Eidinger spielt Richard III. -Fund-Stücke im Berliner Bühnen-Betrieb (7)

von Reinhard Wengierek

Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier hat sich, als Regisseur, von seinem Bühnenbildner Jan Pappelbaum in den Saal C seines Theaters mit großem Aufwand ein elisabethanisches Theater bauen lassen, eine Art „Globe“; mit massig Holz, stammend aus einem ehemaligen Motodrom. Das Publikum sitzt übereinander gestapelt auf drei Rängen im Halbrund über einer mit Sand gefüllten Arena – ein bisschen wie im Zirkus. Gegenüber vom Sand bis zur Kuppel eine hölzerne Palastarchitektur für artistische Auf- und Abtritte. Aus dem Bühnenhimmel hängt ein Seil mit Mikro und LED-Strahler, an dem sich „die Pestepidemie von einem Mann“ hinauf- und herab hangeln und frei schwingen kann. Es ist natürlich nicht Tarzan aus dem Kino, sondern „Richard III.“ aus William Shakespeares gleichnamigem Königsdrama. (Premiere war vor einem Jahrzehnt – bis heute taufrisch im Wahnsinn…)


Lars Eidinger als Richard III. – Schaubühne am Lehniner Platz (Regie: Thomas Ostermeier). Foto: Schaubühne / © Arno Declair

Allein schon das dicke lange Seil als spektakulär-spezielles königliches Spielzeug macht uns klar: hier macht allein Richard das Ding, sein Ding, sein Drama. Das ist auch bei Shakespeare so. Die Titelfigur als absoluter Solitär, so inszenierte Ostermeier vor Jahren schon den „Hamlet“; das war bei Shakespeare nicht ganz so. Trotzdem, es wurde für Ostermeier und seinen Star Lars Eidinger ein Erfolg, weltweit gespielt. Jetzt ist Eidinger Richard, und die vielen schwächlichen bis schwachen Figuren um ihn herum, die er auf seinem blutigen Weg zum Thron gebraucht, missbraucht, umbringen lässt, sind nur Staffage, sind mehr oder weniger willige Gehilfen für Richards kaltblütig mörderischen Aufstieg nach ganz oben. Steht so beim Autor, der die Karriere dieses Serienkillers nicht dadurch spannender macht, indem er ihn als verwachsene „Missgeburt“ ausstaffiert – was freilich Eidinger, ganz Theatertier, vehement ausstellt durch seinen umgeschnallten Buckel, den Klumpfuß, die verkrüppelte Hand, die Prothese im Gebiss sowie den spastischen Gang. Shakespeare macht aus seinem vielfach körperbehinderten Superschurken eine einzigartig gleißende, hinreißend eloquente, unglaublich verführerische Intelligenzbestie. Die kennt sich selbst, und die kennt die Welt.

Lars Eidinger spielt das hinreißend. Jeder Monolog, jede Szene ein Meisterstück an rhetorischer Überzeugungskunst. Da wundert sich Richard sogar selbst: Was für eine teigige, nach Gutdünken total manipulierbare Welt ist das, die sich da nach Lust, Ehrgeiz, Gier unheimlich flott zurecht formen lässt; man muss nur skrupellos Gas geben und geschickt drauflosreden: schon frisst einem alle Welt aus der Hand… Menschliche Hybris trifft auf Erschlaffung, auf eine Gesellschaft, die schier alles mitmacht und mit sich machen lässt, wenn man sie nur entsprechend bearbeitet. Richard, der perfekte Machttechniker, der geniale Propagandist. Das ist der zeitgenössisch relevante, höchst brisante Kern dieser hoch artifiziellen Inszenierung. Unsinn, wer da bloß herablassend lästert über Eidingers virtuose One-Man-Show; dabei kennt doch die Geschichte wie die Gegenwart genug derartige Unheil und Verwüstung über die Menschheit bringende Ein-Mann Veranstaltungen.

Natürlich wäre Ostermeier nicht Ostermeier, würde er nicht zum Schluss der gut zweistündigen Richard-Monomanie ein so tolles wie poetisch sinnfälliges Ende arrangieren: Da klettert Eidinger, wie Gott ihn geschaffen hat, also (fast) nackt, in einem grausigen Albtraum im dunklen Saal an seinem schwankenden Seil mit der Lampe hinauf in die Höhe, höher und höher bis in die Finsternis des Himmels. Bis dort das Licht – einer Sternschnuppe gleich – verlischt. Die verbrecherische Raserei im Irdischen verglüht schließlich weit weg und weit oben im unheimlichen, schwarzen Nichts. Großes Welttheater.

Nächste Termine: 4., 6., 7. September.

Ein Kommentar

  1. Tolle Rezension einer wohl tollen Aufführung!
    Die Manipulierbarkeit des Menschen – als Individuum oder als Kollektiv – kann gar nicht genug ausgestellt werden – auch wenn´s keinen wirklichen Erfolg zeitigt – same procedure as evry time.
    Kerstin Seifert

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