Dernieren zum Ende der Gorki-Intendanz Langhoff  – Fund-Stücke im Berliner Bühnenbetrieb (22)

von Reinhard Wengierek

13 Jahre regierte  Shermin Langhoff das Gorki-Theater mit harter und  vor allem mit geschickter Hand. Sie formierte ein exquisites Ensemble; Regisseure starteten große Karrieren und präsentierten ästhetische Vielfalt. Das Kollektiv Langhoff entwickelte ein sogenanntes postmigrantisches Theater, das neuen Stimmen und Themen Raum gab und zum Sichtbarmachen hierzulande bislang eher unbekannter Lebensläufe und Milieus beitrug. Eine erfolgreiche Ära, das Gorki glänzt, auch mit teils spektakulär spartenübergreifenden Produktionen. Meine Auswahl der Dernieren zum Spielzeitende (das große Abschlussfest dauert drei Tage vom 12. bis zum 14. Juni) gibt noch einmal einen typischen Ausschnitt aus dem Gorki-Programm. Die neue Intendantin Cagla Illk wird ab der kommenden Spielzeit das kleinste Berliner Ensemble- und Repertoiretheater im Landesbetrieb extrem öffnen in Richtung Performance, Musik, Tanz, Film, Bildende Kunst. Und die Spielorte erweitern ins benachbarte Palais am Festungsgraben. Der Text und auch das, was wir herkömmlich „Stück“ nennen, wird künftig eine stark untergeordnete Rolle spielen. Das Gorki werde „das neue Gorki“, rief die Neue und gab Stichworte wie „offener, fragiler, politischer Ort, global, postdisziplinär“. Von nun an dominiere das „Denken der Körper“. Wir bleiben neugierig.

Noch ein Tipp für eine Preziose: Zum letzten Mal Marthaler in Berlin (Volksbühne)! Mit seinem traurig schönen Happening in ruinösen Zeiten „Wachs und Wirklichkeit“, Am 5. Juni.  Meine Rezension in Fund-Stücke Nummer 10.

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EINS: „In my Room“ – Toxische Männerbilder

„Männer haben’s schwer, haben’s leicht, außen hart, innen weich; können alles, sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter. Und werden als Kind schon auf Mann geeicht… – Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Mann? Wann …?“

Gute Frage, die da Herbert Grönemeyer in seinem Rocksong „Männer“ immer und immer wieder aus sich herausschreit, was wiederum seit Jahren ein Massenpublikum an den Rand der Ekstase treibt. Das Publikum im Berliner Gorki-Theater reagierte ziemlich ähnlich, zum Schluss mit minutenlang stehenden Ovationen, als Emre Akiszoglu, Knut Berger, Benny Claessens, John Dassler und Taner Sahintürk in einer aufregenden und anstrengenden (aber nie angestrengten) und immer wieder mit Nachdenklichkeit, ja Ratlosigkeit durchsetzten Zwei-Stunden-Performance der Männer-Frage nachgehen. Oder besser: nachforschen. Mit einem Text von Falk Richter, der die glorreichen Fünf in ihre überhaupt nicht glorreichen persönlichen Erinnerungen treibt, die sie mit ihren Vätern haben / hatten.

Es geht um authentische, teils fiktional angereicherte Vater-Sohn-Geschichten, dramaturgisch kunstvoll verknüpft unter dem Titel „In My Room“. Der markiert das Individuelle, ja Intime dieser so vielgestaltigen, so enorm prägenden Männlichkeitsbeziehungen: „My Room“ als Kinderstube, Abenteuerspielplatz, Strafgefängnis, als Zucht- und Anpassungsanstalt. Das provoziert Widerstände, Ausbrüche, Verachtung gegenüber den Papas. Führt aber auch bezüglich der die Väter umtreibenden Schmerzen, Zwänge und Träume zu traurigen, trauernden, verständnisvollen, ja liebevollen Rückblicken – gerade auch, als am Ende die alten Herrscher als leidende Greise oder gar als Sterbende imaginiert werden.

Das Packende an diesem Kompendium von Erzählungen übers „Männermachen“ durch immergleiches Aufpfropfen althergebrachter und stets einengender, sonderlich auch durch Krieg oder Diktatur oder eben Frauenhaben, Hartbleiben, Kerlsein geformter Männlichkeitsmuster, ist nicht allein die Wortgewalt, sondern ihre Schonungslosigkeit.

Das Kunststück dabei: So persönlich die Berichte sind, sie sind nicht privat. Und fügen sich in ihrer Vielgestalt der Temperamente und sozialen Milieus zu einem sensiblen Generationen- und Gesellschaftsbild des vergangenen Halbjahrhunderts. Sonderlich interessant dabei sind Migrationshintergründe; etwa der von der Mehrheitsgesellschaft gedemütigte türkische Gastarbeiter und sein Sohn in der Zwangsjacke aus alter Tradition und der Lust auf neue, freiheitliche Zugehörigkeit. Doch nicht nur hier werden schwer erträgliche Ambivalenzen oder irritierende Sprachlosigkeiten nicht etwa ausgeklammert, sondern fragend im Raum stehen gelassen.

Der Raum ist – in der Mitte auf korinthischer Säule ein Herkules in schwarz – die ansonsten weite weiße Bühne von Wolfgang Menardi. Dort lassen die gequälten und geschlagenen, die kraftvoll wütenden, irritierten, suchenden, die virilen und zugleich dünnhäutigen jungen Männer ihre problemprallen Erinnerungskisten explodieren – monologisch in gesprochenem oder musikalisch in gerocktem, in jedem Fall sensationellem Virtuosentum (Musik: Nils Ostendorf; Choreographie: Denis Kooné). – Derartiges war lange nicht in solcher Intensität auf einer Bühne zu erleben. Völlig unverständlich, warum die Einladung zum Theatertreffen ausblieb.

Falk Richter, künftiger Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, inszeniert seine als „Projekt“ apostrophierte Show voller Tragik und Komik als rasenden Comic übers Harte und Weiche (siehe Grönemeyer); über die Not der Väter sowie die Nöte, die ihre Söhne damit haben. Als wilde Party freiheitlicher Lebensgier, als Abgesang aufs lähmend Alte, auf verkommene Rituale. Als mutiges Hohelied einer entfesselten, befreienden Glückssehnsucht.

Letzte Vorstellung: 7. Juni.

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ZWEI: „Dschinns“ – Katalog der Traumata

Ein Kessel Buntes im Gorki. Zum Überlaufen vollgestopft mit einer Sammlung politisch-sozialer und mentaler Probleme aus dem Milieu türkischer Arbeitsmigranten (1970er-Jahre) und deren Nachkommen; zusammengeballt in einer Art Familienporträt.

Querbeet aufgezählt: Racial Profiling, Homo- und Transfeindlichkeit, Queerness, türkisch-kurdische Konflikte, PKK Öcalan, Zerrissenheit zwischen Kulturen, Religion, Identitätsverluste, das kalte Deutschland mit seinem strukturellen Rassismus, Kriegserfahrungen, Verlust eines Kindes, Generationenkonflikte … So etwa.

Das alles in einem spannungsgeladenen, Generationen übergreifenden Familienporträt, das die Berliner Autorin (und taz-Redakteurin) Fatma Aydemir in ihrem zweiten, mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichneten Roman „Dschinns“ eindringlich und aufregend zeichnet. All ihre zahlreichen Figuren schleppen Traumata mit sich, Verunsicherung, Zwänge, Ängste, „innere Dämonen“ – zusammengefasst: „Dschinns“.

Nun hat Regisseur Nurkan Erpulat, bestens bekannt als theatralisch aufregender Geschichtenerzähler, den Roman auf die Bühne gewuchtet (Script: Erpulat mit Dramaturg Johannes Kirsten). Diesmal leider: Man hat sich überhoben an der Überfülle von Themen, die inszenatorisch immer nur angerissen werden. Keine Figur entwickelt sich, wird plastisch. Das im Buch Eindringliche und Aufregende – auf der Bühne flacht’s ab in ein Leporello grob skizzenhafter Kurzszenen unterschiedlichster Spielweisen: melodramatisch, komödiantisch-kabarettistisch, slapstickhaft oder psychologisch. Dabei agiert das Ensemble perfekt – wie immer im Gorki.

Zur Gliederung dieses Nummernprogramms – wer Fatimas packende Romanvorlage nicht kennt, hat ohnehin Schwierigkeiten mit der Orientierung –, und auch, um dem Ganzen einen poetische Sound zu geben, ist es durchsetzt mit beeindruckend schönen musikalischen Einlagen von Folk bis Pop (Kompositionen, Arrangements und tolle Soli: Anthony Hüseyin).

Schade, in diesem Abend steckt eigentlich das Zeug zur großen Oper. Doch immerhin, zum Schluss gibt es einen solchen Moment: Die Wutrede der „westlichen“ Tochter an ihre „Kopftuch“-Mutter, die, Gehorsam erzwingend, ihrem Kind Emanzipation (Bildung und sozialen Aufstieg) verweigert. Sie habe nicht das Recht, ihre erlittene patriarchalische Unterdrückung an die Tochter weiter zu geben. Das hallt gellend nach.

Letzte Vorstellungen: 27. Mai., 4. und 9. Juni.

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DREI: „Zukunftsmusik“ –  Schräges aus Sowjetrussland oder Der 11. März anno 1985

Schon der Begriff „postmigrantisches Theater“ stürzte ganz Feuilleton-Deutschland in Aufregung; damals, vor 13 Jahren. Als Shermin Langhoff als neue Intendantin des „Gorki“ – einer Staatsbühne! – damit begann, noch wenig bekannte, aber enorm befähigte Künstler mit vornehmlich türkischem Namen zu engagieren. Und ihr Haus weit zu öffnen für das längst ins Land Hereingeströmte, sesshaft Gewordene. So begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte mit überraschend neuartigen, lebensprallen Geschichten, genreübergreifend und auf vielfältige, oftmals virtuose Art erzählt. Seither gilt das Gorki als stilbildend, als ein musterhaft divers aufgestelltes Theater.

An diesem Anfang – und dann immer wieder – steht Nurkan Erpulat, ein fürs poetische Erzählen brisanter Stoffe gefeierter Regisseur. Im November 2013 eröffnete er die Spielzeit mit einer damals als provokativ empfundenen Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“.

Jetzt schließt sich der Kreis. Wieder russisch. Mit seinem persönlich arg betrauerten Gorki-Abschied und der Adaption des 2022 erschienenen Romans „Zukunftsmusik“ der russisch-deutschen Autorin Katerina Poladjan. Sie erzählt bittersüß, aber auch recht witzig, vom Leben kleiner Leute tief in der Provinz am 11. März 1985. Das Datum deshalb, weil tags zuvor der KPdSU-Chef Konstantin Tschernenko starb und Michail Gorbatschow vor der Tür stand. Stille herrschte, Erstarrung. Nun keimte Hoffnung, tönte Zukunftsmusik. Leise, leise; wie von fern …

So eben auch in der Komunalka einer Kleinstadt an jenem Frühlingstag. Dort hausen vier Generationen Frauen einer Familie (Großmutter, Tochter, Enkelin, Urenkelin). Sie bewältigen so recht und schlecht ihren nervenaufreibenden, komischen und traurigen Alltag. Zur beengten Wohngemeinschaft zählen noch ein Schlafwagenschaffner sowie ein Verwaltungsangestellter. Eine pittoreske Mischung gegensätzlichster Temperamente, die da aufeinanderprallen, sich zusammenraufen müssen.

Feines Futter für Komödianten: Da klopft die lebenslustige Großmutter freche Sprüche (Ursula Werner), dazwischen wuseln ihre vom Tagtäglichen beständig überforderte, traurige Tochter mit den schönen blonden Locken (Cigdem Teke) sowie deren rotzig aufmüpfige Tochter Janka (Via Jikeli), die auf der Nachtschicht im Glühlampenwerk von einer Karriere als Rockerin träumt – oder wenigstens von einem Küchenkonzert zu Hause in ihrer Komunalka. Schmerzlich und anrührend Doga Gürer als verkorkster, weil vom Stalinismus gezeichneter Büromensch. Daneben Aysima Ergün und Marc Benner in einer Handvoll signifikanter Nebenrollen.

Ein liebenswertes Ensemble. Es agiert pointiert, zuweilen satirisch zugespitzt in einer Fülle rasch wechselnder Szenen im großartigen Bühnenbild von Magda Willi. Da drehen sich in einem engen Guckkasten wie im Kaleidoskop die jeweiligen Spielorte der so vielfach belegten Gemeinschaftswohnung.

Ein Episodenkarussell, auf dem das Leben auf der Stelle tritt. Scheu, zweifelnd oder desillusioniert wird nach vorn geblickt. Nur die zornige Janka fällt aus dem Rahmen; das Gitarren-Girlie mit der wilden Mähne, einem Baby, das nervt, und aufrührerisch freiheitlicher Träumerei. Das alles zusammen fügt die Regie zu einem schwermütig biedermeierlichen Bild von 1985.

Auch da klingt, wie in Poladjans Roman, unüberhörbar aus der Tiefe das ewig Tschechowsche Vergeblichkeitsrauschen. Uns scheint jedoch, jetzt, in „Zukunftsmusik“, dringt es viel stärker durch als vor gut einem Jahrzehnt im „Kirschgarten“ – damals, vor unserer „Zeitenwende“…

Doch Achtung! Es gibt – ganz unsentimental – als Rausschmeißer noch ein Konzert auf der Bühne in der Küchen-Kulisse. Mit den beiden russischen Straßenmusikanten Diana Loginowa und Alexandr Orlow von der Petersburger Band Stoptime. Sie wettern gegen den Kreml und seinen Krieg, wurden mehrfach verhaftet und sind jetzt bei uns. Zwanzig Minuten Russisch-Rockiges, krachend und dennoch eingängig; Deutsch übertitelt. – Das dort staatsgefährdend Verbotene, hier wird’s herausgedonnert. Ältere denken unweigerlich an Wolf Biermann. Köln 1975. Auch damals eine Art Zukunftsmusik. — Letzte Vorstellung: 2. Juni.

HINWEIS: „Unser Deutschlandmärchen“ von Dincer Gücyeter, Regie Hakan Savas Mican (auch im Gorki) wurde in Fund-Stücke Nummer 8 besprochen. – Letzte Vorstellungen: 26. Mai und 10. Juni.

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