von Reinhard Wengierek
Eins: Seebühne Hans-Otto-Theater Potsdam – Auf’m Fahrrad ins Eheglück

Hans-Otto-Theater Potsdam: Der tollste Tag (Regie: Adriana Altaras). Franziska Melzer, Hannes Schumacher, Mascha Schneider (v.l.) Foto: Thomas M. Jauk
Was für ein Finale! Big Boss klatscht ins Wasser, säuft ab, und die Belegschaft feiert. Ein zünftiger Tyrannenmord. Denn Graf Almaviva war ein brutaler Machtmensch, zynischer Menschenverachter, Ausbeuter, Frauenverbraucher, Ehebrecher und, wenn es denn nicht anders ging, Vergewaltiger.
Da hat Kammerdiener Figaro (Hannes Schumacher) ganze Arbeit geleistet in Peter Turrinis bissiger Überschreibung des Komödienklassikers von Beaumarchais „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ (1784). Dass da das Wasser ordentlich (vorrevolutionär) aufspritzt hat zu tun mit Brandenburgs wohl schönster Freilichtbühne direkt am Ufer des Tiefen Sees. Und mit der gewitzten Regisseurin Adriana Altaras. Die nämlich glättet sommertheatertauglich mit besagtem Rauswurf ins tiefe Nass durchs Schlossfenster Turrinis Schock-Finale. Da erdrosselt Figaro seinen hohen Herrn. Grauenvoll.
Obendrein beendet Altaras diesen tollsten Tag voller Liebeshändel, Intrigen, Demütigungen und schlimmen Rechtsverdrehungen („Wer zahlt gewinnt den Prozess!“) mit einer verrückten, oder sagen wir: menschenfreundlichen Fantasie: Almaviva (Arne Lenk) taucht plötzlich wie ein Wunder durchnässt wieder auf. Nunmehr verwandelt als Domestikin (kleine Genderei). Im sexy Miniröckchen der Zofe Susanna, Figaros Braut, die er noch fix vor der Hochzeit unbedingt missbrauchen wollte. Schlussbild mit Mozart-Musik: Alles tanzt, Gläser klingen, Figaro schnappt sich Susanna (Mascha Schneider). Und beide radeln umkränzt von Blumen auf ihrem Fahrrad hinaus ins märkische Glück. Das Publikum ist gerührt. Und begeistert.
Apropos Mozart. Der komponierte bekanntlich aufs Libretto des genialen Lorenzo da Ponte seine unübertreffliche Oper „Figaros Hochzeit“ (Uraufführung 1786). Auch da dreht sich alles ganz unverblümt um Klassenherrschaft. Ums Gegeneinander von Oben und Unten – aber zugleich auch ums Miteinander. Komplexer Sachverhalt. Und dazu, als Steigerung der Ambivalenzen, um die alle Klassengrenzen überwuchernde Himmelsmacht Liebe. Großes Menschen-, ja Menschheitstheater.
Turrini schiebt das beiseite: Er glaubt nicht an Himmlisches. Bleibt allerdings weitgehend dem klassischen Handlungsgerüst treu. Konzentriert sich jedoch pointiert und in witzigen Dialogen auf die sozialen Antagonismen. Dabei verblasst das Menschlich-Allzu-Menschliche, Klassenkampf hingegen lodert. Und eine deftige Typenkomödie rast – mit kecken Ausfallschritten ins Klamottige – durchs entzückende Bühnenbild von Matthias Müller. Der setzte als Hingucker und deutlichen Fingerzeig einen Brunnen mit protzigem Neptun in die Mitte. – Kommentar von Frau Gräfin (Franziska Melzer): „Männer sind Vollpfosten!“
Über und um den Muskelmann mit dem Dreizack herum tobt ein von Jessica Karge elegant kostümiertes Ensemble (René Schwittay, Katja Zinsmeister, Amina Merai, Jon-Kaare Koppe). Da knallt Erotik, da kracht Spiellust. Zusätzlich trällert man, zart oder schrill, immer mal wieder ein bisschen Mozart – und sogar Rio Reiser. Begleitet von Rita Herzog am Klavier unterm ausladenden Lindenbaum neben der Bühne. – Feiner Sommerspaß. Applaus, Applaus!
(Noch bis 19. Juli.)
*
Zwei: Schaubühne – Schauspielfest mit Lars Superstar und etwas Ibsen

Schaubühne Berlin: Peer Gynt von Henrik Ibsen, ein Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger / Leitung John Bock und Lars Eidinger. Foto: Schaubühne © Benjakon
Damals zur Premiere, da trat die Dramaturgin vors Publikum, um mitzuteilen, Lars Eidinger habe sich auf der Probe einen Finger schwer geschnitten (gar abgeschnitten?); dass er den Vormittag in der Charité verbracht habe, aber trotz allem spielen werde. Konsternierte Stille, dann Raunen im Saal. Tja, unser Lars! Der ist hart im Nehmen, dachten damals alle. Hamlet im Schlamm, Richard III. am Vertikalseil. Aber Peer Gynt mit geflicktem Finger… Muss das sein?
Natürlich, es musste. Und alsbald kapierten wir: Keine Bandage, keine kaputte Hand, alles Lüge. Passte aber zu Peer Gynt, den auch Henrik Ibsen in seinem gleichnamigen dramatischen Gedicht als notorischen Lügner hinstellt. Als Fantasten, der um die ganze Welt jagt. Immer auf der Flucht vor sich selbst und zugleich egomanisch wie kein anderer auf der Suche nach sich selbst.
Wie Doktor Faust verzweifelt nach Sinn und rücksichtslos nach Identität suchend durch Traum- und Wirklichkeitswelten rast, so tut das auch der arme Bauernlümmel Peer; ein Draufgänger, Verführer, Brauträuber, Zaubermeister, Menschenschinder, Prophet in der Wüste und Kaiser im Irrenhaus. Und was von seinen monströsen Erlebnissen nun wahr ist und was bloß ausgedacht bleibt im Namen des Autors dahin gestellt.
Dieser verwegene, verrückte, durchtrieben schlaue, zuweilen hoffnungslos unglückliche Peer passt natürlich perfekt zu Lars Eidinger, der Ibsens gigantischen „Peer Gynt“ als Material nimmt für eine performative Großaktion, die er ganz alleine stemmt. Natürlich kommen da bloß Bruchstücke zum Einsatz. Um viel Luft zu haben für persönliche oder auch private Auslassungen, filmische Zwischenspiele, Clownerien, Slapstickiaden und reichlich Gesang wie Eidinger-Fans ihn kennen aus dessen längst kultiger Autistic-Disko.
Man darf getrost und erstaunt sagen: Sie ist ein popkünstlerischer Knaller, diese das Ibsen-Original ziemlich weiträumig umwedelnde kindergeburtstagsbunte Revue eines charismatischen Groß-Schauspielers. Lars Ego-Shooter tobt in tausend Verkleidungen (gern mit Strapsen), tausend Perücken und tausend verschiedenen, gern in exhibitionistischen Posen gewechselten Unterhöschen (eins ist dem Programmzettel beigelegt) durchs „Taten-Drang-Drama“. Als das nämlich haben sich Eitel-Eidinger sowie der Aktionskünstler, Bühnenbildner, Filmemacher und Autor John Bock den Ibsen lustvoll zurecht gepoppt.
Das Ergebnis: Eine spektakuläre, selbstverliebte Solo-Show aus Jux und Tollerei (die Ibsen-Saga hat ja gleichfalls opernhafte Breite). – Freilich, im Gegensatz zu Ibsen, mit peinlichen Längen und lästigen Leerstellen. Jedoch immer wieder überraschend ermunternd im Wechsel von witzig, albern, blöd und ernst.
Ehrlich gesagt, da stört es kaum, dass Ibsens schwelender Pessimismus, seine Vergeblichkeits- und Endzeitstimmung eher beiseitegeschoben sind. Doch das Nichts, auf das man stößt wie beim Schälen einer Zwiebel, die keinen Kern hat, das erkennt auch Peer am bitteren Ende, von dem Eidinger beeindruckend und schön erzählt (wie meist, wenn er dicht bei Ibsen ist). Auch Peer hat keinen Kern und Sinn, keine Mitte, keine Identität. Alles bleibt Einbildung, Spiel, Lüge. Wie die vom schlimmen Finger. – Lars, der Lügner; so gesehen: Ein radikales Selbstbekenntnis von Peer Eidinger. Und natürlich ein Schauspielfest!
(Lars Superman ist selten im Haus, deshalb seltene „Peer“-Termine. Nächste Gelegenheiten: 13.-20. Juli.)