Der Lohn des Fleißes – ein Zug voller Kunst

von Gerhard Lehrke

Man raube einem unterworfenen Volk seine Kultur und trage so zu seiner Erniedrigung und Schwächung bei – mit dem korrupten Nebeneffekt, dass man sich mit der Beute die eigenen Museen und (Privat-)Sammlungen auffüllt. So handhabte es Deutschland mit dem besetzten Polen im Zweiten Weltkrieg. Ein Mann brachte es jedoch fertig, schon ein Jahr nach Kriegsende viel der deutschen Beute heimzuholen: Karol Estreicher.

Dr. Elisabeth Katzy, beim polnischen Pilecki-Institut (in Berlin ansässig am Pariser Platz 4a) für Provenienz-Forschung verantwortlich, nannte kürzlich bei einer Veranstaltung des Instituts zum Thema eine Zahl: Rund 516.000 Gemälde, Skulpturen, wertvolle Priestergewänder oder auch Fayencen wurden im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen in Polen geraubt, daneben unzählige historische Urkunden und Dokumente sowie Millionen von Büchern. Aus Museen, Kirchen, Bibliotheken, Universitäten, Archiven und bei besonderem Wert unter „Führer-Vorbehalt“: Adolf Hitler entschied, wohin und an wen sie gehen sollten.


Die Rückkehr der „Dame mit dem Hermelin“ im April 1946: Bildmitte Major Karol Estreicher, daneben Monuments Man Capt. Everett Parker Lesley und Pfc. Joe D. Espinosa sowie ein Bewacher vom 34th Field Artillery Battalion der U.S.-Army. Foto: Programme für Denkmäler, Bildende Künste und Archive, Public domain, via Wikimedia Commons
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Doch ein Mann war maßgeblich daran beteiligt, einen großen Teil für Polen zurückzugewinnen, Karol Estreicher (1906-1984). Am 30. April jährt sich zum 80. Mal die erste Rückführung geraubter Kulturgüter mit dem „Estreicher-Zug“ aus Nürnberg nach Krakau. 26 Waggons voller Schätze kehrten heim. Begleitet von Estreicher in polnischer Majors-Uniform und unter anderem von US-amerikanischen „Monuments Men“ in einem 27. Wagen. Man kennt sie in Deutschland seit 2014 besser, als George Clooney im gleichnamigen Film auf die Suche nach der Raubkunst ging.


Leonardo da Vinci (1452-1519): Die Dame mit dem Hermelin (1483-1490) – Czartoryski-Museum Kraków. Public domain, via Wikimedia Commons.

Das wohl berühmteste Stück im Zug war Leonardo da Vincis „Dame mit dem Hermelin“, das aus dem Krakauer Czartoryski-Museum stammte. Daneben der etwa zur selben Zeit 1489 nach jahrelanger Arbeit fertiggestellte Altar der Krakauer Marien-Kirche, geschaffen im Auftrag des polnischen Königs durch den Nürnberger Bildhauer und Holzschnitzer Veit Stoß. Ein Foto zeigt Estreicher, bewacht von einem schwer bewaffneten Soldaten, wie er im Frühjahr 1946 mit dem Gemälde vor dem Zug steht. Es war das Symbol seines Erfolgs, ermöglicht durch Vorahnungen, Mut, harte Arbeit und diplomatisches Geschick.

Schon im August 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September, hatte Estreicher den kommenden Krieg geahnt. Er leitete den Versuch in die Wege, die Skulpturen des Veit-Stoß-Altars in der Kathedrale und dem Priesterseminar von Sandomierz zu verstecken. Was nicht viel half, weil sie schon im September von den Deutschen entdeckt und als „deutsches Kulturgut“ erst nach Berlin und dann nach Nürnberg geschafft wurden.

Dafür gelang es Estreicher, Manuskripte des Komponisten Frédéric Chopin und eine Gutenberg-Bibel zu retten. Er war vor den Deutschen über Rumänien nach Frankreich geflüchtet, auf dem gleichen Weg gelangten die Stücke aus deren Machtbereich. Im Juni 1940, kurz vor dem deutschen Angriff auf Frankreich, konnten sie nach England gebracht werden. Estreicher wechselte ebenfalls nach London. Dort begann er mit sieben Mitstreitern in der polnischen Exilregierung die eigentliche Arbeit zur Wiedergewinnung der deutschen Beute.

Es gelang dem Team, noch während des Krieges weite Teile des Raubguts zu erfassen, und zu recherchieren, wer an der Plünderung beteiligt war: Die Polen erstellten Namenslisten mit detaillierten Informationen,1942/43 hielt sich Karol Estreicher monatelang in den USA auf, knüpfte Kontakte, bildete Netzwerke. Die Ergebnisse der Arbeit, 1944 auf Polnisch und Englisch niedergelegt, machten es möglich, nach Kriegsende die Beute der Deutschen schnell in westalliierten Sammelpunkten von beschlagnahmter Raubkunst zu finden und für den Rücktransport zusammenzustellen.


Veit Stoß (um 1452-1533): Hochaltar von St. Marien in Kraków. Foto: Robert Breuer, CC BY-SA 3.0 creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons.
Daneben: Verladung des Krakówer Hochaltars zum Rücktransport nach Polen durch Angehörige der U.S.-Army. Foto: U.S. Army Signal Corps. # SC-239296, Public domain, via Wikimedia Commons.

Dr. Elisabeth Katzy: „Estreicher hatte vor allem auch deshalb Erfolg, weil er einen anderen Weg wählte, als man ihn nach dem Ersten Weltkrieg beschritten hatte: Die detaillierte Personenkartei diente dazu, über die Täter zu den Objekten zu kommen, nicht umgekehrt.“ Die Personenlisten machen auch klar, dass der deutsche Raubzug keine spontane Plünderungsorgie war, sondern akribisch geplant wurde.

Eine ganze Riege der deutschen Kriegsverbrecher fuhrwerkte unter Adolf Hitlers Oberhoheit in Polens Kulturwelt herum, gerne in Konkurrenz untereinander.

Für Heinrich Himmler (1900-1945, Suizid), dem „Reichsführer SS“ und Chef der deutschen Polizei, operierte ein „Sonderkommando Paulsen“ als Anhang des „Generaltreuhänders für die Sicherung deutschen Kulturguts“ in den besetzten Ostgebieten.

Hermann Göring (1897-1946, nach Todesurteil in Nürnberg Suizid), Reichsluftfahrt- und Reichswirtschaftsminister und privater Sammler von Raubkunst, war verantwortlich für die „Haupttreuhandstelle Ost“ und das „Sonderkommando Mühlmann“.

Alfred Rosenberg (1893-1946, hingerichtet), „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ und führender Nazi-Ideologe, hatte eine Abteilung „Bildende Kunst“.

Hitlers Paladin Martin Bormann (1900-1945, Suizid) bekam die Aufgabe, den Traum seines Chefs zu erfüllen: Ein eigenes „Führermuseum“ in der „Führerstadt Linz“ an der Donau, gefüllt mit Gemälden. Die wurden gekauft, beschlagnahmt oder in den besetzten Teilen Europas geraubt. Vielfach gelangten sie durch erpressten Verkauf aus jüdischem Eigentum in die Hände der Nazis.

Eine ganz eigene Rolle spielte Hans Frank (1900-1946, hingerichtet), Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, die nicht dem Reich zugeschlagen worden waren. Er krallte sich Kunst, wo er sie bekommen konnte. Darunter da Vincis „Dame mit dem Hermelin“, die er in seinem Amtssitz, dem Krakauer Wawel, über einer Heizung (!) aufhängen ließ. Ursprünglich war das Bild 1940 nach Berlin gelangt, aber der „Schlächter von Polen“ schaffte es, das Gemälde wieder nach Krakau zu holen. Im Januar 1945 nahm er es auf der Flucht mit nach Deutschland, wo es 1946 in seinem bayerischen Landhaus gefunden wurde.


Hans Frank bei der Abnahme einer Polizeiparade in Kraków. Foto: Bundesarchiv, Bild 121-0270 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons.
Daneben Kajetan Mühlmann, Foto: Michael Wladika, Beitrag zu Kajetan Mühlmann, in: Lexikon der österreichischen Provenienzforschung – www.lexikon-provenienzforschung.org/muehlmann-kajetan (Zugriff: 19.04.2026).

Der Wettkampf der Nazigrößen um die Kunstbeute führte zu grotesken Situationen. Als der Kunsthistoriker Hans Posse (1879-1942) im Warschauer Nationalmuseum als Werke der „I. Wahl“ unter „Führer-Vorbehalt“ stehende Kunst einsammeln wollte, fand er lauter Kisten voller Werke, die Frank nach Krakau holen wollte.

Die Personalie Posse zeigt beispielhaft, wie eng renommierte deutsche und österreichische Wissenschaftler in den Raubzug eingebunden war. Dr. Elisabeth Katzy stellte unter anderem aus Estreichers Daten zusammen: 774 identifizierte Personen standen in unmittelbarem Verdacht, maßgeblich am Kunstraub beteiligt gewesen zu sein oder mit ihm in Verbindung zu stehen, darunter 58 Amtsträger, 45 Kunsthändler, 143 Kunstsammler, 84 Angestellte, 161 Freiberufler, 24 „Sonstige“ – und 259 Wissenschaftler. Die agierten teilweise in SS-Uniform. So wie der Prähistoriker und Archäologe Peter Paulsen (1902-1985), der den Veit-Stoß-Altar raubte. Er war abgestellt für die Organisation „SS-Ahnenerbe“ und sollte „germanisches“ Kulturgut sichern.

Der Mann blieb nach dem Krieg unbehelligt, ebenso wie Kajetan Mühlmann (1898-1958). Der Kunsthistoriker und hochrangige SS-Mann, mit dem nach ihm benannten „Sonderkommando“ auch in Österreich und in den Niederlanden räuberisch tätig, half bei den Nürnberger Prozessen mit seinen Aussagen, führende Nazis an den Galgen zu bringen. Er entzog sich amerikanischer Internierung und wurde in Bayern von der deutschen und österreichischen Justiz bis zum Tod in Ruhe gelassen. In einem Wikipedia-Eintrag wird gemutmaßt, dass er sein Leben mit dem Verkauf beiseite geschaffter Kulturgüter finanzierte.

Das deutet darauf hin, warum trotz Karol Estreichers Arbeit – und der unzähliger Provenienz-Forscher nach ihm – viele aus Polen geraubte Kunstschätze bis heute nicht wieder aufgetaucht sind. Neben der Annahme, dass Etliches dem Krieg zum Opfer gefallen ist oder um das Kriegsende herum von Deutschen oder alliierten Soldaten schlicht geklaut wurde.

Zum einen ist darüber hinaus weitgehend unbekannt, was die Sowjetunion nach ihrem Überfall auf Polen am 17. September 1939 dort raubte und zusätzlich von den nach Deutschland verbrachten Werken gewissermaßen als Beifang der in der sowjetischen Besatzungszone tätigen „Trophäenkommissionen“ in die UdSSR gelangte. Zum anderen war Estreichers Arbeit nicht vollständig. In anderen von den Deutschen besetzten Ländern wurden vorwiegend jüdische Kunstsammler beraubt. In Polen traf es alle Sammlungen. Während es Estreicher und seiner Mannschaft bei staatlichen, musealen, kirchlichen oder universitären Einrichtungen gelang, Beute und Täter zu identifizieren, war das bei den privaten Schätzen offenkundig nicht möglich.

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Piotr Zygmunt Kowalski, ebenfalls Provenienz-Forscher am Pilecki-Institut, macht das am Beispiel eines barbarischen Verbrechens deutlich. Es geht um die Grafen Sierakowski, seit Mitte des 18. Jahrhunderts Eigentümer des Schlosses Groß Waplitz (heute: Waplewo Wielkie) in Pommerellen. Sie hatten über 150 Jahre lang eine bedeutende Kunstsammlung und Bibliothek aufgebaut. Einer der letzten Vertreter dieser Familie war Graf Stanisław Sierakowski, der während der Weimarer Republik als Abgeordneter im Preußischen Landtag die polnische Minderheit vertrat und der Union der Polen in Deutschland vorstand.


Stanisław und Helena Sierakowski (Hochzeitsfoto 1910). Foto:
http://bi.gazeta.pl/im/6/4924/z4924836X.jpg, Public domain, via Wikimedia Commons
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Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde er gezwungen, Deutschland zu verlassen und zog auf sein Anwesen im polnischen Osiek (Kujawien-Pommern). Dort wurde er am nach dem deutschen Einmarsch am 20. Oktober 1939 vom „Volksdeutschen Selbstschutz“ verhaftet, mit Frau Helena, Tochter Teresa und Schwiegersohn Tadeusz nach tagelanger Folter in einem Gefängnis ermordet. Die Gestapo übernahm die Aufsicht über die Kunstschätze in Groß Waplitz. Die Eigentümer hatten nach ihrem erzwungenen Ortswechsel nichts von dort mitnehmen dürfen: Schon 1923 hatte Deutschland ein Ausfuhrverbot von ausgewählten und für die deutsche Kultur bedeutenden Kunstwerken verhängt.

Am 4. November 1941 erschien ein Dr. Keller vom Stadtmuseum Danzig in Groß Waplitz – im Auftrag von Willi Drost (damaliger Direktor des Stadtmuseums) und auf Anordnung des Danziger Gauleiters Albert Forster (1902-1952, hingerichtet). Keller entfernte 309 Objekte aus dem Schloss und überführte sie nach Danzig. Willi Drost ließ die Museumssammlungen, darunter auch die Schätze der Familie Sierakowski, angesichts der drohenden alliierten Luftangriffe im Jahr 1942 in verschiedene Orte außerhalb Danzigs evakuieren.

1944 und gegen Kriegsende 1945 organisierte er Transporte vom dortigen Stadtmuseum nach Hamburg, wo die Kunsthalle als Empfängerin fungierte. Kowalski: „Ich war zwei Mal dort, aber habe nichts gefunden.“ Drost soll Polen nach dem Krieg Unterlagen angeboten haben, aber ohne Resonanz geblieben sein.

Die 309 Gegenstände waren von den Danziger Museumsleuten fotografiert worden, es sind jedoch nur acht Fotografien erhalten geblieben. Das macht die Suche nach dem Raubgut und eine Restitution nahezu aussichtslos. Etwa 20 Prozent der Objekte aus dem Schloss Groß Waplitz haben sich bis heute erhalten – ein Teil davon befindet sich in polnischen Museen, der Rest bei den Erben des Grafen.

Das Schicksal vieler Beutestücke wie derer aus dem Eigentum Sierakowski ist auch 81 Jahre nach Kriegsende ungewiss. Das augenscheinlich berühmteste und teuerste verschollene Werk ist Raffaels „Porträt eines jungen Mannes“. Möglicherweise ein Selbstporträt des Künstlers aus dem frühen 16. Jahrhundert, wird es immer wieder mit einem Preis von 100 Millionen Dollar in Verbindung gebracht. Wie so viele Kunstwerke hatte es Hans Frank aus dem Czartoryski-Museum an sich gerissen, heute hängt nur noch der leere Rahmen mahnend im Krakauer Nationalmuseum.


Raffaelo Santi (1483-1520): Porträt eines jungen Mannes (1514, nachträglich koloriertes Schwarz-Weiß-Foto) – Czartoryski-Museum Kraków, seit 1945 verschollen. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons.

Eine belastbare Zahl, wie viele Werke im Gegensatz zu diesem Gemälde den Weg zurück nach Polen finden konnten, scheint es nicht zu geben. Das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ stellt zwar ein 143 Seiten starkes Papier ins Netz (Stand: Dezember 2025), aber explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist eine zeitliche Auflistung von Restitutionen aus und nach Deutschland (Bundesrepublik und DDR), aber auch aus der UdSSR bzw. Russland nach Polen, aus der Bundesrepublik in die DDR und umgekehrt.

Die Zahlen für Restitutionen an Polen in dem Papier erreichen nicht annähernd die von Dr. Katzy genannte Zahl von 516.000 geraubten Kulturgütern.

Ein Postskriptum:

So bleibt noch viel Arbeit für die Forschung, dafür werden Menschen gebraucht: Das Pilecki-Institut bietet daher zwei Forschungsstipendien an, Details findet man unter https://berlin.instytutpileckiego.pl/de/events/call-for-applications.

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