von Ulrich Kaufmann
„Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt. Sie ist ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen. Sie ist Raub und Enteignung der Fähigkeiten und Eigenschaften …“
Oskar Negt (2001)
Der Lyriker und Dramatiker Braun ist als Prosaist gleichermaßen experimentierfreudig. Wir kennen ihn als Novellisten (Die unvollendete Geschichte, Das unbesetzte Gebiet), als satirischen Romanautor (Hinze-Kunze-Roman, Machwerk), als Verfasser von Kalendergeschichten (Flickwerk), Tagebuchschreiber und als glänzenden Essayisten. Eine Sonderstellung in seinem Werk nimmt die Erzählung Die hellen Haufen ein. Schon der Eingangssatz verblüfft: „Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden.“ Wie kann man von etwas „berichten“, das es nicht gegeben hat? Der Ich-Erzähler zögert: „Ich beginne wie ein Narr mit den Fakten.“ Immer wieder reflektiert Braun seine Erzählweise. Berichtet wird zunächst von Ereignissen, die Ex-DDR-Bürger noch in Erinnerung haben: In Bitterode (vulgo: Bischofferode) treten im Jahre 1993 Kalikumpel nach der Schließung ihres Salzbergwerks, das über einen „Müntzer-Schacht“ verfügte, in den Hungerstreik.

Sondershausen: Brügmanschacht. Nach längerer Stilllegung darf hier wieder Salz abgebaut werden – Streusalz für den Straßenwinterdienst in geringen Mengen. Ansonsten wird hier Sondermüll eingelagert.
Foto: W. Brauer (2025)
Tatsächlich wurde das volkseigene Kombinat Kali 1990 von der Treuhandanstalt in die Mitteldeutsche Kali AG überführt, die im Zuge einer Fusion mit der K+S AG Kassel das Werk zu schließen und Arbeitsplätze für über 1.000 Menschen zu vernichten begann, obwohl die Salzvorkommen noch für ein halbes Jahrhundert Abbau gereicht hätten. So ging es nur um die Ausschaltung eines Konkurrenten am Weltmarkt.
Die Kalikumpel organisierten neben dem Hungerstreik unter der Losung „Bischofferode ist überall“ auch einen Marsch nach Berlin. Hier setzt Volker Braun mit seiner Verarbeitung des Stoffes an. Die Neunzehn von den Tausend, denen ihre Arbeit und damit auch ihre Art zu leben, genommen wurde, erfuhren auf ihrer Fußreise zahlreiche Bekundungen der Sympathie, blieben jedoch isoliert: „Eine Karnevalsrotte, man applaudierte diesen Artisten, aber keiner kam mit.“ Mehr oder minder bekannte Personen der Nachwendezeit werden in das Erzählgeschehen einbezogen: eine Mutter Courage des Ostens namens Hilde Brand (Hildebrandt), ein Pfarrer Schurlemann (Schorlemmer) taucht auf, auch der ermordete Treuhandchef Rohwetter (Rohwedder) und Vogt (Thüringens Ministerpräsident Vogel) sowie die Bundestagspräsidentin Süßmund (Süssmuth) finden Erwähnung.
Doch in der Mitte des dreigeteilten Prosastücks, zu Beginn des letzten Parts, setzt etwas anderes ein: „Wenn man nun das Feld der Fakten verlässt, steht der unermessliche Bereich der Erfindung offen. Orte falsch geschrieben, die Figuren aus Rüben geschnitzt, die Handlung aus den Fingern gesogen … Man wird nur tiefer in die Geschichte dringen und sie einmal schärfer machen.“ Um einer Zuspitzung, einer Verschärfung der Geschichte in des Wortes doppelter Bedeutung willen berichtet der Erzähler, was hätte sein können: „Die Entlassenen bildeten wieder Brigaden.“ Hunderttausend folgen spontan dem Beispiel der Bergleute, schließen sich zu „hellen Haufen“ zusammen, es kommt zu blutigen Zusammenstößen mit der neuen Ordnungsmacht, zu Scharmützeln und Todesfällen.
Von Ernst Bloch, der Braun bereits 1979 den Titel zu seinem Gedichtband Training des aufrechten Gangs lieh, borgt sich der Erzähler sein Motto zu dem Prosaband: „Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.“ Der Widerstand gegen die Enteignung mündet auf dem Papier in jenen Aufstand, der nicht stattgefunden hat. Die „hellen Haufen“ (das Wort erinnert an die Verbände Götz von Berlichingens im Bauernkrieg) skandieren die Losung von 1989: „Keine Gewalt“. Doch in der zuletzt geschilderten Schlacht treffen sie auf die „schwarzen Haufen“ von Polizei und Militär, auf das Gewaltmonopol des Staates – deren Bezeichnung wiederum an die militärischen Verbände Florian Geyers gemahnen.

Käthe Kollwitz: Bauernkrieg. Blatt 4 – Bewaffnung in einem Gewölbe / 1906.
Foto: Sammlung W. Brauer
Dieser letzte Kampf findet auf einem giftigen Schlackeberg statt: „Einem Besitz, den sie nicht besessen hatten; einem Leben, für das man das eigene nicht in die Schanze schlägt. Sie selber der Abraum, ausgeworfen, abgetan, ein Menschenmüll …“ Am Tief- und Endpunkt der Erzählung ruft ein „Braun aus dem Vogtland“ – der Autor erinnert in der Geschichte Der berüchtigte Christian Sporn bereits an einen seiner Vorfahren – „GEWALT, GEWALT“, und es war nicht klar, wollte er sie „konstatieren oder ausrufen“. Georg Büchner, Leitstern Brauns seit Jahrzehnten, hat Gewalt als ein Mittel gesellschaftlicher Veränderung niemals ausgeschlossen. Auch Thomas Müntzer musste 1525 erfahren, dass der Kampf gegen die fürstlichen Heere ohne Gegengewalt unmöglich ist: „Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk.“
Braun bricht seine Schilderung des hoffnungslosen, unglaublichen, aber doch möglichen Aufstands unserer Tage mit permanentem Nachdenken über große Niederlagen deutscher Geschichte – namentlich im mitteldeutschen Raum. Erster Untertext der Braunschen Erzählung sind Erinnerungen an die Arbeiteraufstände in Mitteldeutschland zu Beginn der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Der Rebell Max Hoelz erscheint hier mit Klarnamen.
Vor allem ist es immer wieder der Bauernkrieg, auf den Braun zurückblickt. Auch das in der Tradition von Ernst Bloch, der 1921 über Thomas Müntzer als Theologe der Revolution geschrieben hatte. Über den Theologen Müntzer, der in der DDR bis zum Müntzer-Jahr 1989 nur als „Bauernführer“ galt, also um die Tiefenschicht seines Glaubens gebracht wurde. Betrog man sich selbst um diesen Müntzer, weil die DDR längst keinen Glauben mehr hatte? Freilich war das für Bloch ein ungeheuer radikaler, an die Wurzeln des Menschseins rührender Glaube: „Ekstase des aufrechten Gangs und des geduldlosesten, rebellischsten, ernstlichsten Willens zum Paradies.“ Utopie war für Bloch nicht das Gedankenkonstrukt einer idealen Gesellschaft, die irgendwann kommen werde, sondern das konkrete „Noch-Nicht“. Das, wonach sich Menschen im Innersten sehnen, denen eben dieses Sehnen zur Hoffnung und Triebkraft wird, das latent Mögliche zu verwirklichen, indem sie das Bestehende überwinden.
Ist es zu früh. Ist es zu spät heißt ein Gedicht von Braun „Für Thomas Müntzer“ im Training des aufrechten Gangs: „Wie wenig frei / Gehn wir aus uns, und hängen / In unsern Häusern. Und was sind das für Genossen / Ungleich selbst, und dulden die Räubereien / Hinter den Meeren / Oder Preußens Pfützen.“ Der Befund mündet in notwendige Veränderungen: „Ein Loch brechen in die Reden / und sehn, / Wie wir uns selbst / Zu gemalten Männlein machen.“ Und schließlich in eine Selbstermutigung: „Das Freudigste / im Zorn sagen / um bei Sinnen zu bleiben.“
Dem Gedicht war ein anderes vorangestellt: Richtplatz bei Mühlhausen. Braun fragt, warum nichts an die Hinrichtung des zu Tode gefeierten Revolutionärs erinnert. Er beschreibt den Ort einer Ernteschlacht, wie sie die Zeitungen damals vollmundig priesen. In den Anmerkungen heißt es: „Die Stelle, wo Müntzer von den Fürsten Ende Mai 1525 geschlachtet wurde, ist nicht gekennzeichnet.“ Dahinter steckt eine bittere Wahrheit: wer sich die Niederlage, die eigene Vernichtung nicht vorstellen kann, der wird blind für sein Tun, sein Scheitern.

Käthe Kollwitz: Bauernkrieg. Blatt 6 – Schlachtfeld /1907.
Foto: Sammlung W. Brauer
„Mintzer“ heißt die Hauptfigur der Braunschen Erzählung. Ein Wiedergänger Müntzers, von dem der Erzähler berichtet, dass er versucht habe, die Bauernheere mit den Bergknappen zusammenzuführen. Mintzer wird als Teil einer Runde gezeigt, in der „real existierende“ Geister wie Wolfgang Heise, Peter Geist u.a. sitzen, an den Rand gedrängte Figuren des intellektuellen Lebens in der DDR. Mintzer sei „Parteihochschüler gewesen und in die Realität relegiert“, das heißt strafversetzt worden. „Dort vegetieren wie je die Wissenschaften und Künste. Ein Abweichler von Graden, der sich da selbst bestätigt gefunden hatte.“ Die Gelehrten streiten über den Begriff des „Volkseigentums“. Mintzer: „Die letzte Volkskammer hat aus dem unvollkommenen unverhandelbaren Staatseigentum vollkommenes gemacht. Ihr erster und letzter Akt war die Volksenteignung. – Es in die Hand zu nehmen, sagte Mintzer, wäre die Revolution.“
Entscheidend tritt Mintzer beim Verfassen der „Mansfelder Artikel“ in Erscheinung: „Mintzer hatte natürlich die 12 Artikel bei sich, die die schwäbischen Bauern in Memmingen abgefaßt hatten. Wo vom Großzehnt, von den Diensten, vom Frevel die Rede sei, lese er mühelos Profit, Leiharbeit, Steuerhinterziehung.“ So übertrug Mintzer die „Mansfelder Artikel von den gleichen Rechten aller“ vom 16. ins 21. Jahrhundert. (Im Programmheft der Rudolstädter Inszenierung der Hellen Haufen fanden sich 2013 Brauns Thesen in roten Lettern auf einer Postkarte beigefügt.)
Am Vorabend der entscheidenden Schlacht, nachdem die Landesregierung die Bundeswehr angefordert hat, drängt Mitstreiter Finger, Mintzer möge einen „Ewigen Rat“ konstituieren und dort – wie Müntzer 1525, am Vorabend des letzten Gefechts in Bad Frankenhausen – „um sein Leben reden“. Mintzers Erwiderungen sind die letzten Worte, die er in der Erzählung spricht: „Leck mich am Arsch, sagte Mintzer. Mit eurer Ewigkeit. Es gibt nichts Bleibendes, Festes. – Ihre Nerven lagen blank. – Eine feste Burg. Unser Gott. Staat und Partei. Es gibt nichts, was Bestand hat. Eine bessere Welt! Die gute Ordnung! Sie wird nicht aus Zement gemacht. – Und was rettet uns dann? – Der Tod. Die Geburt.“


Käthe Kollwitz: Bauernkrieg. Blatt 7 – Die Gefangenen / 1908.
Foto: Sammlung W. Brauer
Auch an Werner Tübkes Bauernkriegsgemälde in der Rotunde, die seit 1989 auf dem historischen Schlachtberg steht, erinnert der Autor in seiner Erzählung. Zehn Jahre nach dem Buch kommt Braun in dem Langgedicht Grosse Leinwand auf Tübke in Bad Frankenhausen zu sprechen: „Wie aus der Tube gequetscht in dem Bau, das wäre / der Aufenthaltsraum für die Hellen Haufen gewesen / Wenn sie gekämpft hätten auf historischem Boden / Schlachtberg Blutruine, gegen die Truppen der Treuhand.“
Was hinderte die Hellen Haufen der Arbeitslosen, der unnütz gewordenen, der ausrangierten Massen, die sich plötzlich, nach dem Aufbruch vom Herbst ’89, jeder auf sich selbst als Bittsteller beim Arbeitsamt reduziert, im Abseits des Fortschritts wiederfanden, hier, auf historischem Boden, zu kämpfen? Weil sie erst im Verlust erlebt haben, dass der „Volkseigentum“ genannte Staatsbesitz etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun hatte? War es das bittere „Zu spät“, das die Kräfte erlahmen ließ, so dass man diesmal nicht auf die Straßen ging, nicht den nunmehr Herrschenden zurief, „das Volk“ zu sein, das sie in blühende Landschaften zu führen versprochen hatten?
Doch andererseits wäre denn ein blutiger Aufstand besser gewesen? Am Ende der Erzählung heißt es: „Diese Geschichte hat sich nicht ereignet. Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, daß sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.“
Der „Bericht“ über den nicht stattgefundenen Aufstand ist mehr als ein literarisches Experiment, mehr als eine Erinnerung an die widerständigen Bitteröder Kalikumpel. Er bleibt ein Vor-Wurf an unsere Phantasie, das So-Sein der Dinge, ihren Selbstlauf nicht hinzunehmend, das Bestehende als ein Feld von Möglichkeiten wahrzunehmen.

Käthe Kollwitz: Bauernkrieg. Ergänzungsblatt – Inspiration / 1905
Foto: Sammlung W. Brauer
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Nachsatz: Ich habe die Blätter aus dem Zyklus „Bauernkrieg“ (1901-1908) von Käthe Kollwitz aus zwei Gründen aufgenommen. Einerseits meine ich, dass diese Radierungen immer noch zu den wichtigsten bildkünstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Thema Bauernkrieg 1524-1526 in Deutschland gehören. Zudem war am 22. April der 80. Todestag der Künstlerin. Grund genug, auch in diesem Zusammenhang an sie zu erinnern.
Was den Bauernkrieg selbst anbelangt: Heute (26. April) vor 500 Jahren marschierte Landgraf Philipp von Hessen Richtung Hersfeld und von dort nach Fulda, um den Aufstand der hessischen und fuldischen Bauern niederzuschlagen. Von dort wandte er sich Richtung Thüringen. Philipps Geschützen fiel bei Frankenhausen am 15. Mai eine entscheidende Rolle zu.
Zeitgleich bewegten sich die Truppen des Schwäbischen Bundes unter Georg von Waldburg von der Bodenseegegend Richtung Tübingen und Böblingen. Hier leitete die blutige Niederlage der Bauern am 12. Mai 1525 eine Kette von Katastrophen ein…
(W. Brauer)