„Drum hab ich mich der Magie ergeben …“

Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Diese Schlussfolgerung zieht der hochgelehrte – ganz bescheiden meint er, gescheiter zu sein „als alle die Laffen, / Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen“ – Dr. Heinrich Faust, als er erkennen muss, dass sein angehäuftes Bücherwissen mitnichten dazu führt, dass er „erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält“ (Goethe: Faust I / Szene Nacht). Was Goethe hier seinen Protagonisten mit allerhand Brimborium – natürlich muss Faust sich gleich am Erdgeist versuchen und scheitert kläglich – vollziehen lässt, ist der „normale“ Weg, der seit Jahrtausenden Menschen zur Magie, zu magischen Praktiken verführt: Wo alle anderen Mittel nichts taugen, wo auch die Heilsversprechen der großen Ideologien versagen, egal, ob es sich um Religionen oder „wissenschaftlich“ begründete Weltanschauungen handelt, versuchten Menschen zu allen Zeiten „die Sache“ selbst in die Hand zu nehmen.

Im Wesentlichen handeln sie dann wie Heinrich Faust. Sie ziehen irgendeinen Kreis um sich – das kann auch ein imaginärer „Kreis“, ein Schutzzauber zum Beispiel sein. Das Böse hat schließlich draußen zu bleiben, und mit den Geistern ist nicht zu spaßen! Dann murmeln sie irgendwelche Zaubersprüche – das von uns als Kinder den Zirkuszauberern abgeguckte „Abracadabra“ ist tatsächlich eine schon in der Antike gebräuchliche Formel –, hantieren mit magisch aufgeladenen Artefakten – es gibt nichts, was nicht dazu taugt – und versuchen irgendwelche Geister zu zwingen, ihnen zu Willen zu sein und das Ersehnte in die Tat umzusetzen. Das und nichts anderes nennt man dann Magie. Die „weiße Magie“ ist gut und im Gegensatz zur „schwarzen“ (fast) überall geduldet. Faust ging allerdings mit dem Erdgeist ans Eingemachte…

Mit Religion hat das nichts zu tun. Religiöse Riten versuchen, den Willen der Götter zu erkunden, damit wir unser Leben an diesem ausrichten – allenfalls bittet man die Jungfrau oder die „Lieben Heiligen“… Aber hier werden die Grenzen fließend, keine Religion kommt ohne ein gewisses Quantum Magie (Fontane würde „Mumpitz“ dazu sagen) aus…

Erste Spuren magischen Handelns finden sich wahrscheinlich schon im Paläolithikum. Magische Praktiken erleben eine erste Hochzeit in den antiken Kulturen. Deren Religionshüter wussten, dass man die nicht ausmerzen kann. Lediglich die „schwarze Magie“ war schon im babylonischen Codex Hammurabi (18. Jh. v.u.Z.) bei Todesstrafe verboten. Erst mit dem Erscheinen der großen „Buch-Religionen“ gingen deren Ideologiewächter erbarmungslos gegen die magischen Werke und ihre Erzeuger vor. Sie witterten die Konkurrenz. Unter dem Zeichen des „Kampfes gegen den Aberglauben“ wurde das auch im realen Sozialismus – in der Sowjetunion mit durchaus tödlichen Folgen – praktiziert. Harald Meller und Kai Michel erzählen das auf packende Weise in ihrem Buch „Das Rätsel der Schamanin. Eine archäologische Reise zu unseren Anfängen“ (2022 bei Rowohlt erschienen). Meller ist Chef des Museums für Vorgeschichte in Halle/Saale.

Gerade die diversen Diskurse um die Deutung des mesolithischen Schamaninnengrabes (wahrscheinlich) von Bad Dürrenberg bei Halle dürften entscheidende Anregungen zur Konzipierung der aktuellen Sonderausstellung des Museums gegeben haben: „Magie. Das Schicksal zwingen“. Wer nun glaubt, das sei alles verstaubtes Zeug von gestern und vorgestern, irrt gewaltig.

Magische Praktiken sind wieder en vogue. Wie immer in Umbruchszeiten. Und immer mehr Menschen trauen wissenschaftlich fundiertem Erkenntnisgewinn nicht mehr über den Weg.
Die Ausstellung selbst bietet einen faszinierenden Zeitbogen von den schwer deutbaren Handabdrücken, die Neandertaler vor 65.000 Jahren auf den Wänden spanischer Höhlen hinterlassen haben, bis hin zu „Harry Potter“ und führenden Politikern aktueller europäischer Atommächte, die sich durchaus in mentaler Anhängigkeit von magischen Beraterinnen befanden. Das blaue Auge gegen den „bösen Blick“ über dem Schlüsselkasten in unserem Korridor nimmt sich dagegen geradezu harmlos aus.

Ausstellungs-Entrée: in der Bildmitte die Bizango-Armee aus Haiti. Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Die Ausstellung selbst empfängt uns mit einer durchaus schockierend wirkenden Inszenierung. In fahles rotes Licht getaucht steht mitten im Lichthof des Museumsbaus ein riesiger Käfig aus festen Eisengittern. In dem tummeln sich gruslige lebensgroße Figuren mit stark stilisierten Gesichtern, ganz in Schwarz und Rot gehalten. Die Gestalten wirken irgendwie mumienartig-bandagiert. Es ist eine Bizango-Armee aus Haiti. Schwarz und Rot sind die Farben der dortigen Geheimgesellschaften, teilweise – schreiben die Kuratoren – enthalten die Figuren menschliche Schädel. Die Bizangos sind neueren Datums, entstanden irgendwann vor 2009. Bislang sind etwa 200 solche Figuren bekannt. Welchen Zwecken sie genau dienen ist unbekannt. Aber sie werden von den haitianischen Geheimgesellschaften, den „Sans Poel“, verwendet, die inzwischen in weiten Landesteilen angesichts zusammengebrochener staatlicher Strukturen die Kontrolle übernommen haben und sich seit den Zeiten des Diktators Duvalier durchaus brutalster Methoden bedienen. „Schwarze Magie“ gehört zu ihrem gängigen Repertoire. Wir sind im 21. Jahrhundert …

Über dieser Installation leuchtet die Titelinschrift von Francisco de Goyas berühmter Radierung „El sueño de razón produce monstruos“ (1799): „Der Schlaf der Venunft gebiert Ungeheuer“. Darum geht es.

Jedenfalls sollte man sich Zeit für den Rundgang nehmen. Der Versuch einer Erklärung der Entstehung magischer Praktiken beginnt neben bis zu 40.000 Jahre alten Amuletten gleich mit einem archäologischen Paukenschlag, dem „Löwenmenschen“ aus der Höhle Hohlenstein-Stadel in der Schwäbischen Alb (ca. 41.00 bis 31.000 Jahre alt). Konfrontiert wird diese Arbeit aus Mammut-Elfenbein mit einer Schädelmaske der Linienbandkeramiker vom Siedlungsplatz bei Eilsleben in der Magdeburger Börde (ca. 5500-4800 v.u.Z.). Deren Entstehungszeit im Neolithikum – in dieser Zeit fassten Ackerbau, Viehzucht und über längere Zeiträume genutzte Siedlungsstrukturen bei uns Fuß – liegt angesichts der langen Spannen der Menschheitsgeschichte nicht allzu weit zurück … Ur- und Frühgeschichtler wissen, dass in unseren heutigen Verhaltensmustern durchaus steinzeitliche Prägungen nachweisbar sind. Diese Maske besteht aus einem abgetrennten und präparierten menschlichen Gesichtsschädel. Welchen Zwecken sie genau diente, ist angesichts der fehlenden schriftlichen Befunde nicht ganz klar. Aber es zieht sich eine lange Linie zu den Bizangos.

Schädelmaske der Linienbandkeramiker aus Eilsleben (ca. 5500-4800 v.u.Z), daneben der „Löwenmensch“ von der Schwäbischen Alb (31.000 bis 41.000 Jahre alt). Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Spannend sind die zahlreichen Objekte, die Schaden verschiedenster Art abwenden sollten. Das reicht von Amuletten, die Kindern mit ins Grab gegeben wurden, bis hin zu Darstellungen des Bösen an Kirchen- und Hausfassaden. Die Wasserspeier an den gotischen Kirchen sind wohl die unübersehbarsten Beispiele. Das Böse schreckt vor seinem eigenen Anblick zurück. Der griechische Held Perseus konnte die Medusa nur töten, weil sie vor ihrem eigenen Spiegelbild erstarrte und er so dem wehrlosen Monster das Haupt abschlagen konnte. In Halle werden Zeugnisse dieser wahren Horrorgeschichte gezeigt.

Man kann das Böse aber auch mit weniger drastischen Mitteln lahmlegen: An römisch-griechischen Häusern der Antike angebrachte erigierte Phallus-Darstellungen lenkten unwillkürlich den bösen Blick auf diese – und weg vom Ziel seiner ursprünglichen bösen anderen Gelüste. Mir war das neu, aber es entsprach damals wohl Alltagserfahrungen…

Und das ist sicher die harmlosere Art von Gebäudeschutz gegenüber den noch bis in die Neuzeit hinein auch in Deutschland praktizierten „Bau-Opfern“. Extrem konfliktverschärfend wirkt sich in Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ aus, dass der Deichgraf Hauke Haien den Bauern ein eben solches beim Bau des neuen Deiches verweigert: „Da muss was Lebiges rein!“ Nun war das „nur“ ein Hund. Am Torgebäudes des thüringisches Schlosses Burgk an der Saale ist ein solch eingemauerter Hund aus dem Jahr 1403 noch heute zu sehen.

Die Hallenser Ausstellung zeigt ein besonders gruseliges Beispiel aus der Salzmünder Kultur (Saalekreis) zwischen 3100-3400 v.u.Z.: Der Wehrgraben einer neolithischen Siedlung wurde mit menschlichen Überresten „ideell aufgeladen“. So auch mit dem Körper eines wohl zu diesem Zwecke erschlagenen einjährigen Kindes, dem man allerdings eine nachgebildete Plazenta mitgab. Es sollte schließlich da bleiben, wo man es deponierte.

Ein besonders furchtbares Kapitel vermeintlicher und tatsächlicher Magie wurde im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts geschrieben. Auch das war eine Zeit gravierender gesellschaftlicher Umbrüche, gekennzeichnet von fürchterlichen Kriegen, folgenschweren Klimaveränderungen (die „Kleine Eiszeit“) und Pandemien. Eine Folge waren europaweite Hexenverfolgungen, die ca. 40.000 bis 60.000 Menschen das Leben kosteten. Dreiviertel der Ermordeten in Mitteleuropa waren Frauen… Die Ausstellung zeigt Dokumente und Artefakte dieser Zeit, auch ein in Lyon 1669 (!) gedrucktes Exemplar eines der fürchterlichsten Bücher, die jemals geschrieben wurden: den „Malleus Malleficarum“ (Hexenhammer) des Henricus Institoris (Heinrich Kramer) aus dem Jahr 1486.

Und genau gegenüber hängt in einer Vitrine ein „Hexenhammer“, ein 35 cm langes martialisches, mit fünf spitzen Eisennägeln versehenes Holzinstrument. Mit diesem Hammer sollten Hexen vom Hof des Bauern abgeschreckt werden. Das tatsächlich Erschreckende: dieses Instrument stammt von einem saarländischen Hof und wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts angefertigt!

„Hexenhammer“ aus Eppelborn (Lkr. Neunkirchen) / Mitte 20. Jh. Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Vernunft und aufgeklärtes Denken hatten zu allen Zeiten einen schweren Stand. Ich habe diese Ausstellung in tiefer Nachdenklichkeit verlassen …

Magie. Das Schicksal zwingen, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, 06114 Halle (Saale), Richard-Wagner-Straße 9; noch bis zum 13. Oktober 2024. Zur Ausstellung erschien ein umfangreiches Begleitheft.

Informationen: https://www.landesmuseum-vorgeschichte.de/sonderausstellungen/magie-das-schicksal-zwingen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert