Goethe – Heine – Brecht – Braun. Hans Kaufmann zum 100. Geburtstag

von Ulrich Kaufmann

Als Sohn eines Dienstmädchens und eines Textilzeichners wurde Hans Kaufmann am letzten Märztag des Jahres 1926 in Berlin geboren. Er stammt aus einer sozialdemokratisch geprägten, kulturinteressierten Familie. Die Eltern standen im Kampf gegen Hitler. Vater Georg erlebte noch den Redner Karl Liebknecht, er selbst nahm 1946 am Vereinigungsparteitag teil. Seine Ehefrau Minna war jahrzehntelang in der Frauenbewegung tätig. Nach der Volksschule diente Hans Kaufmann als Luftwaffenhelfer, anschließend war er beim Arbeitsdienst. Nach der Einberufung zur Infanterie folgten zwei Jahre französische Kriegsgefangenschaft.


Hans Kaufmann 1990.
Foto: Ingrid Pergande-Kaufmann

Als Kaufmann nach dem Besuch der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät von 1948 bis 1952 an der Berliner Humboldt-Universität Germanistik studierte, wurde ihm das fachliche und methodische Rüstzeug des Faches ausschließlich anhand von vergangener Literatur vermittelt. Nach dem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent, dann als Aspirant. Mit einer Arbeit zu Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ wurde er 1956 promoviert. Zwei Jahre später erschien im Aufbau-Verlag die Studie „Politisches Gedicht und klassische Dichtung“, 1962 dann die Habilitationsschrift „Bertolt Brecht / Geschichtsdrama und Parabelstück“ in den „Germanistischen Studien“. Diese Schriftenreihe – von Insidern der Gestaltung wegen „Tapetenreihe genannt – hat Kaufmann über Jahrzehnte gemeinsam mit Hans-Günther Thalheim herausgegeben.

Innerhalb eines Lehrbetriebes, der den Traditionen der bürgerlichen Geisteswissenschaft verpflichtet war, gab es keinen Raum für die Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur. In einem Interview in der „Zeitschrift für Germanistik“ schildert er 1982, wie der überall spürbare gesellschaftliche Aufbruch jener Jahre eine Reihe von Studenten in Opposition zu diesem Lehrbetrieb brachte. Sie fanden sich in Gruppen zusammen und begannen Stoffe zu erschließen, die im offiziellen Lehrprogramm ausgespart waren. Neben dem Studium marxistischer Grundlagenliteratur spielte dabei die Diskussion um neue Werke der Literatur bzw. die langsam bekannt werdende Literatur des antifaschistischen Exils und besonders die der heimgekehrten sozialistischen Schriftsteller eine wichtige Rolle.

1950/51 nahm Hans Kaufmann in Weimar an dem Lehrgang für Germanisten teil, den der aus dem Exil zurückgekehrte Gerhard Scholz, einer der wenigen Vordenker einer marxistischen Literaturwissenschaft, leitete. Hier wurden – vornehmlich in der Beschäftigung mit der klassischen Literatur – erstmals Grundlagen marxistischer literaturwissenschaftlicher Arbeit vermittelt, die auch bei der Beschäftigung mit aktueller Literatur folgenreich sein sollten. Als die Hochschulreform von 1951 darauf orientierte, das akademische Gebäude deutscher Geistesgeschichte endgültig aufzubrechen, waren die jungen Wissenschaftler, die diese Aufgabe im praktischen Lehrbetrieb der Ausbildung in Angriff nehmen konnten, zwar mit neuer weltanschaulicher und politischer Orientierung versehen, hatten aber selber noch ihr Studium unter traditionellen Bedingungen absolviert.

Hans Kaufmann gehörte dazu. Seine Entscheidung für die politische Dichtung Heinrich Heines als Gegenstand seiner Dissertationsschrift entsprang dem Wunsch, das bei Scholz Gelernte an einem Gegenstand zu erproben, der nicht durch ihn selbst oder seine älteren Schüler bereits „belegt“ war. Diese Arbeit und die beginnende wissenschaftliche Beschäftigung mit der entstehenden Literatur der DDR bedeuteten für ihn einen Aufbruch auf zwei verschiedenen Strecken, aber mit dem gleichen Ziel: die Beförderung einer marxistischen Literaturwissenschaft.

1952, unmittelbar nach dem Examen, erhielt er einen Lehrauftrag für die „Literatur des demokratischen Deutschland“ – ein Fachgebiet, von dem zunächst nur sehr allgemeine Vorstellungen existierten. Erstmals wurden im Rahmen dieser Lehrveranstaltung an der Berliner Humboldt-Universität Werke von Seghers, Becher, Brecht, Bredel, Claudius, Erwin Strittmatter und anderen behandelt. Kaufmann sprach rückblickend davon, dass er in diesen Vorlesungen mehr gelernt habe als seine Zuhörer. Für ihn begann in diesen Jahren ein fortdauernder Lernprozess in Sachen Gegenwartsliteratur. Vermittelt durch Helene Weigel durfte der Student Kaufmann 1953 Brecht beim Umzug von Berlin-Weißensee in die Chausseestraße helfen. Die Bücher waren selbstredend das Spannendste. Über diese Begegnung hat Kaufmann berichtet: „Wie er nicht im Buche steht. Erinnerungen an Brecht“.

Wollte man sich ein umfassendes Bild von der Beschäftigung Kaufmanns mit der Literatur der DDR machen, wäre neben publizierten Beiträgen verschiedener Art, über Vorträge, unveröffentlichte Analysen, Verlagsgutachten, Diskussionen mit Vertretern von Verlagen, kulturpolitischen Institutionen und wieder und wieder mit Schriftstellern zu sprechen. Ein umfangreicher Teil seiner Arbeit lässt sich dokumentarisch nicht vollständig erfassen. In Kaufmanns Band „Über DDR-Literatur – Beiträge aus fünfundzwanzig Jahren“ (1986) wurden Texte aufgenommen, die Stationen in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR-Literatur, in der Erprobung vielfältiger publizistischer Formen und methodischer Verfahren markieren.

Erkennbar werden Nahtstellen zwischen der individuellen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Gegenstand und einem sich im Verlauf der Zeit wandelnden gesellschaftlichen, kulturpolitischen und wissenschaftsmethodischen Bewusstsein wie einer insgesamt „Veränderten Literaturlandschaft“ – so der Titel eines Aufsatzes von 1981.

In den 1950er Jahren näherte sich Kaufmann dem neuen Gegenstand zunächst in kleineren Aufsätzen und Rezensionen zu Neuerscheinungen. Neben den Anforderungen, die sich aus den Lehrveranstaltungen ergaben, prägten hier vor allem persönliche Begegnungen mit Autoren das literaturwissenschaftliche Interesse; neben Louis Fürnberg waren es unter anderen in der Studienzeit Bertolt Brecht, später der junge Hermann Kant und andere Autoren, die um 1960 zu schreiben begannen. Für kurze Zeit war Kaufmann Seminarleiter des gleichaltrigen Kriegsrückkehrers Herrmann Kant.

Der kleine, dem Gedenken an Louis Fürnberg gewidmete Beitrag „An den Rand eines Gedichtbandes geschrieben“ von 1959 ist eine der ersten Publikationen Kaufmanns zur Literatur der DDR. Der kleine Text nimmt sich insofern ungewöhnlich aus, als er weniger das Werk als die Person des Dichters in den Mittelpunkt stellt. Fürnberg, der 1954 in die DDR übergesiedelt war und bereits 1957 starb, erscheint als anregender Diskussionspartner, als Lehrer, der mit „geheimem pädagogischem Sinn“ den jungen Leuten Mut machte, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen. Indem Kaufmann über die nachhaltige Ausstrahlung dieser Persönlichkeit auf ihn und seine Kollegen schreibt, nimmt er sich selbst stärker in den Text hinein als in anderen Beiträgen.

Für den Aufbau Verlag gab Kaufmann in den Jahren von 1961 bis 1964 eine zehnbändige Heine-Ausgabe heraus, für die Eva Kaufmann die Briefbände betreute. Die Ausgabe wurde 1964 im Taschenbuchformat in München nachgedruckt.


Band 1 der „Berliner“ Heine-Ausgabe – herausgegeben von Hans Kaufmann; daneben seine Heine-Schrift aus dem Jahr 1967, die bis dato als bedeutendste Heine-Monographie der deutschen Nachkriegszeit galt. Die Abbildung zeigt den Umschlag der 3. Auflage 1976 (Aufbau-Verlag).

Von den sechziger bis in die Mitte der siebziger Jahre hinein bildete für Hans Kaufmann, der von 1962 bis 1968 als Professor in Jena tätig war und anschließend am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR arbeitete, die literarhistorische Arbeit das Hauptfeld seiner Tätigkeit. Der unter seiner Leitung im Kollektiv erarbeitete Jenaer Band „Krisen und Wandlungen der deutschen Literatur von Wedekind bis Feuchtwanger“, an dem auch die spätere Schriftstellerin Sigrid Damm mitwirkte, erschien 1967. Es gab vier Auflagen und eine Übertragung ins Japanische. Die „Fünfzehn Vorlesungen“ waren eine gewichtige Vorarbeit für das Großprojekt „Literaturgeschichte“. Mitte der 1960er Jahre begann die umfangreiche, sich über Jahrzehnte erstreckende Arbeit an der „Geschichte der deutschen Literatur“ in 12 Bänden (1963-1983 bei Volk und Wissen in Berlin erschienen), bei der Kaufmann als Mitherausgeber und Leiter einzelner Autorenkollektive tätig war.

Parallel dazu verstärkte sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Literatur der DDR. Ihr publizistischer Ertrag war in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre eine beträchtliche Anzahl von Rezensionen und Aufsätzen, im Forum, im Sonntag, im Neues Deutschland sowie in der Neuen Deutschen Literatur.

Obgleich Kaufmann sich in erster Linie als Literarhistoriker verstand, hat er seine Arbeit zur Literaturgeschichte und die wissenschaftliche Stellungnahme zur Gegenwartsliteratur nie als getrennte Bereiche betrachtet. Es gehörte zu seinem Arbeitsethos, dass Literaturwissenschaft, die etwas für die Gesellschaft bedeuten will, ,,eine Beziehung zu der Literatur haben“ muss, ,,die in dieser Gesellschaft entsteht“. Entscheidende Vorzüge seiner Arbeiten zur DDR-Literatur erwuchsen daraus, dass er die Erfahrungen aus der literaturgeschichtlichen Arbeit, die Kenntnis literarhistorischer Beziehungen und tradierter Fragestellungen in die Diskussion über Gegenwartsliteratur einbrachte. In dem Band „Erwartung und Angebot. Studien zum gegenwärtigen Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in der DDR“, den er 1976 zusammen mit Eva Kaufmann herausbrachte, prägt sich das Besondere seines methodischen Herangehens aus: Die literarische Neuerscheinung wie auch der gesamte Prozess gegenwärtiger Literaturentwicklung wurden bei ihm immer in weitgehende gesellschaftliche und literaturgeschichtliche Zusammenhänge gestellt.

So hat er als einer der ersten Literaturwissenschaftler in den siebziger Jahren – z.B. in seinem Aufsatz „Literatur in einer dynamischen Gesellschaft“ (1976) – die Beobachtungen an neuer Literatur mit der Erörterung von Entwicklungsproblemen in einer neuen Phase der DDR-Gesellschaft verbunden. Auf diese Weise hat er nicht nur das Selbstverständnis der eigenen Disziplin befördert, sondern ist in Bereiche anderer Gesellschaftswissenschaften vorgestoßen. Sein streitbarer Charakter hat ihm gleichermaßen Zuspruch und Kritik eingebracht. Dieser unorthodoxe Geist war umstritten. Dogmatische Funktionäre glaubten zu wissen, dass er über die „falschen“ DDR-Schriftsteller schreibe, dass er ein „Feind der Partei“ sei. Vertreter der „reinen Lehre“ in Jena meinten, man solle nicht über den „Expressionismus“ forschen … Kaufmann bekam „Prügel“, obgleich er selbst von „Nasenstübern“ sprach. Auch Anerkennung erfuhr er, als er 1963 den Lesssing- und 1972 den Heine-Preis überreicht bekam.

Hans Kaufmann hat sich immer, insbesondere aber mit seinen Arbeiten zur Gegenwartsliteratur, als Vertreter einer „diskutierenden Literaturwissenschaft“ verstanden, d.h. als Teilnehmer an einem kollektiven Lern- und Meinungsbildungsprozess. Seine Äußerungen sind auf das Gespräch, den Disput mit Autoren, Kollegen und Lesern ausgerichtet. So zwingend seine Ansichten vorgebracht wurden, sie erhoben niemals den Anspruch des Gesicherten, Unumstößlichen. Sie sind nicht Belehrung, sondern Einladung zum Gespräch. Insofern verhehlte er auch nicht, dass sein Zugang zu literarischen Erscheinungen auch durch persönliche Vorlieben und Abneigungen geprägt ist. Der Mut, sich zu strittigen Fragen, unabgeschlossenen Vorgängen unumwunden zu äußern, sich für neue Autoren, noch nicht gedruckte Werke zu engagieren, kräftig „Ich“ zu sagen, die eigene Meinung nicht hinter scheinbar gesicherten literaturwissenschaftlichen Verfahren und Begriffsbildungen zu verbergen – dies machte seine Beiträge über den Kreis von Fachleuten hinaus anregend.

Sein Essay „Versuch über das Erbe“ (1980) hat das besonders deutlich gemacht. Die für eine literaturwissenschaftliche Publikation ungewöhnlich lebhafte Resonanz, die diese Arbeit erfahren hat, verweist über das wissenschaftliche Profil ihres Verfassers, sein „Zuhausesein“ in vergangenen und gegenwärtigen literarischen Prozessen hinaus – vor allem auch auf seine Fähigkeit, anschaulich und gut zu schreiben. Obgleich Kaufmann in dem Essay von einer erbetheoretischen Fragestellung ausgeht, zielen seine Erörterungen auf spannungsreiche gegenwärtige Prozesse: der Umgang mit dem literarischen Erbe in der Gegenwart. So nimmt es nicht wunder, dass sich in der Arbeit interessante Passagen zur Gegenwartsliteratur der DDR, zu Werken von Fühmann, Braun, Müller, Eva Strittmatter und anderen Autoren finden.



Hans Kaufmann: Versuch über das Erbe,

Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1980
(Reclams Universal-Bibliothek Bd. 849).

Dass Volker Braun in einem Gespräch Kaufmann nach der „Dimension des Kritikers“ fragte, war dies kein alltäglicher Vorgang. Üblich war es vielmehr, dass Literaturwissenschaftler Schriftsteller interviewten. Kaufmann hat sich in den sechziger und siebziger Jahren verschiedentlich zu Arbeiten Volker Brauns öffentlich geäußert und dabei auf kritische Einwände nicht verzichtet. Wenn Braun in dem Gespräch seine Erwartungen an den Kritiker formulierte und zeigte, dass er dessen Arbeit als nützlich empfunden hat, Diskussionsangebote des Literaturwissenschaftlers aufgreift, weiterdenkt und ihn zu neuen Überlegungen provoziert, so hatte dies den Charakter eines Beispiels. Erkennbar wurde, dass der für das literarische Leben wichtige Dialog zwischen Literaturwissenschaftler und Schriftsteller in diesem Fall stattfand. Nicht alles, was Braun und Kaufmann 1986 erörterten, durfte zu DDR-Zeiten erscheinen. Der unzensierte Text wurde 1992 in dem Nachlassband „Der Januskopf des Utopischen“ durch Ingrid Pergande-Kaufmann und den Verfasser des vorliegenden Textes dokumentiert.

Zur „Dimension“ des Literaturwissenschaftlers und Kritikers gehörte auch die des Lehrers. Kaufmann war weder ein wissenschaftlicher Einzelgänger noch vordergründig Pädagoge. Er brauchte den kollektiven Austausch, die Möglichkeit und Bestätigung, anderen Anregung und fachliche Orientierung geben zu können. Der 1981 bei Reclam erschienene Sammelband „Tendenzen und Beispiele. Zur DDR-Literatur in den siebziger Jahren“ ist Ergebnis solch fruchtbarer kollektiver Arbeit unter seiner Leitung. War man selbst wissenschaftlich mit der Literatur der DDR befasst, gelangte man in der Zusammenarbeit mit Kaufmann nicht lediglich in den Vorteil, von seinem Wissen und seinen Erfahrungen in der Beschäftigung mit diesem Gegenstand profitieren zu können. Man wird zugleich eindringlich darauf verwiesen, wie unerlässlich fundierte literaturgeschichtliche Kenntnisse und ein ausgeprägter Sinn für historische und gesellschaftliche Zusammenhänge als Voraussetzung für einen produktiven Umgang mit der Gegenwartsliteratur sind.

Beeindruckend und beispielgebend ist ebenso die konstruktive Haltung, die Kaufmann in der Begegnung mit Autoren und neuen Werken, in der Wahrnehmung wissenschaftlicher Verantwortung bei der Beschäftigung mit der unabgeschlossenen und konfliktvollen aktuellen literarischen Entwicklung immer wieder unter Beweis stellt. Zu ergänzen bleibt, dass Hans Kaufmann öffentlich sagte, was er dachte. Er hat, als Freund Eduard Goldstückers, 1968 den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag missbilligt.

Im Jahre 1991 wurde Kaufmann emeritiert. Schon lange vor seinem „offiziellen“ Arbeitsende war er schwer erkrankt. Ende 1981 hat man ihm nach jahrelanger Dialyse eine „dritte Niere“ implantieren müssen und können. Parallel zum Ende seiner Arbeit an der Berliner Akademie der Wissenschaften ging auch die DDR ihrem Ende entgegen.

In den späten achtziger sowie in den frühen neunziger Jahren war Kaufmann vor allem mit Goethe beschäftigt. Sein Band „Goethes ,Faust‘oder stirb und werde“, ergänzt durch drei Radierungen der jüngst verstorbenen spanischen Künstlerin Núria Quevedo, erschien 1991 im Aufbau Verlag. Er fiel in das tiefes Wendeloch. Der Verlag hatte sich nach dem „Umbruch“ sehr schnell von seinen literaturwissenschaftlichen Titeln getrennt.

Die Jenaer Germanisten Brunhild Neuland und Günter Schmidt – Kollegen und Schüler Kaufmanns – haben sich wenigstens in der Lokalpresse zu dem „Faust“-Buch geäußert. In einem Gespräch mit Petra Boden und Dorothea Böck (1998) erinnert sich Kaufmann:
„Dann habe ich noch ein Buch über Goethes ,Faust‘ geschrieben. Ich hatte die Freiheit, es ohne Forschungsauftrag einfach zu machen. Kurz vor der Wende war es fertig, und ich habe danach keine Zeile verändert. Das Buch, als Versuch, eine Debatte zu beleben, geriet zu einem fragmentarischen Monolog. Es wurde gedruckt und verschwand im Gewühle der Abwicklung.
Boden: Die ,Wende‘ hat also auch diesen Impuls verschluckt?
Kaufmann: Das ist höhere Gewalt, dafür zahlt keine Versicherung.“

Mehr Resonanz fand das 1995 im Hain Verlag Rudolstadt von Kaufmann herausgegebene Goethe-Bändchen „Trilogie der Leidenschaft“ („Marienbader Elegie“). Das mit zahlreichen historischen Bildbeigaben versehene Büchlein in Leinen ist längst vergriffen. Des Herausgebers beigestellter zwanzigseitiger Essay wurde 2002 in den bereits genannten Nachlassband aufgenommen. Seinen letzten offiziellen Auftritt hatte Hans Kaufmann im Mai 1999 auf einem Kolloquium, das zum 60. Geburtstag von Volker Braun im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus stattfand.

Den Beginn des neuen Jahrtausends konnte Hans Kaufmann noch erleben: Am 3. Januar 2000 beschenkte ihn seine Enkelin mit einer Klarinetten-Darbietung. Kaufmann, der vormals auf der Gitarre gern mit Brecht-Liedern überraschte und die Mundharmonika zu spielen wusste, war erfreut. Er bat, ihm seine Querflöte aus der Gefangenschaft zu bringen. Einen Ton konnte er dem Instrument nicht mehr entlocken… Zwölf Tage später starb er in seiner Heimatstadt Berlin.

Das Literaturarchiv in der Schillerstadt Marbach hat den wissenschaftlichen Nachlass Hans Kaufmanns erworben und in seinem Online-Katalog aufgeschlüsselt.

1 Kommentar

  1. Eine sehr schöne Erinnerung an Hans Kaufmann, den ich selbst nicht erlebt hatte, wohl aber seinen Sohn! Er war Assistent in Jena, als ich dort ein Jahr Literaturwissenschaft studierte. Ich wechselte dann ganz zur Geschichte, aber das Interesse blieb natürlich. Ich habe auch nicht vergessen, dass Uli Kaufmann, Harald Heydrich und andere hochtalentierte Wissenschaftler aus Jena ihren Platz dann außerhalb der Uni suchen musste, freute mich umso mehr, wenn ich (z.B. im „Palmbaum“) ihre Arbeiten las.

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