von Klaus Hammer
Das plastische Werk der im brandenburgischen Prenden lebenden Emerita Pansowová trumpft nie auf. Ihren Figuren und Köpfen ist eine große Sensibilität eigen, der Sinn auch für Asymmetrie, die zum Lebendigen gehört, für feinste Verschiebungen der Teile. Man muss sich in ihr Werk hinein versenken. So wird sein Nuancenreichtum, über den die Form nicht verloren geht, offenbar.

Emerita Pansowová: „Stilleben Gedeckter Tisch“ (1982), Tröpfelbrunnen an der Allee der Kosmonauten in Berlin-Marzahn. Foto: W. Brauer (2026).
Der menschliche Leib kann sich in eine Landschaft verwandeln oder sich zu einer „leiblichen Architektur“ verfestigen. Den Ordnungsprinzipien der technisch geprägten Gegenwart steht bei Emerita Pansowová eine künstlerische Selbsterfahrung gegenüber, die dem heutigen Menschen Hilfsmittel zum Begreifen seiner Identität und seines Lebensraumes vor Augen zu führen sucht. In ihren Figuren walten etwas Herbes, Sprödes, ein leichter Hauch von Traurigkeit und die moderne Nervosität. Das Thema des heranwachsenden jungen Menschen, des Sinnenden, des auf sich selbst Besinnenden, das Thema von Mutter und Kind reicht von rührender, leiser, beinahe linkischer Anmut bis zu allergrößter Formenstrenge. Sensualistischer Reiz, aber auch ein Gefühl für die Verletzlichkeit des Menschen wohnt in den Leibern.
Die deutsch-slowakische Bildhauerin sucht Formen, die aus der Geschlossenheit aufbrechen und in den Raum greifen, die Ebene durchbrechen, Formen, die zugleich den Menschen und seine Welt in sich bergen. Ihre wundervolle Ausdrucksstudie „Große Palucca“ (2009, Bronze) hat in tänzerischer Bewegung die Arme weit ausgebreitet, scheint vom Boden abheben zu wollen und wird doch von der Erde noch festgehalten. Als Gret Palucca 1927 im Bauhaus Dessau auftrat, äußerte sich der Bauhaus-Lehrer Moholy-Nagy emphatisch: „Palucca verdichtet den Raum, sie gliedert ihn, der Raum dehnt sich, sinkt und schwebt – fluktuierend in allen Richtungen.“ Ihre Palucca-Figur mutet wie eine plastische Umsetzung dieses Satzes an.

Emerita Pansowová: „Schreitende“ (1980), Heinz-Graffunder-Park (Allee der Kosmonauten 62) in Berlin-Marzahn. Foto: W. Brauer (2026).
Dagegen spricht aus dem „Großen Sitzenden“ (1975-85, Bronze) Nachdenklichkeit, Schmerz und Jammer zugleich. In den spröden, noch ungefügen Mädchen- und Jungenkörpern versucht die Künstlerin gleichsam alle verbliebene, ruhige Kraft zusammenzufassen. Das „Stehende Mädchen“ (2003/08, Bronze) hat – wie Halt und Mut suchend – im Rücken ihren linken Arm mit dem rechten Arm verschränkt. Wie frierend, sich selbst schützend hat „Andreas“ (1978, Bronze) die Arme um den Oberkörper geschlagen. Die „Stehende (Monika)“ (1982/89, Bronze) wiederum scheint, den Kopf nach unten gerichtet, die eine Hand – wie mit sich selbst argumentierend – zum Oberkörper erhoben, die andere Hand bekräftigend zur Faust geschlossen, über etwas nachzusinnen. Die stille Nachdenklichkeit der „Hockenden“ (1995, Bronze), die mit angewinkelten Beinen und übereinander gelegten Armen eine in sich verschränkte Körpereinheit entwickelt, verbindet sich hier mit dem Gedanken nach zeitlos entrückter archaischer Monumentalität. Das Porträt ihres Lehrers, des Bildhauers Ludwig Engelhardt (1989, Bronze) hat eine einfache, große Form. Ein Gebirge, eine Felsmelodie von menschlicher Figur. Eine suggestive Kraft liegt in ihren Porträtköpfen.

Emerita Pansowová: „Schreitende“ (1980, Detail), Heinz-Graffunder-Park (Allee der Kosmonauten 62) in Berlin-Marzahn. Foto: W. Brauer (2026).
„Kassandra I“ (2001, Bronze) hat den linken Arm beschwörend, bezeugend auf die rechte Schulter gelegt, während „Kassandra II“ (2002, Bronze) die rechte Hand schmerzvoll vor die Augen hält. Christa Wolfs „Kassandra“-Erzählung wird hier wesentliche Anregungen gegeben haben.
Dabei macht man die Entdeckung, dass sie Bewegtheit der Körper eigentlich als eine Belebung nach innen erscheint, die sich der sanft modellierten Form mitteilt. Der Ausdruckswert des geneigten Kopfes mit dem kaum blickenden Gesicht ruft den Eindruck einer nach innen gekehrten, in sich versunkenen Gestalt hervor. Eine zunehmende Spiritualisierung des Körpers findet statt, das sparsam eingesetzte Bewegungsspiel steigert die vom Gesicht bestimmte, psychische Stimmung der Gestalt.
Nicht ob und wie oft ein Künstler sich wandelt, sondern dass er dabei er selber bleibt, darauf kommt es an. Für die Bildhauerin Emerita Pansowova wurde der reine, zerrissene, bizarr geformte, zerfurchte Stein Ausgangspunkt ihrer Bemühungen. Besonders schätzt sie Gneis, Granit, Basalt, den durch seine Feinkörnigkeit, durch seine Struktur und Farbschattierungen auf eine stille Weise ungemein lebendigen, in seiner Sanftheit und seinem Glanz dabei sehr sensiblen Stein. Skulpturen wie „Stehender Jüngling“ (2015, Granit) oder „Im Werden“ (2015, Gneis) sind mineralogischen und kristallinischen Formen verwandt. Mit „Frau mit Kind“ (2010, Sandstein) ist sie bei der Urmutter angelangt, Gesichter und Körperformen lösen sich im Stein auf.
Plastiken und Skulpturen, plastische Existenzfiguren, durch die der Geist weht. Emerita Pansowova, diese so sympathische, bescheidene Künstlerin, hat eine Synthese zwischen strömender Plastizität und figurativer Bändigung gefunden.
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Anlässlich ihres 80. Geburtstages – Emerita Pansowová konnte ihn bereits am 22. April feiern, wir gratulieren nachträglich! – werden ausgewählte Bildhauerarbeiten an drei Orten in der Innenstadt von Bernau bis zum Herbst dieses Jahres gezeigt: Auf der Dachterrasse des Neuen Rathaus (Bürgermeisterstraße 25), in der Skulpturensammlung der Waldsiedlung Bernau im Kunstraum Innenstadt (Alte Goethestraße 3) und im Innenhof der Galerie Bernau (Bürgermeisterstraße 4). Eröffnet werden die Expositionen am 8. Mai im Beisein von Emerita Pansowová. Um 18.00 Uhr begrüßt Bürgermeister André Stahl die Künstlerin und ihre Gäste auf der Dachterrasse des Neuen Rathauses. Im Kunstraum Innenstadt hält dann der Berliner Kunstwissenschaftler Dr. Jens Semrau eine Laudatio auf die Bildhauerin.