Der Warner und andere Parabeln

von Heinz Jakubowski

Der Warner

Er hatte es ja vorausgesagt, aber es hatte wieder mal niemand auf ihn hören wollen. Dabei waren seine Warnungen nicht nur unmissverständlich, sondern auch denkbar intensiv, ja: kämpferisch. Und vielgestaltig. Hatte er doch – und das frühzeitig – gewarnt vor den vielfältigsten Bedrohungen in und gegen die Natur, vor sozialen Ungerechtigkeiten, fiskalischen und makroökonomischen Fehlentscheidungen, vor parteipolitisch gefährlichen Entwicklungen, vor den Folgen einer Überfremdung, vor den Nachwirkungen von Epidemien und vor vielem mehr.

Und konnte er doch bei alledem mit Genugtuung darauf verweisen, dass er fast immer – eigentlich rundum – recht hatte. Wer ein solches Gespür für gesellschaftliche Sachverhalte und Entwicklungen besaß wie er, konnte sich ja auch kaum irren.

Des Warners Warnungen waren sehr wichtig. Dass er selbst in deren Sinne nie etwas, gar beispielhaft, unternommen hatte, befanden nur – zumal inkompetente – Neider. Und die gibt es ja immer und überall, selbst im Land der Warner und Bedenker. Der Vorwurf, aus dem Warnen einen medialen Volkssport gemacht zu habe, war sowieso lächerlich… Wobei, würde ein solcher dereinst olympische Weihen erfahren – deutschen Landen dürfte ein Medaillensegen sicher sein.

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Niveaulosigkeit

H. hatte kein persönliches Leben. Er lebte für das Volk. Dem gehörten seine ganze Liebe, seine Leidenschaft, sein unerschütterlicher Kampfgeist sowieso. Deshalb war H. in die Politik gegangen, unmittelbar an der Basis, nahe bei den Leuten, versteht sich. Ganz im Sinne der werktätigen Menschen setzte er sich dort für sie ein. Mit flammenden Worten klagte er unmissverständlich all jene Kräfte und Umstände an, die ihre freie Entwicklung behinderten. Kompromisslos forderte er Lebensverhältnisse, die alles Gute im Menschen freisetzen, Frieden und Wohlstand für alle zu sichern vermögen. Um nicht weniger als darum ging es ihm zeitlebens, den Menschen jenen Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit zu ermöglichen, den Gottvater Marx, alles andere als zufällig in den Namen von H.´s Partei integriert, zum Endziel allen Strebens erklärt hatte. Ja, wusste H. unbeirrbar, diese seine Lehre ist mächtig, weil sie wahr ist. Und für die es sich zu leben erst lohnt.
Gewiss, H. wußte, einer nur sehr kleinen Partei anzugehören. In deren Dienst stellte er sein Engagement aber umso mehr, als er in seiner Partei die Antworten auf alle Fragen des Lebens zuhause wusste. Auf nummerisch schiere Größe kam es nicht an, urteilte er schon mit Blick auf die sich Volksparteien nennenden Politbündnisse, die alle mögliche Klientel vertraten, ganz besondere jene der Wirtschaft, aber doch nicht das Volk.
Besondern vor Wahlen kämpfte H. so bis zur Erschöpfung. Wiewohl finanziell weiß Gott nicht aus dem Vollen schöpfen könnend, plakatierte er wirkungsvoll wirklichen Sozialismus, einschließlich dessen erprobte Demokratie.
Das andersartig ausfallende Wahlergebnis indes machte ihm bewusst, dass sich das Leben denn doch wieder mal weit unter seinem Niveau abgespielt hat.*

*Das seinerzeit großartige Kabarett-Duo „Die Missfits“ möge mir den Klau dieser Potinte verzeihen.

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Ein Zwiespalt

Herr M. ist in der Stadt unterwegs. Am S-Bahnhof Walzerheide erblickt er einen kleinen Auflauf samt Geschrei. Herr M. wird rasch gewahr, was vor sich geht: Zwei Männer prügeln sich. Wobei – wenn es denn dabei je paritätisch zugegangen sein sollte: Die Prügelei ist ob der unübersehbaren physischen Überlegenheit des einen ist für den anderen längst zu einer Gefahr für Leib und Leben geworden; ersterer schlägt und tritt wie rasend auf den am Boden Liegenden ein. Wie alle Umstehenden ist auch Herr M. empört über diesen Gewaltexzess. Auffordernden Rufen im Umkreis, einzuschreiten und den möglicherweise Moribunden zu retten, tritt M. indes mit der Mahnung zu Umsicht und vorausgehender Analyse entgegen. Da Gewalt nur die ultima ratio des Handelns sein könne, wäre also zunächst zu klären, welche Gründe und Motive die beiden Akteure zu dieser Prügelei veranlasst haben. Im Wissen darum gehöre dann abgewogen, auf wessen Seite das Recht sei. Sei das geklärt, wäre wiederum zu prüfen, welche Motive oder gar Parteilichkeiten, ja, welches Kalkül jeder einzelne der nach aktiver Einmischung Rufenden zu seiner Bereitschaft treibt, den Zwei-Personen-Krieg durch sein persönliches Einschreiten zu beenden. Seien so sämtliche hintergründigen Beweggründe ausgeschlossen, dann, ja dann wäre das Instrumentarium zu beleuchten, das zur Streitschlichtung verfügbar sei. Und sei darüber dann erst einmal Einvernehmen erzielt, o.k. – dann ließe sich mit einem guten Gewissen Hand anlegen. Herr M. hatte für seine Ausführungen ein durchaus verständnisvolles Publikum. Seinerseits nun tatbereit, hatte sich inzwischen eine herbeigerufene Erste Hilfe eingeschaltet und den Schwerverletzten ins Krankenhaus gebracht, wo er noch zwei Tage überlebte. Geblieben aber war Herrn M.s heiliger Zorn gegen die Gewalt.

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Ein fester Standpunkt

Der Mann wollte sich eigentlich nur fortbewegen. Und er hatte durchaus eine Vorstellung, wohin. Just, als er zu einem Schritt nach vorn anzusetzen im Begriff war, mahnte ihn ein Nachbar, dass dies der falsche und ein durchaus verhängnisvoller Weg sei, dessen Beschreitung sich schon allein moralisch verbieten würde.

Wohlmeinenden Hinweisen aufgeschlossen, war der Mann durchaus bereit, seine weitere Laufrichtung zu ändern. Ein anderer seiner Gefährten sah dies aber nicht nur kritisch, sondern sogar als verwerflich an. Dort, wohin der Mann nun zu streben anhub, sei verbrannte Erde, und der Mann würde sich im Falle seines Weitergehens erneut moralisch, ja auch menschenrechtlich schuldig machen.

Darob neuerlich nachdenklich, verharrte unser Mann ein weiteres Mal. Seinem nächsten Versuch, eventuellen Vorwürfen zuvorzukommen, indem er seine Schritte rückwärts zu lenken versuchte, ereilte indes das gleiche Schicksal, denn Rückwärtsgewandtheit, so die ringsum auf ihn einprasselnden Vorwürfe, wären der verhängnisvollste aller Versuche, die verfahrene Situation lösen zu wollen.

Per Sidesteps, diversen Körperdrehungen und Gewichtsverlagerungen war unser Mann noch eine Zeit lang bemüht, sich einsichtig und moralisch normgerecht zu bewegen. Nachdem damit Stunden, Tage und Monate vergangen waren, erlag er auf seinem Standort der Dehydrierung und dem Hunger. 

Immerhin, so wurde ihm dann nachgerühmt: Er habe seinen festen Standpunkt nie verlassen.

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