Ein Berliner Geschichtsbuch „von unten“ – Der Parkfriedhof Marzahn (2)

von Wolfgang Brauer

Soldatenfriedhof für Gefallene des Ersten Weltkriegs

Es scheint auf den ersten Blick merkwürdig, dass auf dem Parkfriedhof Marzahn fernab der Fronten ein Soldatenfriedhof für Gefallene des Ersten Weltkriegs existiert. Aber Berlin war ein wichtiger Lazarettstandort, viele Schulen und Kliniken dienten diesem Zweck. In der Nähe befinden sich zum Beispiel das Königin-Elisabeth-Krankenhaus und die ehemalige Epileptische Anstalt Wuhlgarten (heute ist auf dem Areal das Unfallkrankenhaus Berlin [UKB]).


Foto: W. Brauer (2020)

Die Anlage unmittelbar am Hauptweg des Parkfriedhofes entstand 1916. Hier ruhen 141 deutsche Soldaten, die zwischen 1914 und 1921 starben. Jedes Grab wurde mit einer runden Liegeplatte mit Eichenlaubkranz und Eisernem Kreuz markiert. Die meisten Grabstellen sind mit den Namen und den Lebensdaten der Toten bezeichnet. Alle anderen lassen sich anhand der Totenbücher des Friedhofs identifizieren. Ein „Kriegerdenkmal“ ist die Anlage nicht, auch wenn sie immer wieder von Rechtsextremen zum „Heldengedenken“ missbraucht wird.


Rechtes „Heldengedenken“ April 2020. Todes- (Fächer nach unten) und Lebensrune (nach oben offener Fächer) waren im Dritten Reich gängiger Bestandteil von Grabinschriften bei SS-Männern. Foto: D. Ifland (2020)

Der Soldatenfriedhof wurde mehrfach saniert. Auch in der DDR war die Anlage immer in einem gepflegten Zustand. 1998 erfolgte die Platzierung des Eichenkranzes gegenüber dem Eingang zum Soldatenfriedhof von der Hauptallee aus. Der aus Kunststein gefertigte Kranz (Bildhauer Erwin Kobbert) gehörte ursprünglich zum 1998 abgetragenen Ehrenmal für die „Opfer der Vereinten Nationen“, dem Zwangsarbeiterehrenmal aus dem Jahr 1951. Ich halte diese „Umwidmung“ für einen denkmalpflegerischen Fehlgriff. Die Eiche im Zentrum der Anlage wurde erst nach 1945 gepflanzt. Die Anlage selbst entspricht in ihrer friedhofsgärtnerischen Gestaltung vielen anderen in Deutschland befindlichen Soldatenfriedhöfen des Ersten Weltkrieges und ist es wert, als bleibendes Zeugnis der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (so der amerikanische Historiker George F. Kennan 1979) erhalten zu werden.

Gedenkstein für italienische Soldaten des Zweiten Weltkrieges

Dieser Stein ist recht schwer zu finden. Man muss den Querweg unmittelbar neben dem Soldatenfriedhof Richtung Westen gehen. Am Rande des Feldes 18 findet sich ein bescheidener Grabstein, der 1996 auf Veranlassung des Verteidigungsministeriums der Republik Italien gesetzt wurde. Auf diesem Feld liegen acht Soldaten, die nach 1990 auf den italienischen Ehrenfriedhof auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf umgebettet werden sollten. Dieser Plan scheiterte, da die Gräber nicht mehr genau lokalisierbar waren.


Gedenkstein für die italienischen Soldaten. Foto: W. Brauer (2024)

Die Inschrift auf dem Stein ist allerdings irreführend. Korrekt übersetzt würde sie lauten: „In ewiger Erinnerung an die italienischen Gefallenen, die hier ruhen“. Es handelt sich nicht um gefallene Soldaten. Diese Menschen starben nicht in Kampfhandlungen, sie sind Opfer der Zwangsarbeit. Die Vorgeschichte: Am 25. Juli 1943 wurde in Italien der faschistische Diktator Benito Mussolini gestürzt. Am 8. September trat ein von der Badoglio-Regierung mit den Alliierten abgeschlossener Waffenstillstand in Kraft. Die deutschen Truppen entwaffneten daraufhin mit unerhörter Brutalität die vollkommen ahnungslosen italienischen Verbündeten. Rund 600.000 Italiener wurden nach Deutschland verschleppt.

Man stufte sie als „Italienische Militärinternierte“ (IMI) ein, um sie zur Zwangsarbeit einsetzen zu können. Von der Mehrzahl der Deutschen als „Verräter“ betrachtet kamen zu den sowieso schon miserablen Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter zusätzliche Schikanen dazu. Viele von ihnen starben durch Hunger, Krankheit und furchtbare Arbeitsverhältnisse. Nach der Befreiung dauerte es Jahrzehnte, bevor die Überlebenden selbst in Italien eine Rehabilitierung erfuhren – die allermeisten verweigerten den Eintritt in die Truppe der „Republik von Salò“ Benito Mussolinis. Unverständlicherweise galten sie dadurch auch im offiziellen Nachkriegsitalien als fahnenflüchtige Verräter. Eine Zwangsarbeiterentschädigung wird ihnen von Deutschland bis heute verwehrt.

Ich meine, es ist Zeit, diesen Männern an diesem Ort ihre Namen wiederzugeben. Zunächst soll das an dieser Stelle geschehen: Andre de Sonte, Francesco Salerno, Francesco Vacca, Torenti Gregulia, Diacci Dornieniso, Aldo Carello, Anito Isso und Guiseppe Robotti.

Gedenkstein der „Roten Matrosen“ Fritz und Albert Gast

Anfang März 1919 kam es in Berlin zu heftigen militärischen Auseinandersetzungen – den „Märzkämpfen“ zwischen revolutionären Arbeitern, Soldaten, Matrosen der Volksmarinedivision und Regierungstruppen. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) erließ einen Schießbefehl gegen alle, die mit einer Waffe in der Hand angetroffen wurden. Die Auseinandersetzungen begannen in der Mitte der Stadt, verlagerten sich aber zunehmend in die östlichen Arbeiterbezirke. In Lichtenberg wurden diese Kämpfe auch durch den erbarmungslosen Einsatz schwerer Waffen am 12. März mit der vollständigen Niederlage der Aufständischen beendet. Nach Angaben Noskes starben etwa 1200 Menschen – davon 75 auf Seite der Regierungstruppen. Am 12. und 13. März kam es an der Lichtenberger Möllendorffstraße zu standrechtlichen Erschießungen. Die Gedenkstätte „Blutmauer“ im Lichtenberger Rathauspark erinnert an diese Untat. Deren Gestaltung hatte 1959 der Bildhauer Erwin Kobbert vorgenommen. Eine Neugestaltung erfolgte 1978 durch den Kaulsdorfer Bildhauer und Bronzegießer Hans Füssel.


Berlin-Lichtenberg: „Blutmauer“. Neugestaltung Hans Füssel (1978).
Foto: OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Die elf Opfer, von denen nur acht namentlich bekannt sind, wurden auf dem Marzahner Friedhof begraben. Unter ihnen waren die Brüder Fritz und Albert Gast, beide Marineangehörige. Sie hatten vorher versucht, sich in der Wohnung der Mutter in der Gürtelstraße zu verstecken. Die Grabstelle der Brüder Gast ist die einzige, die in Marzahn als Zeugin dieser Geschehnisse erhalten blieb.


Foto: W. Brauer (2024)

Der Gedenkstein aus Kalksandstein wurde am 18. August 1957, dem Jahrestag der Ermordung des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann im KZ Buchenwald, eingeweiht. Die dargestellte geballte Faust war ein Symbol des Rotfrontkämpferbundes der KPD. Der Bildhauer ist unbekannt.

2019 hatte das Museum Lichtenberg den „Märzkämpfen“ eine gründlich recherchierte Ausstellung gewidmet. Im Begleitbuch „Schießbefehl für Lichtenberg. Das gewaltsame Ende der Revolution 1918/1919 in Berlin“ sind die Geschehnisse dokumentiert.

Gedenkstein für die Opfer des Faschismus (OdF)

Bereits am 31. Oktober 1945 berichtete die von der CDU herausgegebene Neue Zeit in einem Artikel „Auf dem Friedhof von Marzahn“ darüber, dass es Mitarbeitern des Friedhofes gelungen sei, 52 Urnen von Opfern des Naziterrors – u.a. die der KPD-Führer John Schehr und Rudolf Schwarz – auf dem Wirtschaftshof zu verbergen. Sie sollten eigentlich dem Vergessensein überantwortet werden. Viele von ihnen wurden nach dem Krieg umgebettet, einige auf den „Friedhof der Sozialisten“ in Berlin-Friedrichsfelde, die Opfer des Altonaer Blutwochenprozesses liegen jetzt in Hamburg bestattet, die Toten der jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Auf den verborgenen Ort auf dem Marzahner Parkfriedhof weist heute nichts mehr hin.

Die Gedenkstätte rechts des Hauptweges wurde vermutlich zu Beginn der 1950er-Jahre errichtet. Der Bildhauer des Gedenksteines aus Lobejüner Porphyr ist unbekannt. Die Inschrift auf dem Stein bezieht sich auf 46 zwischen 1933 und 1942 im Strafgefängnis Plötzensee ermordete Menschen. Ihre Urnen wurden hier beigesetzt. Die Kennzeichnung erfolgte nach 1990 durch die im Land Berlin üblichen einheitlichen Keramikgrabplatten, die mit Vor- und Nachnamen und – soweit bekannt – mit den Lebensdaten versehen sind. Das auf seinem spitzen Winkel stehende rote Dreieck am Gedenkstein steht aber für die politischen Häftlinge der NS-Konzentrationslager.


Fotos: W. Brauer (2020)

Die Gesamtanlage ist durchaus problematisch und bedarf einer gründlicheren Erläuterung. Die meisten Opfer der NS-Justiz, an die hier erinnert wird, sind tatsächlich Menschen, die aus politischen Gründen ermordet wurden. Hier erinnern aber auch Steine an den Raubmörder Willy Gehrke oder an Charlotte Jünemann. Jünemann wurde am selben Tag wie Gehrke – am 27. August 1935 – enthauptet. Die junge Frau hatte ihre Kinder verhungern lassen. Die wurden übrigens – wie mir Klaus Leutner vor Jahren erzählte – nur wenige Meter weiter Richtung Haupteingang auf einer inzwischen aufgelassenen Kindergräberfläche bestattet. Auf die Kindergräber sollte, meine ich, ebenfalls künftig hingewiesen werden. Charlotte Jünemann war, wenn man sich ernsthaft mit den Akten beschäftigt, durchaus ein armes haltloses Luder, das plötzlich im Zentrum eines von Joseph Goebbels reichsweit propagandistisch „vermarkteten“ Schauprozesses stand. Ihr Gnadengesuch an den „Führer“ wurde von diesem abgelehnt. Die Nazis wollten an ihrem Beispiel zeigen, dass ihnen der „Schutz der deutschen Familie“ über allem stand…

Bisherige Versuche, der Ambivalenz dieser Gedenkstätte durch eine Umgestaltung gerecht zu werden, scheiterten an der lapidaren Mitteilung der Verantwortlichen in der zuständigen Senatsverwaltung, dass im „Unterschied zu seiner Errichtungszeit [gemeint ist der Gedenkstein]“ der NS-Opferbegriff heute weiter gefasst werde. Die seinerzeitige Senatorin Regine Günther (Bündnis 90/Die Grünen) drückte es Anfang 2018 in einem Schreiben an das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf so aus: „Es geht … nicht darum, ob der einzelne Verstorbene ggf. eine persönliche Schuld auf sich geladen hat, sondern darum, mit einem mahnenden Totengedenken … die Auswirkungen von Krieg und Gewaltherrschaft vor Augen zu führen.“ Nach dieser Logik war auch der von der SS in Buchenwald erschossene KZ-Kommandant Karl Otto Koch ein NS-Opfer.

Dieser Unwille zu einer differenzierteren Auseinandersetzung führte u.a. zu den absolut banalen und nichtssagenden Berliner Keramikplatten. Machen wir es etwas konkreter. Auf dem Parkfriedhof Marzahn liegen:

  • mehr als 1.400 Insassen des Arbeitshauses Rummelsburg und des Obdachlosenheimes Nordmarkstraße 15;
  • etwa 300 Opfer der Berliner JVA Plötzensee, Moabit, Tegel, des Frauengefängnisses Barnimstraße und des Zuchthauses Brandenburg-Görden;
  • mehr als 100 Opfer aus dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz;
  • etwa 90 Insassen des „Arbeitserziehungslagers“ Wuhlheide;
  • 28 Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Dachau, Buchenwald, Auschwitz, Sachsenhausen, Ravensbrück und Groß-Rosen;
  • 12 Menschen, die im Reichssicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße starben;
  • 6 „Euthanasie“-Opfer;
  • 6 jüdische Bürger;
  • 3 standrechtliche erschossene Wehrmachtssoldaten.

Die Liegeorte befinden sich an den unterschiedlichsten Stellen des Friedhofes. Es wird Zeit, dass dieser als Flächendenkmal unter Schutz gestellt wird. Seiner weiteren Nutzung als Begräbnisstätte würde das nicht widersprechen.

2 Kommentare

  1. Wie immer ein sehr kenntnisreicher und interessanter Artikel. Regt dazu an, den Parkfriedhof mal wieder zu besuchen. Er gehört zu den schönsten Berliner Friedhöfen.

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