Ein Berliner Geschichtsbuch „von unten“ – Der Parkfriedhof Marzahn (3)

von Wolfgang Brauer

Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Zwangsarbeit 1939-1945



Denkmal für die Opfer der Vereinten Nationen (1951-1998). Foto: Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf

Ohne Einsatz von Zwangsarbeitern wäre die deutsche Wirtschaft im 2. Weltkrieg schnell zusammengebrochen. Allein in Berlin gab es mehr als 3000 Zwangsarbeiterlager. In Marzahn-Hellerdorf sind bislang mindestens 27 davon nachweisbar. Durch nicht ausreichende Ernährung, hygienisch miserable Unterkunftsbedingungen, mangelhafte medizinische Betreuung und oftmals unerträgliche Arbeitsbedingungen waren Erkrankungsrate und Sterblichkeit sehr hoch. Dazu kam, dass bei Bombenangriffen Zwangsarbeitern das Aufsuchen der Schutzräume verboten war.

Auf dem Parkfriedhof Marzahn sind ca. 1400 Zwangsarbeiter bestattet. Die meisten stammen aus der Sowjetunion und aus Polen. Diese damals so genannten „Ostarbeiter“ waren besonders miserablen Lebensbedingungen ausgesetzt. Unter den hier bestatteten Toten sind mindestens 100 Kinder. Man kann davon ausgehen, dass diese Anlage der größte Zwangsarbeiterfriedhof Berlins ist. Die Gräber konzentrieren sich auf die Felder 19 und 20, sind aber über den gesamten Friedhof zu finden.

1951 wurde ein erstes Ehrenmal errichtet. Es bestand aus einem ca. zwei Meter hohen, mit Kalksteinplatten ummauerten Sockel, der mit einem Eichenkranz aus demselben Material bekrönt war. Am Sockel befand sich die Inschrift „Hier mahnen 400 Opfer der Vereinten Nationen 1939-1945 Sie sahen die Heimat nie wieder“. Entwurf und Ausführung übernahm der Bildhauer Erwin Kobbert (1909-1969). Gegen Ende der DDR schien es fast völlig vergessen. Als wir es Anfang der 1990er Jahre während eines Schülerprojektes der damaligen 2. Gesamtschule Marzahn wiederfanden, war es vom Gestrüpp überwuchert. Das Ehrenmal wurde 1998 wegen Baufälligkeit abgetragen. Der Eichenkranz wurde für den Soldatenfriedhof des 1. Weltkrieges „umgenutzt“.

Auf Initiative des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf e.V. und des Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreises entstand deshalb ein neues, etwa 3,40 Meter hohes Denkmal. Eingeweiht wurde das ausschließlich aus Spendenmitteln finanzierte Werk am 27. Januar 2004.


Enthüllung der Stele Michael Kleins am 27. Januar 2004.
Foto: Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V.

Die auf einem von vier Inschriften-Platten umgebenen Sockel befindliche Stele wird bekrönt von einer unter einer imaginären Last niedergedrückten Männerfigur mit gesenktem Kopf. Schöpfer ist der Bildhauer Michael Klein (1943-2022). Gegossen wurde die Bronze von der Kunstgießerei Horst Borchardt in Schönermark/Amt Neuhaus. Von 2007 bis 2020 fand hier regelmäßig am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus auf Initiative der Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung und des Vorsitzenden des Heimatvereins ein „Stilles Gedenken“ statt. Diese Tradition zerbrach im bezirklichen Parteienstreit. Das Denkmal selbst wird immer wieder Opfer von Vandalismus und Buntmetalldieben.


25. Januar 2020: Stilles Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Links: Petra Rosenberg (Landesvorsitzende des Verbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg), Petra Pau (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags/DIE LINKE), Pfarrer Ernst-Gottfried Buntrock (Ökumenisches Forum Marzahn-Hellersdorf). Rechts: Das Ende des „Stillen Gedenkens“. Fotos: W. Brauer/2020

Gedenktafel für 20 junge polnische Zwangsarbeiterinnen

Inmitten der Gräberfläche, an deren Rand sich die beschriebene Stele befindet, stößt man auf ein besonderes Denkmal. Am 4. September 1943 starben bei einem Bombenangriff auf Berlin im Haus Grenzstraße 16 im Wedding zwanzig junge Frauen aus dem polnischen Łódź, die bei der AEG als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt waren. Die umgekommenen Frauen – die jüngste war 14 Jahre, die älteste 21 Jahre alt – wurden hier beigesetzt. Die Grabstellen konnten nach 1990 lokalisiert werden.


Aleksandra Wiśniewska (1929-1943). Foto: W. Brauer/2020

Die Erinnerungsplatte auf dem Sockelstein (Bildhauer: Feliks Grotek) geht auf eine Initiative Bolesław Zajaczkowskis (er verstarb 2007) aus Łódź zurück, der als junger Mann selbst Zwangsarbeit in Deutschland leisten musste. Zajaczkowski hatte eine Überlebende aus dem „Frauenlager“ Grenzstraße 16 kennengelernt und ihr versprochen, das Schicksal ihrer Kolleginnen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Tafel wurde mit Spendengeldern polnischer Bürgerinnen und Bürger finanziert und am 4. September 2004 enthüllt. Am selben Tag wurde auch eine Gedenkplatte für die 20 Frauen und Mädchen an der Stelle des zerbombten Hauses Grenzstraße 16 in Berlin-Wedding eingeweiht. Auch die Marzahner Tafel wurde 2024 Ziel von – offenbar politisch motiviertem – Vandalismus.



Jugendliche aus der polnischen Partnerstadt Tychy ehren ihre gestorbenen Altersgenossinnen anlässlich einer internationalen Jugendbegegnung am 8. Mai 2010. Foto: W. Brauer /2010

Gedenkensemble für die Sinti und Roma

Ab Mai 1936 wurde nördlich des Friedhofes inmitten der dort noch betriebenen Rieselfelder der sogenannte „Zigeunerrastplatz Marzahn“ eingerichtet, auf den ab 16. Juli 1936 die Berliner Sinti und Roma zwangsweise verbracht wurden. Der Standort – das Zwangslager war vom Berliner Magistrat auf „Initiative“ Berliner Gewerbetreibender gegründet worden – war von den Behörden bewusst gewählt worden. Die Unterkunftsbedingungen waren katastrophal, die hygienischen Verhältnisse menschenunwürdig. Die Sterblichkeit unter den zeitweise bis zu 1200 im Zwangslager Marzahn eingepferchten Menschen war hoch. 91 von ihnen sind auf dem Parkfriedhof beigesetzt worden. Offiziell bestand das Lager bis zum 1. März 1943. Dann wurden bis auf wenige Ausnahmen die Insassen nach Auschwitz verschleppt, wo die SS die allermeisten ermordete.

Der Schriftsteller und DDR-Umweltaktivist Reimar Gilsenbach (1925-2001) und der Marzahner Pfarrer Bruno Schottstädt (1927-2000) wandten sich 1985 mit der Forderung an Erich Honecker, der beiden Zwangslager Marzahn und Magdeburg öffentlich zu gedenken. Daraufhin wurde am 12. September 1986 der mit einer Inschrift vom Berliner Bildhauer Jürgen Raue gestaltete Findling eingeweiht. Damit dürfte der Marzahner Gedenkort die erste Sinti-und-Roma-Gedenkstätte in Deutschland überhaupt gewesen sein. Einer nicht ausrottbaren Legende möchte ich deutlich widersprechen: Die Verfolgung der Sinti und Roma war durchaus Thema in der DDR. Alex Weddings Kinderroman „Ede und Unku“ (1931) war Pflichtlektüre in allen 5. Klassen des Landes. Im ersten Kapitel schreibt Wedding: „Ich fürchte, meine Zigeunerfreunde sind nicht mehr am Leben. Die Hitlerbarbaren haben Juden und Zigeuner verjagt, vergast und erschossen, als wären sie keine Menschen, ja nicht einmal Vieh.“ Kinder fragen an solchen Stellen nach. Helmut Dziuba verfilmte den Roman 1980 für die DEFA („Als Ede Unkus Freundin war …“). Wer wissen wollte, der wusste…



Alex Wedding: Ede und Unku, Malik-Verlag 1931/Titelfoto. In der ab 1954 in vielen Auflagen im Kinderbuchverlag Berlin erschienenen Hardcover-Ausgabe befindet sich dieses Foto neben zahlreichen anderen der Erstausgabe. In der broschierten Schulbuchausgabe ist es nicht zu finden. Diese Ausgaben waren in der Regel ohne Illustrationen. Es ist mir bislang nicht gelungen, den Namen des Fotografen herauszufinden.

Am 12. Juni 1990 erfolgte eine Ergänzung in Form einer Gedenkplatte aus weißem Marmor: „Den Berliner Sinti, die im ‚Zigeunerlager‘ Marzahn litten und in Auschwitz starben / Mai 1936 – Mai 1945 / Atschen Devleha“ (Romanes: „Ruhet in Gott!“). Seit Juni 1991 informiert eine vom Bildhauer Götz Dorl geschaffene Bronzeplatte über die Geschichte des Zwangslagers. Im Dezember 2011 wurde auf Initiative des Landesverbandes Berlin-Brandenburg Deutscher Sinti und Roma e.V. auf dem ehemaligen Gelände dieses Lagers am Otto-Rosenberg-Platz ein „Ort der Erinnerung und Information“ eingeweiht. Auch hier finden regelmässig Gedenkveranstaltungen statt, organisiert vom Ökumenischen Forum Marzahn und dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V.

Petra Rosenberg, geschäftsführende Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V., spricht auf der Gedenkveranstaltung am 13. Juni 2010. Foto: W. Brauer/2010

Am Magdeburger Fürstenwall erinnert seit 1998 ein Mahnmal an das Schicksal der in Magdeburg seit 1935 bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz in einem Lager eingepferchten Sinti und Roma. Unter diesen etwa 470 Menschen waren auch Erna Lauenburger und ihre Familie. Erna Lauenburgers Sinti-Name war Unku, sie ist das Vorbild für Alex Weddings Kinderbuch-Figur. Die gesamte Familie wurde in Auschwitz umgebracht. Unku fiel wahrscheinlich im Frühjahr 1943 den „medizinischen Versuchen“ von Josef Mengele & Co. zum Opfer.

Mit meinen Versuchen, das unweit gelegene Grab Pfarrer Schottstädts unter Schutz zu stellen, scheitere ich seit Jahren. Ich finde, hier steht der Bezirk in einer unbedingten Bringeschuld seiner eigenen Geschichte gegenüber.


Foto: W. Brauer/2020

Sowjetischer Soldatenfriedhof und Ehrenmal

Der sowjetische Soldatenfriedhof ist einer von vier Soldatenfriedhöfen der Roten Armee in Berlin und weist mehrere Besonderheiten auf. Es ist die einzige alliierte Grabanlage in Berlin, die – in Abstimmung mit dem sowjetischen Stadtkommandanten – vollständig von Deutschen konzipiert und errichtet wurde. Eröffnet wurde er am 7. November 1958, dem Jahrestag der Oktoberrevolution 1917 in Russland.

Es hatte sich 1957 als notwendig erwiesen, den ursprünglich im Schlosspark Biesdorf befindlichen Soldatenfriedhof aufzulösen. An diesen Friedhof erinnern noch Reste der Ummauerung – an der Auffahrt zum Schloss Biesdorf von der Straße Alt-Kaulsdorf linkerhand zu finden –, drei erst vor wenigen Jahren gepflanzte Birken und eine Gedenksteinsetzung im Pleasureground der Turmvilla. Von dort wurden insgesamt 462 Gräber an den Wiesenburger Weg umgebettet. Von den hier Bestatteten fielen mindestens 390 Soldaten und Offiziere bei den Kämpfen Ende April 1945 in unserer Region. Zudem – auch das eine Besonderheit dieses Ortes – fanden hier bis 1993 Beisetzungen verstorbener Angehöriger der Berliner Garnison und ihrer Familienmitglieder statt. Auch vereinzelt in der Region aufgefundene sterbliche Überreste unbekannter Soldaten der Roten Armee fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Insgesamt erfolgten bis zum Ende der Belegung 623 Bestattungen. Die Anlage wurde in den Jahren 1997/1998 und 2019 saniert und in den ursprünglichen Zustand versetzt. Da die Liegezeiten der nach dem 1. April 1952 Verstorbenen abgelaufen sind, wurden die Grabsteine abgeräumt. Die Grabstätten blieben erhalten.


7. November 1958: Einweihung des sojetischen Ehrenfriedhofs. Im Hintergrund die Urnengrabanlage. Das Foto wurde vom Sockel des Obelisken aus angefertigt. Foto: Archiv Parkfriedhof Marzahn

Bis zu 2,50 Meter hohe Stelen aus Lobejüner Porphyr flankieren den Hauptzugang zu einer ca. zehn Meter hohen Stele (ebenfalls Lobejüner Porphyr), die sich im Zentrum von vier Grabfeldern befindet. Richtung Westen wird der Friedhof begrenzt von einem terrassierten Bestattungsplatz für Urnen, in dessen Mitte – axial auf das Ehrenmal ausgerichtet – sich eine monumentale Muschelkalkurne befindet. Diese hat die Asche von 142 Sowjetsoldaten aufgenommen. Am Ehrenmal selbst sind zwei Platten (jeweils Deutsch und Russisch) mit der Inschrift angebracht: „Eure großen Heldentaten sind unsterblich. Euer Ruhm wird Jahrhunderte überdauern – Die Heimat wird euch stets in Erinnerung behalten.“ Auch die Muschelkalkurne wird von zwei Gedenkplatten (auch Deutsch und Russisch) flankiert: „Ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit und Unabhängigkeit der sozialistischen Heimat gefallen sind.“ Der Bauentwurf stammt vom Bildhauer Erwin Kobbert (1909-1969), die Gartengestaltung verantwortete der Gartenarchitekt Johannes Mielenz (1910-1982).

Danksagung
Es gibt noch immer keine größere Gesamtdarstellung des Friedhofes am Wiesenburger Weg in Berlin-Marzahn. Mein dreiteiliger Bericht wäre nicht möglich gewesen, ohne die vielen Gespräche und die tätige Mithilfe Dritter über viele Jahre hinweg. Für die Anregung, überhaupt über diesen Friedhof nachzudenken, danke ich meinen Schülerinnen und Schülern der Geschichtskurse der 2. Gesamtschule Berlin-Marzahn in den 1990er Jahren. Am 28. November 2009 durfte ich die Festrede zum 100-jährigen Bestehen des Parkfriedhofs anlässlich des dort stattfindenden Berliner „Tags des Friedhofes“ halten. Daraus resultierte eine vertiefte Beschäftigung. Sie mündete in die Erstellung der Texttafeln eines geplanten Wegeleitsystems für Besucherinnen und Besucher der Anlage. Dessen Realisierung ist derzeit offen.

Dank sagen möchte ich Dorothee Ifland und Iris Krömling (Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf) für die großzügige Bereitstellung von Archivmaterial, ebenso Klaus Leutner (Berlin-Köpenick) für viele Gespräche und die Möglichkeit, seine Rechercheergebnisse einsehen zu dürfen. Dank aber auch an Otto Rosenberg (1927-2001), Petra Rosenberg, Ernst-Gottfried Buntrock und last but not least an Dr. Christa Hübner (1951-2022), mit der ich viele Jahre im Heimatverein Marzahn-Hellersdorf zusammenarbeiten durfte.

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