von Wolfgang Brauer
Ein handfester Aufruhr lässt sich leicht anzetteln, wenn die Zeiten den Armen nur Not und Bedrängnis bringen. „Die Bösewichter müssen dran“, ist eine Forderung, der dann viele rasch folgen. Aber was dann? Die Gewalt, also die Herrschaft, müsse dem Volk gegeben werden, meinte Thomas Müntzer. Ja, es hatte sie – scheinbar jedenfalls – in weiten Teilen des Reiches in den Jahren 1524 und 1525. Es verlor sie wieder. Teils durch nackte militärische Gewalt, der man nichts entgegenzusetzen hatte. Aber auch, weil man „die Gewalt“ gutgläubig und leichtfertig selbst wieder aus der Hand gab. Den Herren jedoch war dies eine Lehre, die ihnen bis in das 20. Jahrhundert hinein in den Knochen saß.

So ähnlich mag er ausgesehen haben. Oder auch nicht. Es gibt kein einziges Porträt Gaismairs. Von seinen Feinden dagegen eine Vielzahl. Das ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die er mit Thomas Müntzer hat. Auch das oft abgebildete Porträt aus dem Großen Saal des Brixener Rathauses stammt aus der Zeit um 1900 und ist reine Phantasie.
Ein handfester Aufruhr bricht aber mitunter auch aus, wenn ihn scheinbar niemand erwartet und es sich auch im Nachhinein nicht feststellen lässt, ob eine lenkende Hand hinter ihm steckt. Der Ausbruch der Bauernaufstände 1524/1525 im Süden des Reiches gehorchte meist dem ersteren Muster. Die Zeiten waren „dem gemeinen Mann“ – wie man damals sagte – nicht wohl gesonnen. Der „gemeinen Frau“ erst recht nicht. Die Jahre um 1500 waren eine Umbruchzeit, die Lasten wurden – wie auch heute üblich – von oben nach unten abgewälzt. Die alten Herren mochten nicht von ihren Privilegien ablassen und suchten ihren materiellen Standard zu erhalten. Die neuen Herren, auch die der Städte, taten es ihnen gleich.
Im Frühjahr 1524 brechen die Aufstände zunächst im Bodenseeraum los – und greifen schnell auf fast ganz Südwestdeutschland über. Zunächst läuft das alles beinahe gewaltlos ab: Die Bauern bilden mitunter zu Zehntausenden bewaffnete „Haufen“, die Herren stehen dem fast hilf- und ratlos gegenüber. Etliche leisten sogar den ihnen abverlangten Eid auf die „Verbündnisse“ der Bauernschaft. Die Städte – deren innere Verhältnisse selbst von erheblichen sozialen Spannungen geprägt sind – verhalten sich abwartend. Wenige gehen zu den Bauern über und öffnen ihnen die Tore. Immerhin hat man einen gemeinsamen Feind: den nicht-protestantischen Klerus, vor allem die Klöster mit ihrem unerhörten Grundbesitz.
Im Frühjahr 1525 wendet sich das Blatt. Die hochgerüsteten und kriegserfahrenen Truppen des Schwäbischen Bundes – der war 1488 auf Veranlassung Kaiser Friedrich III. gegründet worden und sollte u.a. den Landfrieden sichern – waren bis dahin durch die Auseinandersetzungen mit dem württembergischen Herzog Ulrich gebunden. Am 4. April zerschlug der Schwäbische Bund bei Leipheim den Baltringer Haufen mit bis dato nicht gekannter Brutalität. Schätzungen gehen von 1000 bis zu 4000 erschlagenen Bauern aus. Die unter Führung des Truchsesses Georg III. von Waldburg („Bauern-Jörg“) stehenden Truppen zogen bis zum Frühsommer 1525 eine blutige Spur der Verwüstung durch Süddeutschland. Am 4. Juni war mit dem Sieg des Bundes über die Bauern vor Würzburg der Bauernkrieg im Süddeutschen de facto beendet. Im Juli schlug der Truchsess noch den Aufstand der Allgäuer Bauern nieder. Am 5. November kam es im Klettgau zur letzten militärischen Auseinandersetzung des Bauernkrieges.
Allein den Landsknechten des Schwäbischen Bundes fielen zwischen 15.000 und 20.000 Bauern zum Opfer. Insgesamt geht man heute von ca. 75.000 Erschlagenen, manche sprechen von 100.000 Toten, auf Seiten der Aufständischen aus.
Im Alpenraum brach der Aufstand hingegen aus, obwohl ihn scheinbar niemand erwartete. Am 9. Mai 1525 wollte der Fürstbischof von Brixen – das lag inmitten der Grafschaft Tirol – einen rebellierenden Bauern und Fischer hinrichten lassen, dem seitens des Bischofs Unrecht geschehen war und der sich daraufhin durch Wahrnahme des Fehderechtes Genugtuung verschaffen wollte. Peter Paßler, so hieß der Mann, trieb es aber offensichtlich zu weit, fühlte sich zudem wohl zu sicher – und wurde ergriffen. Fürstbischof Sebastian Sprenz wollte ein Exempel statuieren, zog aber am Prozesstag für sich selbst die im Gegensatz zur eigenen Residenz festeren Mauern der Innsbrucker Hofburg vor. Nach der Verkündung des Urteils gegen den widerspenstigen Bauern an besagtem Tage sollte er in Brixen gegen Mittag enthauptet werden. Dazu kam es nicht. Paßler wurde von einer Vielzahl scheinbar plötzlich erschienener Standesgenossen befreit. Die Reisigen des Bischofs konnten nur noch zuschauen. Sprenz muss den Braten gerochen haben.
Einen detaillierten Bericht über die Geschehnisse verfasste der Schreiber des Fürstbischofs, der mit diesem zugleich seinen Abschied einreichte und auf die Seite der Aufständischen überging. Spätestestens am 13. Mai 1525 war Michael Gaismair Feldhauptmann der Brixener Bauern und zugleich so etwas wie der von Erzherzog Ferdinand – der spätere Kaiser Ferdinand I. – beauftragte Interimsverwalter des Fürstbistums. Der Kanzler des Erzherzogs blieb übrigens Sebastian Sprenz.
Gaismair hatte zunächst alle Trümpfe in der Hand: Im Unterschied zum Erzherzog verfügte er über kampffähige Truppen und die Mittel, diese auch zu finanzieren. Zudem hatte er entsprechenden Rückhalt in der Brixener Stadtbevölkerung, wie der Historiker Ralf Höller am 5. Juni auf einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin über erst kürzlich aufgefundene Dokumente berichtete. Höller hat über Michael Gaismair und dessen politische Visionen erst vor kurzem ein bemerkenswertes Buch vorgelegt.
Darin berichtet er detailliert über den Tiroler Aufstand und seine Hintergründe, auch über Gaismairs Scheitern im Frühsommer 1525, das nicht zuletzt auf das politische Geschick des Erzherzogs zurückzuführen war. Der spielte ein dreifach gestricktes Spiel. Er ließ Gaismair eine Zeitlang im Glauben, der Sache der Bauern und Knappen mit Sympathie gegenüber zu stehen. Schließlich rupften sie den Klerus, der auch Ferdinand zu mächtig war. Zugleich suchte er Kräfte zusammenzuführen, die letztlich dem Aufstand das Licht ausblasen sollten. Außerdem praktizierte er auf äußerst geschickte Weise das alte Prinzip des „Teile und herrsche!“ Der von Ferdinand orchestrierte Tiroler Landtag vom Juni und Juli 1525, auf den Gaismair und seine Leute große Hoffnungen setzten, führte zwar zu einer behutsamen Umgestaltung Tirols, erfüllte aber die Forderungen der südtiroler Aufständischen nur auf geringe Weise. Höller sieht diesen Landtag „durchaus als Meilenstein für die Entwicklung der Demokratie“. Immerhin suchte und fand man Kompromisse, die dann auch von allen eingehalten wurden. Von den meisten Verträgen im süddeutschen und thüringisch-fränkischen Aufstandsgebiet kann man das nicht behaupten.
Am Ende saß Gaismair in Innsbruck in Haft, konnte aber in die Schweiz entweichen. Hier nahm er Kontakt zum Züricher Reformator Huldrych Zwingli auf. Beider Pläne, neben den revolutionären (reformatorischen) Schweizer Kantonen aus der Grafschaft Tirol eine Art zweite Alpenrepublik zu machen, kam allerdings Ferdinand zuvor.
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Radstadt (Tauern). An diesen Mauern scheiterte auch Gaismair im Juni 1526.
Foto: Wolfgang Brauer (2014)
Im Graubündner Exil verfasste der eingeschneite Rebell aus Brixen im Winter 1526 eine politische Programmschrift, die es in sich hat. Ähnliches wurde in Europa erst wieder 200 Jahre später im Umfeld der Französischen Revolution verfasst: „Das ist die Landesordnung, so Michl Gaismair gmacht hat im 1526. Jahr“ lautet der etwas sperrige Titel der Schrift. Sie ist nicht mehr und nicht weniger, als „ein revolutionäres Modell eines Staates, das seinem Ideal einer egalitären Gemeinschaft von Freien entsprach; ganz ohne feudale Privilegien und hierarchische Strukturen“ (Ralf Höller). Und – das sei hier aus aktuellem Grund hinzugefügt – eines Staatswesens, das eine friedensorientierte Außenpolitik betreibt und dennoch gegen Angriffe Dritter gewappnet ist: „Man soll auch gute Verständnus zu anstoßenden Länderen machen … Man soll ein tapfere Summa Gelds zum Vorrat machen, ob das Land ein unversehner Krieg anfiel.“ Es lohnte sich, die „Landesordnung“ Gaismairs genauer zu lesen – sie ist leicht zugänglich.
Das war sie übrigens auch in der DDR, auch wenn die von Gaismair geführte Aufstandsbewegung hier lange nur als letztes Aufzucken nach der Niederlage der Bauern bei Frankenhausen betrachtet wurde. Dieser Unsinn hält keiner auch nur oberflächlichen Betrachtung stand. Noch 2017 schrieb Gerhard Feldbauer in der DKP-Zeitung UZ, dass die „Saat“ der „Müntzerschen Emissäre“ (Friedrich Engels) in Österreich „zu spät“ aufgegangen sei. Und Gaismair wird von ihm als „ein Müntzerscher“ betitelt. Höller weist auch das entschieden zurück. Michael Gaismair war mit Sicherheit auch militärisch einer der fähigsten Bauernführer seiner Zeit und wohl der einzige mit einem konsequent durchgearbeiteten politischen Programm. Seine Schrift enthält etliche Gedanken und Vorschläge, die auch mitten im 21. Jahrhundert noch erstaunlich aktuell wirken. Es ist kein Zufall, dass sich die Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes am 22. Februar 2025 explizit mit Michael Gaismairs Gedankenwelt auseinandersetzte und bemerkenswerte Parallelen zwischen der Situation um 1525 und der heutigen zog.

Radstadt (Tauern): Kapuzinerturm. Im dortigen Stadtgeschichtlichen Museum wird auch an Gaismair erinnert. Foto: Wolfgang Brauer (2014)
Gaismair versuchte noch zweimal, seine Pläne militärisch durchzusetzen: 1526 eilte er mit seinen Leuten den Bauern im Salzburger Land und der nördlichen Steiermark zu Hilfe. Allerdings scheiterte auch er an den festen Mauern von Radstadt. Seinem Heer fehlte das Belagerungsgeschütz. Er vermochte es aber, seine Truppen vor dem Zugriff des inzwischen in Österreich eingreifenden Schwäbischen Bundes zu entziehen und unbeschadet in die Republik Venedig zu führen. Von hier aus beteiligte er sich an deren antihabsburgischen Zügen. 1529 schloss Venedig allerdings Frieden. Gaismair zog sich auf ein Landgut in Padua zurück. Hier fiel er 1532 Ferdinands Meuchelmördern zum Opfer. Die Herren verzeihen nie…
Ralf Höller: Die Bauernkriege 1525 / 26. Vom Kampf gegen Unterdrückung zum Traum einer Republik, Verlag W. Kohlhammer. Edition Raetia, Stuttgart /Bozen 2024, 266 Seiten, 27,00 Euro.