Im Mai 1848 besuchte Heinrich Heine den Pariser Louvre. Vor der Venus von Milo, der von ihm über alles bewunderten „Göttin der Schönheit“, brach der Dichter nach eigener Darstellung zusammen. Was folgte, waren 24 Jahre „Matratzengruft“. Er stand nie wieder auf. In Berlin gibt es eine Institution, die uns alle vor einem solchen Schicksal bewahren möchte: das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV). Die Behörde residiert in Weißensee unweit der dortigen Kunsthochschule. In ihrem Foyer stand sich bis vor kurzem auch eine Venus-Statue. Zwar nicht die von Milo, aber immerhin die Venus Medici aus dem 1. Jahrhundert v.u.Z.. Natürlich nicht das Original – das befindet sich in den Florentiner Uffizien –, aber eine respektable Kopie in Bronze aus dem 18. Jahrhundert. Noch brach kein Dichter vor ihr zusammen. Aber die Gleichstellungsbeauftragte des Hauses brach beim Anblick der nackten Schönen in Empörung aus, berichtete jetzt die Berliner Zeitung (Ingeburg Ruthe). Die Beauftragte, irgendwas muss man ja in solchem Amte tun, empfand offenbar die Figur als sexistisch und schwang die in solchen Fragen absolut tödlich Keule des Bundesgleichstellungsgesetzes. Die „Göttin der Schönheit“ verschwand daraufhin aus der sensiblen Berliner Öffentlichkeit – und tauchte inzwischen im Leipziger Grassi-Museum wieder auf. „Mein Leipzig lob ich mir…“ (Goethe). Die gute Nachricht aber, die stand nicht in der Zeitung: Noch haben die Taliban Berlin offenbar nicht übernommen. Glaub ich jedenfalls…
Übrigens: Schon Wilhelm Busch („Die fromme Helene“ [1872]) hatte offenbar so seine Probleme mit der Mediceischen Venus. Bei ihm fällt die Venus allerdings dem Kater Munzel zum Opfer:

Sehr in Ängsten sieht man ihn / Aufwärtssausen am Kamin. // Ach! – Die Venus ist perdü! – / Klickeradoms! – von Medici! (Kapitel 7).
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Nicht nur am Stammtisch, auch im Friseursalon, in der Warteschlange beim Bäcker und überhaupt überall dort, wo Menschen sich mit einer gewissen Vertraulichkeit begegnen, wird derzeit die Frage diskutiert, weshalb unsere Politiker so entscheiden, wie sie entscheiden. Die müssten doch Berater haben. Haben sie, aber die werden sich hüten… Am 20. Mai verglich der russische Wirtschaftsfachmann Sergej Aleksaschenko in einem Interview mit der Berliner Zeitung das Handeln der EU-Entscheider mit denen der Weichensteller in China und den USA: „In China und den USA haben Politiker das Sagen – in Europa sind es Bürokraten, die nach ganz anderen Logiken entscheiden. Diese ‚Eurokraten‘ haben kaum eine Vision für die künftige Weltwirtschaftsordnung – sie sitzen ihre fünfjährige Amtszeit ab und denken vor allem an ihre Anschlusskarriere.“ Wer tiefer schürft, stößt noch auf ein anderes Phänomen. Das hatte ein Hauptabteilungsleiter einer Berliner Senatsverwaltung einmal trefflich auf den Punkt gebracht: „Mir ist es egal, welcher Senator unter mir dient.“ Er hatte fünf von ihnen politisch überlebt, ehe er in den verdienten Ruhestand ging. Sein Überlebensrezept: Sowie sich ein Journalist oder Abgeordneter auch nur in der Ferne blicken ließ, ging der Mann auf Tauchstation. Die öffentlichen Auftritte überließ er grundsätzlich den „politischen Köpfen“. Die wurden natürlich vorher gründlich von ihm über das jeweilige Faktum und die Hintergründe „gebrieft“. War ja seine Aufgabe…
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Aquarianer wissen es: In jedes Becken passt nur eine bestimmte Anzahl Fische. Bei zu großer Bedrängnis – die Tiere können ja nicht flüchten – sichern sich unsere Schützlinge auf eine den Haltern nicht immer angenehme Art das Überleben. In der Medienwelt ist das nicht anders. Derzeit kann man das an einem großspurig angekündigten neuen Presse-Produkt des Berliner Verlegers Holger Friedrich erleben, einer Weltbühne, von der gerade die Ausgabe 1 erschienen ist. Das Blatt steht natürlich in Konkurrenz zu zwei anderen Publikationen, die sich auch selbsterklärt „in der Tradition“ der Weltbühne Kurt Tucholskys und Carl von Ossietzkys zu bewegen meinen. Man hat ähnliche publizistische – und politische! – Profile, zum Teil auch dieselben Autoren. Eine der beiden, Ossietzy, vollzieht aktuell mit einem „Editorial“ schon einmal den Kotau: „Die neue Zeitschrift will und wird Ossietzky nicht ‚ersetzen‘, sondern auf eigene Art ergänzen.“ Gut gebrüllt, Löwe! Holger Friedrichs Produkt ist also eine „Ergänzung“. Das wird ihn höchlichst erfreuen.
„Vorerst wird die neue Weltbühne, der wir maximale Erfolge wünschen, parallel zu Ossietzky und dem Blättchen erscheinen. Vielleicht wächst später zusammen, was zusammen gehört?“ So kommentiert Ossietzky-Mitherausgeberin Daniela Dahn in einer Art Leitartikel des neuen Blattes dessen Erscheinen. Um dann noch hinzuzufügen, dass man sich in dem „im weitesten Sinne linken, undogmatischen Spektrum“ mal vereinen könne… Nachtijall, ick hör dir trappsen, sagt der Berliner.
Wen Dahn nun unter „undogmatisch“ versteht, sagt sie nicht. Wahrscheinlich sich selber und die potenziell Beteiligten. Alle anderen sind natürlich die Dogmatiker… Quod esset demonstrandum. Auch das ist im „weitesten Sinne“ links. Quod erat demonstrandum, kann man nur mit Blick auf die letzten einhundertfünf Jahre Geschichte linker Bewegungen in Europa sagen.
Ansonsten ist das wohl wie mit den Fischen. In ein begrenztes Biotop mit begrenzten Resssourcen passt immer nur eine bestimmte Anzahl. Die anderen werden vertrieben oder gefressen. Vor vielen Jahren schrieb Daniela Dahn vortreffliche Bücher darüber, wie das ausging mit dem Zusammenwachsen des Zusammengehörigen. Auch Autoren vergessen mitunter.
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Poetischer Nachsatz. Warum zum Teufel, kommt mir bei solch vertrackten Sachen immer der Brecht in den Sinn? Hier die „Ballade vom Förster und der Gräfin“: „Es war eine Lieb zwischen / Füchsin und Hahn / ‚Oh, Goldner, liebst du / mich auch?‘ / Und fein war der Abend, doch / dann kam die Früh […]“ („Herr Puntila und sein Knecht Matti“).