Erlesenes – Goethe und Weimar und Stars aus Wernigerode

von Wolfgang Brauer

Schreibende Menschen lesen in der ihnen eigenen Bescheidenheit am liebsten Texte und Zeitschriften, die sie selbst verzapft haben. Mir geht das nicht anders. Aber ich lese auch leidenschaftlich gern den Palmbaum, das „Literarische Journal aus Thüringen“. Diese Zeitschrift ist in den höchsten Tönen zu loben. Gegründet wurde sie 1993 in Jena von Detlef Ignasiak und erschien zunächst viermal im Jahr. Ignasiak gründete 1995 auch den quartus-Verlag in Bucha bei Jena. Inzwischen erscheint das Journal bei quartus, allerdings jährlich nur noch zweimal.

Die Redaktion haben Jens-Fietje Dwars und Ulrich Kaufmann – der auch zu den regelmäßigen Autoren dieses Blogs gehört – inne. Und wer einmal eine Ausgabe der Zeitschrift in der Hand hielt – und sie gründlich studierte – ahnt, was für eine editorische Kärrnerarbeit hinter dem Projekt steckt. Chapeau!


Schloss Kochberg. Goethe war hier erstmals am 6. Dezember 1775 – und verewigte sich mit dem Federmesser in der Tischplatte des von Steinschen Schreibtisches. Später vermerkte er auf obigem Möbel seine Anwesenheiten mit Tinte. Immerhin revanchierte er sich 1779 mit einem schönen Damenschreibtisch für Charlotte, der noch immer in ihrem Zimmer steht. Foto: W. Brauer (2019)

Heft 2/2025 mit dem Titelthema „Vom Rebell zum Fürstenknecht? 250 Jahre Goethe in Weimar“ widmet sich einem Jubiläum, das von den eigentlich Betroffenen schulterzuckend ignoriert wurde: am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein, einem großen Dorf mit 6000 Einwohnern, „durch dessen Gassen morgens Hütejungen die Kühe trieben“ (Jens-F. Dwars). Die Klassik-Stiftung Weimar, zur Mitwirkung eingeladen, winkte „hinsichtlich zahlreicher eigener Stiftungsprojekte“ bedauernd ab. Ich vermute allerdings, diesem Großtanker bundesdeutscher Kulturpolitik sind solch kleine Schiffseinheiten wie der Palmbaum einfach nur zu popelig.

Grund genug, darüber nachzudenken, was Weimar aus Goethe, was Goethe aus Weimar gemacht hat. Das wäre schon ein schönes Gedankenspiel – Weimar ohne Goethe. Herder wäre nicht gekommen. Auch Schiller wäre ferngeblieben und die hochgerühmte „Weimarer Klassik“ wahrscheinlich in einer liebenswerten, aber skurrilen Provinzposse versackt.

Weshalb nur zum Teufel, landete der hoffnungsvolle Großbürgerspross, „ein ruhloser Wanderer“ aus Frankfurt/Main – das er selbst als „Nest“ bezeichnete – ausgerechnet in diesem Kaff? Dwars versucht in seinem Einführungsaufsatz eine Antwort auf diese Frage. „Ich weiß nun noch nicht, wie sich diese Irrfahrt endigen wird“, beschreibt Goethe selbst seine Situation des ersten Weimarer Jahrzehnts. Scheinbar verzettelt er sich in der Politik des finanziell und politisch schwachbrüstigen Kleinstaates. Geschrieben hat er in dieser Zeit nur wenig, aber einiges konzipiert. Und die gesellschaftliche „Königsebene“ bis in ihre letzten Verästelungen kennen lernen dürfen. „Wovon man nicht sprechen kann [also, was man nicht kennt – WB], darüber muss man schweigen“, sagt Wittgenstein. „Iphigenie“, „Egmont“ und „Tasso“ wären wohl ohne dieses Erfahrungsjahrzehnt Fragment geblieben. Oder aber als schwer verdauliche Kost längst dem Vergessen anheimgefallen.


Goethes Gartenhaus an der Ilm – Arbeitsraum. Die Möbel aus seinem Besitz befanden sich nachweislich an diesem Ort. Foto: W. Brauer (2016)

Und weshalb bleibt er in diesem „Philisternest“? Welche Rolle spielen die Frauen dabei – Charlotte von Stein natürlich und ihr Gegenpol Christiane Vulpius? Kerstin Decker schrieb einen schönen Essay über dieses komplizierte Problem. Friedrich Schiller, den offenbar ebenfalls die Weimarer Enge zu erwürgen drohte, plante gegen Ende seines Lebens den Weggang nach Berlin. Ihm machte der Tod einen Strich durch die Rechnung.

Goethe war ein Vierteljahrhundert vorher in Berlin, wenige Tage im Mai 1788 – und hatte die Nase gestrichen voll. Klaus Bellin reflektiert diese Erfahrungen in einem Aufsatz. Und Jens-Fietje Dwars rundet die Tiefenbohrungen in die „Goethe-Zeit“, in der „der totgefeierte Klassiker […] die kühnsten Experimente seiner Zeit gewagt“ habe, mit einem Blick auf die Jahrzehnte nach 1788 ab. Neben den menschlichen Schicksalsschlägen, die Johann Wolfgang von Goethe ab 1802 beginnend mit Herders Tod zu ertragen hatte, muss er sich auch noch gegen den Niedergang „seiner“ Universität in Jena stemmen. 1799 trat Johann Gottlieb Fichte auf politischen Druck von der Jenenser Philosophie-Professur zurück und ging nach Preußen. Es folgte ein fast beispielloser Exodus der namhaftesten Gelehrten der Universität.

Gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet suchte Goethe zeitlebens nach Anerkennung – und erntete mit wenigen Ausnahmen allenfalls mit freundlichen Worten ummantelte Ablehnung. Die verbeamtete Wissenschaft war nicht Willens, die Arbeiten des Außenseiters auch nur einigermaßen ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen. Gunnar Decker untersucht den „subversiven Stachel in Goethes Farbenlehre“, einer dezidiert gegen Isaac Newton ausgerichteten Schrift, und kommt zum Schluss, dass der immer noch steche. Sich auf den in der DDR als Bloch-Schüler gemaßregelten Philosophen Jürgen Teller stützend, stellt auch Decker den leidenschaftlichen Bekämpfer mechanistischer Auffassungen, den Autodidakten Goethe, in die lange Reihe avantgardistischer Denker.


Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar – Arbeitszimmer. Foto: W. Brauer (2016)

Es müssen nun wirklich nicht alle Goethe lieben, wie Lutz Rathenow ironisch in seinem hübschen Gedankenspiel „Weimar als Simulation“ postuliert. Aber bevor er KI-generiert rekonstruiert wird, sollte man ihn doch gelegentlich wieder einmal im Original lesen. Papiergestützt. So hätte er es gewollt.

Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen, Heft 81 (2025/2. Heft), quartus verlag, Bucha bei Jena 2025, 192 Seiten, 13,00 Euro.

Nachsatz: In Sachen naturwissenschaftlicher Arbeiten sei hier auf Ulrich Kaufmanns Essay „Goethe und das Jenaer Inspektorhaus am Botanischen Garten“ (August 2025) hingewiesen.

*

„Schnippel-die-schnappel-die-Scher‘ …“ – wer erinnert sich noch an „Meister Nadelöhr“? Als Kind habe ich die Sendung gemocht, auch wenn mir der Meister selbst mit seinem pädagogischen Getue manchmal arg auf die Nerven ging… Aber da gab es ja noch seinen Freund, den „Meister Briefmarke“ und die Schnatterente, den Papagei Feffi und natürlich den Pittiplatsch. Und schöne Geschichten gab’s auch: „Eins, zwei, drei – ein Märchen schnell herbei!“ Seit dem 23. November 1955 jeden Samstag im Nachmittagsprogramm des DDR-Fernsehens. Bis 1976, da stirbt Meister Nadelöhr ganz plötzlich. Für die Kinder des Landes eine Katastrophe.


1964 widmete die Deutsche Post der DDR „Meister Nadelöhr“ anlässlich des Internationalen Kindertages am 1. Juni eine in hoher Auflage gedruckte 10-Pfennig-Briefmarke. Der Entwurf stammt von Werner Klemke (1917-1994). Abbildung: gemeinfrei.

Nur wenige wussten überhaupt, dass er, der Schauspieler Eckart Friedrichson, seit seiner Kindheit schwer krank war. Und wenige nur wissen wohl, dass Friedrichson 1930 in Wernigerode geboren wurde, in der bunten Stadt am Harz aufwuchs – und hier auch das erste Mal die Bretter, die die Welt bedeuten, betrat. Mit 15, ohne jede Ausbildung. Die holte er wenige Jahre später in Quedlinburg nach. Ja, da gab es mal eine Schauspielschule! Und dann ging es steil bergauf: Volkstheater Rostock, Theater der Freundschaft Berlin. Und bereits 1954 bezog der junge Friedrichson den Olymp des DDR-Theaters, das Deutsche Theater Berlin. Ein Jahr später griff das Fernsehen nach diesem schauspielerischen Urtalent.
Der Rest ist mehr oder weniger bekannt.

Unbekannt und wohl auch in Wernigerode von den meisten vergessen ist hingegen, dass diese Stadt seit dem 4. November 1945 eine „Gemeinnützige Theater-G.m.b.H.“ hatte, die immerhin über ein 14-köpfiges Schauspiel-Ensemble verfügte. Dazu gab es noch ein 26 Musiker umfassendes Städtisches Orchester. Das Theater existierte nur fünf Jahre, und 1948 war Friedrichson weg. In Quedlinburg. Das Theatergebäude, den legendären „Stadtgarten“, gibt es auch nicht mehr. 2004 wurde das Haus abgerissen, heute stehen da langweilige Neubauten.

Aufgeschrieben hat die wundersame Geschichte des Eckart Friedrichson der Berliner Autor Mathias Thalheim. Sie leitet die von ihm gemeinsam mit dem Wernigeröder Ulrich Hardam verantwortete Portrait-Sammlung „Geboren in Wernigerode …“ ein. Übrigens kommt in dem Büchlein noch ein zweiter Friedrichson vor: Peter Friedrichson, der 1946 geborene Halbbruder Meister Nadelöhrs. Der wurde auch Schauspieler und landete mit seinem ersten Film überhaupt den Geniestreich seiner Karriere: „Mitten im kalten Winter“ (1968).


Cover der DVD-Veröffentlichung (2018).
Sammlung W. Brauer

Gedreht hat diese Verfilmung einer Erzählung von Hermann Kant Ulrich Thein. Es wurde eine der poetischsten Literaturverfilmungen, die das DDR-Fernsehen jemals abgedreht hat. Friedrichson spielt den jungen Elektriker Paul, der sich auf einem mecklenburgischen Gutshof in die Küchenmagd Anna verliebt. Die hübschen Geschichten am Rande: Peter Friedrichson musste nicht erst lernen, wie man mit Steigeisen einen Strommast erklimmt, er hatte selbst eine Elektrikerlehre im VEB Elektromorenwerk Wernigerode absolviert. Und er glänzt im Film durch ein spürbar nicht angelerntes Plattdeutsch. Dass das allerdings Harzer Platt ist – ja, im Gebirge sprach man einst Platt! – merken wohl auch die wenigsten. Nach 1990 kehrte Peter Friedrichson wieder in seine Geburtsstadt zurück, auch das ist eine spannende Geschichte…

Der Band enthält insgesamt neun Biografien von Menschen, die alle irgendwie mit der Kunst verbunden sind, die alle trotz teils erheblicher Behinderungen ihres Weges durch dümmliche politische Hürden und Anfeindungen ihren Weg gegangen sind und mitunter noch immer gehen. Der Glasgestalter Günter Grohs (geboren 1958) zum Beispiel, der immer noch an den Fenstern des Doms zu Verden an der Aller arbeitet – wer das Haus kennt, weiß, auf was für eine gigantische Aufgabe Grohs sich da eingelassen hat. Aber, so zitiert ihn Mathias Weidemann in seinem Portrait: „Rückblickend kann ich heute sagen, dass sich mein Lebenstraum erfüllt hat. Eine andere Tätigkeit konnte und kann ich mir nicht vorstellen. Gerade im begrenzenden Rahmen von Architektur kann ich mein Künstler-Sein voll ausleben. ‚Frei‘ zu arbeiten, reizt mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht.“

Der Maler Karl Oppermann (1930-2022) sah das anders. Für mich selbst ist Oppermann eine der Entdeckungen, für die ich den Wernigeröder Buch-Machern zu danken habe. Dann sind da noch der Puppenspieler Klaus Breuing (1951-2021), die Kostümbildnerin und Malerin Jutta Eckerlin (geboren 1955) und der Sport- und Kulturmanager Peter Marschel (geboren 1956). Einer tanzt ein wenig zeitlich aus der Reihe: der Pädagoge und Schriftsteller August Wilhelm Grube (1816-1884). Aber allesamt mit Lebensläufen, die zu Romanstoffen taugen.


Der „Wohltäterbrunnen“ (1848) auf dem Wernigeröder Marktplatz. Mit den Wappenschildern werden Persönlichkeiten geehrt, die sich um die Stadt verdient machten. Am unteren Ring befindet sich auch ein Schild für August Wilhelm Grube. Foto: W. Brauer (2025)

Und Monika Hauff – ja, die Schlagersängerin (geboren 1944) –, die ist auch aus Wernigerode. Ihre im Dezember 1943 in Leipzig ausgebombte Familie fand hier ein Unterkommen. Der spätere DDR-Gesangsstar erwarb sein erstes musikalisches Handwerkszeug im Chor der EOS „Gerhart Hauptmann“ unter dem legendären Friedrich Krell (1928-2020). Ihr Berufsleben startete Monika Kluge (so ihr eigentlicher Name) allerdings als Medizinisch-technische Assistentin im Kreiskrankenhaus Saalfeld. Nebenher sang sie aber noch im Magdeburger Jürgen-Heider-Swing-Sextett. Da war ein gewisser Klaus-Dieter Henkler Gitarrist. In Heiders Klub „IMPRO“ trat Prominenz auf: die Magdeburger Kultrocker „Klosterbrüder“ natürlich, Reinhard Lakomy begann hier seine Karriere. „Satchmo“ und Hazy Osterwald waren hier zu erleben. Von wegen trister Osten!

Ein bemerkswertes Buch! Gründlich recherchiert und packend erzählt, zudem vortrefflich illustriert. Für Wernigerode-Fans natürlich ein „Muss“ – aber allen, die irgendwie daran interessiert sind, wie das mit Kunst und Künstlern in der DDR jenseits der „Janz Jroßen“ tatsächlich lief, ans Herz zu legen…

Ulrich Hardam / Mathias Thalheim: Geboren in Wernigerode – hinaus in die Welt. Fernsehstars, Maler & Meister ihrer Kunst. Neun Portraits, Spelhus Verlag, Wernigerode 2025, 180 Seiten, 25,00 Euro.

5 Kommentare

  1. Lieber Wolfgang,
    Du schreibst, das zu notieren hat Dir großen Spaß gemacht.
    Das ist deutlich zu spüren – und es macht auch großen Spaß, es zu lesen.
    Es mag ja welche geben, aber ich kenne sonst niemanden, der heute solche Verknüpfungen herstellt und so in Worte fasst: deutsche, DDR-, Regional- und Lokalgeschichte, Kultur, Kunst, Politik … Dann auch noch die Fotos. Die Aufzählung ist nicht vollständig.
    Herzlichen Dank!

    1. Lieber Andreas,
      in meinem Leben war ich unwahrscheinlich privilegiert: Ich durfte sehr viele interessante und produktive Menschen kennen lernen, die eine Unmenge Erfahrungen mit mir teilten. Auch wenn sich manche Wege später trennten, ich bin allen sehr dankbar. Ich durfte Vieles sehen und lernen – und meine, davon sollte man versuchen, wenigstens einen kleinen Teil weiterzugeben. Ich maße mir mitnichten eine solche Rolle an, aber ich finde das Gleichnis vom Sämann sehr schön. Übrigens bin ich selber immer wieder überrascht, welch starke christliche Prägung so ein verstockter Atheist wie ich haben kann.
      Nein, die Welt ist schön – das muss man auch sagen. Bei all dem abgrundtief Häßlichen, das uns umgibt. Ich liebe Mühsams Gedicht „Von meiner Hoffnung lass ich nicht…“
      Vielen Dank für die freundlichen Worte
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, nach dem Lesen Deines 1. Artikels war ich gleich sooo neugierig und ich habe gegoogelt, um besagte Lieteraturzeitschrift Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen, Heft 81 (2025/2. Heft) zu kaufen. Damals war ja – wie Du weißt – Goethe das Thema meiner Abschlussprüfung in Deutsch. Gerne würde ich mein „Schulwissen“ ergänzen. Nur ist dieses Heft nirgends zu bekommen. Kannst Du mir bitte weiterhelfen oder jemand Deiner Bekannten? Lieben Dank! Andrea

      1. Ja, bei mir hat es geklappt.
        Gisela Rudolph vom Verlag hat sich bei mir per Email zurückgemeldet und ich konnte den Palmbaum bestellen.

        Die DVD „Mitten im kalten Winter“, die Du empfohlen hast, Wolfgang, hab ich mir nun ebenfalls bestellt. Zumal ich ja inzwischen auch in Mecklenburg-Vorpommern lebe …
        Danke auch für diesen Tipp!

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