von Klaus Hammer
Harald Metzkes, diesen sensiblen, grüblerischen, zurückgezogen in Wegendorf (Märkisch-Oderland) lebenden Künstler, hat am 14. Mai 97-jährig der Tod ereilt.
Einst formulierte er „Natur und Auge“, die Symbiose des Beglückenden und Bedrängenden, als sein Programm: „Ich erlebe, dass das Materielle mich beglückt und bedrängt, Menschen streicheln und rempeln. Der Konstruktion dieser Dinge zu einem gilt mein Bemühen, nicht ihrer Destruktion.“ Das sagte er 1975. Ende der 1950er Jahre war er der Begründer der „Berliner Schule“ (der Begriff wurde in den 1960er Jahren von Lothar Lang geprägt), einer losen Gruppe von Künstlern, die einen „sensualistischen“ Realismus in eigener Regie schaffen wollte, ohne sich um die Direktiven der offiziellen Kulturpolitik der DDR zu kümmern.
Der Farbsinn, der sich anfangs bei Metzkes ganz zur Dominanz des Schwarz verdüstert hatte – so hat man auch von einer frühen „schwarzen Periode“ bei ihm gesprochen –, war zu einem nervösen Flimmern, einem unruhigen Flackern der Farbe bei Einhaltung strenger Tektonik aufgebrochen. Metzkes sinnenhafter und zugleich reflektierender Realismus, inspiriert von Cézanne und Courbet, gelangte dann im Modulieren feinster vibrierender Farbflecke zu einer lichterfüllten, tonigen Malerei. Die Farbe war nicht mehr impressiver Lichtträger, sondern wurde – so Günter Feist – in ihrer schweren, oft geheimnisvoll aus der Tiefe leuchtenden Art erneut expressiver Bedeutungsträger.
Hilflos agiert der „Mann mit Geigerzähler“ (1957) – es ist die Zeit des Kalten Krieges, der atomaren Bedrohung – in einer toten Umwelt. Von der pittura metafisica beeinflusst sind architektonische Versatzstücke in der kahlen imaginären Landschaft mit hochgezogenem Horizont angeordnet, mit Anspielungen auf aktuelle Zeitgeschichte. Metzkes „Sitzender Akt“ (1967) konterkariert durch malerisches Überspielen der Form, durch ein düsteres, erdiges Kolorit die Schönheitsvorstellungen der Zeit. In seinem „Familienbild“ (1973) wiederum bestimmt er mit differenzierten malerischen Mitteln den Standort jedes einzelnen Familienmitglieds und lässt das für sie psychisch Charakteristische aufleuchten.
Um die Doppelgesichtigkeit, die Zwiespältigkeit geht es in „Januskopf“ (1977): Anstelle des zweiten Gesichts trägt Janus – hier ein Zeitgenosse von uns – die Maske. Aber Janus symbolisiert eben auch die Dualität von Leben und Tod, Licht und Dunkelheit oder Anfang und Ende. Das Allegorische bleibt verständlich, die Realität wird ihres Scheins entkleidet. Malkunst als Kunst der Metamorphose, aber Schauspiel („Publikum stürmt die Bühne I“, 1987; „Fideli“, 1992) auch als Kunst der Täuschung. Das Bild wird zur Bühne, die Bühne zum Bild – Theaterbilder und Bildertheater, Maskenspiele. So „Schwarzgesicht und Weißgesicht“ (1988), das das Harlekin-Thema inmitten einer Genreszene auf rätselhafte Weise variiert. Vertrautheit und Fremdwerden, Nähe und zunehmende Entfernung werden im Werk Metzkes ebenso ersichtlich wie die Inszenierung der Illusion.
Im „Musischen Kabinett“ (1989) wird musiziert, gespielt und getanzt – und doch ist jeder nur mit sich selbst beschäftigt. „Blinde Kuh“ (1991): Eine junge Frau mit verbundenen Augen tastet sich auf den Betrachter zu, während die anderen Figuren sich beiseite beugen, so dass der Eindruck von Leere trotz des dichtgedrängten Interieurs entsteht. Orientierungsverlust und vergebliche Erneuerungshoffnung kommen auch im „Januskonzert“ (1990) zusammen. Es ähnelt einem Wimmelbild mit versteckten Figuren, Handlungsweisen, Situationen, Begebenheiten, die kombiniert werden müssen.
Mummenschanz und Maskerade, Komödie, Harlekin und Zirkus, die Phantasie fungieren als Gegenwelt zur Wirklichkeit und beschwören damit das Trauma eines absurden Theaters. Die Welt ist ein Zirkus, scheint der Maler Harald Metzkes zu sagen – und wir alle sind Artisten, Clowns, Narren in einer geschlossenen Zirkuswelt, wo jeder von uns eine beschränkte Aufgabe zugewiesen bekommt. Auf seinen Bildern tobt sich die Narrheit des Menschengeschlechts aus. Das Prosaische dieser Gestalten mit ihren Mützen, Masken und geschminkten Gesichtern, in ihren bunten Kostümen, ihren erstarrten Gesten wie ekstatischen Haltungen – all das verleiht der Szene trotz ihres transparenten Lichtes ein Gefühl der Fremdheit, des Bedrohlichen, eine surreale Atmosphäre. Was ist hier noch Realität, was ist Kulisse, wie lassen sich Schauspieler und real handelnde Personen unterscheiden, wo hört das heitere Verwirrspiel auf und schlägt es um in grimmigen Spaß und bitterbösen Ernst? Die Bilder Harald Metzkes konfrontieren uns mit den in rasender Geschwindigkeit verändernden Zeitverhältnissen.
„Ich kann von der Vorstellung nicht lassen, dass die ganze Welt nicht nur aus Details zusammengesetzt ist“, sagte Metzkes 1994. „Ich bin als Maler der Beobachter eines Welttheaters, in dem die Welt sich aber abspielt, nicht dahinter. Es wäre sehr schön, das Leben darzustellen, wie es ist, aber ich spüre, dass man da nicht aufhören kann, es muss ja auch etwas gelöst werden.“ Jeden Augenblick kann bei Metzkes die Situation umkippen, droht das „labile Gerüst vor Publikum“, so auch der Titel eines Bildes von 1992, zusammenzustürzen. Da die komplexe Überlagerung von Themen, die psychologisch und symbolisch vielfältigen Deutungen offenstehen, taucht die Szene ins Geheimnisvolle und verleiht ihr ihre poetische Dimension.
Der Künstler lädt seine Motive mit Assoziationen und Anklängen auf, benutzt manche als feststehende Hieroglyphen, andere sind vollgültige Personen in seinem privaten Welttheater. Auf unsicheren Leitern klettern die Figuren nach oben, die schleifenförmige Bahn lässt sie in die Tiefe stürzen. Perspektivische Verkehrung und Verkürzung, die Proportionsverzerrung, die Lokalisierung von Figuren und Gegenständen, alles bricht hier mit dem Kanon der traditionellen Darstellungsweise und rechtfertigt vielleicht den Ausdruck eines „fallenstellenden“ Realismus. Die Mütze und Maske ist des Malers Schutzmarke geworden, unter der er das Karnevaltreiben beobachtet, das mehr einer Aschermittwochstimmung gleicht. Die Lust am schönen Schein, die „joie de vivre“ erweist sich als Lug und Trug, artistisches Spiel schlägt in Gewalt und Brutalität um oder führt zur Katastrophe.
Haben die Figuren, diese Maskenmenschen, die mit ihren hohlen, schattenhaften Illusionen leben, bereits verspielt oder gibt es noch eine Chance? Mitunter scheinen sie aus dem Bild heraus zu fliehen, dem Betrachter in die Arme zu stürzen wollen. Harald Metzkes ein Sittenschilderer, der der Mitwelt einen ironisierenden Zerrspiegel vorhält? Will er uns mit seinen Bildern einen visuellen Schock versetzen? Aber seine philosophische Einstellung erlaubt ihm einen erweiterten Blickwinkel. Nähe und Ferne, Qual und Ironie, Capriccio und geistige Souveränität halten sich die Waage. Er durchmisst die ganze weite Strecke von der Komödie bis hin zum absurden Theater, es ist eine Reise in die Illusionslosigkeit, und es gelingt ihm, das Erschreckende so fassbar zu machen wie kaum ein anderer.
Harald Metzkes, einer der großen Maler und Grafiker unserer Zeit, ist tot. Seine Bilder aber werden uns weiter begleiten im Aufdecken von Sein und Schein, Lug und Trug, im Einstehen für Demokratie und Menschenwürde, in der Suche nach dem wahren Sinn des Lebens.
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Nachsatz W. Brauer
Aus urheberrechtlichen Gründen habe ich diesen Beitrag leider nicht illustrieren können. Gerne verweise ich aber auf die Webside harald-metzkes.de, auf der eine Vielzahl von Arbeiten dieses großen Bilderfinders zu sehen sind, u.a. auch das von Klaus Hammer erwähnte „Familienbild“ (1973).
Ein (im Wortsinn) sehr feiner Nachruf. Vielen Dank, lieber Klaus Hammer. Was bin ich froh, einige wenige Metzkes’sche Werke in meiner kleinen Sammlung zu haben.