von Wolfgang Brauer
Heute sind es drei Titel, die ich gerne empfehlen möchte. Viele Leserinnen und Leser sind Fans – oder auch nicht? – der Gereon-Rath-Romane Volker Kutschers. Band 10 endet ja ziemlich enigmatisch. Kutscher hat jetzt die Nachkriegsbiografie Raths enthüllt… Jacques Schuster, Chefredakteur der WamS, hingegen schrieb einen „literarischen Speziergang“ über den Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin. Sein Essay ist weit mehr. Schuster schrieb eine diskutierenswerte Auseinandersetzung mit dem „alten“ und „neuen“ Antisemitismus in Deutschland. Und last but not least: Klaus Möckel schickte mir dieser Tage sein neuestes Büchlein, ein „Poesiealbum“. Ich habe das voller Freude gelesen und möchte mein Entzücken gerne teilen.
Als Volker Kutscher 2008 mit „Der nasse Fisch“ den ersten Band seiner Berlin-Roman-Reihe um den Kommissar Gereon Rath veröffentlichte, war ich skeptisch und vermutete einen der üblichen Krimis von der Stange, garniert mit Lokalkolorit. 2024 kam mit dem zehnten der letzte Band „Rath“ in den Handel. Ich hatte mein (Vor-)Urteil seinerzeit rasch korrigiert und alle zehn Bände förmlich verschlungen. Kutscher ist ein Berlin- und Gesellschaftspanorama des Jahrzehnts zwischen 1929 und 1938 gelungen, das seinesgleichen sucht. Natürlich gibt es inzwischen Nachahmer, aber die kommen alle nicht an ihn heran.
Zehn dickleibige Bände mit einem enormen Figurenspektrum und einem permanent zwischen den Fronten irrlichternden Haupthelden sind natürlich eine erzählerische Herausforderung. Nicht alle Bände sind von gleichem Niveau, manche Erzählstränge verfitzen sich derart, dass der Autor schon mal den berühmten „deus ex machina“ bemühen muss, um wieder herauszukommen. Und wenn das die Luftsschiffkatastrophe der „Hindenburg“ in Lakehurst sein muss… Natürlich strandet Gereon Rath in den USA. Ohne Ehefrau Charlotte („Charly“). Er bleibt da natürlich nicht… Darum geht es dann im letzten Band. Als Leser ist man über den einigermaßen offenen Schluss natürlich frustriert und erwartet eine Fortsetzung. Genau die hat sich Volker Kutscher verkniffen – und er hat gut daran getan.

Buchumschlag Kat Menschik.
Statt dessen legte er gemeinsam mit der Illustratorin Kat Menschik Ende 2025 „Westend“ vor. „Westend“ ist Band 20 der von Menschik verantworteten, buchästhetisch bemerkenswerten Reihe „Lieblingsbuch“. Der Band lebt von einem genialen schriftstellerischen Trick. Kriminalhauptkommissar a. D. Gereon Rath – nach dem Krieg in Köln tätig, wechselte er 1949 zur West-Berliner Polizei – ist seit 1964 pensioniert und lebt inzwischen in einem Seniorenheim in Westend. 1973 erhält Rath Besuch von einem Historiker, der nach eigenen Angaben zur Geschichte der Polizei der Weimarer Republik forscht und um die Möglichkeit eines Tonband-Interviews bittet. Bei der Nennung des Namens, Prof. Dr. Hans Singer, hätte Rath stutzig werden müssen. Aber das Alter… Jedenfalls erweist sich Singer als erstaunlich sachkundig – auch was intimste biographische Details im Leben Gereon Raths anbelangt. Die Auflösung dieses Rätsels sei hier nicht mitgeteilt. Volker Kutscher jedenfalls spinnt die biographischen Fäden seiner Protagonisten bis in die 1960er-Jahre weiter. Seinen Lesern traut er zu, die skizzierten Handlungsstränge selbst mit dem nötigen Beiwerk aufzufüllen. Im Wesentlichen ist das alles nachvollziehbar, vieles sicher dokumentarisch belegbar. Nur weniges – die Sebastian-Tornow-Story zum Beispiel – erscheint mir überzogen. Aber es ist ein Roman, die Kunst darf vieles.
Bei mir lag das Büchlein unter dem Weihnachtsbaum, ich musste mich sehr zusammenreißen, um der Familie nicht den Heiligen Abend zu trüben. Ich verschlang es erst am zweiten Feiertag… Kat Menschiks Illustrationen sind durchaus ein sehr eigenständiger Beitrag. Menschik pflegt einen Stil, der – ohne eine solche zu sein – stark von den gegenwärtigen Graphic Novels beeinflusst ist. Mir gefällt das. Es ist übrigens bereits das dritte Bändchen, das sie gemeinsam mit Volker Kutscher über das Personal der Rath-Romane vorgelegt hat. Bereits 2017 erschien „Moabit“, 2021 folgte „Mitte“. Möglicherweise ist jetzt Schluss. Obwohl, Reinhold Gräfs Schicksal bleibt noch ungeklärt. Der ehemalige Kriminalsekretär Raths und spätere Obersturmführer des SD verschwand 1938 spurlos…
Volker Kutscher: Westend. Illustriert von Kat Menschik, Galiani Verlag, Berlin 2025, 104 Seiten, 23,00 Euro.
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Jacques Schuster – er ist Chefredakteur der Welt am Sonntag – hat bei Hentrich & Hentrich einen bemerkenswerten Essay vorgelegt, den ich weiterempfehlen möchte: „Im raschelnden Laub der Vergangenheit“. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein Büchlein über den Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee 23-25 in Berlin. Zwischen 1827 und 1880 wurden auf dem knapp fünf Hektar großen Areal über 22.500 Einzelgräber und 750 Erbbegräbnisse angelegt. Der Friedhof wird nicht mehr belegt. Die letzte Beisetzung fand allerdings erst 1976 statt. Es handelte sich um Edith Sternweiler, die neben ihrem Mann Siegfried liegen wollte. Siegfried Sternweiler hatte sich im 14. Juni 1941 das Leben genommen, um der bevorstehenden Deportation zu entgehen. Ähnlich wie Martha Liebermann, die am 10. März 1943 eine Überdosis Veronal nahm. Auch Martha Liebermann sollte am nächsten Tag in den Deportationszug steigen. Am 23. März 1943 wurde sie in Weißensee beigesetzt. Erst seit 1960 ruht sie an der Seite ihres Mannes, des Malers Max Liebermann, im Erbbegräbnis der Familie.

Buchumschlag Katja Wischnewski unter Verwendung eines Fotos von Marlene Gawrisch.
An der Schönhauser Allee liegen viele Menschen, die das gesellschaftliche Leben der Kaiserzeit nachhaltig prägten: Otto von Bismarcks Bankier Gerson von Bleichröder (1822-1893) ebenso wie der nationalliberale Politiker und Mitbegründer der Deutschen Bank Ludwig Bamberger (1823-1899) und der bedeutende liberale Gegner Bismarcks Eduard Lasker (1829-1884). Die beiden Letztgenannten liegen in einem gemeinsamen Ehrengrab des Landes Berlin. Die Nazis hatten es verwüstet. Auf diesem Friedhof ruhen aber auch der Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874), der Komponist Giacomo Meyerbeer (1791-1864) und Amalie Beer (1767-1854), die Mutter Giacomos. Amalie Beer pflegte einen der bedeutendsten Salons des biedermeierlichen Berlin. Jacques Schuster widmet dieser bedeutenden Frau ein ganzes Kapitel seines Büchleins.
Wer eine Art kulturhistorischen Führer zu den „bedeutendsten“ Grabstätten des Friedhofes erwartet, dürfte enttäuscht sein. Natürlich stellt Schuster einige von ihnen vor, aber sein Hauptanliegen ist eher das Nachdenken über die deutsch-jüdische Geschichte der letzten 200 Jahre – genauer über die Fragen, ob denn die Shoah alternativlos geschehen musste und weshalb ein „Gegensatz Deutscher – Jude“ mit der dann geschehenen völkermörderischen Konsequenz konstruiert wurde. Im Schlusskapitel seines Essays lässt der Autor zu dieser Frage den Begründer der „Wissenschaft des Judentums“ Leopold Zunz (1794-1866) – auch Zunz ist hier bestattet worden – sprechen: „Bis zur Neuzeit werden Sie keine einzige historische Quelle finden, in der von Deutschen und Juden die Rede ist, nur von Christen und Juden. Erst mit Beginn der Säkularisierung hört man vom jüdischen Nationalcharakter, damals freilich ohne völkischen Unterton. Der kam erst auf, als das Gespenst des Antisemitismus sein Haupt erhob.“
Natürlich zieht Jacques Schuster seine Linien des Nachdenkens bis in die aktuellen Antisemitismusdebatten hinein. Seine Anmerkungen über die Ambivalenz des modernen Philosemitismus sind unbedingt beachtenswert. Dass er mit dem fürchterlichen Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel einen Bruch mit der bislang in der Bundesrepublik konsensual gehandhabten Tabuisierung des offenen Judenhasses feststellt, kann man überdeutlich an den aktuellen „pro-palästinensischen“ Solidaritätskundgebungen nicht nur, aber auch auch von sogenannten „Linken“ sehen. Natürlich glaubt lange unter der Decke gehaltener Antisemitismus sich hier ungestraft eine Bahn brechen zu dürfen.
Dass Schuster dafür die DDR in Mitverantwortung glaubt nehmen zu müssen, scheint mir überzogen: „Anders als die Bundesrepublik versuchte der Arbeiter- und Bauernstaat, die jüdischen Toten, die Leichenberge ermordeter Juden, aus dem kollektiven Gedächtnis zu spülen.“ Dieser hanebüchene Blödsinn ist – bei aller Zwiespältigkeit und Kritikwürdigkeit des Umganges der DDR mit dem jüdischen Thema – unhaltbar. Solche Thesen zu bemühen, um die antisemitischen Zerstörungsexzesse Jugendlicher im Frühjahr 1988 auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser zu erklären, geht nun an der Motivation dieser Vandalen vollkommen vorbei. Wenn die schon so etwas wie einen politischen Hintergrund hatten, so war es eher das dumpfe Gefühl, mit solchem Tun die antifaschistische Staatsdoktrin der DDR, mithin das zunehmend verhasste Gesellschaftssystem selbst, wirksam zu attackieren. Und das hatte nicht nur in Ost-Berlin Erfolg…
Wenn Bertolt Brecht einmal vom Schoß sprach, der noch fruchtbar sei, „aus dem das kroch“, meinte er auch das antisemitische Gift in den Hirnen und Herzen der „kleinen Leute“. Jacques Schuster schildert dessen Langzeitwirkung am Schicksal der sechzehnjährigen Vera Frankenberg, die ganz in der Nachbarschaft dieses Friedhofes am 23. April 1945 von Granatsplittern zerrissen wurde, weil sie als „Halbjüdin“ selbst in den Tagen des Endkampfes um die Reichshauptstadt nicht in den Schutzraum durfte. Veras Grabstätte wurde nach 1945 bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder geschändet. Nur das Grab Vera Frankenbergs … wenn wir die Verwüstungen vom Frühjahr 1988 einmal beiseite lassen.
Jacques Schusters Essay zu lesen schmerzt auf vielfache Art. Aber es ist richtig und wichtig, dass Schuster das, was ihn seit Jahrzehnten umtreibt, sein intellektuelles Leben seit seiner Jugend – wie er in der Danksagung am Ende des Bandes sagt – widerspiegelt, zu Papier brachte. Nicht zuletzt ist sein Buch ein Dokument jüdischer Identitätsfindung einer Generation, die nach der Shoah geboren, inzwischen wieder mit offen getätigten Bedrohungen umgehen muss. Ich bin ihm dankbar für diese mutige Schrift.
Jacques Schuster: Im raschelnden Laub der Vergangenheit. Der jüdische Friedhof in der Schönhauser Allee in Berlin. Ein literarischer Spaziergang, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin / Leipzig 2025, 104 Seiten, 19,90 Euro.
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Und am Schluss noch ein Lyrik-Tipp: Gedichte von Klaus Möckel im „Poesiealbum“, mit köstlichen Grafikbeigaben von Archimura. Ost-Leser werden noch wissen, was das „Poesiealbum“ ist. West-Lesern ist die Begegnung mit dieser hochverdienstvollen Lyrik-Reihe – sie erscheint seit 1967 – dringend zu empfehlen!
Klaus Möckel, der studierte Romanist arbeitete lange als Lektor bei Volk und Welt in Berlin, ist ein äußerst vielseitiger Autor. Neben zahlreichen Übersetzungen schrieb er phantastische Erzählungen („Science-Fiction“), Krimis, Satiren und Kinderbücher. Letzteres ist eine spannende Geschichte. Mit seiner Frau, der Slawistin Aljonna Möckel, setzte er zum Beispiel die Bestseller-Reihe über die „Smaragdenstadt“ fort – und kaum einer hat’s gemerkt… Scheinbar so ganz nebenbei entstanden immer Gedichte und Aphorismen. Sehr elegische Texte – ich mag seine Liebeserklärung „Odessa“ sehr –, Liebesgedichte („Tamara“) und scharf geschliffene Satiren. Jüngst über das „Superding“ KI. Die Empfehlung des Möckelschen lyrischen Ichs: Stecker ziehen… Wie gesagt, Möckel ist auch Zukunftsforscher, er schrieb Science-Fiction… Das von Jan Eik zusammengestellte Bändchen ist eine Fundgrube! Am Anfang stehen „Ratschläge“:
„Kauf dir kein Auto, kauf Gedichte
Von Möckel,
falls du welche kriegst!“

Klaus Möckel: Poesiealbum 391. Auswahl Jan Eik. Bilder von Archimura, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2025, 32 Seiten, 5,00 Euro.