von Stephan Wohanka
Im Theater Ost findet seit einiger Zeit der „Perspektivwechsel- Eine deutsch-deutsche Diskussion“ statt, „ein Talkformat der Berliner Zeitung mit Holger Friedrich“. Am letzten, dritten Talk vor einigen Tagen konnte Friedrich durch widrige Umstände (die Begriffe „Learjet“ und „Kerosin“ fielen) nicht teilnehmen und so bestritten Behzad Karim Khani und Per Leo – ich komme auf die Namen zurück – das „dahinfließende Geplätscher“. Und dass „auf der Bühne der Westen säße und im Publikum der Osten“ – so eine zu lesende Kritik. Schöner kann eine Metapher nicht geraten.

Marionetten aus der Sammlung Peil /Schmiedebach.
Foto: W. Brauer (2024)
Anfang März führten Friedrich und Matthias Döpfner vom Axel Springer Medienkonzern das zweite Gespräch dieses Formates. Zu lesen war, es träfe sich der Millionär Ost mit dem Milliardär West. Wenigstens machten es die Millionen dem früheren IT-Unternehmer Friedrich und seiner Frau Silke 2019 möglich, die Berliner Zeitung zu kaufen: „Wir hätten keine andere Zeitung gekauft als diese. Es hat schon mit dem Osten zu tun. Auch mit einem gewissen Trotz. Wir können das. Wir können es anders.“
Die Friedrichs veröffentlichten bald darauf das Manifest „Was wir wollen“; darin ging es um „reaktiven Fortschritt“ und „prophetische Rocktexte“ und vieles mehr. Das nd befand nach der Lektüre des „gefühlt endlosen Textes“: „Was sie wollen, weiß man nicht.“ Ein Statut, das Kompetenzen von Geschäftsführung und Verlag klar abgrenzen und damit direkte Eingriffe des Verlegers in die journalistische Arbeit verhindern sollte, kam dagegen nie zustande. Inzwischen umfasst das Medienportfolio neben dem Berliner Kurier auch noch eine Weltbühne. Das kleine rote Heft der Weltbühne, die 1946 in Ost-Berlin von Maud von Ossietzky und Hans Leonhard neu gegründet wurde, um dann einige Jahre von Hermann Budzislawski geführt zu werden, verschwand 1993 infolge rechtlicher Auseinandersetzungen um seinen Titel. Bekanntlich setzten seit 1997 zwei Journale unter anderem Namen das Erbe der Weltbühne fort – Ossietzky (zunächst Hannover) und das Blättchen (Berlin).
Durch eine Neuordnung der Markenrechte um die Weltbühne wird selbige im Hause Friedrich ab Mai 2025 erneut herausgegeben. Friedrich dazu: „Der amerikanische Ostküsten-Geldadel wurde von einem Ossi ausgespielt“; eine Wortwahl, die ihm Antisemitismusvorwürfe einbrachte. Damit misst sich eine weitere Publikation an Siegfried Jacobsohn, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky.
Das „Redaktionsteam des Blättchens“ rief dem Neuling sofort ein freundliches „Willkommen“ zu und beeilte sich, „dem Unterfangen viel Erfolg in der Hoffnung“ zu wünschen, „dass die neue Zeitschrift dem Erbe gerecht wird, das sie mit ihrem traditionsreichen Namen zu übernehmen verspricht“. Um dann pathetisch zu enden: „Möge die Weltbühne sich also einmal mehr erheben wie ein Phoenix aus der Asche!“

Sammlung Peil / Schmiedebach. Foto: W. Brauer (2026)
Im schon erwähnten Disput lenkte Döpfner das Gespräch auch auf Friedrichs Neugründung – die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ). Gönnerhaft befand er diese „unheimlich spannend“, weil Friedrich damit „die Räume des Diskutierbaren größer machen“ wolle. Auch das Blättchen sputete sich – mir etwas zu schnell und beflissen –, dem neuen Medium seine Aufwartung zu machen; in Gestalt eines Interviews mit Dorian Baganz, dem Chefredakteur der OAZ. Vorher durfte Friedrich noch mitteilen, dass er den in Halle geplanten „Wiedervereinigungstempel“ – vulgodas „Zukunftszentrum Deutsche Einheit“ – für eine unsensible „Fuck-you-Geste der politischen Klasse gegenüber der ostdeutschen Gesellschaft“ halte; die OAZ sei seine „Fuck-you-Geste zurück“.
Am 20. Februar erschien die erste Printausgabe besagter Zeitung; wie nicht anders zu erwarten war der mediale Begrüßungschor dissonant „vielstimmig“. Baganz dazu: „[…] wir haben bei weitem nicht nur Gegenwind bekommen, ganz im Gegenteil. Der Sound von Leserbriefen und Kommentaren, die bei uns eingegangen sind, war ein ganz anderer als der mancher Medien. Nämlich wahnsinnig positiv. […] Und was die andere Begleitmusik anbetrifft: Wir respektieren die Meinung der Kollegen, erlauben uns aber trotzdem, an dem festzuhalten, was wir uns vorgenommen haben: Wir wollen zum ostdeutschen Leitmedium werden.“
Was mich damals veranlasste, öffentlich zu fragen: Baganz „arbeitete bei der SZ, der taz und beim Freitag; ist ´Wessi´. Was mir im Allgemeinen völlig egal wäre; hier aber doch ein gewisse Bedeutung erlangt, wenn man schon so obsessiv das ‚ostdeutsche‘ Leitmedium herauskehrt. Fand sich kein Ostredakteur“? Und nicht nur der Chefredakteur, sondern auch die übrige Chefredaktion kam – damals zumindest – aus dem Westen.
Das stieß nicht nur mir auf. Dem Geschäftsführer der OAZ Dirk Jehmlich zufolge kam aus der Leserschaft vielfach der Wunsch nach einer Chefredakteurin oder einem Chefredakteur mit ostdeutscher Biografie. Dieses Feedback nehme man sehr ernst. Ob das einer der Gründe dafür war, dass Baganz schon am 11. März hinschmiss? Er habe Gebrauch davon gemacht, das Arbeitsverhältnis während der Probezeit fristlos zu beenden. Zur Begründung nannte er „unterschiedliche Vorstellungen über die inhaltliche Ausrichtung“ sowie „Fragen der persönlichen Zusammenarbeit“.
Vor Kurzem sorgten zwei „Abgänge“ in der Branche für einiges Aufsehen: Anja Reich verließ nach fast 30 Jahren bei der Berliner Zeitung das Blatt. Die mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnete Journalistin hatte noch zu DDR-Zeiten bei der Berliner Zeitung volontiert. Später ging sie zur Welt und in die Welt, um 1996 wieder zurückzukehren (Am 28. April 2026 ist sie jedoch immer noch als Redaktionsmitglied geführt). Auch Wiebke Hollersen, geboren in Ost-Berlin, volontierte nach einem Studium der Publizistik, Geschichte und Politik bei der Berliner Zeitung. Sie schrieb dann beim Spiegel Reportagen und Porträts und bei der Welt am Sonntag über Wissenschaft. Seit 2021 war sie Reporterin bei der Berliner Zeitung. Reich wirkte zuletzt als Teamchefin Dossier und war eine seiner prägenden Stimmen; Hollersen hat ebenfalls fürs Dossier geschrieben.
Mit dem Kauf der Berliner Zeitung durch den Ostdeutschen Friedrich verband Reich, wie zu lesen ist, wie viele andere in der Redaktion, die Erwartung, in der Zeitung wieder ein Stück Heimat zu finden: „Die Arbeit bei der Zeitung war für mich immer auch eine Herzensangelegenheit und die Redaktion ein Ort, von dem man losfährt, um für die Leser die Welt zu erkunden, und zu dem man anschließend wieder zurückkommt. Eine feste Basis, eine Heimat.“ Die hat sie verlassen; und nicht nur sie; die Fluktuation bei der Berliner war und ist hoch.
Der Verlust beider Journalistinnen sollte Friedrich besonders schmerzen, da der Verleger stets betont, der Osten habe in der deutschen Medienlandschaft keine ausreichende Stimme. „Sollte besonders…“, denn bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Friedrich ein ausgesprochenes Faible für „Westpersonal“ hat: Als er die Berliner Zeitung kaufte, stand ihr mit Jochen Arntz ein im Westen geborener und sozialisierter Chefredakteur vor. Das änderte sich auch bis heute nicht – auf alle vier bisherigen Nachfolger trifft Gleiches zu; einer von ihnen, Tomasz Kurianowicz, ist zwar gebürtiger Pole, jedoch auch westdeutsch sozialisiert. Ein anderer in der Reihe, Matthias Thieme, warf nach drei Wochen hin; aus „betrieblichen Gründen“. Mehr noch – trotz „ostdeutscher“ Ausrichtung der Zeitung besteht auch die Chefredaktion vorrangig aus Westdeutschen. Sitzt also auch bei Berliner Zeitung der Westen „auf der Bühne“ und bildet nur das „Publikum den Osten“?

Chinesische Marionetten / Puppentheatermuseum Tallinn.
Foto: W. Brauer (2024)
Was die Weltbühne angeht – das gleiche Bild: Als Verleger standen dem Blatt mit Thomas Fasbender und dem oben schon erwähnten Khani – „in den 90er Jahren Ausländer gewesen zu sein, sei ein Vollzeitjob gewesen“ – erneut „Wessis“ im obigen Sinne vor; ersterer wurde inzwischen von Leo – auch schon erwähnt – abgelöst; natürlich… Sie ahnen es.
Woher kommt diese „West“-Neigung Friedrichs? Sind Westdeutsche willfähriger, Ostdeutsche widerständiger – ist es das? Auf diesen Gedanken komme ich, wenn das Motto der OAZ lese; es lautet: „Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft“. Ehemalige Redakteure sagen, dass Friedrich Widerworte nur schwer ertrage, wiederum aber voll des Lobes sei über die westdeutschen Führungsleute. Philippe Debionne, inzwischen Chefredakteur, habe er als „ausgesprochen loyal gegenüber der Institution“ gewürdigt. Wohl immer noch ein Charakterzug, der Westdeutsche stärker prägt als Ostdeutsche.
Nachsatz: Am 10. April titelte die Berliner Zeitung: „Wieder einer aus dem Westen. Georg Heil, Bruder von Ex-Minister Hubertus Heil, soll RBB-Chefredakteur werden“
Kleine Ergänzung: Entgegen dem Branchenstandard meldet die Berliner Zeitung seit 2021 der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) nicht mehr ihre verkaufte Auflage. Das gilt auch für die neu gestartete Weltbühne, bei der diese Zahl schon in Anbetracht des besonderen Verhältnisses von A5-Seitenzahl (30plus) und Preis (11 Euro) interessant wäre.
Wo via Friedrich doch die Offenheit programmatisch so beschworen wird – Souveränität und Transparenz gehen wohl anders,