von Wolfgang Brauer
Oskar Maria Graf (1894-1967) gehört zu den großen deutschen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Manche stecken ihn, der seine bajuwarischen Prägungen zeitlebens nie verleugnete – sie sind für seinen Erzählstil essentiell –, in die Schublade der Voralpentümelei. Da gehört er nicht hin. Und Graf mit Ludwig Thoma zu vergleichen, verbietet sich angesichts der miesen judenfeindlichen Ausfälle Thomas nach 1918 nachdrücklich. Graf war ein sozialistischer Autor lautersten Charakters. Sein Werk sei das „starke Werk eines ‚hoch‘-deutschen, eines bayerischen Dichters“, zitiert Ulrich Kaufmann den Grafschen Kollegen und Kampfgefährten Lion Feuchtwanger. Kaufmann hat eine kleine Sammlung von Texten zusammengestellt, die viele Leser gerade bei Oskar Maria Graf nicht vermuten werden. Gedichte, von der Zeit geprägt – aber auch überaus zarte, sensible Verse, die ich diesem gerne krachledern daherkommenden „Maß-“Stemmer nie zugetraut hätte: „… als würde meine Heimat eine Welt umgreifen, / als wär‘ ich nicht mehr fremd in diesem Land …“, schreibt der nach langen Jahren des Exils wieder am See der Kindheit stehende Dichter.

Erschienen sind die Verse jetzt in der vom Märkischen Verlag Wilhelmshorst vor einigen Jahren wieder zum Leben erweckten Reihe „Poesiealbum“. Ausgestattet ist das Bändchen mit zwei Arbeiten Karl Arnolds (1883-1953). Für dieses Lektüreerlebnis bin ich Ulrich Kaufmann zutiefst dankbar! Gedichte soll man nicht zerreden, auch wenn mir jetzt immerkluge Studienräte Brechts These, dass man eine Blume getrost zerpflücken könne, ohne dass sie von ihrer Schönheit verliere, um die Ohren hauen werden. Darum hier die erste Strophe von „Herbstgang“. Graf hat das Gedicht seiner Schwester Nannerl gewidmet:
Wenn wir wieder heimwärtsfinden
durch die weiten Wälder unsrer Irre,
ist der Herbst schon da, und wir sind alt.
Viel ist ausgelöscht, wofür wir stritten,
denn die Tage scheinen langsam zu erblinden
und es ist, als ob die kahle Stille friere,
weil das Wintergrau den Himmel übermalt.
Nur das dürre Laub rauscht bei den Schritten…
Oskar Maria Graf: Poesiealbum 393. Auswahl Ulrich Kaufmann. Bilder von Karl Arnold, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2025, 36 Seiten, 5,00 Euro. Bestellung: bestellung@poesiealbum-online.de
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Um Missverständnisse zu vermeiden am Anfang eine Klarstellung: Wenn jetzt von Linken oder „der Linken“ die Rede ist, ist natürlich mitnichten nur die eine Partei gemeint, die den Begriff im Namen trägt. Im Mai legten Riccardo Altieri, Bernd Hüttner und Florian Weis den fünften Band ihrer seit 2021 erscheinenden Reihe „Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken“ bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung vor. Das Projekt hat inzwischen Ausmaße angenommen, die anfangs wohl nicht so gedacht waren: 50 Autoren und drei Interview-Partner verantworten über 70 Beiträge! Zumeist handelt es sich um Porträts von Frauen und Männern mit jüdischem biographischem Hintergrund, die sich aktiv in die linken Bewegungen ihrer Zeit einbrachten. Solide recherchiert wird deren Gelingen und oftmals deren Scheitern dargestellt – letzteres zumeist den eigenen „Genossen“ geschuldet. Zu den bitteren Erkenntnissen aus der Lektüre der fünf Bände gehört, dass die Gift-Sporen des Antisemitismus‘ auch in der Arbeiterbewegung weit verbreitet sind – übrigens gehört der Begriff „Arbeiterbewegung“ endlich genauer hinterfragt; allzuoft wird ihr per se ein sozialistischer Grundcharakter zugebilligt… Holger Politt stellt das Herausholen der antisemitischen Keule „nach Bedarf“ zum Beispiel im aktuellen Band in seinem Text über die Rolle linker jüdischer Intellektueller in der Volksrepublik Polen und der ČSSR dar. Er zitiert dabei den Titel der Autobiografie Karol Modzelewskis (1937-2019), der Majakowskis „Linken Marsch“ parodiert. Majakowskis „lyrisches Wir“ will bekanntlich „den Gaul Geschichte zuschanden reiten“. Politt: „Für eine Weile gelingt es, auf dem Pferderücken zu bleiben, doch zu keiner Sekunde weiß man, in welche Richtung abgeworfen, wo gelandet wird.“ Und wer da meint, in der DDR habe es keine stalinistischen Schauprozesse gegeben, lese den Beitrag von Bernd-Rainer Barth über Leo Bauer (1912-1972).
Die Geschichte neigt immer wieder zu scheinbaren Neuauflagen von als überwunden geltenden Katastrophen. Die Herausgeber verweisen auf Aktuelles: „Gleichzeitig erleben Jüdinnen und Juden seit dem Massaker der Hamas ein massives Erstarken des Antisemitismus in Europa und darüber hinaus, auch wenn sich dieser teilweise ‚postkolonial‘ und antiimperialistisch verbrämt und sich als Ausdruck linker Traditionen darzustellen versucht.“ In diesem Zusammenhang sprechen sie von „eigentümliche(n) Ähnlichkeiten zu rechtsrevisionistischen Positionen, wenn es um den Stellenwert des Antisemitismus und der Shoah in der deutschen Geschichte geht“. Das geht einigermaßen verschämt an die Adresse von Linken. Hier ist einer der wenigen Punkte, wo ich widerspreche. Da ist nichts eigentümlich, das liegt in der Natur der Sache. Hier droht sich Geschichte tatsächlich zu wiederholen, aber nicht als Farce. Karl Marx lag mit seinem berühmten Hegel-Zitat im „18. Brumaire“ falsch. Es ist überfällig, dass sich die Linken konsequenter der eigenen Geschichte stellen. Diese Schriftenreihe bietet eine gute Ausgangslage dafür.
Riccadro Altierei / Bernd Hüttner / Florian Weis (Hrsg.): Erinnerungen an eine emanzipatorische Allianz. Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken. Band 5, Berlin 2025, 160 Seiten.
Der Band ist kostenlos erhältlich über: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Straße der Pariser Kommune 8a, 10243 Berlin; www.rosalux.de

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Im soeben empfohlenen Band widmet Jörn Schütrumpf dem Freund Rosa Luxemburgs und Vorsitzenden der KPD von 1919-1921, Paul Levi (1883-1930), ein schönes Porträt. Levi wurde 1921 auf Druck Moskaus, konkreter der Kommunistischen Internationale unter Federführung Sinowjews, aus der KPD ausgeschlossen, weil er deren abenteuerliche Putschpolitik nicht mitzutragen gewillt war. Der Verlauf der Ereignisse gab ihm recht. Der „Mitteldeutsche Aufstand“ 1921 endete im Desaster. Paul Levi wechselte zur USPD, dann zur SPD, für die er bis zu seinem Tod im Reichtag saß. Als überaus erfolgreichem Anwalt in politischen Prozessen beauftragte ihn seine Fraktion mit der Leitung des Reichstagsuntersuchungsausschusses, der die Fememorde jener Jahre – Schwerpunkt war nicht zufällig Bayern –, v.a. durch Angehörige der Schwarzen Reichswehr und der „Einwohnerwehren“, untersuchen sollte. Levi suchte vor allem die hinter den Tätern – die oftmals bekannt waren und wenn überhaupt, dann nur zu Bagatellstrafen abgeurteilt wurden – stehenden Strippenzieher zu entlarven und deren Verbindungen zu teils höchsten staatlichen Stellen offenzulegen.
Dies und die Arbeit des inzwischen fast vergessenen Untersuchungsausschusses insgesamt dokumentiert Jörn Schütrumpf in seinem Buch „Fememorde der deutschen Rechten“. Minutiös reiht der Autor eine Vielzahl von Quellen-Texten aneinander, die die Netzwerke des rechten Terrors in der Weimarer Republik bis in das letzte Detail beleuchten. Es fällt schwer, bei der Lektüre gefühlsmäßig nüchtern zu bleiben. Ich selbst schwankte immer wieder zwischen Abscheu und Kopfschütteln. Unwillkürlich schleicht sich die Fragestellung ins Unterbewusstsein, was das denn für Hirne sein müssen, die in den tagesaktuellen politischen Auseinandersetzungen glauben, mit der extremen Rechten punktuell (?) gemeinsame Sache machen zu können.
Paul Levi scheint am Ende der Tätigkeit des Untersuchungsausschusses einigermaßen resigniert zu haben. Dennoch meinte er offenbar, mindestens die Arbeiterschaft habe aus ihren Erfahrungen seit 1914 gelernt. Schütrumpf hat Levis Rede auf dem Zwickauer Bezirksparteitag der SPD vom Februar 1928 an das Ende seines Bandes gestellt: „Im nächsten Krieg wird es sich zeigen, ob hinter der Front Männer, sozialistische Revolutionäre stehen, und wenn sie dort stehen, dann ist dieser Krieg der letzte aller Kriege!“ Levi behielt Recht. Es zeigte sich allerdings, anders als er hoffte…
Jörn Schütrumpf: Fememorde der deutschen Rechten. Von Rosa Luxemburg und Maria Sandmayr über Mathhias Erzberger bis Walther Rathenau, VSA-Verlag, Hamburg 2024, 176 Seiten, 14,80 Euro.