von Stephan Wohanka
Man muß wissen, daß der Zustand eines Volkes
von dem Begriff abhängt, den es von sich hat.
Johann Gottlieb Fichte
Fichte betont in seinen „Reden an die deutsche Nation“ (1807/08) den geistigen Selbstbegriff eines Volkes als entscheidenden Faktor für dessen politische, kulturelle und moralische Verfassung.
Wie steht es um Selbstbegriff des deutschen Volkes heute? Unser Land präsentiert sich pluralistisch und politisch spannungsreich, fragmentiert. Dass Deutschland nach den verheerenden Kriegen des 20. Jahrhunderts heute eher als „Zivilmacht“ – so der Politologe Hanns W. Maull – denn als klassische Nation wahrgenommen wird, hat wohl viel mit seiner Geschichte zu tun. „Zivilmacht“ meint, dass man hierzulande deutlich auf eine Stärkung und Einbindung in internationale Institutionen, auf den Vorrang von Völkerrecht und normativer Ordnung und die Einbettung unserer militärischen Mittel in kollektive Sicherheitsstrukturen setzt; nicht selten mit überzogenem moralischen Sendungsbewusstsein.

Deutschlands Zukunft. Aus: Kikeriki (1870)
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war stets etwas anderes als die westlichen, damals schon ausgebildeten Nationalstaaten, wie Frankreich oder England; nämlich ein universales, übernationales Gebilde. Die Sprache war die Verbindung, so dass Christian Graf von Krockow von einer „vorpolitischen Einheit als Sprachnation“ spricht. Napoleon setzte ihr ein Ende.
In seinem bahnbrechenden Werk „Die verspätete Nation“ nahm sich Helmuth Plessner (das Manuskript entstand im niederländischen Exil, erschien 1935 unter anderem Titel in der Schweiz und wurde erst 1959 in der Bundesrepublik veröffentlicht) dieser verspäteten Nationalstaatsbildung analytisch an und zeigte, wie die deutsche Gesellschaft, geprägt durch den gescheiterten Liberalisierungsversuch von 1848, die erst 1871 zustande gekommene späte staatliche Einigung und die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und politischer Modernisierung, in eine Art Identitätskrise und Selbsthass geriet, die von den Nationalsozialisten skrupellos ausgenutzt wurden – wobei deren Machtübernahme nicht nur zwangsläufige Folge der „verspäteten Nation“ war, sondern darüber hinaus Ergebnis komplexer, kontingenter Faktoren.
Dieser Zivilisationsbruch machte und macht bis heute aus, dass viele Menschen „deutsch“ nicht primär ethnisch oder kulturell, sondern verfassungs- und wertebasiert denken. Das Grundgesetz kennt einen ausschließlich an ethnischen Kategorien orientierten Begriff des (deutschen)
Volkes nicht. Dieses Denken gipfelt in Jürgen Habermas´ „Verfassungspatriotismus“. Ein gewisses Misstrauen gegenüber kollektiver Identität prägt diese Sicht; man fühlt sich eingebettet in die EU, einen Multilateralismus und empfindet internationalistisch und multikulturell.
Dieses Deutschland hängt noch einem historisch-moralischer Selbstbegriff an, der sich weiterhin stark über die Verantwortung für den Holocaust definiert, woraus Schuldreflexion, Zurückhaltung, Antinationalismus, ja eine ganze Moralpolitik folgen. Was wiederum Einfluss auf das nationale Selbstbewusstsein hat, dem dann nicht selten mit Skepsis oder im Extremfall gar Abwehr begegnet wird. Alles in allem folgt daraus ein eher defensiver, vorsichtiger Selbstbegriff.
Desgleichen hängen „viele Menschen“ gegenläufigen Auffassungen an; ich will gar nicht quantifizieren, auf welcher Seite es mehr sein könnten. Jedenfalls handelt es sich um eine deutlich spürbare Gegenbewegung gegen den „vorsichtigen Selbstbegriff“ in Gestalt des Wunsches, ja der Forderung nach einem mindestens „normalen“ Nationalbewusstsein ohne moralische Dauerlasten. Das politische Spektrum rechts Außen schießt noch deutlich darüber hinaus, ins Nationalistische, Völkische. So liegt es nahe, den Anhängern der „Gegenbewegung“ mit ihrer Kritik an mangelnder nationaler Identität und einer Selbstrelativierung einen völkischen, mindestens einen nationalen Selbstbegriff zuzuschreiben.

Berlin in München: „Ich hatte nicht gedacht, daß man in den Straßen dieser Stadt so viele jebildet aussehende Leute treffen würde.“ – „Janz einfach zu erklären: drei Ferien-Sonderzüge aus Berlin heute anjekommen.“ Aus: Simplicissimus (1898)
Auch deren Sicht rekurriert auf die deutsche Geschichte; sieht aber vor allem deren jahrhundertealte Kontinuität, so dass die zwölf Jahre Nazidiktatur schon mal zu einem „Vogelschiss“ mutieren. Im gleichen Kontinuum befänden sich danach auch Kultur – häufig zu einer „Leitkultur“ stilisiert – und Sprache.
Beide Fraktionen finden teilweise zusammen respektive leiden darunter, was man als ökonomistisch-funktionalen Selbstbegriff fassen könnte – wenn er denn taugte: Das nüchterne Selbstbild eines Landes, das sich für leistungsfähig, gut organisiert und wirtschaftsstark hält, das zugleich (zu) technokratisch, überreguliert und vor allem risikoscheu bezüglich notwendiger technischer und sozialer Erneuerungen ist. Funktionsfähigkeit und Rationalität ohne Sinnhaftigkeit oder Vision – wie gesagt mehr als fraglich als gesellschaftlicher Kitt.
Alles in allem: Offenbar hat das deutsche Volk heute keinen gemeinsamen Begriff von sich selbst – wenn es je einen von sich hatte – sondern konkurrierende, ja polarisierende. Das führt zu spürbarer innerer Unsicherheit, aufgeheizten Identitätsdebatten und zunehmender politischer Entfremdung.
Zugespitzt kann man sagen: Deutschland weiß einigermaßen, was es alles nicht ist – aber weniger klar, was es sein möchte. Die zu stellende Zukunftsfrage lautet daher nicht: „Wer sind wir“? – das wissen wir eben nicht, sondern wir sollten uns besser fragen: „Was sollten wir wollen, um bei uns zu sein“? Damit wird natürlich nach einem Idealbild gefragt, das der Utopie nicht unähnlich, die „am Horizont“ aufscheine und dazu diene, uns am „Laufen“ zu halten; so der argentinische Filmemacher Fernando Birri. Es geht also darum herauszufinden, was uns heute als Vision ausmachen könnte. Ohne dass sich damit sozusagen von selbst die politische Polarisierung, die Animositäten und Feindbilder in Luft auflösten. Politische Unterschiede blieben weiterhin essenziell für den gesellschaftspolitischen Wandel. Ein positiver Selbstbegriff steckte aber den Rahmen für die dazu erforderlichen sachlichen, auch notwendigerweise harten Debatten ab.
Ein positiver Selbstbegriff als ideeller Rückgriff auf Blut-, Boden- oder Sendungsdenken scheidet – bislang Gottseidank wenigstens – aus. Einschließlich seiner völkischen Derivate a la „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Es reicht heute nicht mehr wie 1952 aus, als der damalige Bundespräsident Theodor Heuss den „harmlose(n) Emanuel Geibel“ (den Schöpfer dieser Zeilen in einem 1861 verfassten Gedicht „Deutschlands Beruf“ – St. W.) sanft rügte; dieser habe mit diesen Worten „einigen subalternen Unfug verursacht“. Machen wir uns nichts vor, auch hierzulande gibt es politische Kräfte, die verbal-gedanklich mit diesen Begrifflichkeiten hantieren; noch sind sie nicht in Regierung und Macht. Und es möge auch nie dazu kommen.
Der positive Selbstbegriff kann aber ebenso wenig in nationaler Selbstaufgabe, in politiksubstituierender Moral unterfüttert mit perfektionierten „Verfahren“ liegen: 1969 veröffentlichte Niklas Luhmann das Buch „Legitimation durch Verfahren“. Er beschrieb, wie Institutionen ihre Legitimität mittels des sozialen Mechanismus‘ des fairen Verfahrens selbst produzieren. Wobei die individuellen Intentionen der beteiligten Parteien kaum eine Rolle spielen. Ein so funktionierendes Gemeinwesen schafft vielleicht Effizienz, aber keine Bindung, keinen nationalen Begriff.
Ein tragfähiger Selbstbegriff müsste weiterhin unsere historischen Verantwortung als Ausgangspunkt nehmen, müsste die historische Last integrieren, ohne daraus dauerhafte Selbstzweifel zu machen. Verantwortung hieße dann aus der Geschichte heraus verantwortungsbewusst politisch zu handeln; aus dem Versagen und der Schuld heute Mitgefühl mit mit Opfern zu generieren.

Vorbei: „Wissen’S an alten Hartschier g’fallen die heutigen Verhältnisse nimmer; i bin no a Soldat aus der guaten alten Zeit, wo man auf de Preußen hat schießen derfa.“ Zeichnung von Edgar Thöny (1866-1950) aus: Simplicissimus (1902). Für Nicht-Bajuwaren: Hartschiere waren die Königlich-bayerische Leibgarde.
Kernbestandteile eines positiven Selbstbegriffs sollte Bildung als Identitätskern haben – und zwar das Humboldtsche Bildungsideal. Dieses entwickelte sich um die beiden Zentralbegriffe der bürgerlichen Aufklärung: Den des autonomen Individuums und den des Weltbürgers. Bildungseinrichtungen sollten die Orte sein, an dem diese Qualitäten hervorgebracht werden respektive sich selbst erzeugen. Deutschland sollte sich weiterhin als Kulturnation im klassischen Sinn verstehen; das heißt Bildung im eben genannten Sinne zu organisieren, den Erwerb von Sprachfertigkeiten (!) und Ausbildung zum eigenständigen Denken stünden im Zentrum der Bildungspolitik. Daran ändert auch die zunehmende Nutzung digitaler Medien nichts; im Gegenteil, in Zeiten von fake news und KI wachsen die Anforderungen an Sprachkompetenz und Urteilsvermögen.
In Anlehnung an das zur Bildung Ausgeführte ginge es politisch darum, Freiheit als Bereitschaft wenn nicht gar als Verpflichtung zur Verantwortungsübernahme zu verstehen. Freiheit umschlösse natürlich auch ein Abwehrrecht gegenüber freiheitsbeschränkenden Eingriffen; stärker läge sie in der Fähigkeit zur individuellen Selbstermächtigung, gesellschaftlich im politischen Mut zur Prioritätensetzung. Die nationale Freiheit endete dort, wo sie die anderer Länder einschränkte.
Andere Länder… das Fremde und der Fremde stehen für unsere Ambivalenz, einerseits weltlüstern und andererseits angstbesessen zu sein. Ihr äußerer Ausdruck ist die Fremdenfeindlichkeit. Es mutet nur im ersten Moment paradox an, dass gerade der positive Umgang mit sich selbst die Lösung ist: Die manchmal vorauseilende Toleranz, das billige sich Anbiedern mancher Deutschen allem und allen Fremden gegenüber, ist gerade Fremden unheimlich! Ausländer empfinden diese nationale Selbstanfechtung als ausgesprochen störend, ja ihrer Integration abträglich. So sah das 2015 die in Deutschland lebende russische Publizistin Sonja Margolina – und sie ging weiter: „Was der Bundesrepublik … fehlt, ist ein elementares Selbstverständnis als Nation, das alle Einwanderungsländer haben, die deshalb integrationsfähig sind. Die Überwindung des Nationalen ist daher keine Bedingung für eine erfolgreiche Integration, …, sondern im Gegenteil ein ernsthaftes Hindernis“. So verstanden kreierte Nationales – nicht Nationalistisches, Völkisches – Gemeinschaft, Zugehörigkeit ohne Ausgrenzung und schaffte damit auch eine nationale Identität, was dieser den Charakter eines Kampfbegriffes nähme.
Auch um nationale Interessen formulieren zu können, bedarf es klarer nationaler, das heißt staatliche Zielvorstellungen, die konsistent, strategisch anschlussfähig und normativ begründet sein sollten. Nachhaltige relevante Ziele sollten die Sicherung von Souveränität und territorialer Integrität, die Gewährleistung von Sicherheit, wirtschaftlicher Stabilität und das bei Wahrung von Werten und mit Sicht auf internationale Ordnungsvorstellungen.
Auch die EU funktioniert nur mit Völkern, die in sich gefestigt genug sind, um ihre nationale Verantwortung innerhalb der europäischen Bindung wahrzunehmen. Es kann also überhaupt nicht um die Auflösung des Europäischen gehen, auch um keine Auflösung im Europäischen, sondern um eigene Beiträge zur Vertiefung der politischen Kooperation aus selbstbewusster, nicht kleinlicher Identität heraus. Das Geschrei „make my country great again“ zeugt vom Gegenteil – mangelnder Identität, ja großer Unsicherheit und Misstrauen zu sich selbst.
Ein deutscher Selbstbegriff könnte heute lauten: Wir verstehen uns als historisch verantwortliche, kulturell gebildete, politisch handlungsfähige Nation, die ihre Interessen formuliert und und – wo nötig und möglich – in Allianzen mit anderen wahrnimmt und dabei der eigenen Freiheit und der der anderen verpflichtet ist.
„Ein deutscher Selbstbegriff könnte heute lauten: Wir verstehen uns als historisch verantwortliche, kulturell gebildete, politisch handlungsfähige Nation, die ihre Interessen formuliert…“, schreiben Sie, verehrter Herr Wohanka.
Nur: Wer ist WIR, wer ist DAS VOLK? Das sind reine Universalismen. Wie hoch ist der Prozentsatz unseres Volkes (das zunächst nur eine Quantität ist), der – sofern er darüber überhaupt nachdenkt – dies von sich behaupten kann? Allein die derzeitigen Wahlprognosen sprechen eine andere Sprache… Und die permanente Berufung der Rechten auf DAS VOLK (in der Berliner Zeitung besonders gern: DEN OSTEN) nicht minder.
Mit Verlaub: Überlegungen wie die Ihren sind gewiss notwendig – aber wen außer einigen Intellektuellen treiben sie noch um?
Mit dennoch achtungsvollen Grüßen,
Heinz Jakubowski
Götz Kubitschecks Angebot (Berliner Zeitung):
„Deutschland, oder das Deutsche, ist ein eigener Zugriff auf und Zugang in die Welt und das Leben. Die Deutschen sind ein Weltvolk, das sehr begabt ist und in vielen Bereichen Exemplarisches geschaffen hat, etwas, das in dieser Form nur hier so möglich war und entstand: Rechtswesen, Kunst, Musik, Technik, Philosophie, Kriegskunst, Vereinswesen, Brottheke. Ich halte die Deutschen für ein großartiges Volk. Und das reduziere ich nicht auf ein politisches System.“
Sehr verehrter Herr Jakubowski,
um mit dem Schluss zu beginnen – ja wen treibt das noch um? Ist das nicht genau das Problem? Dass das heute zu wenige umtreibt. Ohne meine Überlegungen überzubewerten – so „gut“ sind sie nicht – wären das „Wir“ gegenwärtig tatsächlich eine Minderheit, diese „Intellektuellen“, die sich zwischen alltäglichen „simplen“ Sorgen und und den „Universalismen“ noch Gedanken machen (können und wollen). Die sich zwischen VOLK, OSTEN und Wahlprognosen Zeit nehmen, um nachzudenken. Das ist zugegeben etwas elitär; die meisten Menschen haben mit der Meisterung ihres Alltags genug zu tun. Aber es gibt doch noch ein paar wie Sie und mich und ein paar andere. Kein großer Prozentsatz. Aber immerhin. Und überhaupt – ist nicht das ganze „Brauersche Projekt“ mit seinen Theaterrezessionen, seinen Beschreibungen von Spaziergängen, von Kunstausstellungen usw. einigermaßen weit weg vom „mainstream“? Und das ist auch gut so. Das muss es geben!
Herzliche Grüße
Stephan Wohanka
D´accord, lieber Stefan Wohanka!
„Ein tragfähiger Selbstbegriff müsste weiterhin unsere historischen Verantwortung als Ausgangspunkt nehmen …“
Und deshalb heißen wir die Ermodung zehntausender Araber für mehr oder minder gut? Zumindest unternehmen die „deutschen politischen Eliten“ nichts dagegen. Und das ist „historisch verantwortlich, kulturell gebildet, politisch handlungsfähig“?
Auch die vom Autor zitierte „Sprachnation“ (Graf Krockow) des Hl. Römischen Reichs Deutscher Nation“ hat es ja gar nicht gegeben. Soweit mir bekannt ist, sprach man im (heute würde man sagen) mittelitalienischen Raum, kein deutsch im Alltag, am Ostrand des Reiches dominierten slawische Sprachen, am Westrand wurde vielfach französische parliert, und die alt-niederdeutschen Sprachen (holländisch-flämisch, friesisch, niederdänisch usw.), alle gesprochen im Reich, wurden außerhalb der Regionen kaum bis nicht verstanden.
So bleibt der Argumentationsansatz, nach dem Stefan Wohanka greift, mehr als nur zweifelhaft. Vielleicht sollte er sich gelegentlich einmal der „deutschen National-Idee“ der DDR und deren Entwicklungsweg binnen vierer Jahrzehnte zuwenden. Da wäre nicht nur was aufzuarbeiten, das wäre vor allem etwas zu lernen.
Lieber Herr Nachtmann,
ich wüsste jetzt nicht so genau, wo „wir die Ermodung zehntausender Araber für mehr oder minder gut“ hießen. Es gab hierzulande viele Proteste gegen die Tötung zehntausender Palästinenser durch den israelischen Staat. Und unter den „deutschen politischen Eliten“ gab es durchaus Streit darüber, wie mit dem Staate Israel umzugehen wäre. Im Mai 2025 sagte Merz: „Die Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft zu nehmen, wie das in den letzten Tagen immer mehr der Fall gewesen ist, lässt sich nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen“. Und verfügte: „Unter diesen Umständen genehmigt die Bundesregierung bis auf Weiteres keine Ausfuhren von Rüstungsgütern, die im Gazastreifen zum Einsatz kommen können“. Ich darf Sie auch auf einen Text hinweisen, den ich hier in diesem Medium veröffentlicht habe…
Was „Sprachnation“ angeht, geht es wohl eher nicht um die jeweils konkret gesprochene Sprache oder Dialekt, sondern der Begriff bezeichnet eine Gemeinschaft, die sich primär über Sprache und kulturelle Gemeinsamkeit definiert – nicht über einen gemeinsamen Staat. Schon im frühen Mittelalter entwickelte sich ein Bewusstsein für einen deutschen Sprachraum – „diutisc“ als Abgrenzung vom Lateinischen und vom Romanischen. Dichter wie Walther von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbach sowie spätere Chronisten sprechen von „deutsch“ als kultureller Kategorie. Später kam Luther eine erhebliche Bedeutung zu und auch als mit der Auflehnung gegen Napoleon schon der Nationalismus aufkeimte, dichtete Ernst Moritz Arndt noch: „Was ist des Deutschen Vaterland?/So nenne mir das große Land/So weit die deutsche Zunge klingt/und Gott im Himmel Lieder singt/das soll es sein!/….“.
Wenn Krockow von Deutschland als „vorpolitischer Einheit als Sprachnation“ spricht, meint er, dass es bereits im Mittelalter ein kulturell-sprachliches Zusammengehörigkeitsgefühl der „Deutschen“ gab, aber noch keine politische Nation. Und dies in Unterscheidung gegenüber Frankreich, England und anderen europäischen Staaten. Die Sprache war also ein identitätsstiftendes Moment, lange bevor es einen deutschen Nationalstaat gab – der bekanntlich erst 1871 entstand.
Und was mir das Zuwenden zur „´deutschen National-Idee der DDR´ und deren Entwicklungsweg binnen vierer Jahrzehnte“ bringen sollte, erschließt sich mir vor diesem Hintergrund nicht. Die DDR war ein politischer Staat und der endete mit dem Ruf „Wir sind ein Volk“.