von Wolfgang Brauer
Wer sich durch das steirische Ennstal vom Salzburgischen kommend Richtung Nationalpark Gesäuse in den Kalkalpen bewegt, passiert kurz vor dem Einstieg in den Durchbruch der Enns die Marktgemeinde Admont. Der Ort – wiewohl äußerst malerisch gelegen – zeigt dem Durchreisenden das so manche Gemeinde dieser Gegend kennzeichnende griesgrämig-graue Alltagsgesicht. Das hat viele Gründe, ist aber hauptsächlich der mindestens seit dem 18. Jahrhundert schwierigen wirtschaftlichen Lage des Ennstales geschuldet. Dennoch gehört Admont für mich zu den Orten im Alpenraum, die eine unerhörte Anziehungskraft haben.

Benediktinerstift Admont: Bibliothekssaal von Süden. Foto: W. Brauer (2025)
Nicht zuletzt liegt das am erst 1074 gegründeten Benediktinerstift, Admont selbst ist mindestens 200 Jahre älter. Wenn man das Stiftsgelände betritt, wird man sofort gefangengenommen von der eigentümlichen Atmosphäre des Ortes. Eine andere Welt, dennoch auch hier auf den ersten Blick nichts sonderlich Spektakuläres. Die Stiftskirche St. Blasius ist ein architektonisch auftrumpfender Bau mit zwei weithin sichtbaren Türmen aus der zweiten Hälfte der 1860er-Jahre, entworfen vom Grazer Architekten Wilhelm Bücher. Wer Neogotik mag, wird St. Blasius schön finden. Im Kircheninneren finden sich auch einige bemerkenswerte Ausstattungsstücke. Natürlich ist der Bau in sich stimmig. Bauherren waren die Benediktiner, die verstanden schon immer etwas vom rechten Maß in der Bau-Ästhetik. Und sie hatten einen guten Grund für den Neubau.
Am 27. April 1865 nämlich wurde ein Wirtschaftsgebäude am mittleren Markt der Gemeinde Admont angezündet, „um dem Besitzer Schaden zuzufügen“, so Stiftsprofessor Thassilo Weymayr in seinem Augenzeugenbericht über das damalige Geschehen. Der Brandstifter hatte Erfolg. Der Ort brannnte fast komplett herunter. Auch das Stift wurde einschließlich des Münsters fast komplett zerstört. Lediglich einige Wirtschaftsgebäude und – ein wahres Wunder! – die einhundert Jahre zuvor errichtete Bibliothek konnten gerettet werden. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass man in weiser Voraussicht 100 Jahre vorher brandschutztechnisch solider als bislang üblich an den Bibliotheksneubau heranging. Ob der Schurke gefasst werden konnte, verschweigt Weymayr leider.
Und diese Bibliothek ist es, die einen magischen Sog ausübt. Der 1776 vollendete Bibliothekssaal – er gilt als weltweit größter Saal einer Klosterbibliothek – ist heute Bestandteil der Museen des Benediktinerstiftes, die Bibliothek kann aber nach vorheriger Anmeldung auch separat genutzt werden. Sie verfügt heute über einen Bestand von zirka 200.000 Bänden, davon sind 60.000 im barocken Bibliothekssaal aufgestellt. Natürlich kann man sich einer Führung anschließen, für die „Erstbegegnung“ empfehle ich aber einen individuellen Gang.

Bartolomeo Altomonte: Göttliche Offenbarung (1774-1775). Die „Offenbarung“ auf dem Wolkenthron im Zentrum des Bildes. Die vier „Irrlehrer“ auf den Wolken am unteren Bildrand haben natürlich nicht an ihr teil, sondern stürzen deutlich erkennbar in den Irrsinn.
Foto: W. Brauer (2025)
Der Saal befindet sich im Obergeschoss des zentralen östlichen Quergebäudes des Stiftsgeviertes. Man betritt ihn durch eine unspektakulär gehaltene Tür – und geht erst einmal moralisch in die Knie… Uns öffnet sich ein 14 m breiter, aber 70 m langer dreiteiliger Raum mit einer Höhe von elf Metern; der mittlere Teil, der Kuppelsaal, erreicht 12,7 m. Der lichtdurchflutete Saal – ein genialer Wurf des Grazer Baumeisters Josef Hueber (1715-1787) – erstrahlt nach der letzten Restaurierung in Weiß und Gold. Das Ganze ist eine gestaltgewordene Hymne auf das Wissen. Dazu tragen auch die Deckenfresken Bartolomeo Altomontes (1694-1783) bei, die die Stufen des menschlichen Wissens verkörpern sollen. Natürlich gipfeln sie in einer furios gemalten göttlichen Offenbarung, die die Mittelkuppel schmückt. Wir sind schließlich in einer Klosterbibliothek. Und die diente durchaus ideologischen Zwecken und leistete ihren Beitrag im Streit der Ideologien der frühen Neuzeit. Aber dazu noch weiter unten.
Der baulichen Dreiteilung entspricht die Aufstellung der erwähnten 60.000 Bände. Im südlichen Abschnitt, dem wir nach dem Betreten das Saales als erstem begegnen, steht die weltliche Literatur. Im nördlichen, also im hinteren Drittel, finden wir die Theologie. Der Raum unter der Mittelkuppel ist der Bibelsammlung des Stiftes und diversen Ausgaben der Kirchenväter vorbehalten. Vier Regalflächen sind allerdings auf täuschende Weise nur aufgemalt. Man erkennt sie an den unauffälligen Schlitzen auf den halbhohen Borden: hier verbergen sich die Treppen zu den oberen Galerien. Das Führungspersonal amüsiert sich regelmäßig köstlich über die verblüfften Gesichter der Besucher..
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Fotos: W. Brauer (2025)
Im Bereich der Mittelkuppel befinden sich auch die markantesten plastischen Bildwerke des Bibliothekssaales. Es handelt sich um vier überlebensgroße Darstellungen „Die letzten Dinge“: Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Der Stiftsbildhauer Josef Stammel (1695-1765) schuf sie um 1760, also noch vor der Errichtung des Hueberschen Bibliothekssaales. Stammels Arbeiten wurden hier nachträglich eingefügt. Noch am originalen Ort inklusive der ursprünglichen Zusammenhänge – das Barock bevorzugte komplexe Bildprogramme – befindet sich der Hochaltar der Wallfahrtskirche „Praesentatio Mariae“ Frauenberg bei Admont. Stammel fertigte ihn 1740. Dieser Altar verlangt von den Gläubigen die absolute Unterwerfung. Seine von derselben Frömmigkeit getragenen, sehr expressiven „Letzten Dinge“ wirken vom aufklärerisch geprägten Geist des Hueber-Altomonteschen Bibliothekssaales hingegen merkwürdig gebrochen.

Josef Stammel: Die vier letzten Dinge (1760) – Tod und Hölle.
Fotos: W. Brauer (2025)
Am stärksten wohl die Darstellung des Todes, der gerade den Heiligen Jacobus heimsucht. Eine gleichermaßen anziehende wie erschreckend-abschreckende Arbeit. Das vor Entsetzen verzerrte Gesicht des Sünders, den der Teufel auf seiner Schulter zur Hölle schleppt, wiederum ist von seiner bildnerischen Qualität durchaus mit den Masken der sterbenden Krieger vergleichbar, die Andreas Schlüter 1696/97 für den Innenhof des Berliner Zeughauses geschaffen hat. In der Jubiläumsausstellung der Admonter Stiftsmuseen ist eines der zentralen Objekte eine vergoldete hölzerne Vitrine mit dem Totenschädel Josef Stammels, die 1958 angefertigt wurde. Ein makabres, ja befremdliches Objekt, das aber durchaus die barocke Sicht auf den Tod ins Jetzt-Zeitliche zu transportieren versucht.
Nicht im Bibliothekssaal zugänglich sind die kostbare Handschriftensammlung des Stiftes – über 1400 Stücke, die ältesten aus karolinigischer Zeit – sowie die 530 Inkunabeln und 400 Frühdrucke. Die sind Sonderausstellungen vorbehalten. Die Stiftsbibliothek präsentiert immer wieder aufs Neue ausgewählte Stücke. Einige prachtvolle und für die Geschichte des Stiftes aussagefähige Exemplare sind in der aktuellen Jubiläumsausstellung „Admont 1074 – Ein Streifzug durch die Stiftsgeschichte“ zu bewundern.

Salzburger Evangelium (um 1070): Der Evangelist Lukas (Ausschnitt). Pergamenthandschrift, Stiftsbibliothek Admont, Cod. 511.
Foto: W. Brauer (2025)

Keine Handschrift: Die erste gedruckte lateinische Werkausgabe des griechischen Arztes Galenos (zwischen 128 u. 131-zwischen 199 oder 216), herausgegeben von Diomedes Bonardus, Venedig 1490 bei Filippo Pinzio. Der Admonter Abt Antonio Gratiadei erwarb das Buch in Italien und ließ die Titelblätter bemalen. Bei der rechten Darstellung dürfte es sich um ein Porträt Gratiadeis handeln. Stiftsbibliothek Admont, Ink. 76/11. Foto: W. Brauer (2025)
Beachten sollte man aber auch einige weniger auffällige Buchexemplare, die sich in der Abteilung befinden, in der die Geschichte des Stiftes in der Zeit der Gegenreformation erzählt wird. In dieser Gegend fand diese ihren Höhepunkt mit der Vertreibung der Salzburger Protestanten 1731/1732 durch Fürstbischof Firmian, in deren Zuge über 20.000 Menschen das Land verlassen mussten. Das war etwa ein Siebtel der Bevölkerung des Fürstbistums. Allein im Pongau standen danach 1544 Höfe leer. Ökonomisch gesehen war das Irrsinn, aber so etwas hat Glaubenskrieger bis auf den heutigen Tag noch nie interessiert.
Die große Wirkung des reformatorischen Gedankengutes beruhte nicht zuletzt auf der Kraft des gedruckten Wortes. Erst mit dem Ende des 16. Jahrhunderts hielten in der Steiermark die Vertreter der Gegenreformation mit dem Buch dagegen. Zum Beispiel mit diesem: „Der Evangelische WetterHan. Das ist: Ungleiche Rede Martini Lutheri Von den fürnembsten Artickeln Christlicher Religion“. Ein 1587 in Graz gedrucktes Exemplar aus der Stiftsbibliothek wird in der Ausstellung gezeigt. Daneben liegt ein 1742 in Tübingen gedrucktes Exemplar von Johann Arndts „Paradieß-Gärtlein zur Übung des wahren Christentums Durch Geistreiche Gebeter“. Das Buch wurde 1756 vom Kulmer Vicarius Franz Karl Schober der Gertraud Trischerin aus Ramsau am Dachstein abgenommen und in die Stiftsbibliothek gegeben. Vom ideen- und erfolgreichen Kampf der Ramsauer um „ihren“ (lutherischen) Glauben aber ein ander Mal.

Der Evangelische WetterHan, Graz 1587, Stiftsbibliothek Admont. Die antipapistischen Streitschriften der Protestanten waren auch nicht netter… // Johann Arndt: Paradieß-Gärtlein, Tübingen 1547, Stiftsbibliothek Admont. Links auf dem Schmutzblatt der Vermerk Schobers über die Beschlagnahmung des Buches. Fotos: W. Brauer (2025)
Mit den verstockten Lutherischen hatten auch die Benediktiner all die Zeit über ihre Not. Letztlich triumphierten sie. Aber das hatte hauptsächlich mit der eisenbewehrten Faust der habsburgischen Landesherren zu tun. Nur einer von diesen wurde ihnen gefährlich: Kaiser Joseph II., Sohn und Nachfolger der Maria Theresia. Der nahm es mit der Aufklärung allzu ernst, verbot den Wienern die „schöne Leich“ und wollte auch Admont säkularisieren. Die Bücherbestände wären mit Sicherheit in die kaiserlichen Sammlungen nach Wien gelangt. Aber den Admonter Äbten gelang es, sich mit einigen argumentativen Tricks unter den Schutzschirm der Salzburger Fürstbischöfe zu bewegen. Salzburg war damals für Österreich noch Ausland. Joseph wollte keinen zusätzlichen Stress.
Den Besuch dieser Bibliothek – und der anderen Sammlungen des Stiftes – sollte man sich selbst mit einer Stunde stiller Nachdenklichkeit entlohnen. Die Admonter Benediktiner keltern auf ihrem Weingut „Dveri PAX“ im slowenischen Jarenina einen hervorragenden Furmint und einen netten Sauvignon Blanc. Auch der Rote (ein Pinot Noir) ist nicht zu verachten. Das ist sozusagen P 18. Für die U-13-Generation bietet das Museum Führungen an, die die Frage beantworten sollen „Warum gibt es bei uns so viele Bücher?“ Schon dieses Anliegen finde ich in unserer Zeit digitaler Volltrunkenheit verdienstvoll!
Bücher in „unserer Zeit digitaler Volltrunkenheit“ – wunderbar gesagt! Beim Durchlesen der Zeilen und Bestaunen der Fotos denke ich sofort an Umberto Ecos „Der Name der Rose“ und an den erblindenden Bibliothekar, Erzähler und Essayisten Jorge Luis Borges.
Danke!
In Admont denke auch ich immer wieder an Eco… Und an die Bibliotheksverhinderer in Berlin. Es gibt viele Möglichkeiten, das Volk mit intellektuellem fast food zufrieden zu stellen.
Die digitalen Dingers in Klein(!)kinderhand gehören dazu. Wenn mir junge Menschen voller Stolz erklären, sie läsen keine Bücher, wird mir schlecht. Das geschieht zunehmend häufiger.
Die Konsequenz aus dem banalen Satz „Wir lesen keine Bücher“ wäre wohl: „Wir brauchen keine Bücher“…
Wenn hier schon von Erinnerungen gesprochen wird. Mich erinnert der schöne Bericht an die Klosterbibliothek im Prager Stadtteil Hradčany (Burgstadt). Das dortige, unweit der Prager Burg gelegene Kloster Strahov bietet zwei ebenso beeindruckende Bibliothekssäle (Theologischer und Philosophischer Saal). Entstanden sind sie ebenso am Ende des 18. Jahrhunderts unter den Habsburgern. Sie sind lediglich in ihrer Dimension, aber nicht in der ausgestellten Pracht eine Nummer kleiner als der von Admont.