von Wolfgang Brauer
Die mittelalterliche Stadt grenzte sich deutlich gegen ihre ländliche Umgebung ab. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um eine Freie Reichsstadt wie das altehrwürdige Köln am Rhein – lange die bevölkerungsreichste Stadt des Reiches – oder das im heutigen Landkreis Märkisch-Oderland gelegene Ackerbürgerstädtchen Altlandsberg handelt, das im 15. Jahrhundert keine 2000 Einwohner gehabt haben dürfte. Gemeinsam ist ihnen allen der zentral gelegene Markt, gemeinsam ist ihnen allen, dass sie nicht nur Orte des Handels sondern auch der Produktion waren, gemeinsam ist ihnen allen, dass sie – wenn auch in unterschiedlichsten Maßen – eigene Rechtsräume bildeten und ihren Bürgern die körperliche Freiheit und eine gewisse Rechtssicherheit boten. „Stadtluft macht frei“, hieß es nicht zufällig. Unübersehbares Symbol all dessen war die feste Ummauerung der Städte. Sie zeigte überdeutlich an, ab hier gelten andere Regeln. Wer hinein will, muss sich einer rigiden Kontrolle unterwerfen und an diese Regeln halten. „Das Innere galt als privilegierter Raum, der dem Äußeren sowohl territorial als auch gesellschaftlich und spirituell vorgezogen wurde. ‚Verinnerlichen‘ ist eine europäische Tradition, ein europäischer Wert geworden“, schreibt Jacques Le Goff („Die Geburt Europas im Mittelalter“).
Nicht nur Bollwerk – auch Machtsymbol. Die Bernauer
Stadtmauer mit dem Steintor. Foto: W. Brauer (2025)
Natürlich diente die Mauer zuvörderst als Verteidigungsbauwerk. In den unsicheren Jahrhunderten des hohen und späten Mittelalters war das auch notwendig, die Macht der Städte zeigte sich nicht zuletzt an diesen Anlagen. Noch im Dreißigjährigen Krieg biss sich selbst Albrecht von Wallenstein an den Mauern und Wällen Stralsunds die Zähne aus. Und am 23. April 1432 scheiterten die erfolgsverwöhnten Hussiten an den Mauern Bernaus. Zehn Tage vorher hatten sie sich an den Mauern von Frankfurt/Oder vergeblich versucht. Strausberg hingegen wurde gestürmt und ausgeplündert. 30 Jahre vorher mussten auch die Quitzows und die mit ihnen verbündeten Pommernherzöge vor Bernau wieder unverrichteter Dinge abziehen.
Die Bernauer Mauer steht noch. Von den ursprünglich fast 1500 Meter Ummauerung gibt es noch etwa 1300 m Feldsteinmauer. Dazu zwei Rundtürme, überwiegend mit Backsteinen „aufgeziegelt“, und die Überreste von 42 Lughäusern. Die Wall- und Grabenanlagen sind auf etwa zwei Dritteln der ursprünglichen Anlage zumindest erkennbar. Das alles ist ein guter Grund, die Altstadt von Bernau entlang des Mauerringes zu umwandern. Obwohl der Begriff „Altstadt“ inzwischen ziemlich fehl am Platze ist. Bernau hatte zum Ende des Zweiten Weltkriegs hin Glück, größere Kampfhandlungen fanden hier nicht mehr statt. Anders als um das benachbarte Oranienburg war vor Ort auch kaum nennenswerte Rüstungsindustrie angesiedelt. Die alliierten Bomberflotten ignorierten die Stadt. Dann setzte der Verfall ein. In den 1980er-Jahren wäre eine großflächige Sanierung fällig gewesen. Die scheute man aus ökonomischen Gründen. Also wurde in kurzer Zeit fast die gesamte Innenstadt abgeräumt und durch moderne Plattenbauten ersetzt. Die noch erhaltenen historischen Gebäude innerhalb der Stadtmauer kann man heute an zwei Händen abzählen. Aber das ist hier nicht mein Thema.

Steintor und „Hungerturm“ von der Hussitenstraße stadteinwärts gesehen. Foto: W. Brauer (2021)
Wer vom Bahnhof kommt, sollte die Stadt durch das Steintor (2. Hälfte 15. Jh.) betreten. Das Tor ist das einzige von den ehemals drei Stadttoren, das zu großen Teilen noch vollständig erhalten ist. Allerdings fehlt heute das seinerzeit deutlich niedrigere Vortor und das nördliche Seitentorhaus. Wer damals in die Stadt wollte, musste sich erst einmal in einer Art Torzwinger kontrollieren lassen. Der Rundturm rechts neben dem Steintor hatte eine doppelte Funktion: einerseits war er Wartturm, andererseits diente er als städtisches Gefängnis („Hungerturm“). Der Zugang zum acht Meter tief gelegenen Kerker war nur über ein Seil durch ein sogenanntes „Angstloch“ möglich. Heute ist der Turm Teil des im Steintor befindlichen Museums der Stadt. Zugänglich ist er über den oberen von zwei Wehrgängen, die Turm und Tor miteinander verbinden. Das Museum zeigt auch einen Teil der erhaltenen Waffen der Bernauer Bürger, denen man lange Zeit eine hussitische Herkunft zuschrieb. Leider ist die Einrichtung von November bis April geschlossen.
Wir halten uns jetzt auf der Innenseite der Mauer rechts. Auf unserem Weg stoßen wir immer wieder auf in die Mauer eingelassene Ausbuchtungen. Es sind die Mauerreste der 42 Lughäuser. Das waren auf der Stadtseite häufig offene kleinere Wehrtürme, auf deren Plattformen bis zu zehn Bewaffnete Platz fanden, die potenzielle Angreifer entweder beschießen oder notfalls durch Steinwürfe oder siedende Flüssigkeiten von der Mauern fernhalten konnten. Vier davon sind schalenförmig angelegt („Halbschalen“), 38 viereckig. Im norddeutschen Raum werden sie häufig als „Wieckhäuser“ bezeichnet. Die Stadtmauer von Neubrandenburg ist für ihre Wieckhäuser berühmt. Heute dienen sie mancherorts nostalgiegeprägten Wohnzwecken, es waren aber reine Verteidigungsanlagen.

Bernauer Lughäuser. Foto: W. Brauer (2025/2021)
An der Parkstraße (das obere Foto links) lohnt es sich, für einen Moment wieder „vor die Mauer“ zu treten. Im 19. Jahrhundert wurden auch in Bernau die Wall- und Grabenanlagen in einen Stadtpark umgestaltet. Die hiesige Anlage zwischen Park- und Mühlenstraße ist deshalb bemerkenswert, weil hier die einstige Struktur aus drei Wällen und Gräben noch erkennbar ist. Man muss sich – wie übrigens auch rund um Wasser- oder Höhenburgen – die Bäume weg- und die Gräben wohlgefüllt vorstellen. Dann wird deutlich, dass diese Stadt trefflich „fortifiziert“ und über etliche Jahrzehnte kaum einnehmbar war. Der städtischen Freiheit das Genick brachen die hohenzollerschen Kurfürsten, die mit dem für die Berliner unglücklichen Ausgang des „Berliner Unwillens“ 1448 den „Freiheiten“ der märkischen Städte – die eigentlich immer auf der Seite „ihrer“ Markgrafen“ standen – rasch und konsequent ein Ende bereiteten. Dass die zu keinem gemeinsamen Vorgehen gegen die Hohenzollern fanden, ist ein anderes Thema…

Am Kirchhofswall (im Hintergrund die Stadtkirche St. Marien); noch gut zu erkennen ist die gestaffelte Wall- und Grabenanlage mit den hier besonders dicht stehenden Lughäusern. Foto: W. Brauer (2021)
Nach knapp 300 m Wegs stoßen wir auf das Mühlentor. Das ist ein Neubau aus dem Jahr 2013. Das mittelalterliche Tor wurde 1885 abgerissen. Die „autogerechte“ Stadt stellte man also schon vor Einführung des Autos her. Das Tor war damals den Leiterwagen im Wege. Der Wiederaufbau des 14,60 m hohen Bauwerkes – es ist dem modernen Verkehr angepasst worden – war Bestandteil eines deutsch-polnischen Projektes „Tore, die verbinden“. Zeitgleich wurde das Walltor der polnischen Stadt Stargard Szczeciński (seit 2015 nur noch „Stargard“) restauriert. Stadteinwärts links befindet sich am Mauerdurchbruch eines der wenigen deutschen Denkmäler, die an die Deserteure der deutschen Wehrmacht erinnern. Das vom Biesenthaler Bildhauer Friedrich Schötschel (1926-2024) geschaffene Mahnmal wurde am 15. Mai 1998, dem „Tag der Kriegsdienstverweigerer“, eingeweiht. Am Fuß der Reliefplatte befindet sich der Widmungsspruch: „Gewidmet allen Deserteuren und Verweigerern / deren Heimat die Mutter Erde ist / die im Feind den Menschenbruder erkennen / die statt auf Generäle / auf den Befehl ihres Gewissens hören / die nicht an Ideologien / sondern am Leben hängen / deren Angst kleiner als ihre Liebe ist // Bernau 15. Mai 1998.“

Mühlentor stadteinwärts; im Hintergrund St. Marien. Foto: W. Brauer (2021)
Wenige Schritte vom Mühlentor entfernt stehen zwei weiß verputzte, zusammenhängende Gebäude an der Stadtmauer. Ein lustiges Holzrelief mit drei Galgenvögeln weist uns auf den weniger lustigen Zweck der Häuser hin: „Henkerhaus“. Bis weit in das 19. Jahrhundert wohnte hier der städtische Scharfrichter und betrieb nebenher wie alle seine Berufskollegen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine Abdeckerei. Die Richtstätte selbst, der „Galgenberg“, befand sich an der Zepernicker Landstraße. 1852 musste die Abdeckerei auf Ratskosten vor die Mauern der Stadt verlegt werden. Der Gestank wurde wohl unerträglich.
Im „Henkerhaus“ selbst ist eine Ausstellung des Museums Bernau zur Rechtsgeschichte untergebracht. Für Kinder ist das nicht unbedingt zu empfehlen. Nichtsdestotrotz gibt es hier um Weihnachten herum immer die traditionelle Ausstellung historischen Spielzeugs… Der Grund wird ein zutiefst profaner sein. Das „Henkerhaus“ ist beheizbar, das Steintor nicht.
Links neben dem Henkerhaus befindet sich ein zurückhaltend gestaltetes Denkmal, an dem wohl manche vorbeilaufen werden. Darum sei es hier unbedingt hervorgehoben: Es ist das erste Hexendenkmal auf ostdeutschem Boden. Die Arbeit der Wandlitzer Glaskünstlerin Annelie Grund (geb. 1953) erinnert an 25 Frauen und drei Männer, die zwischen 1536 und 1658 in Bernau der Hexerei angeklagt, gefoltert und anschließend umgebracht wurden. Annelie Grund hat ihre Namen und das Jahr ihrer Ermordung auf einer Cortenstahlplatte aufgelistet. Allein 1620 starben acht Opfer durch die Hand des Bernauer Scharfrichters. 2017 haben die Bernauer Stadtverordneten auf Initiative von Annelie Grund und der Historikerin Birgit Schädlich alle Opfer der Bernauer Hexenverfolgungen rehabilitiert. Zugegeben, ein sehr formaler Schritt – aber ich finde es gut, wenn ein Stadtparlament heute energisch seine Stimme gegen Menschenhatz erhebt.

Friedrich Schötschel: Deserteursdenkmal / Reliefplatte (1998); daneben Annelie Grund: Denkmal für die Opfer der Hexenverfolgungen (2005), die Namensliste befindet sich auf der rechten Metallplatte. Fotos: W. Brauer (2025)
Wir gehen weiter entlang der Mauer Richtung Pulverturm. Das ist der zweite Rundturm der Stadtmauer. Der Name suggeriert, dass der Turm der trockenen Aufbewahrung der städtischen Schießpulvervorräte diente. Es war üblich, dafür separate Bollwerke mit extra verstärktem Mauerwerk zu nutzen. Dank seiner soliden Bauweise blieb der 29 Meter hohe Turm erhalten. Als Pulverturm wurde er aber erst im 19. Jahrhundert benamst. Vorher nannte man ihn in Bernau „Bullenturm“. Mit dem Nachlassen der militärischen Bedeutung der Befestigungsanlagen hatten die Bernauer Bürger vor dem Turm eine Rinderkoppel angelegt. Heute befindet sich hier ein weiterer Mauerdurchbruch zum Stadtpark hin.
Und direkt an diesem Mauerabschnitt ein weiteres Denkmal, das aufmerken lässt. Eine von Jan Skuin (1943-2018; der Schüler von Fritz Kühn hatte sein Atelier in Berlin-Bohnsdorf) geschaffene Stele und ein Marmorrelief von Werner Stötzer (1931-2010) erinnern an den Filmregisseur und Präsidenten der Akademie der Künste der DDR Konrad Wolf (1925-1982). Der Sohn der Schriftstellers Friedrich Wolf kam im April 1945 als junger sowjetischer Offizier nach Bernau und wurde hier der erste Stadtkommandant nach der Befreiung. Wolf verarbeitete diese Erlebnisse in seinem Film „Ich war Neunzehn“ (1968). 1975 ernannte ihn die Stadt Bernau zum Ehrenbürger. An seinem Denkmal fand ich immer frische Blumen…

Jan Skuin: Stele für Konrad Wolf (Stahl) / Werner Stötzer: Relief für Konrad Wolf (Marmor), beides 1985. Foto: W. Brauer (2021)
Wir können jetzt ein Stück außerhalb der Mauer weitergehen. Nach etwa 150 Meter Weg führt ein kleiner Durchlass wieder in das Stadtinnere. Nur noch wenige Schritte und wir stoßen wieder auf die Berliner Straße. An deren anderen Ende erkennen wir das Steintor. De facto stehen wir auf den Grundmauern des nicht mehr vorhandenen Berliner Tores. Bis zur nächsten Querstraße wurde die Stadtmauer abgerissen. Ich nehme an, sie fiel dem Bau des wilhelminischen Amtsgerichtes zum Opfer. Damit schlösse sich der historische Kreis zum ausgehenden 15. Jahrhundert … Aber wir können dann wieder entlang akkurat sanierter Lughaus-Anlagen bis zur Alten Goethestraße laufen – und auf dieser Richtung Bahnhof.

An der Stadtmauer. Südlich davon befindet sich die Panke-Niederung. Auch die war im Mittelalter nur schwer passierbar. Foto: W. Brauer (2025)
… oder man kehrt zum Beispiel im „Leiterwagen“ ein und sucht das soeben Erfahrene bei guter märkischer Küche zu verarbeiten.
Danke für diesen interessanten Beitrag. Vor Jahren irgendwann mal in Bernau gewesen und dieses als unspektakulär empfunden, werde ich nächstes Jahr nun noch mal einen Ausflug nach Bernau machen und diesen Orten nachspüren.
Ein Besuch lohnt unbedingt, zumindest der Mauerrundgang, auch wegen der erstaunlichen Plastiken und Denkmale auf der Wegstrecke. ich habe alles so in Erinnerung, wie von Wolfgang beschrieben, nur blühten sommerliche Blumen im Stadtpark …