Gerhard Lehrke lobt und nölt in Sachen Fußnoten und Anmerkungen

von Gerhard Lehrke

Harry Rowohlt liebt Fußnoten und vermutlich auch Anmerkungen1. Ist er doch der Paganini der Abschweifung und hat neben erklecklich vielen anderen Büchern auch drei für seinen Intellekt hinreichend wahnsinnige Werke des US-Iren Roger Boylan2 aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Und die strotzen vor Fußnoten, die nur so tun, als seien sie Fußnoten, in Wahrheit aber das Sahnehäubchen auf dem literarischen Irish Coffee darstellen3.


Carl Spitzweg: Der Bücherwurm (um 1850)

Leider, und das folgt im zweiten Teil des Textes, werden uns in der Regel zu wenige oder viel zu viele und daher nachgerade sinn- und freudlose Fußnoten und Anmerkungen serviert.

Zuächst aber folgt nach der Lobpreisung des Rowohlt das nächste Hudeln.

Aus den staubigen Tiefen meines Bücherregals tauchte4 jüngst das Drama „Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses“5 auf, angesiedelt auf der balkanischen Donau nach den jugoslawischen Sezessionskriegen.

Der österreichische Autor Richard Schuberth – Dank sei ihm dafür – lässt den Leser in seinem in alle Richtungen (u. a. Literaturbetrieb und NGOs) boshaften Werk, das naturgemäß mit austriakischen und südslawischen Fakten und Wörtern gespickt ist, nicht ratlos umherirren, sondern erläutert mit vielen Anmerkungen.

Man lernt beispielsweise, wer oder was Kuruzzen6 waren, oder wie der Schmuck einer österreichischen Kanzlerehefrau an den Hals einer Pop-Sängerin und Gangster-Gattin gelangt sein soll7. Nicht erläutert wird, warum eine der Figuren im Auftrag Angela Merkels den Brustpelz des „berühmten Dichters Dragutin Draculescu“ erbeuten soll, dafür aber, dass Berberitzen oder Kinkerlitzen keine Balkanvölker sind … Strelitzen auch nicht, aber das waren immerhin Leute.

Ein letztes Lob, ehe ich endlich zum Sinn dieses Textes komme, geht exemplarisch an einen Verlag und an Andreas Mayer: Der in Wien gebürtige, in Bielefeld (!) promovierte und jetzt in Paris maßgeblich direktorierende Multiwissenschaftler8 hat offenbar zu viel Zeit und Energie, übersetzt deshalb mal eben Balzac-Werke, die dann mitsamt erklärender Nachworte Mayers bei der Friedenauer Presse erscheinen9.

Erstens ist es überaus hilfreich, wenn von Balzac aufgeführte Namen und Begriffe in den Anmerkungen erklärt werden – wer kennt sich hierzulande schon wirklich mit Frankreich aus, und speziell mit dem Frankreich des 19. Jahrhunderts?10 Zweitens ist man dankbar, dass Anspielungen des Meisters der Menschlichen Komödie erläutert werden, aus nämlichem Grunde.

Will sagen: Der Übersetzer und Herausgeber macht sich Mühe, der Verlag lässt sich das etwas kosten, sodass man mit Zufriedenheit ein paar Euro mehr für ein Buch ausgibt11.

Das wagen nicht viele Verlage, und das hat teilweise katastrophale Folgen, aber Tadel erfolgt hier nicht ganz öffentlich: Man ist ja nett.

So erschien in einem renommierten Verlag ein Buch über einen europäischen König, verfasst von einem Kenner des Landes, der sich über mehrere von dessen Anführern kompetent geäußert hatte.

Lob für das Werk konnte er nicht mehr erfahren, weil er kurz vor dessen Erscheinen verstorben war. Beim Verlag – so könnte es sein – wollte man mit dem wegen des Todesfalls bekannter gewordenen Namen noch fix einen Werbeeffekt erzielen.

Eine Lektüre ohne Tablet-Rechner dürfte daher für die meisten Leser mit Verdruss einhergegangen sein, blieben Institutionen und Rangbezeichnungen der fremden Sprache mangels Fußnoten oder Anmerkungen unerklärt. Man fragt sich, ob diese Schlusigkeit zu Lebzeiten des Autors ebenfalls erfolgt wäre.

Möglicherweise hängt auch wieder alles nur am Geld. Ein Autor, der über eine – nennen wir sie „staatlich volatil“ – östliche europäische Landschaft geschrieben hatte, die auf Landkarten schwer auszumachen ist, beantwortete meine Frage, warum nicht mindestens eine grobe Karte angefertigt wurde, die ich mal unter der Rubrik „Anmerkung“ einsortiere: „Ist dem Verlag zu teuer“.

Ein Schicksal, das auch einen umfassenden Wälzer eines bekannten Berliner Archäologen traf, dessen Ortsangaben für Ausgrabungsplätze praktisch niemandem etwas sagen dürften und wieder an das Tablet zwingen.

Dafür – man muss es so sagen – knallen Autoren und Verlage in eher populärwissenschaftlichen Politik- oder Geschichtsbüchern dem Leser häufig Bibliografien vor den Latz, ohne die das jeweilige Werk deutlich taschen- oder auch badenwannenfreundlicher wäre. Die Bibliografie könnte man gern hinter einen Internet-Link stellen, mit dem Vorteil, dass sie aktualisiert werden kann.

Denn 99,9 Prozent12der Leser lernen aus diesen überbordenden gedruckten Apparaten nur eines: Der Autor hat studentische Hilfskräfte, Assistenten oder inzwischen KI-Helferlein, die mit ihrer Arbeit suggerieren helfen, die Meisterin oder der Meister der Forschung und der Erkenntnis habe in den vergangenen zwei Jahren GANZ ALLEIN drei vielbändige Gesamtausgaben von Frau oder Herrn XYZ, 145 Monografien, 287 Fachartikel und 2755 Inkunabeln im lateinischen Original gelesen, verstanden und verarbeitet.

Auf derlei Prahlereien kann ich gerne verzichten13, und auf den Zirkus um das richtige Zitieren, mit dem Studenten das Streben nach Inhalten per Formalismen aber sowas wie ausgetrieben wird, erst recht.

Lieber lese ich Erklärungen wir bei Donau-Schuberth, der „Dogma“ des Lars von Trier so schildert: „Eine … Filmschule, die einige Forderungen der Nouvelle Vague wiederaufwärmte und deren schale Produkte sich am besten mit dilettantischem Realismus umschreiben lassen.“ Wie er Botho Strauß beschreibt, ist nun aber wirklich gemein, ich zitiere nur den netten Anfang: „Einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker und Schriftsteller, die je nicht gelesen wurden.“

Ja.

1 Es wird ja immer wieder behauptet, Harry Rowohlt schlürfe seinen Whiskey mittlerweile in überaus gehobenen Kreisen. Dabei kann ich ihn noch hören, wenn er Flann O’Brien vorliest, und will deshalb nicht ausschließen, dass er noch in „Wellies“ aka Gummistiefeln „Auf Schwimmen-Zwei-Vögel“ herumtappt. Daher die Gegenwartsform.

2 Roger Boylan: Killoyle, eine irische Farce. Killoyle, Wein & Käse, eine irisch-amerikanische Farce, und Rückkehr nach Killoyle, eine vorwiegend irische Farce. Alle übersetzt von Harry Rowohlt, alle Zürich 2007.

3 Wie anders sollte man Fußnoten wie diese auch nennen, die sich mit der 40.000 Seelen umfassenden Einwohnerzahl des fiktiven, aber dennoch existenten „Kirchspiels Killoyle“ befasst: „Lebende Seelen, nehme ich doch an. Wenn man die toten hinzuzählte, wäre Killoyle aber längst so groß wie Tokio, oder sogar London, mit all den Jahrhunderten des einen oder anderen Blutvergießens: die MacMurroughs, die MacCarthys, die Normannen, die Tudors, die Stuarts, die Oranier, das Haus Hannover und die Sachsen-Coburgs, in direkter Linie bis hin zu Lloyd George und seinen teuflischen Black and Tans; dann kam natürlich der Bürgerkrieg bis ’22 (oder war es ’23?) und seitdem die gelegentliche Schießerei, und wie die heutzutage über die MacLiammoir-Überführung rasen …!“ Das ist übrigens eine der kürzeren Fußnoten, was das Bewältigen der Killoyle-Bücher nicht ganz sooo schnell gelingen lässt.

4 Ja, ich weiß, dass Staub und auftauchen nicht recht zueinander passen.

5 Richard Schuberth: Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses, Klagenfurt 2013.

6 Kuruzzen ist laut Anmerkung ein Sammelbegriff für die Aufständischen im Osten der Habsburger Monarchie in den Jahren von 1671 bis 1711, der Rebellion ungarischer und kroatischer Magnaten folgten. Das Fußvolk habe aus Serben, Kroaten, Ungarn und Ruthenen (Ukrainer) bestanden.

7 Svetlana „Ceca“ Ražnatović, Ehefrau des Gangsters und Kriegsverbrechers „Arkan“ Željko Ražnatović, der zum allgemeinen Bedauern serbischer Nationalisten und Freunde des Gemetzels im Jahr 2000 umgelegt wurde. Ceca gilt als Star des „Turbofolk“ und soll 1996 im Fernsehen ein Diamantcollier getragen haben, das wenige Jahre zuvor der österreichischen Kanzlergattin Christine Vranitzky in Belgrad geklaut worden war. Arkan soll es kurz vor seinem Tod an einen albanischen Mafioso verkauft haben, weil er klamm, aber noch nicht steif war. Eine tiefgreifende Internetrecherche des Autors von etwa vier Minuten führte nicht zur Klärung, ob das Collier zu den Vranitzkys zurückgekehrt ist, aber zu Unsicherheit, ob die Geschichte stimmt.

8 Guckst du Wikipedia.

9 Zum Beispiel Honoré de Balzac: Abhandlung vom eleganten Leben, Berlin 2025.

10 Wer kommt hier schon auf die Idee, dass jemand mit „grüner Mütze” bankrott ist? „Le bonnet vert“ war eigentlich die Kopfbedeckung von Lebenslänglichen oder Galeerensträflingen (bei denen lebenslang oft nur 14 Tage waren …).

11 24 Euro für eingeschlagene Broschur ist nicht wirklich billig.

12 Ein nicht wissenschaftlich erhobener Wert.

13 Die eigene Prahlerei wendet sich an die Berliner Senatorin Ina Czyborra, der ich mit der Idee für diesen maßgeblichen Text während eines Sommerfests ein Ohr abgekaut habe.

2 Kommentare

  1. Toller Text, aber bitte keine Empfehlungen zu „Anmerkungen per link im Netz“. Es macht sich in der Badewanne ausgesprochen schwierig, ein Buch zu lesen und im Netz nachzuschlagen…

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