Deutsche Zustände (2)

„Hobby Dogging“, Muttermilchschmuck, Friedenspreise für das Militär, Medikamentenvergeudung und die sauberste Stadt der Welt –
aufgezeichnet von Wolfgang Brauer im November 2025


Hansi: Die Westmarken. Altdeutsche Bilder und Blätter, Colmar 1912. Foto: Sammlung W. Brauer

Barbara Gerlinger aus Bad Friedrichshall (Baden-Württemberg) ist Hundetrainerin. Wer einmal Bekanntschaft mit einer Töle gemacht hat, die partout nicht auf Frauchen, Herrchen oder Diverserchen hören wollte und statt dessen ihrem Beißreflex folgte, wird diesen Beruf schätzen. Nun möchte sich nicht jede und jeder dem Stress aussetzen, den so ein Tier mit sich bringt. Füttern, andauernd Gassi gehen und sich mit ordnungsliebenden Mitbürgern wegen lächerlicher Häufchen rumärgern, Kuscheln trotz Sabbermaul etc.pp. – aber eine Hundeleine hingegen verlangt solche Dinge nicht. Die ist extrem pflegeleicht. Und sie beißt nicht. Also bietet Frau Gerlinger laut dpa jetzt Kurse zum „Hobby Dogging“ an, Hundetraining ohne Hund, Gassigehen nur mit Leine. Die Sache erfreut sich eines gewissen Zulaufes… Gerlinger kommentiert den Run auf ihre Internet-Videos selbst einigermaßen distanziert: „Die sind doch alle nicht mehr sauber…“ – und macht unverdrossen weiter. Ich bin mir sicher, bald erreicht dieser Trend auch Berlin. Zumindest die Gegend rund um den Kollwitzplatz und den „Görli“. Wenn Sie also demnächst jemanden sehen, der eine Hundeleine hinter sich herzieht, dem ist nicht Wuffi entlaufen. Der macht „Hobby Dogging“. Sie müssen nicht gleich die „112“ anrufen.

Deutsche Kreativität hat wie das Weltall unbegrenzte Dimensionen. Was haben wir nicht schon alles erfunden: die Thermoskanne und die Atombombe, das Automobil und die Präservative. Jetzt gibt es etwas gänzlich unerhört Neues: „Makidy Muttermilchschmuck“. Swarowski mit seinen Glasklunkern kann einpacken! Es geht ganz einfach. Hat frau ein paar Milliliter des natürlichen Krafttrunks für Babys übrig, so fülle sie diese in eine kleine Plastiktüte – und ab in die Post damit nach Duisburg. Marlene Busch betreibt dort eine kleine Schmuckdesign-Manufaktur. Man kann auch ein Stück Nabelschnur, Haare oder sonstig Körperliches mitschicken. Nach wenigen Wochen erhält die Kundin ihr individuell gestaltetes Amulett, den Anhänger, Ohrclip oder was auch immer zugesandt. Das ist doch der Stoff, aus dem Geschichten wachsen!

Aber jetzt muss ich erst einmal Schluss machen. In der Kammer wiehert mein Steckenpferd laut und scharrt mit den Hufen. Es ist wirklich Zeit für das tägliche „Hobby Horsing“ durch den Stadtpark.


Pieter Brueghel d. Ä.: Kinderspiele (1560). Ausschnitt

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Man sollte sich keinen Illusionen über den geistigen Background zumindest von Teilen des (west-)deutschen Unternehmertums hingeben. Und man soll vor allem nicht so tun, als ob in unserer Schönen neuen Welt wirklich alles neu ist. Die langen mentalen Linien reichen weit zurück – und was sind da 100 Jahre!

Im Jahr 1919 wurden in Bielefeld und in Münster zwei Unternehmervereinigungen gegründet, die von den „Nationalsozialisten zur Liquidation gezwungen und in der neuen ‚Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe‘ zusammengeführt“ wurden. So kann man es in der Eigendarstellung der Gesellschaft, der WWL, lesen, die seit Kriegsende als „e.V.“ weiter existierte und „ihren eigentlichen Aufgaben“ nachgehen kann. Die bestehen in der Förderung von knallhart (neo-)liberaler Wirtschaftspolitik sowie der Abwehr frecher Eingriffe des Staates mittels Steuer- und die Grenzen des Erträglichen überschreitender Sozialpolitik.

Seit 1998 hat die Gesellschaft ein weiteres Spielfeld erschlossen, die Friedenspolitik. Seit jenem Jahr vergibt sie den „Westfälischen Friedenspreis“, natürlich im „Friedenssaal“ des Münsteraner Rathauses. Da wurde 1648 mit dem Westfälischen Frieden der Dreißigjährige Krieg beendet. Nicht unbedingt aus Friedenssehnsucht, Das Land war „ganz, ja mehr als ganz verheeret“, wie Andreas Gryphius schrieb. 2026 wird den Preis – ja ich dachte auch erst, ich hätte falsch gelesen, zum Postillon oder ähnlichem gegriffen … – … 2026 wird ihn die NATO erhalten. Deren Friedensengel Mark Rutte soll den Preis in Empfang nehmen. Diskussionen „vor allem unter Pazifisten“ darüber seien erwünscht, ließ die Gesellschaft verlauten. Auf die Provokation also noch ein Eimer Häme… Ich finde die Verleihung allerdings konsequent. So wird zumindest klar, wo in diesem Land Barthel den Most holt.

Auf den Preisträger 2028 allerdings bin ich gespannt. Möglicherweise kriegt Boris Pistorius ihn. Aber zwischendurch sind leider Bundestagswahlen. Vielleicht lassen die sich verschieben. Der Kanzler hatte am 29. September in Düsseldorf – zurückhaltend wie immer – da eine gewisse Option angedeutet: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ Wählen kann man eigentlich nur, wenn Frieden herrscht. Das Grundgesetz ist eindeutig: „Während des Verteidigungsfalles ablaufende Wahlperioden des Bundestages oder der Volksvertretungen der Länder enden sechs Monate nach Beendigung des Verteidigungsfalles“ (Artikel 115h [1]). Den Verteidigungsfall muss der Bundestag erklären (Art. 115a). Unser Land muss dazu nicht angegriffen werden, eine akute Bedrohung reicht. Was die WWL im nächsten Jahr in Münster abziehen wird, ist mitnichten Polit-Kabarett.

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Auch Hendrick Streeck (Jahrgang 1977, das ist wichtig) ist kein Kabarettist, sondern Virologe. Seine Forscherlaufbahn in der Nachfolge des berühmten Christian Drosten am Bonner Institut für Virologie brach er leider zu Beginn des Jahres ab und wechselte in die Politik. Er stieg schnell auf. Kurze Zeit nach Mandatsannahme war er schon Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Welcher Teufel Streeck nun geritten hat, in der Sendung „Meinungsfreiheit“ von Welt TV aufzutreten, weiß man nicht. Das Haus Springer kämpfte aber schon immer für Meinungsfreiheit, wie alle wissen. Und nach dem Motto, man werde das doch noch mal sagen dürfen, verkündete Hendrick Streeck in besagter Sendung und in nachfolgenden erklärenden Interviews, es gäbe „Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente“ einfach nicht mehr benutzen sollte. Man solle schwerkranken und sehr alten Menschen besser „etwas ersparen“, statt sie aus falschen Anreizen „überversorgen“. Dass der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion solche Sprüche in einer Phase angespannter Debatten über die Validität der deutschen Krankenkassen von sich gibt, ist sicher auch kein Zufall. Erst mal auf den Busch klopfen. Mal sehen, welche Hasen rausspringen…

Bringen wir’s auf den Punkt: Nach dieser Denke wäre eine lebenserhaltende Medikamentierung ab einem gewissen – sicher politisch festzulegenden – Alter rausgeschmissenes Geld. Da wären dann eher „Hilfen zu einem Abgang in Würde“ sinnvoller… Wen es jetzt gruselt, wem jetzt auch noch die Stichwörter „lebensunwertes Leben“ und „Euthanasie“ einfallen, dürfte noch nicht ganz so abgestumpft sein, wie solche Technokraten à la Hendrick Streeck.

Für seine Vorfahren kann der Mann nichts, und er hat sich sicher auch davon distanziert. Aber warum bloß hat es mich nicht gewundert, als ich beim Recherchieren darauf stieß, dass Großvater Streeck – SS-Mitglied seit 1936 – für die I.G.-Farben bis zum Januar 1945 in deren Auschwitzer Werk zugange war. Wie war das doch gleich mit den langen Fäden unserer mentalen Bindungen? Man wird das doch wohl noch mal sagen dürfen.

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In keiner Stadt wird wohl so viel regiert wie in Berlin, aber ich wüsste auch keine, die besser regiert wäre. Methode und System machen sich allenthalben geltend, in großen wie in kleinen Dingen und selbst bei den geringfügigsten Einzelheiten. Die Verordnungen stehen aber nicht etwa bloß auf dem Papier, sodass es dabei sein Bewenden hat, nein, sie treten wirklich in Kraft und werden bei Armen und Reichen ohne Gunst und Ungunst auf gleiche Weise durchgeführt. Der mühevolle, emsige Fleiß, die Ausdauer und Pflichttreue, welche die Behörde bei jeder Gelegenheit entfaltet, erregt Bewunderung – zuweilen auch Leidwesen. Das Erstaunlichste […] ist die höfliche, unerschütterliche, verfluchte Beharrlichkeit, mit welcher die Polizei ihren Willen durchsetzt und die Ordnung aufrechterhält. Sie duldet keine Ansammlung von Menschen, weil daraus Ungehörigkeiten entstehen könnten; ja, träte plötzlich ein Erdbeben ein, so würde es die Berliner Polizei beaufsichtigen und ordnungsmäßig zu Ende führen.

Die Straßen werden sehr rein gehalten […] durch tägliche und stündliche Arbeit mit Kratzbürste und Besen. Kurz, man hat den Eindruck, dass hier eine Stadtverwaltung am Ruder ist, die vor keinen Kosten zurückscheut, wo die öffentliche Bequemlichkeit, Behaglichkeit und Gesundheit in Betracht kommt. […] hier ist das Munizipalsystem so vorzüglich, dass die besten Männer es sich zur Ehre rechnen, unentgeltlich als Stadträte dienen zu dürfen, und das Volk ist vernünftig genug, diese Männer zu bevorzugen und immer wieder zu wählen. Darum ist Berlin auch eine in jeder Beziehung gut und zweckmäßig verwaltete Stadt.


Berliner Postkarte um 1905. Twain hat die berittenen Schutzmänner (kein „Hobby Horsing“!) noch nicht erlebt, die kamen erst zehn Jahre nach seinem Berliner Aufenthalt auf. Ihm hätte das gefallen.

Foto: Sammlung W. Brauer

Und bevor mich nun jemand fragt, was ich denn da geraucht habe … Der vorstehende Text über die vorzüglichen Verhältnisse in Berlin stammt nicht von mir, den hat Mark Twain geschrieben („Berliner Eindrücke“). Er ist auch keine Satire auf Berlin, Twain vergleicht die Stadt mit New York City. Und die amerikanische Metropole kommt sehr schlecht dabei weg. Twain verbrachte mit seiner Familie den Winter 1891/92 in der deutschen Hauptstadt. Das ist verteufelt lange her… Warum ich das hier bringe? Man soll Visionen haben und nicht immer nur meckern! Aber jetzt hole ich wirklich mein Steckenpferd aus der Besenkammer und mache einen kleinen Ausritt.

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihre sehr lesenswerten Anmerkungen! Mark Twain über Berlin kannte ich nicht, war sehr interessant. Aber da war Berlin ja auch noch nicht die Stadt der grenzenlosen Freiheit…
    Zu den Preisen fällt mir nur ein, dass diese anscheinend nur noch an Scharfmacher gehen. Fängt bei Nobelpreis an.

  2. Ohne die Annahme, hier Letztgültiges verkünden zu wollen: Wenn ich meine gefährlichste Wahrnehmung deutscher Zustände benennen sollte, dann wäre dies der Siegeszug des Nihilismus: Keine mediale Wahrnehmung kann man noch als echt gelten lassen, nichts, außer selbstredend der eigenen Auffassung, so der allgemeine Tenor, ist zu akzeptieren, alles, ganz und gar alles Öffentlich-Rechtliche, also der korrupte Mainstream, wird – gern auch „dialektisch“- zerredet, was dann als Ausweis von Unabhängigkeit und Mündigkeit verstanden wird…

    Der heutige Nihilismus, meine ich, kennt zwei Typen: Den geistig schlicht Ausgestatteten, der in der Ablehnung von jedem und allem seine so selbstverstanden überlegene Daseinsbestimmung sieht. Und dann den Intellektuellen, der das Nichtgeltenlassen von Werten und Erfahrungen, da oktroyiert, dergestalt kultiviert, dass es, wäre der Gegenstand oft nicht so ernst, fast lustvoll zu nennen ist. Etwa so, wenn es aus intellektueller Feder zum Ukraine-Krieg heißt: „Eine Hauptlehre aus dem Stellvertreterkrieg in der Ukraine: Wer Krieg verhindern will, sollte ihn nicht provozieren. Im Umkehrschluss: Wer Krieg provoziert, will ihn auch.“
    Stimmt – auch die Spartakuskämpfer oder die Bauern um Müntzer haben ihre Vernichtung selbst gewollt. Auch die Sowjetarmisten oder die Vietnamesen, die ihre Opfer in dialektischer Wahrheit ihrer eigensinnigen Gegenwehr gegen ihre Aggressoren zu verdanken haben – sie haben es allesamt ja nicht anders gewollt. Aber das traut sich ja noch immer kaum jemand zu sagen…

  3. M.E. durchaus passend dazu ist, was der Soziologe Andreas Reckwitz festgestellt hat:
    Früher ging es vor allem darum, nicht aufzufallen und möglichst das Gleiche wie die anderen zu haben. Heute herrsche eine Logik des Besonderen, ein Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, das zu einer gesellschaftlichen Erwartung geworden sei. Die Kriterien dafür, was als Einzigartigkeit gilt, verändern sich allerdings stetig. Die Logik des Besonderen geht nach Reckwitz mit immer neuen Umwertungen, Abwertungen und Entwertungen einher, die immer dem Zweck dienen, die Einzigartigkeit zu sichern. Ein zentraler Modus dazu ist dann die Demonstration von Überlegenheit in der Alltagskommunikation. (Zitiert aus dem Spiegel 28/25)

    1. Ich denke, was Reckwitz da aufrührt, ist eine ausgesprochene Elitendebatte. Die Hervorhebung des Individuums aus der „grauen Masse“ ist ein wesentliches Merkmal der europäischen Aufklärung. Nicht umsonst wird die bösartig von Diktatoren jeglicher Provenienz seit ihrem Aufkommen attackiert. Der intellektuellen „Elite“ wird natürlich das Streben nach „Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit“ zugebilligt, ja dieses Streben wird von ihr geradezu eingefordert. Sonst gehört man nicht „dazu“. Diese Leute verfügten auch immer über die materiellen Voraussetzungen, sich in die „Alltagskommunikation“ nicht nur einzubringen, sondern sie zu dominieren. Die Suppe auslöffeln durfte dann immer die tumbe Masse. Das hat sich z.B. durch die Digitalisierung geändert. Und jetzt wird allüberall „Land unter!“ gerufen. Die alten „geistigen Eliten“ sehen ihr Meinungsmonopol gefährdet. Mehr nicht. Man kann sie in ihrer Arroganz beruhigen. Die Mechanismen von Machterhalt und Demagogisierung haben sich nicht verändert. Da ist viel Rauch und wenig Feuer. Wie schon immer. Es sieht nur dramatischer aus. Es gab und gibt allerdings schon immer auch bildungsferne „Eliten“. Die sind gefährlich. Die gehen über Leichen und merken es noch nicht einmal.

  4. Sie haben gewiß nicht unrecht, aber ich denke, daß Reckwitz eben nicht n u r ein Elitenverhalten beschreibt, wenn er davon redet, daß die Logik des Besonderen mit immer neuen Umwertungen, Abwertungen und Entwertungen einhergeht, die immer dem Zweck dienen, die Einzigartigkeit zu sichern. Das beschreibt a u c h das klassische Verhalten einfältiger Menschen: Was die Politiker machen, ist alles falsch und schlecht!(Abwertung) Solcherart sebstbewußte und unerschrockene öffentliche Darbietung permanenter Ablehnung versteht dieser Typus zugleich als eigene Überlegenheit.
    Ansonsten wäre ich ganz bei Ihnen.

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