von Ulrich Kaufmann
Der Autor gibt uns eingangs eine schöngeistige Lesehilfe: Er erinnert daran, dass es Hölderlin war, der die Hälfte zu seinem Buchtitel „Was bleibet aber … Schriftsteller in der DDR“ beisteuerte, auch wenn letzterer nach „aber“ ein Komma gesetzt hatte. Der Leser wird „gewarnt“, da es sich bei diesen Essays „nur“ um DDR-Schriftsteller handelt. Chronologisch setzt der Band die Sammlung „Gegenwelten. Dichter von Goethe bis Fontane“ fort, die 2024 ebenso im quartus verlag erschien.

Buchumschlag – unter Verwendung eines Porträts Johannes R. Bechers. Die Aufnahme stammt allerdings vom Beginn der 1920er Jahre (WB).
Der Buchautor Bellin ist diesmal nicht der Mann des Archivs, sondern Essayist, der die lebendige Nähe zu den Schriftstellern sucht und findet. Wann die Texte von Johannes R. Becher bis zu Elmar Faber entstanden sind, erfährt der Leser nicht. Der von Jens-Fietje Dwars erneut liebevoll gestaltete Band in seiner „Weißen Reihe“ zieht eine Bilanz prägender Begegnungen mit zeitgenössischen Autoren zwischen Elbe und Saale. Diese Kontakte sind lebendig geschildert. Man spürt, dass der vormalige „Radiomann“ und Weltbühne– Autor etliche der Porträtierten persönlich kannte, sie zu Hause besucht hatte. Mit Stephan Hermlin, den er besonders schätzt, hat er gemeinsam an einem Buch gearbeitet. „Sein“ Autor wurde am Ende seines Lebens durch üble Nachrede schwer beschädigt.
Bellin strebt keinerlei Vollständigkeit an, wie man sie aus Literaturgeschichten und Lexika kennt. So fehlen etwa drei Schriftstellerinnen, die auf den Vornamen Helga hören / hörten: Königsdorf, Schubert und Schütz.
Das Interesse des Essayisten richtet sich nicht nur auf Schöngeistiges, sondern ebenso auf Verleger (wie Wieland Herzfelde), gleichermaßen auf Lektoren (wie Max Schröder), Wissenschaftler (wie Hans Mayer) sowie auf die Publizistin Linde Salber (Verfasserin eine „fairen Buches“ über Kant) sowie auf den Barlach-Kenner und Kunsthistoriker Elmar Jansen. Es geht dem Autor nicht nur um „Sterne erster Größe“ – von denen Brecht mit Blick auf Goethe sprach – wie Seghers, Brecht, Becher und Bobrowski, sondern er erinnert etwa an den Weimarer Lyriker, Erzähler und Maler Armin Müller, der als einer der Ersten – in seinem Roman „Der Puppenkönig und ich“ (1985) – das heikle Thema der „verlorenen Heimat“ aufgriff. Herausragend sind die Porträts zu Peter Huchel, Johannes Bobrowski und Fritz Rudolf Fries. Letzter galt als „verwegener Erzähler“, Geheimtipp. Bellin schätzt ihn, verschweigt aber auch dessen Stasikontakte nicht.
Der Essayist erinnert uns an DDR-Autoren, von denen etliche langsam in Vergessenheit geraten. Im Westen sind diese nicht vergessen, sondern waren gar nicht erst auf dem Buchmarkt. Bellins Porträts wirken frisch, da er selten Bekanntes wiederholt, sondern in der Regel neue Werke bzw. Editionen vorstellt. Der Autor zeigt sich so auf der Höhe der Zeit, indem er oft über den neusten Forschungsstand berichtet. Die glänzend geschriebenen Texte waren nicht selten Gelegenheitsarbeiten für Rundfunk und Printmedien. Seine Beiträge hat er nochmals behutsam „durchgesehen“.
Mit dem Buch beschenkt sich der Autor zu seinem 90. Geburtstag selbst. Viele seiner Leser haben bereits an der leckeren „Geburtstagstorte“, von der ersten Auflage der Literatenporträts, gekostet.
Klaus Bellin: Was bleibet aber … Schriftsteller in der DDR. Porträts mit einer Montage des zerrissenen Becher von Dwars, quartus-Verlag (Die weiße Reihe – Band 26), Bucha bei Jena 2025, 178 Seiten, EUR 16,00.