmann

„Wir sind unendlich glücklich, es zeigen zu können“, sagte Helmut Hühn, Leiter des Schiller-Gartenhauses und des neuen „Goethe-Laboratoriums“ der Universität, über das Porträt „Johann Wolfgang von Goethe vor dem Golf von Neapel“. Geschaffen hat es von 1822 bis 1826 der Düsseldorfer Maler Heinrich Christoph Kolbe (1771-1836). Kolbes Bild gehört zum Bestand der Kustodie und ist als Kopie im Eingangsbereich der Universitäts- und Landesbibliothek zu sehen. Das Original des Porträts ist nun Blickfang des großartig restaurierten „Goethe-Laboratoriums“. Das Bild gehört seit 1831 der Alma Mater Jenensis.


Heinrich Christoph Kolbe: Johann Wolfgang von Goethe vor dem Golf von Neapel (1822/1826). Foto: CC BY-NC-SA @ Friedrich-Schiller-Universität: Kunsthistorisches Seminar und Kustodie.

Zehn (!) Jahre hat die Sanierung des Inspektorhauses mit seinem südlich anmutenden Innenhof gedauert. Hühn kann auf die Metamorphose der neuen Goethe-Stätte zurückblicken. Phasen habe es gegeben, in denen das Vorhaben auf Eis lag. Nach dem Sanierungsbeginn kam es zu beträchtlichen Verzögerungen – auch durch die Corona-Pandemie. Den Kurator und Philosophen trieb die Frage um, wie sich Goethe in die Gegenwart überführen lasse, wie er „nicht auf einen Sockel gestellt wird, sondern im Kontext zum Heute angeschaut werden kann“. Das „Laboratorium“ will mit seiner Ausstellung „Bewegliche Ordnung“ Goethes Morphologie und Metamorphosenlehre“ weniger literarische Gedenkstätte sein, als vielmehr ein Ort, an dem die Grundlagen von Goethes Naturforschungen gezeigt werden. Deshalb ist der „Kolbe“ hier weit mehr als ein Hingucker. Das Bild zeige, so Hühn, „den alten Goethe, wo der junge Goethe studiert hat: in Italien. Im Hintergrund ist der Golf von Neapel und der Vesuv zu sehen, den der junge Goethe dreimal besucht hat.“ Vielmehr sei das Gemälde mit dem überlebensgroßen Fünfundsiebzigjährigen ein grandioses Programm-Bild für das „Laboratorium“. Denn es veranschaulicht den jahrzehntelangen Erkenntnisdrang des Naturforschers. „Die Intarsien antiker Kunst auf dem Gemälde, die Pflanzen, der Vesuv, die Gestaltung des Himmels zeigen Goethe als Künstler, Botaniker, Geologen und Meteorologen. Es ist ein Bild, das die verschiedenen Praxen Goethes zusammenführt“, erläutert Hühn im Mai 2024.

Im Vergleich zu der vormaligen Gedenkstätte, die nur zwei Zimmer hatte, verfügt das „Laboratorium“ nunmehr um deren drei. Der zusätzlich gewonnene Raum an der Ostseite des Hauses bietet eine visuelle Weitung: Der Blick wird frei auf den berühmten Ginkgo-Baum im historischen Botanischen Garten, um den sich Goethe seit 1794 besonders intensiv gekümmert hatte. Thematisch aufgeteilt sind die Räume nach den Schwerpunkten Geologie, Anatomie und Botanik. Das größte Exponat ist ein Elefantenschädel aus dem 17. Jahrhundert, an dem Goethe bei seinen Studien zum Zwischenkieferknochen gearbeitet haben soll

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Kleinere Ausstellungen am gleichen Ort, die seit 1921 zu sehen waren, haben die fünf Jahre thematisiert, die der Dichter insgesamt in Jena verbrachte. Nach Weimar und Frankfurt a.M. ist Jena die dritte Stadt, in der sich Goethe einen beträchtlichen Teil seines Lebens aufhielt. Als die Jenaer Universität 1825 ihrem Minister zum 50. Dienstjubiläum gratulierte und ihn gleich drei Fakultäten zum Ehrendoktor ernannten, legte Goethe ein „offenes Geständnis“ ab: „So entschieden und leidenschaftlich auch meine Sehnsucht gegen die Natur und ihre gesetzlichen Erscheinungen gerichtet war, so konnte ich nur durch einen längeren akademischen Aufenthalt erst recht belebt, genährt, geregelt und stufenweise befriedigt werden. Ein solcher ward mir seit vielen Jahren zu Jena und ich bin dieser Akademie ganz eigentlich die Entwicklung meines wissenschaftlichen Bestrebens schuldig geworden …“

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Nach der Schlacht bei Jena 1806 wollte Goethe seine Dienstwohnung im Schloss, das zeitweise als Lazarett gedient hatte, nicht mehr nutzen. Jeweils für Wochen kam er 1809, 1810, 1817 und 1818 am „Hauptwach Schlossplätzchen“ unter. Als der Dichter sich 1817 von der Weimarer Theaterleitung hatte entbinden lassen, weilte er öfter und länger am Ort seiner „Akademie“. Fortan bezog er den Vorgängerbau des heutigen Inspektorhauses, seine „Klausur auf dem Blumen- und Pflanzenberge“. Im Sommer 1819 entwarf er hier eine Lehre über Wolkenbildungen, untersuchte die „Jenaer Liederhandschrift“, trieb Sanskrit-Studien…


Jena. Inspektorhaus des Botanischen Gartens („Goethe-Gedenkstätte“) mit dem „Goethe-Gingko“. Foto: W. Brauer (2008).

Das alte Gebäude, das es seit 1681 gab, war indessen marode. Deshalb beauftragte Goethe im Jahre 1825 den Hofbaumeister Clemens Wenzeslaus Coudray mit dem Neubau des Hauses. Unter der Aufsicht des Jenaer Hofmaurermeisters Timler wurde dieser nach nur zwei Jahren abgeschlossen. In Goethes Sinne hat man den neuen Innenhof im Stile eines römischen Bauernhauses gestaltet. Blickt man vom Botanischen Garten her auf das Inspektorhaus, kann man sich an der klassizistischen Fassade erfreuen. Den Giebel des Hauses ließ Goethe mit der heute noch gut lesbaren Inschrift zieren: „DEM III. SEPT. MDCCCXXV“ zieren. Diese erinnerte an das 50-jährige Regierungsjubiläum von Herzog CarI August am 3. September 1775. Der Herzog, der seit 1815 Großherzog wurde, fungierte zugleich als „rector magnificentissimus“.

Die Jahreszahl 1775 ist zudem eng mit Goethe verbunden. In diesem Jahr sah er Jena erstmals: Bei einem Ritt in das schöne Dorf Waldeck durchquerte er die Stadt an der Saale. Nach dem Neubau des Gebäudes übernachtete Goethe nur noch einmal im „Gärtnerhaus“: am 19. Juni 1830. Es sollte seine letzte Begegnung mit Jena sein.

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1901 begründete der Kunstwissenschaftler Prof. Paul Weber in der Jenaer Weigel-Straße 2 ein kulturhistorisches Ortsmuseum. Auch Räume zur Goethezeit hatte Weber eingerichtet. Im Bombenhagel vom März 1945 ging das Museum unter, 80% der Museumsbestände waren verloren.

Ein weiterer authentischer Erinnerungsort für den Jenaer Goethe wäre neben der „Grünen Tanne“ auch das Schloss gewesen, in dem der Dichter bis 1806 oft gewohnt und gearbeitet hatte. Das baufällige Schloss wurde 1905 abgebrochen, um Platz für das Hauptgebäude der Universität zu schaffen. Gegen diesen Abriss protestierten viele Jenaer Bürger, namentlich der Verleger Eugen Diederichs. Im Schillerjahr 1905 hatte er eine unkonventionelle Friedrich-Schiller-Gedächtnis-Ausstellung präsentiert. Es gibt Fotos, die belegen, dass es bis zum Abbruch des Schlosses dort Räume zu Goethe und Schiller gab. Im Falle Goethes konnte man zu jener Zeit Originale präsentieren – vor allem waren dies Möbel und Geschirr.

„Hier [im Inspektorhaus – U.K.] ist vom Direktor des Goethe-Nationalmuseums Weimar, Herrn Dr. Wahl, durch Darleihung von Doppelstücken aus dem Goethe-National-Museum und Sammlung von sonstigen Gegenständen, die an Goethe erinnern, eine würdige Gedächtnisstätte ausgestaltet worden. Sie erinnert an die vielseitige Jenaer Tätigkeit des Dichters als Naturforscher und Verwaltungsbeamter in den Jahren 1817-1830. Die Ausstellung verspricht, eine Sehenswürdigkeit für die Stadt zu werden. Geplant ist am 24. September eine einfache Feier. Ab 12 Uhr können die Zimmer besichtigt werden. Da die beiden Zimmer räumlich sehr beschränkt sind, können an der Feier nur diejenigen Personen teilnehmen, die an der Universitätsverwaltung oder als Stifter beteiligt sind“ (Jenaische Zeitung, 21. 9. 1921).

Mit diesen Zeilen wurde die erste Jenaer Goethe-Ausstellung angekündigt. Hans Wahls einleitende Worte könnte man den Urtext zu unserem Thema nennen. Doch der Goethe-Philologe verweist gleich eingangs auf die heute zu Unrecht vergessene Schrift von Viktor Michels „Goethe und Jena“, die 1916 bei Gustav Fischer erschien. Der „derzeitige“ Prorektor der Jenaer Universität hielt Michels Schrift für so gewichtig, dass er sie als „Weihnachtsgruß an die im Felde stehenden Angehörigen der Universität Jena“ drucken ließ. Michels zeigt, wie Goethe den Aufstieg der Universität zwischen 1797-1803 beförderte. Der Leser erfährt indessen auch, wie der Staatsminister im Krisenjahr 1803 unter dem Niedergang seiner „Akademie“ litt, wie er versuchte, wichtige Gelehrte in Jena zu halten. Vor allem schmerzte Goethe der Weggang des Anatomen Justus Christian Loder, seines Lehrers, der die anatomische Sammlung 1803 mit nach Halle nahm.


Goethea cauliflora Nees & Mart (Goethepflanze). Entdeckt wurde sie 1815/1817 von Prinz Maximilian Alexander Philipp zu Wied-Neuwied in Brasilien. 1821 benannten die Botaniker Nees von Esenbeck und Martius sie nach dem Dichter und Naturforscher. Goethe war sehr dankbar dafür. Auf dem Bild Exemplare des Botanischen Gartens in Jena. Foto: W. Brauer (2023).

Im Goethischen Sinne sieht Wahl Weimar und Jena durchgehend als „Doppelstadt“. Zunächst schildert der Redner Goethes Weg zum Inspektorhaus im Frühjahr 1817. Dieses wurde zu seinem Jenaer Sommerdomizil am Botanischen Garten, in dem er ca. 300 Tage verbracht hatte. Anschließend erinnert Hans Wahl daran, welche vielfältigen naturwissenschaftlichen Studien Goethe in Jena durchführte und publizierte. Und natürlich weist der Germanist zugleich darauf hin, welche Werke er zum Teil in Jena schrieb: Die „Italienische Reise“, die „Meister“- Romane, der „West-östliche Divan“ waren darunter.

Am authentischen Goethe-Ort weist der Festredner ausgiebig auf Goethes amtliche Tätigkeiten an der Universität hin. „Die wesentlichste dienstliche Arbeit war damals die Vereinigung der Schloßbibliothek.“ Bei der Fülle des Materials fällt auf, dass Hans Wahl auf die Leistungen Goethes für die Stadt Jena nicht eingeht. Michels indessen tat dies, indem er fünf Jahre zuvor etwa daran erinnert, dass Goethe bis 1795 auch mit der „Regulierung“ der Saale beschäftigt war.

Viele bildende Künstler, die Goethe im Jenaer Gärtnerhaus besuchten, nennt Wahl. Dazu gehörten die Bildhauer Christian Daniel Rauch und Christian Friedrich Tieck, die zeitgleich, fast im Wettstreit, weltbekannte Goethe-Büsten schufen. Der Weimarer Museumsdirektor lässt nicht unerwähnt, dass Goethes folgenreiche Verbindung zu Eckermann in Jena „eingeleitet“ wurde.

Anschließend spricht der Museumspraktiker Wahl. Von den authentischen Goethe-Utensilien waren nur ein einfaches Schreibpult und eine „Notizentafel“ vorhanden. Zudem sprechen die Quellen von einem „ungeheuer“ Ofen aus dem Jahre 1661. „So hatten die Räume trotz der freundlichen Fernsicht durch die gardinenlosen Fenster etwas Totes. Die Frage erhob sich, ob man sie nicht durch Zeugnisse Goethischen Erlebens und Schaffens im Gärtnerhause lebendig machen könne.“ Während in der Schlafkammer des Dichters einige originale Möbelstücke Goethes vorhanden waren, ergänzte man an anderer Stelle das Mobilar um Sessel und Stühle aus dem Jenaer Schloss, dem „Abstiegsquartier“ des Weimarer Geheimrats. Einige der hinzugefügten Ausstellungsstücke seien hier genannt: Im vormaligen Schlafraum wurde eine kleine wissenschaftliche Bibliothek aufgestellt. Unter dem Eckzimmer ließen die Ausstellungsmacher das „Goethebeet“ wieder herrichten. Besonders ausgiebig geht Wahl auf Bilder ein, die Goethe umgaben. Hauptquelle für die Auswahl der Exponate waren für ihn immer wieder die Goethischen Tagebücher.

Der Besucher konnte unter anderem Bildnisse von Goethes „Urfreund“ Knebel und von dem Verlagsbuchhändler Carl Friedrich Ernst Frommann sehen. Selbstverständlich fehlte auch ein Bildnis der achtzehnjährigen Minchen Herzlieb nicht. Für sie bestritten Goethe und Zacharias Werner gar einen „Sonettenwettbewerb“. Hinzu kamen die Goethe-Büsten von Rauch und Tieck. Auf dem Pult war die „Jenaer Liederhandschrift“ zu sehen, die durch „Übersetzungsproben“ Goethes ergänzt wurde. Auch konnte der Besucher 1921 einen Zyklus von 10 Federzeichnungen Goethes bewundern, der Motive des alten Jena zeigt. Eine Perle der Exposition hebt der Weimarer Museumsdirektor stolz hervor: Zum ersten Mal werde „der langgesuchte und erst 1920 gefundene köstliche Scherenschnitt der Adele Schopenhauer zu Goethes ,Hochzeitslied‘“ gezeigt. Der Dichter selbst habe dazu „das Lokal“ gezeichnet, das in einer „Nachbildung“ zu sehen war. „Ganz dem Naturforscher ist die Fensterecke eingeräumt. Wolkenzeichnungen am Regal erinnern an seine meteorologischen, die Kupfer zum osintermaxillare [dem Zwischenkieferknochen – U. K.] an seine anatomischen Studien.“


Der Anatomieturm in Jena. Zeichnung von J. W. Goethe (1810). Hier betrieben Goethe und Justus Christian Loder die Forschungen am Zwischenkieferknochen. Heute steht vom Turm nur noch der Rumpf, das darauf befindlich gewesene „Anatomische Theater“ ist abgerissen. Foto: Sammlung W. Brauer.

Der höfliche Redner vergisst nicht, nachdrücklich die Hilfe des Anatomischen Instituts unter Leitung des Geheimrats Friedrich Maurer (1858-1936) zu würdigen. Hans Wahl betont, dass man sich – trotz des großen und vielfältigen geistigen Reichtums – Goethes Arbeits- und Wohnstätte nicht allzu idyllisch vorstellen solle. In dem blau tapezierten Zimmer habe eine beträchtliche Unordnung geherrscht. Viele Zeitgenossen haben es bemerkt, Goethe notierte dies selbst. In einem Brief von 1820 heißt es: „Eigentlich siehts bey mir in der Stube nicht ganz lustig aus, verschimmeltes Pergament (die Jenaer Liederhandschrift) und Todtenköpfe (die auf dem Friedhof ausgegraben waren) könnte Fausts Studiergewölbe nachahmen, wenn nicht der Blick in den lustigen Garten wieder das Entgegengesetze empfinden ließe.“ Am Schluss seiner Einführungsrede fasst Hans Wahl das Anliegen der Ausstellung zusammen. Er beschließt seine Rede mit einer Laudatio auf den „Hausherren“ Johann Wolfgang Goethe. „Sinn und Zweck der Wiedereinrichtung konnte nicht sein, ein pseudo-goethisches Arbeitszimmer auf schwächster Ueberlieferung zu rekonstruieren; es erschien vielmehr Pflicht, durch das empfangene Auge den Besucher auf die Fülle der geistigen Arbeit, auf das Umfassende, das immer Bewegliche dieses großartigen Genius, des größten Menschen, den das Gärtnerhaus in seinen Mauern beherbergte, hinzuleiten und ihn durch die a u g e n f ä l l i g e n Ausstrahlungen Goethischer Arbeit mitzubewegen.“

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Seit 1953 gibt es in Weimar die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur (NFG). Weitere Kulturorte außerhalb Weimars wurden durch eine „Regierungsverordnung“ vom 6. August 1953 gleichfalls zu „Nationalen Gedenkstätten“ erklärt – auch die Schiller- und Goethe-Museen in Jena. Letztlich ist die Herausgabe der „Führungsschrift“ von Manfred Beyer „Die Goethe-Gedenkstätte im Inspektorhaus des Botanischen Gartens“ ein Ergebnis dieser Berliner Entscheidung. Erschienen ist diese 47-seitige, bebilderte Broschur 1954 im Eigenverlag der NFG. Der Autor Manfred Beyer war 1953/1954 noch Student. Für kurze Zeit war er nach dem Studium bei den NFG tätig, kam aber an das Jenaer Germanistische Institut zurück. Später wurde er Professor und gilt unter Fachkollegen bis heute als Alfred-Döblin-Spezialist. Er starb 2025.

Der Einleitung seines Museumsführers schließen sich sieben, jeweils mit einem Goethe-Motto versehene Kapitel an. Goethes Wirken stellt der Verfasser in einen historischen Kontext. Friedrich Engels zitierend, ist von dem „jämmerlichen politischen Jahrhundert“ die Rede, das gleichzeitig „das große Jahrhundert der deutschen Literatur“ gewesen sei.

Goethe habe sich, schreibt Beyer, in Jena nicht nur mit namhaften Gelehrten besprochen. Gerade bei Fragen zu seiner botanischen Sammlung habe er gleichermaßen den Austausch mit Apothekern und Bauern gesucht. Zu lesen ist, dass er sich immer wieder um Menschen der „niederen Klasse“ gekümmert habe – um die Apoldaer „Strumpfwirker“, die „Ackerbürger“ und Tagelöhner des Saaletals etwa. Aus einem Schiller-Brief an seinen Freund Körner vom Ende des 18. Jahrhunderts zitiert Beyer, auch wenn der Absender Schiller hier verknappt und zugespitzt spricht: „Goethe hat das Unglück, daß er in Weimar gar nichts arbeiten kann; was er in vier oder fünf Jahren geschrieben hat, ist alles in Jena entstanden.“

Viele Porträts gleich auf dem Treppenaufgang des Gärtnerhauses zeigten, dass Goethe in Jena vornehmlich den Kontakt zu Naturwissenschaftlern gesucht habe. Folgerichtig ist der erste Ausstellungsraum diesen Wissenschaften vorbehalten. Schiller habe, schreibt Beyer, in dem vielzitierten Brief an Goethe vom 23. August 1794, Goethes Naturauffassung so auf den Punkt gebracht, dass diese Aussage letztlich den Weg durch die Ausstellung weise: „Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das einzelne Licht zu bekommen; in der Allart ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie Schritt für Schritt zu der mehr verwickelten auf, um endlich die verwickelste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialen des ganzen Naturgebäudes zu erbauen.“

Im Zentrum des letzten Abschnitts geht es erneut um das gemeinsame Wirken Goethes und Schillers. Letzterer lebte von 1789 bis 1799 in Jena. Beleuchtet wird auch die unterschiedliche Bewertung der Französische Revolution. Schillers Bürgerbrief der Französischen Nationalversammlung war in der Ausstellung zu sehen. Bei Goethe wird auf dessen Federzeichnungen zur „Campagne in Frankreich“ verwiesen.

Zwei Jahrzehnte nach Schillers Tod besuchte Goethe 1825 mit seinem Vertrauten Johann Peter Eckermann, dem er in Jena einen Doktortitel „besorgt“ hatte, Schillers Jenaer Gartenhaus. Er erinnert sich: „Hier hat Schiller gewohnt. In dieser Laube, auf diesen fast zusammengebrochenen Bänken haben wir oft an diesem alten Steintisch gesessen und manches gute und große Wort miteinander gewechselt. Er war damals noch in den Dreißigen, ich selbst in den Vierzigen, beide noch in vollstem Aufstreben, und es war etwas!“


Die Laube in Schillers Jenenser Garten: Die Laube ist rekonstruiert, der Steintisch original.
Foto: W. Brauer (2008).

In der Fachliteratur wird immer wieder herausgestellt, dass das Inspektorhaus für den Dichter und Naturforscher Goethe vor allem ein Arbeitsort gewesen sei. Beyer ergänzt indessen, dass Goethe zum Beispiel im benachbarten, geselligen, bürgerlichen Zirkel Frommanns ein gern gesehener Gast war. Hier lernte Goethe Frommanns Pflegetochter, die anmutige Minchen Herzlieb, kennen – oft liest man, dass Züge von Minchen Herzlieb in der Ottilie-Figur des Goethe-Romans „Die Wahlverwandschaften“ zu finden sind. Von Frommanns Ziehtochter ist in der Handreichung eine beeindruckende Zeichnung des Frommannschen Anwesens zu sehen.

In Beyers Museumsführer wird daran erinnert, dass Goethe ein Wanderer und Naturfreund war. In seinem Gedicht „Die Lustigen von Weimar“ wird erlebbar, wie sehr Goethe die Umgebung der „Doppelstadt“ Weimar-Jena zu schätzen wusste: „Donnerstag nach Belvedere, / Freitag geht’s nach Jena fort: / Denn das ist ein bei meiner Ehre, / Doch ein allerliebster Ort! / Samstag ist’s worauf wir zielen, / Sonntag rutscht man auf das Land; / Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen / Sind uns alle wohlbekannt.“

Beyers Broschüre aus dem Jahre 1954 ist ein Kind der Zeit. Ganz im Sinne der „neuen“ Epoche zeigt sich das Bemühen, nunmehr ein marxistisches Klassikbild anzubieten. Usus war es, sich möglichst oft auf die „Klassiker des Marxismus“ zu berufen. Auch war es üblich, als Autoritäten namentlich sowjetische Gelehrte zu zitieren: „Damals barg jede deutsche Stadt, insbesondere jede Universitätsstadt, eine Keimzelle deutscher Kultur.“ Dass die hier zitierte Goethe-Forscherin Marietta Schaginjan Stalin-Preisträgerin gewesen war, sollte die Gewichtigkeit der Aussage wohl weiter anheben. Auffällig ist, dass die frühe marxistische Germanistik auch hier die für Jena so prägende romantische Dichtung stiefmütterlich behandelt.

Der Dichter Louis Fürnberg – seit 1954 Stellvertretender Direktor der Weimarer Klassiker-Stätten – besuchte im September 1954 das kleine Jenaer Goethe-Museum am Botanischen Garten. Sein Urteil formuliert er am 24. September in einem Brief an den Direktor des Germanistischen Instituts, Prof. Dr. Joachim Müller:

„Nachmittags bin ich dann in der Goethe-Gedenkstätte gewesen, und ich muß sagen, daß ich keinen günstigen Eindruck davon empfangen habe. Ganz abgesehen davon, daß man solche Räume mit anderen Erwartungen betritt, von den Empfindungen ganz zu schweigen, scheint mir diese kleine Exhibition doch recht verwirrend und vor allem bedenklich. Mir scheint, daß der Größe und Bedeutung Goethes als Naturwissenschaftler durch diesen Versuch, dessen Ärmlichkeit auch die ein wenig vulgär-marxistischen Noten, von denen er begleitet wird, nicht aufheben können, doch äußerst wenig gedient ist. Wer, frage ich mich, sollte eigentlich eine Freude daran haben? Der Naturwissenschaftler wird von diesen Dingen nicht sehr entzückt sein, gerade er hat gegen diese aphoristische Methode der Darstellung sehr viel, wenn nicht alles einzuwenden. Der Laie wird, wie gesagt, von der kleinen Ausstellung verwirrt werden, und eine Gedenkstätte, unter der er sich so viel vorstellte, enttäuscht verlassen. Nun bin ich mir im klaren, daß man die Enge des zur Verfügung stehenden Raumes ins Kalkül ziehen muß, aber schien es Ihnen nicht doch besser, die Gedenkstätte nicht auf einen Schwerpunkt in Goethes Beziehungen zu Jena hin zu orientieren? Darüber, denke ich, sollten wir uns gelegentlich unterhalten. Ich bin fest überzeugt, dass wir in kollektiver Bemühung etwas Passables erarbeiten können.“

In seiner Antwort betont Joachim Müller, an der Erarbeitung des Ausstellungskonzepts nicht beteiligt gewesen zu sein…


Schillers Garten in Jena. Zeichnung von J. W. Goethe (1810). Im Ecktürmchen richtete sich Schiller ein Arbeitszimmer ein. Das heute zu sehende Türmchen ist allerdings eine Rekonstruktion durch die Kustodie der Universität aus den 1970er Jahren. Den Abriß konnte seinerzeit selbst Goethe nicht verhindern. Foto: Sammlung W. Brauer

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Nach der gesellschaftlichen Wende wurde das Museum in den frühen neunziger Jahren restauriert und umgestaltet. Ein sechsspaltiger Flyer stammt aus der Feder von Angelika Reimann, einer gestandenen Goethe-Forscherin. Reimann beschreibt die beiden Museumsräume: Der erste zeige in seiner „Gesamtheit“ Goethes „Lebensrhythmus“. Das zweite Zimmer widmet sich ausschließlich den naturwissenschaftlichen Studien Goethes. Die „Salana“, erinnert Angelika Reimann, war eine „Gemeinschaftsuniversität“ der ernestinischen Herzogtümer Weimar, Meiningen, Gotha und Altenburg. Einige der herausragenden Jenaer Wissenschaftler werden vorgestellt, aber auch der zehn Jahre jüngere, spätere Geschichtsprofessor Friedrich Schiller, den Goethe, seiner „empathischen Jugenddramen“ wegen, zunächst aus der Distanz beäugte.

Von den auswärtigen Gästen im „Gärtnerhaus“ hebt Reimann neben dem Bildhauer Rauch vor allem Karl Friedrich Schinkel, den Meister der klassischen Baukunst, heraus. Es ist bewundernswert, wie genau und tiefsinnig sich die Germanistin mit Goethes Naturstudien beschäftigt hat. Gleich in Vitrine eins wird die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen im Jenaer Anatomieturm ausgiebig gewürdigt. Bei Professor Justus Christan Loder hat Goethe Vorlesungen besucht und im März 1784 – unterstützt von seinem Lehrer – die fulminante Entdeckung gemacht. Goethes Forschungsergebnis wurde zunächst kaum beachtet, zumal es „die theologische Anschauung von der Göttlichkeit menschlicher Abstammung in Frage stellte“. Loder war es, der Goethes Entdeckung im „Anatomischen Handbuch“ publik gemacht hatte.


Der Zeichner idyllisiert etwas, macht aber dennoch ein wenig das „Weimar-Jenensische Netzwerk“ nachvollziehbar: Am Tisch sitzen Caroline von Wolzogen und Charlotte Schiller mit Sohn Karl, daneben Herder – hinter diesem stehen Goethe und Wieland; hinter einer unbek. älteren Frau Caroline von Humboldt, dahinter stehen Wilhelm und Alexander von Humboldt. Wilhelm von Lindenschmidt: Schillers Gartenhaus in Jena 1797 (1860, Ausschnitt). Foto: Sammlung W. Brauer.

An Goethes berühmten lyrischen Text „Gingo biloba“ (aus dem „West-östlichen Divan“ von 1819), vor allem jedoch an dem Lehrgedicht „Die Metamorphose der Pflanzen“ zeigt Reimann, wie bei Goethe Naturbetrachtung und Poesie zusammenfinden.


Gingko biloba. Originalhandschrift Goethes 1815 (Goethe-Museum Düsseldorf). Foto: Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Public domain, via Wikimedia Commons.

Am Ende des kleinen Essays weitet die Verfasserin den Blick über die Goethe-Zeit hinaus. Von Wolfgang Döbereiners, am Ende gescheiterten Versuchen „zum Einschmelzen neuartiger optischer Glassorten“ spricht sie. Der daran maßgeblich beteiligte Universitätsmechanikus Johann Christian Körner, der spätere Lehrmeister von Carl Zeiss, gab seine Erfahrungen weiter. An diese Vorarbeiten konnte später Otto Schott anknüpfen. Und so schließt sich der Bogen von Goethe und Döbereiner in der „Stapelstadt des Wissens der Wissenschaften“ bis in die Gegenwart.

(Bildauswahl und -unterschriften: W. Brauer)

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