Der sanfte Mensch

von Stephan Wohanka

Trump empathisch? Ein Zeitgenosse sieht das so. Wer ist er? Das ist uninteressant; mir geht es nicht um die reale Person, sondern um eine politische Haltung, die in Teilen des Zeitgeistes herrscht. Diese Person ist Mitglied des Vereins Humanismo Solidario, der dieses Selbstverständnis pflegt: „Corriente crítica e intelectual de personas libres con la idea irrenunciable de la fraternidad universal y de la unidad profunda de la humanidad“ (Kritische und intellektuelle Bewegung freier Menschen mit der unauflöslichen Idee der universellen Brüderlichkeit und der tiefen Einheit der Menschheit).


Habermann. […] In Amerika, da is Freiheit! […] Aber ick befürchte man, deß Amerika nich mehr lange ’ne freie Republik bleiben wird. Flöter. Wieso? Habermann. Weil zu ville Deutsche rüberjehen.
Adolf Glaßbrenner: Politische Diskussion / Abbildung: Auswandererschiff. The Illustrated London News. 1850

Trump sei empathisch, denn er beschriebe „eine grausame Realität treffend“: „Dieser Krieg ist äußerst grausam. Ein tobendes Schlachtfeld, die Kugeln fliegen dicht an dicht, und oft sind menschliche Körper das Einzige, was sie aufhält. Vor allem die Körper junger Menschen. Die Todesrate ist extrem hoch. Und es ist doch ein wunderschönes Land, ein herrliches Ackerland, das von Kugeln und anderen Geschossen verwüstet wird.“ Dagegen ließen europäische Politiker „die menschliche Dimension des Ukrainekrieges“ vermissen. Stimmt das?

Eine dieser Politikerinnen ist die Estin Kaja Kallas, EU-Außenbeauftragte. Selbige „sagte schon 2023, dass das Ziel ihrer Politik nicht der Frieden sei. ´Unsere Hauptaufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das, was Russland der Ukraine angetan hat, nie wieder passiert.´“ Es bleibt das Geheimnis dieses Zeitgenossen, warum Kallas´ Worte nicht für Frieden stehen.

Er befürwortet das Konzepts der Eutopie – also eines Ortes, an dem die menschliche Gesellschaft, die natürlichen Bedingungen so ideal sind, dass vollkommene Zufriedenheit herrscht – und hängt „einer Utopie des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ an, „die ich mir ausgedacht habe“. Er „möchte hier nicht mit Empörung oder Polemik reagieren, über Manipulation der einen Seite urteilen oder über die fehlende Menschlichkeit der anderen“, möchte nicht über „die Absichten von Politikern spekulieren“, er möchte nur „fragen: Was macht das mit mir? Und was wünsche ich mir?“ Ein offenbar rundherum sanfter, ja lammfrommer Mensch, der sich selbst für ungemein wichtig hält und offenbar nur das Gute (im Menschen) als oberstes Prinzip des – oder besser, seines – Seins erkennen will…

Daneben ist unser Mann ein mit allen Wassern gewaschener Kommunikator. Er versteht es, zu formulieren und bestimmte Emotionen und Stimmungen zu erzeugen, um Meinungen zu beeinflussen. Dem so eingestimmten und manipulierten Leser seines Textes bietet er einen Reigen absurder Thesen und Vergleiche, hochgefährlicher Vereinfachungen an, die ersterer dann wie süßen Brei schlucken sollte.

Die schon erwähnte Kallas betonte in einer Debatte die Notwendigkeit, die Souveränität und territoriale Integrität von Staaten als die Grundpfeiler des Völkerrechts zu respektieren. Wir hätten aber nicht die Mittel, diese Rechte durchzusetzen. Wenn jemand gegen sie verstoße, wie Russland in der Ukraine, sei es praktisch unmöglich, wirksam zu reagieren. Der Ukrainekrieg sei eine existenzielle Bedrohung für ganz Europa, und unter einer Besatzung könne man bekanntlich nicht gut leben. „Also müsse man aufrüsten und in den Krieg ziehen.“ So manipuliert der Mann. Nach dem Bekenntnis, der Ukrainekrieg sei Bedrohung für Europa, behauptet er umstandslos, indirekt zitierend, dass „man in den Krieg ziehen (müsse)“. Wer gegen wen und warum überhaupt?

Ein Kabinettstückchen ist unseres Mannes Sicht auf heutige Staatsgrenzen. Ich zitiere ausführlich, um den ganzen Aberwitz offenzulegen: „Wenn Trump behauptet, die Grenze zwischen Kanada und den USA sei nur ein Strich auf der Landkarte, ist die Empörung verständlich. Aber erinnert uns Europäer das nicht zugleich an etwas? Denn wie wurde die Grenze zwischen der Ukraine und Russland gezogen? […] Zwischen Polen und Deutschland? Zwischen Deutschland und Frankreich? Etwa nicht durch Striche auf der Landkarte, die vor allem von Autokraten, Apparatschiks und wenig demokratischen Eliten über die Köpfe der Bevölkerung hinweg gezogen wurden? Vergessen das Tusk, …, Kallas und von der Leyen, wenn sie die Unantastbarkeit der geopolitischen Ordnung nach 1945 beschwören? Ist das ein Zustand, für den wir, die Bürger Europas, bereit sein sollen, in einem neuen kontinentalen Krieg zu töten und zu sterben?“ Der von unseren Mann eingelullte Leser ist geneigt, „natürlich nicht“ zu sagen. Aber weiter: „Denn ob es uns gefällt oder nicht: Kanada und Grönland sind Relikte des europäischen Kolonialismus, vor denen wir einfach die Augen verschlossen haben. […] Vor diesem Hintergrund haben die bestehenden Grenzen auch im Herzen des sogenannten Westens, wenn überhaupt, nur eine brüchige Legitimität. […] Unsere heutige Welt ist vor allem das Produkt von zweieinhalb blutigen Jahrhunderten, die Hunderte Millionen Menschenleben, Hektoliter von Blut und unzählige zerstörte Existenzen gekostet haben. Ist dieses Erbe irgendeine Sicherheitsgarantie wert“?

Und ob! Die Frage ist doch eine völlig andere: Warum gibt es überhaupt ein Völkerrecht; breiter noch – Ordnungen? Wozu Grenzen gehören. Das (globale) Zusammenleben der Menschen funktioniert nur über Ordnungen. Menschen gaben sich diese, um die frühere Willkür innerhalb und außerhalb der Staaten einigermaßen einzudämmen. „Grenz- und Territorialkonflikte sind Symptome schwacher Ordnung“ schreibt Thomas Fasbender in der Berliner Zeitung. Schon Kant wies darauf hin, dass die modernen Vorstellungen von Autonomie und Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde nicht einfach gegeben sind, vielmehr eine Instanz oder Ordnung jenseits aller Empirie zwingend voraussetzen. Lösten wir diese Ordnungen auf, fielen wir wieder in den Zustand des „homo homini lupus est“ (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf), den Thomas Hobbes in seinem „Leviathan“ 1651 beschrieb. Nach Hobbes ist der Mensch dem Menschen ein Gott und der Mensch dem Menschen ein Wolf. Letzteres träfe zu, wenn wir die Staaten untereinander verglichen; siehe oben. Auch „göttliche“ Variante bedürfe günstiger politischer Bedingungen: Bürger müssten wissen, dass sie von einer starken und souveränen Macht beschützt würden. Anders wäre jeder, der sich moralisch verhalten möchte, ohne einen Staat, der alle gemeinsamen Regeln unterwirft, nur ein Opfer, das der Gier der anderen ausgesetzt wäre.

Unser Mann weiter: „In Trumps Protektionismus sehe ich folgende Botschaft: Rohstoffe und Konsumgüter sollten nicht frei zwischen Ländern zirkulieren, wenn die Menschen dies nicht auch dürfen. Aus der Perspektive der Eutopie ist das ein weiterer gestohlener Traum. Denn eine bessere Welt ist eine, in der sich die Menschen mindestens so frei bewegen können wie die Produkte der globalen Wirtschaft.“ Diesmal dient ein Traum vom sich „frei bewegenden Menschen“ der Manipulation und Wegführung von den wahren Problemen. Die liegen nicht darin, weltweite Freizügigkeit zu ermöglichen, sondern darin, der Erosion menschlicher Ordnungen entgegenzuwirken. Totale Freizügigkeit unterminierte selbige eben auch total. Der linksradikale Slogan „No Border, no Nation“ klingt aufgeklärt, beschädigte jedoch die aufnehmenden Staaten, deren definierte Souveränität. Bekämen Migranten gleich alle Rechte, drohte das Kollektiv der Staatsbürger diffus und unverbindlich zu werden. Neulingen allerdings weniger staatsbürgerliche Grundrechte einzuräumen als Alteingesessenen, geht auch nicht. Eine Staatsbürgerschaft light führte zu einem Apartheidsystem, das den für Demokratien fundamentalen Gleichheitsgrundsatz aushöhlte.

(Politische) Bewegungen, die sich auf eine utilitaristische Ethik – also eine, nach der die moralisch richtige Vorgehensweise diejenige ist, die der größten Zahl von Menschen Nutzen bringt – berufen, scheitern regelmäßig. Der französische Senat appellierte seinerzeit an Napoleon: „Sire, das Streben nach Vollkommenheit ist eine der schlimmsten Krankheiten, die den menschlichen Geist befallen können.“ Die Sprecher dieses Satzes waren Glückspilze; hatten sie doch gerade die Folgen der versuchten Einführung von liberté, fraternité und egalité überlebt. Wie die Geschichte zeigt, sind utopische Schwarmgeister, zumal ausgestattet mit der Gabe der Persuasion und Manipulation, dabei über moderne Medien verfügend wie unser Mann, gefährlich für die Menschheit.

Trump empathisch? Bei einem Besuch in Jad Vaschem schrieb er ins Gästebuch der Gedenkstätte: „Es ist eine große Ehre, mit all meinen Freunden hier zu sein […] So fantastisch (amazing) + werde es nie vergessen.“ „ Amazing“? Ein Begriff, um Shows oder Sportspiele zu beschreiben; hier macht er jedoch nicht nur Trumps Inkompetenz, sensible Situationen auch als solche einzuschätzen, offenbar, sondern zeugt auch von seiner Unfähigkeit zu basaler Empathie. Dass er selbst ein Meister darin ist, um die Empathie anderer zu buhlen, sei nur noch erwähnt.

4 Kommentare

  1. Sehr anregend; Autor gefunden und weiteren Text von ihm gelesen.

    Bei dieser Gelegenheit: Danke, Herr Wohanka, für Ihr Anschreiben für die Wahrheit im Blättchen.

    1. Lieber Herr Matthies,
      wie jeden Autor freut es mich natürlich, dass Sie den Text als anregend empfinden und auch andere Texte gelesen haben…
      Die „Wahrheit im Blättchen“ – in einer pluralistischen Gesellschaft, in der wir gottseidank leben, muss man unterschiedliche Meinungen und Auffassungen ertragen – die anderen meine und ich die anderen. Das ist zumindest mein Credo.
      Freundliche Grüße
      Stephan Wohanka

  2. Die Illustrationen sind offensichtlich von Wolfgang Brauer. Interessant die Bildunterschriften: Glaßbrenner zelebriert uns Berliner Dialekte von der Mitte des 19. Jahrhunderts. In den Dörfern um Berlin wurde da wie seit Jahrhunderten noch Platt gesprochen. Weitere Illus dieser Art willkommen!

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