von Wolfgang Brauer

Papiertheater am Ring: „Hänsel und Gretel“. Foto: W. Brauer (2026). In diesem Jahr werden Sabine und Armin Ruf mit „Der Wolf und die sieben Geißlein“ dabei sein.
Im thüringischen Lehesten – das liegt im Süden des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt unmittelbar am Rennsteig – gibt es auch in diesem Sommer etwas ganz Besonderes zu erleben: das von Penny und Ludwig Peil ausgerichtete Thüringer Figurentheaterfest. Diesmal eine Jubiläumsveranstaltung, es wird vom 24. bis zum 26. Juli die zehnte Ausgabe des Festes geben. Ich habe auf diesen Seiten über die beiden letzten Festivals berichtet, diesmal ist es eine Vorabwerbung: 16 Bühnen werden insgesamt 18 Aufführungen präsentieren. Das heißt konkret: 17 Aufführungen werden zweimal gespielt, das Festival erstreckt sich über zweieinhalb Tage. Da zeitgleich bis zu fünf Vorstellungen laufen und alle Besucher alles sehen können sollen, muss wiederholt werden. Vor dieser logistischen Meisterleistung ziehe ich den Hut! Chapeau Penny und Ludwig!
Ein Stück wird nur einmal gespielt werden: „Kiano und der Mutmach-Hase“. Das ist eine Geschichte aus Ägypten, die Susanne und Stefan Zweig (Papiertheater Kleine Auszeit) in der Eröffnungsnacht als Open-Air-Aufführung mitten im Lehestener Schieferpark geben werden. In Sommernächten hat das da oben etwas Wolfsschlucht-Artiges – am 24. Juli ist zunehmender Halbmond… Ich garantiere, es wird zauberhaft!
Was es sonst noch geben wird: „klassisches“ Papiertheater vom Feinsten – natürlich Märchenstücke für die Kleinen und adaptierte Märchen für die Großen. Oper natürlich: Hannes Papirniks Papiertheater darf nicht fehlen; er gibt eine äußerst selten gespielte Märchenoper Engelbert Humperdincks. Marlis und Rainer Sennewald aus Halle/S. kommen mit einem modernen Großstadtdrama. Und das Papiertheater „Hurra, die Hesse komme“ – das war ohne Hurra in vergangenen Jahrhunderten einmal ein Schreckensruf… – von Sabine Schindler und Dagmar Eickhof wird in „Die Schlacht“ zeigen, „wie man einfach mal eine Schlacht im Nachbarland anzetteln“ kann. Es wird also auch Politisch. Und Geschichtlich sowieso: „Helgas Reise nach Riga“ (Lille Kartofler Papiertheater) erzählt das Schicksal von Helga Meyer aus Langenfeld. Helga wurde 1931 als Kind einer jüdischen Familie geboren, ihre Spuren verlieren sich im KZ Stutthof bei Danzig. Und CarlMarcs Papiertheater ruft die Geschehnisse in der bundesdeutschen Botschaft in Prag im Hebst 1989 wieder ins Gedächtnis.
Es sind etliche Neuproduktionen dabei, einiges gab es schon woanders mit Erfolg. Auch die Saalfelder Roland-Bühne wird wieder ihre historischen Marionetten laufen lassen („Die vier Jahreszeiten“ nach Samuil Marschak). Eine Inszenierung habe ich vorab in Berlin sehen können. Das Papiertheater an der Oppermann (Aldona und Holger Kosel) öffnet im Vorprogramm des Festes für Kinder „einen Koffer voller Schnuckedönschen“, um die erwachsenen Besucher dann am nächsten Tag am Aufstieg der Skröpel zum Höllenlöchli teilhaben zu lassen. Eine Sprechoper von Glorius von Lorbeerkranz – Wortakrobatik und tiefsinniger Humor vom Feinsten!
Zu den Konditionen: Man kann natürlich alle Vorstellungen sehen, zwei Übernachtungen auf dem Festivalgelände sind möglich. Für opulente Ernährung ist gesorgt – das Ganze trägt einen überaus angenehmen familiären Charakter. Man kann aber auch Tagestickets buchen oder auch nur Einzelvorstellungen. Wenn man mit Kindern kommen will zum Beispiel… Aber: man sollte sich jetzt ganz schnell mit den Veranstaltern in Verbindung setzen. Papiertheater hat eine Besonderheit: Die Bühnen sind klein, sehr klein. In vielen Inszenierungen sind nicht viel mehr als 20 Zuschauer möglich…

Und ich muss mich jetzt entschuldigen: Liebe Freundinnen und Freunde, ich habe hier nicht alle Bühnen nennen können… Das hat ausschließlich Platzgründe. Elvira und Uwe Kannegießer, Irmhild Rohleder und Klaus Schönhoff, Alexander Spemann, Astrid Lorig und Charlotte Ebert, Gabriele Brunsch, Uwe Schlottermüller, Kolja Liebscher: Ich weiß, Ihr liefert alle große Kunst in kleinen Formaten – und mich schmerzt es sehr, in diesem Jahr nicht dabei sein zu können. Desto herzinniglicher mache ich hier Werbung! Leute, fahrt nach Lehesten! Wenigstens für ein paar Stunden…
Was mir noch einfällt: Im Gebirge ist es abends herrlich kühl!
Kontakt: l.peil@gmx.de; Telefon: 06131/9722012 // mobil: 0163/5197917
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Das Halberstädter Gleimhaus liegt etwas im Schatten des Doms mit seinem berühmten Domschatz. Das in ihm untergebrachte „Museum der deutschen Aufklärung“ ist auch ein Schatzhaus – des Geistes. Ich empfehle einen spätsommerlichen Ausflug. Das Haus würdigt dann den 300. Geburtstag des Berliner Grafikers und Illustrators Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726-1801). Der äußerst fleißige Künstler prägte unser Bild der Aufklärungszeit nachhaltig. Natürlich ließen die „großen Autoren“ gerne ihre Werke von ihm illustrieren. „Chodowiecki war! / War! Wär‘ er nicht gewesen, / So blieb wohl eine Schar / Von unsern Büchern ungelesen.“ Gleim schrieb dieses Epigramm anlässlich des Todes des Künstlers. Chodowiecki war hervorragend „vernetzt“, wie wir heute sagen. Auch mit Johann Ludwig Wilhelm Gleim war er freundschaftlich verbunden. Der Halberstädter Domsekretär war zudem leidenschaftlicher Sammler. Das Gleimhaus kann immer wieder aus diesem großartigen Fundus schöpfen.

Daniel Chodowiecki: Der Gruß. Kupferstich aus „Natürliche und affektirte Handlungen des Lebens“ (1778). Foto: Gleimhaus Halberstadt
Ab 15. August zeigt es unter dem Titel „Sitten, Satire, Aufklärung“ eine große Auswahl der Kalenderkupfer Chodowieckis. Diese Perlen der grafischen Kleinkunst hatten eine vergleichsweise große Verbreitung. Zwei Bücher gehörten seinerzeit eigentlich in jeden Haushalt, auch bei den „kleinen Leuten“: die Bibel und ein Kalender. Nun wird sich nicht jeder einen Kalender mit Chodowiecki-Stichen geleistet haben können. Die Auflagenhöhen waren dennoch beachtlich: „Alles, was die gebildete Welt bewegte, breitete er in seinen Kalenderkupfern aus: Geschichte wie Zeitgeschehen, Literatur wie Völkerkunde, vor allem aber die Sitten der eigenen Gegenwart, der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mit seiner außergewöhnlichen Beobachtungsgabe gelangen dem Künstler Bilder, in denen sich das Publikum selbst erkennen und betrachten konnte. Bei aller Sachlichkeit ist seine Bildsprache stets gewitzt und in ihrer Satire stets nachsichtig“ (Gleimhaus).
Selbstverständlich bewegt sich das Gleimhaus auch mit dieser Schau auf den Spuren seines Patrons: Man will aufklärerisch wirken. Wer das Haus kennt, weiß aber, dass dies nie langweilig daherkommt. Diesmal soll zu „Prinzipien“ wie „Tugend“, „Laster“ und „Dummheit“ – die beiden Letzteren als „Prinzip“, also Handlungsmaxime, herrlich! – zur Selbstreflexion angeregt werden. Man darf gespannt sein!
Gleimhaus Halberstadt – Museum der deutschen Aufklärung: Sitten, Satire, Aufklärung. Kalenderkupfer von Daniel Chodowiecki. Ausstellung zum 300. Geburtstag des Künstlers, 15. August bis 15. November 2026; umfangreiches Rahmenprogramm.

Suzette Henry: Porträt Daniel Chodowiecki (um 1795), Privatbesitz. Foto: Gleimhaus Halberstadt
Nachsatz: Auch Schloss Neuhardenberg würdigt den Künstler. „Die zwölf Leben des Daniel Chodowiecki“ heißt die Sonderschau, die vom 30. August bis zum 27. Dezember 2026 zu sehen sein wird.