von Reinhard Wengierek
Entertainment im Frühling mit „Frau Luna“ im Tipi am Kanzleramt und einer ungewöhnlichen „Carmen“-Adaption im Gorki Theater. Zwei Wiederaufnahmen, weil beide Sachen so fantasievoll, geistreich und komödiantisch sind. Bitte eilends um die Tickets kümmern; zumal die „Carmen“ zum Ende der Intendanz Shermin Langhoff im Frühsommer ausgetanzt haben dürfte. Leider.
EINS: Tipi am Kanzleramt – Die Chose schäumt wie gutes Bier. Mit Korn

Tipi am Kanzleramt: Paul Lincke „Frau Luna“ (Regie: Bernd Mottl) – Szene mit „Die Mondelfen“ und Tobias Bonn.
Foto: © Barbara Braun / TIPI AM KANZLERAMT
Alles, was einigermaßen Rang und Namen hat im europäischen Entertainment-Betrieb, muss sich mal im Tipi getummelt haben, dem kultigen Zelt fürs intime Show-Format dicht am Kanzleramt. Doch diesmal wollte man das feine kleine Glitzerkleid sprengen und deutlich höher und auch breiter hinaus mit Paul Linckes „Frau Luna“ als großen Knaller. Denn immerhin: Die piefkehaft kalauernde Berlin-Burleske über fantasiebegabter kleiner Leute Mondfahrt warf der sagenhafte Paule mit seiner genialen Parade der (Berlin-)Hits in die Berliner Luft, Luft, Luft hinauf bis in die Unsterblichkeit.
Ohne Frage, dieses kompositorische Meisterwerk ist so unkaputtbar wie seine schlichte Story mit der immergrünen Daseinsregel, nach der es bei Muttern daheim in der Mietsmansarde allemal besser ist als bei einer schicken Lady weit draußen oben im Mond. Und so erfreut man sich denn an den komischen Fremdgeh-Versuchen und artig erotischen Abenteuerlichkeiten nebst Ballett-Einlagen, und die sind wahrlich ein Augenschmaus. Ansonsten hopst und trällert die gefühlt komplette Kreuzberg-Charlottenburger Kleinkunstszene was das Zeug hält in dieser wilhelminischen Fantasy-Klamotte. Und obendrein die Spitze der Szene; hier die VIP-Liste: Die Geschwister Pfister (Andreja Schneider echt klasse in der Titelrolle, Christoph Marti als mühselig kleinkarierte Tunte Pusebach und Johannes Roloff diesmal als exquisiter musikalischer Leiter); weiter Gustav Peter Wöhler, Benedikt Eichhorn, Thomas Pigor, Cora Frost, Max Gertsch, Sharon Brauner. – Ach, und dann gibt’s ja noch die neun zauberischen, neun tollen, neun klassisch durchtrainierten sexy Mondelfen (Choreographie Christoper Toelle).
Inszeniert hat die Traumreise eines Kollektivs von arg holpernd Berlinernden (alles Zugereiste) auf des Weibes Mond Bernd Mottl, ein Großer der Brettl-Kunst. Handwerklich ist alles prima in Ordnung; aber doch: Andernorts hat mich dieser im eher Abwegigen so herrlich bewährte Regisseur schon mehr begeistert. Dafür prunkt die Ausstattung von Friedrich Eggert (Szene) und Heike Seidler (Kostüme) im Glamour. Und Heinz Bolten-Baeckers sorgt mit seiner unaufgeregt kalauernden Textfassung für ordentlich Lacher. Schade nur, dass die feine, geradezu elegante Orchestrierung gern überlappt wird vom Humptata-Geklatsche eines unentwegt enthusiasmierten Publikums. Trotzdem, die Chose schäumt. Wie gutes Bier. Sozusagen Molle mit Korn. Und das gilt ja längst als cool originäres Berlin-Berlin. – So rufen wir denn ein Prosit auf unser Urberliner Lincke-Luna-Kindl!
Noch bis zum 29. März.
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ZWEI: Gorki Theater – Man lacht, muss schlucken, aber auch mal weinen.
Die Männer liegen ihr zu Füßen, sie tanzt ihnen auf der Nase: Carmen. Personifizierte Männerfantasie, Ikone weiblicher Selbstbestimmtheit, kühn nonkonformistisch, gefährlich freiheitlich, traumschön und sexy. Was für ein Weib! Das diesmal ein Mann verkörpert, ein Roma-Mann. Ladylike, königlich. Es ist der schwedische Schauspielstar Lindy Larsson. Ein baumlanger Kerl, von oben bis unten hauteng in Rosa mit rosa Haaren und wuchtigem Bariton. Auch traumschön und sexy.
Sein/ihr unglücklich fanatischer Liebhaber, der brave Soldat José in knallgelber Uniform, ist die Schauspielerin Via Jikeli. Zierlich, schüchtern, drei Köpfe kleiner als Carmen; ein ergreifender, eindringlicher Mezzo. – Was für Gegensätze. Gräben. Aber auch (toxische!) Brücken. Eigentlich wie bei Georges Bizet, Henri Meilhac und Ludovic Halévy.
Regisseur Christian Weise hat das ikonografische Opernpaar Carmen-José in seiner queer-parodistischen, intelligent kurzgefassten Adaption des weltberühmten französischen Opernklassikers (1875) zwar antiklassisch besetzt, freilich ohne die dramatische Grundkonstellation aufzulösen. Die Geschlechter der Darsteller, ihre Rollenbilder und Stimmfächer sind also verfremdend verschoben. Auch bei Nebenfiguren: Den rauen Kneipenwirt Lillias Pasta gibt Catherine Stoyan, Till Wonka stolziert als Torero dickbäuchig daher, Riah Knight, eine Romnia, trägt meterlange Blondzöpfe als gewiefte, leider hoffnungslos Verlobte Josés. Dennoch entwickelt sich erstaunlicherweise keine Chaosveranstaltung.

Gorki-Theater Berlin: Georges Bizet „Carmen“ (Regie: Christian Weise) – Szene mit Catherine Stoyan, Till Wonka, Lindy Larsson, Via Jikeli, Marc Benner. Foto: Gorki-Theater © Ute Langkafel MAIFOTO
Vielmehr entsteht ein hochgradig unterhaltsames artifizielles Gesamtkunstwerk, das Tradiertes aus gegenwärtiger Sicht fein ironisch kommentiert. Gewisse Klischees werden gewitzt hinterfragt. Einerseits durch die subtile Darstellungskunst des Ensembles. Anderseits durch sarkastisch (per Video) auf die strahlend weiß ausgeschlagene Bühne hingeworfene Bemerkungen und Karikaturen im Graphik-Novel-Stil (die tolle Bühnenbildnerin Julia Oschatz). Dazu passend im Kontrast die farbenfrohen, der Commedia dell’Arte entsprungenen Kostüme von Lane Schäfer.
Das Innige, Tragische und auch Komische dieser im Kern emanzipatorischen Geschichte liest man – großes Kunststück! – aufregend ernst. Und zeitgenössischer als in manch einer Regietheater-„Carmen“ an bedeutenden Opernhäusern.
Dass Carmen gelegentlich aus ihrer Rolle heraus an die Rampe tritt und auf Englisch diverse antirassistische und feministische Verlautbarungen vorträgt, verfasst von Lindy Larsson und Riah Knight, das hätte man lassen können. Zumal die Übersetzungen auf den beiden Monitoren in den Ecken unleserlich sind. Stört aber auch nicht diesen wundersamen Hybrid aus Comic, Camp, Burleske, Kammeroper nebst einer Prise Drag-Show – heutzutage eine modische Pflicht, die Larsson mit faszinierender Grandezza performt. Ohne im souverän Triumphierenden das Schmerzlich-Menschliche der Figur zu verraten. – Man darf lachen, muss schlucken, aber auch weinen.
Natürlich auch: weil die Partitur mit ihrer Überfülle hinreißender Hits sooo schön klingt. Gerade auch im grandiosen, Modernes nicht verleugnenden Arrangement von Jens Dohle (Chanson, Schlagerhaftes, Latino-Rhythmen). Mit Steffen Illner (Kontrabass, Cello), Devan Jovanovic und seinem betörenden Akkordeon sowie Jens Dohle an Klavier und Schlagzeug. Der ganze vitale Bizet auf ganz eigene Art.
Endlich wieder am 5. April.