Im Januar hatte mich eine Aufforderung des Bremer Donat Verlags zur Subskription von Siegfried Breslers Buch über den Maler Heinrich Vogeler erreicht. Leider war der Zeichnungstermin bereits verstrichen. Im April war ich wieder einmal für wenige Stunden in Worpswede. Zu meinen ritualisierten Rundgängen dort gehören Vogelers „Barkenhoff“ – an jenem Tag entsetzlich überlaufen –, die „Große Kunstschau“ – eine abschreckende Baustelle drumherum – und Martha Vogelers „Haus im Schluh“. Dort umfingen mich Stille und eine neue Hängung mir sehr liebgewordener Bilder im Ausstellungsflügel des Hauses. Und an der Kasse ein Bücherstapel: Siegfried Breslers „Auf der Suche nach einer besseren Welt. Heinrich Vogeler 1872-1942“.

Heinrich Vogeler: Sommerabend (Das Konzert). 1903-1905, Worpswede / Große Kunstschau. Foto: Wolfgang Brauer (2022)
Um es vorauszuschicken: Ich empfehle das handliche Büchlein allen, die Vogeler und seinem Werk erstmals begegnen. Bresler bietet einen komplexen Überblick über das Lebenswerk und die Biografie dieses Ausnahmekünstlers und großen Humanisten. Zudem ist der Band – Respekt den Gestaltern und den für das Drucklayout Verantwortlichen! – vorzüglich illustriert. Auch Vogeler-Kenner werden Unbekanntes entdecken können.
Siegfried Bresler hat sich entschieden, die Biografie Vogelers auf traditionelle Weise in sehr gerader Linie zu erzählen. Das hat den Vorteil, dass auch weniger fachkundige Leser der Darstellung leicht folgen können. Andererseits bringt diese Erzählweise gewisse Probleme mit sich. Gerade die Vielschichtigkeit der Künstlerpersönlichkeit Heinrich Vogelers lässt sich so nur unvollkommen fassen. Mit Sicherheit ist es auf den ersten Blick irritierend, dass der eigentlich nicht mehr ganz junge Künstler Heinrich Vogeler in einer Zeit, in der die Industrialisierung Deutschlands – nicht zuletzt in seiner Heimatstadt Bremen! – auf Hochtouren lief und in der deutschen Industrie Arbeitskämpfe mit erbarmungsloser Härte ausgetragen wurden, dass in diesen Jahren Vogeler ein stilbildendes Werk schuf, in dem es vor Melusinen, Moorhexen, edlen Prinzen (meist im Selbstportrait) und hingebungsvollen schönen Jungfrauen (meist die von ihm zur Kunstfigur umgeformte Martha Vogeler) nur so wimmelt. Ein objektiv zum Scheitern verurteilter Versuch, einer miesen Wirklichkeit eine bessere Welt entgegenzusetzen. Auf den ersten Blick eine Märchenwelt…

Heinrich Vogeler: Frühling (1897), Worpswede / Haus im Schluh. Foto:
Wolfgang Brauer (2022)
Da ist es verführerisch, über dieses „Frühwerk“ das Verdikt „Flucht aus der Wirklichkeit“ zu fällen. Zumal es der Vogelerschen Selbsteinschätzung entspricht. Die hat er allerdings in den Jahren des sowjetischen Exils formuliert. Mit der Übernahme solcher Wertungen sozusagen „post festum“ sollte man immer sehr vorsichtig sein. Genaugenommen suchen auch Heinrich Vogelers „Komplexbilder“, mit denen er die „neue Wirklichkeit“ der von der sowjetischen Propaganda als „Aufbau des Sozialismus“ apostrophierten industriellen Umgestaltung Russlands – und vor allem der von ihm intensiv bereisten mittelasiatischen Republiken und Sowjet-Kareliens – künstlerisch zu fassen sucht, einer schnöden Wirklichkeit eine geträumte Alternative entgegenzusetzen. In gewisser Weise ist das ebenfalls märchengeprägt. Auch in der Sowjetunion hatte Vogeler übrigens versucht, über die Malerei und seine grafischen Arbeiten hinaus ganzheitliche Gestaltungsvorschlägung zur Verschönerung, letztendlich zur Verbesserung der Lebenswelt der Menschen einzubringen.
Diese ganzheitlichen Gestaltungsversuche hätte ich mir zum Beispiel von Bresler etwas breiter ausgeführt gewünscht. Vogeler scheiterte damit letztendlich – preisgekrönt! – schon in Worpswede. Immerhin werden dort angelehnt an seine Entwürfe noch heute Möbel gefertigt. Und der Bahnhof ist auf vorbildliche Weise restauriert worden, auch wenn er seiner eigentlichen Zweckbestimmung entfremdet wurde. Seine Vorschläge für typengefertigte Arbeitersiedlungen mitsamt der zugehörigen Infrastruktur scheiterten aber auch in der Sowjetunion. Beides – wenn auch unter anderem ideologischen Vorzeichen – an ökonomischen Zwängen. Die „Komplexbilder“ samt ihrer Hintergründe werden von Siegfried Bresler exzellent vorgestellt. Stilistisch steht Heinrich Vogeler mit ihnen – ähnlich wie mit seinen Wandbild-Versuchen – Seite an Seite mit den prägenden Künstlern der Moderne. Auch wenn er selbst zu den diversen „Ismen“ immer einen gewissen Abstand hielt.

links: Winterkulturkommando der Arbeiterstudenten auf einem Sowjetgut (1923-1924) / Komplexbild, Worpswede / Haus im Schluh. Foto: Wolfgang Brauer (2025); rechts: Stachanowarbeiter im Erholungsheim in Sotschi (1936-1941), Berlin / Neue Nationalgalerie. Foto: Wolfgang Brauer (2022).
Auch der „Stachanowarbeiter“ war ursprünglich ein Komplexbild. Das Bild wurde zum Zeugnis dafür, dass sich auch Vogeler letztendlich den Doktrinen des „sozialistischen Realismus“ in der Sowjetunion unterwarf: Er übermalte die Szenen des Lebensweges des dargestellten duetschen Widerstandskämpfers im Hintergrund blau.
Leider sind seine „Barkenhoff“-Wandbilder zerstört worden. Der Autor geht ausführlich auf deren Entstehungsgeschichte, die Geschichte des Vogelerschen Anwesens, die Versuche des Künstlers, dort eine „Arbeitsschule“ zu betreiben und letztlich das dortige Kinderheim der Roten Hilfe Deutschland ein. Dass der in den 1920er-Jahren zum Kommunisten gewordene Heinrich Vogeler ausgerechnet im Zusammenhang mit seinem Einsatz für die Kinder verfolgter Arbeiter mit stalinistischen Erfüllungsgehilfen wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht aneinandergeraten musste, gehört in das Kapitel der tragischen Fehlentwicklungen der deutschen Arbeiterbewegung. Wenn Pieck ihm auf einem Kongress der Roten Hilfe im Herbst 1929 öffentlich vorwarf, ein „Verbrecher“ und „Feind der Roten Hilfe Deutschland“ zu sein, kann man auch fast 100 Jahre später nur noch verständnislos den Kopf schütteln. Zumal Vogeler mit seinen Warnungen vor den verheerenden Auswirkungen der „Sozialfaschismus-These“ recht behalten sollte.
1931 ging er jedenfalls für immer in die Sowjetunion. Dort lebte – eine kleine Ungenauigkeit des Autors – schon seit Ende der 1920-Jahre auch die von ihm hoch verehrte Clara Zetkin. Bresler schildert das Sowjetunion-Kapitel der Biographie Heinrich Vogelers ausführlich. Auch den keinerlei Kompromisse zulassenden Kampf Vogelers gegen den deutschen Faschismus. Sein Name stand nicht zufällig auf der Liste derer, die nach einem deutschen Sieg über die Sowjetunion sofort zu erschießen seien. Im September 1941 musste auch Vogeler Moskau verlassen und wurde mit vielen anderen Emigranten nach Kasachstan verbracht. „In Sicherheit“, sagte die jahrzehntelang in der DDR gepflegte Legende. De facto war es eine Deportation. Und dass die sowjetischen Behörden den Mann auf eine erbärmliche Weise wortwörtlich verhungern ließen, der seine ganze Persönlichkeit der Solidaritätsarbeit und dem Kampf gegen den Faschismus widmete, gehört zu den finsteren Kapiteln in der Geschichte der kommunistischen Bewegung. Siegfried Bresler zitiert die entsprechenden Dokumente ausführlich. Auch wenn ich die seit längerem kenne: Ich lese das immer wieder mit großer Betroffenheit.
Nein, Heinrich Vogeler ist noch lange kein „erledigter“ Fall für die Archive der deutschen Kunstgeschichte. In Worpswede kann man sich auf einem langen Kunstspaziergang vom „Barkenhoff“ über die „Große Kunstschau“ bis zum „Haus im Schluh“ von der Wirkmächtigkeit seines Werkes überzeugen. Siegfried Breslers Buch ist dafür eine gute Begleitung.

Worpswede: Barkenhoff. Foto: Wolfgang Brauer (2016)
Siegfried Bresler: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Heinrich Vogeler 1872-1942, Donat Verlag, Bremen 2024, 264 Seiten, 19,80 Euro.
Am 18. April 2025 veröffentlichte der Verleger Helmut Donat einen Vorschlag, im Zentrum der Hansestadt Bremen in unmittelbarer Nähe des Doms ein Denkmal für den Pazifisten und Friedenskämpfer Heinrich Vogeler zu errichten.
Danke für diese Besprechung. Das Schicksal Heinrich Vogelers beeindruckt mich immer wieder zutiefst.