von Heinz Jakubowski
Der Mann war bekannt, nicht nur in jener Hauptstadt, in der er lebte und als Tierpfleger in einem Zoo tätig war. Nicht nur, dass ihn Liebhaber und also Dauergäste des Tierparks immer wieder wahrnahmen. Ob er in seiner Domäne, den Raubtierkäfigen, zugange war, den Löwen Futter brachte oder die Käfige säuberte – immer waren ihm respektvolle, ja bewundernde Blicke dafür sicher, wie souverän er sich in der unmittelbaren Nähe des Königs der Tiere zu bewegen wusste.
Das allein indes war nicht das, was den Tierpfleger bekannt gemacht hatte. Denn dessen fast einmalige Liebe zu „seinen“ Löwen gipfelte in der jener Geschichte, die einst durch alle Medien gegangen und von jenen immer wieder aufs Neue aufgegriffen worden war: Unser Mann hatte ein von dessen Mutter verstoßenes Löwenbaby bei sich zuhause aufgezogen und lebte mit ihm auch dann noch einträchtig zusammen, als der Leu zu ehrfurchtsgebietender Größe herangewachsen war.
Und: Er hatte dabei eine Erfahrung gemacht, die sein Verhältnis zur scheinbar genetisch bedingten Gefährlichkeit dieser Raubtiere elementar veränderte. Zeigte doch das Beispiel seines Zöglings nun schon über Jahre, dass es möglich sein musste, durch eine von Geburt an erfahrene Liebe eine scheinbar gefährliche Kreatur zu einem auch für Menschen sozialen Wesen zu machen. „Der Mensch ist gut“ hatte der Mann einst bei Rousseau und Leonhard Frank gelesen – und dank der Erfahrung mit seinem zottigen Zögling war er sich nun sicher: Auch der Löwe ist gut. Eigentlich.
Denn was macht ein Raubtier zum Raubtier, außer dieser reinen Begrifflichkeit, wenn nicht der grausame Zwang ums Überleben in der Wildnis? Warum um alles in der Welt sollte das eine Konstante sein und bleiben, wenn die Umstände humanisiert würden, wenn menschliche Liebe die hungerbedingte Mordlust ersetzte? Wenn man einem wilden Tier, ja, auch einem Löwen also, Zuneigung anbot von Anbeginn, statt ihn in die schwere Kindheit des tagtäglichen Überlebenskampfes im Dschungel oder in der Savanne zu entlassen, die dann irreparable Verhaltensmuster oder wenigstens -störungen generiert? Wenn man viel Geduld aufbrächte bei der Vermittlung sozialer Werte des Zusammenlebens, von jedermann, -frau oder auch von Löwen mit Menschen, statt letztere in Reservate oder gar Käfige zu verbannen und ihnen stets nur mit – wenn auch legaler – Gewalt zu begegnen anstelle verständnisvoller Läuterung? Es bräuchte dann weder Wildhüter noch zoologische Anlagen oder gar Käfige in Tierparks und im Zirkus. Entfallen könnten alle weiteren Repressalien, die die Gesetze und Gepflogenheiten des Menschen sich zum Schutz vor dem vermeintlich unveränderbaren Raubtiercharakter dieser und vergleichbarer Säuger zugelegt hatten, all das wäre überflüssig dann.
Wie, wenn sich also eine ultimative Harmonisierung aller Lebewesen herstellen ließe, würde man dafür nur mit gutem Beispiel vorangehen und jenes Vorbild zu geben bereit sein, dass es immer braucht, wenn scheinbar Unmögliches realisiert werden soll?
Unser Mann war dann eines Tages nicht zur Arbeit erschienen, anderen Tags auch nicht und den nächsten und übernächsten ebenfalls. Da niemand Auskunft zu geben vermochte über den Verbleib des Mitarbeiters, suchte man ihn daheim auf. Er war allerdings auch in der polizeilich geöffneten Wohnung nicht anzutreffen, sein Aufenthalt blieb weiter unbekannt. Der Haustier-Löwe soll indes einen satten und zufriedenen Eindruck gemacht haben.
(zugesandt am 5. Juni 2024)
Eine sehr schöner Text zum Thema Gutmenschentum. Die Stilform erinnert mich an die Fabel. Wie schon früher ähnliche Arbeiten des Autors zeigt der Beitrag, dass Heinz Jaklubowski dieses Genre meisterhaft beherrscht. Es gelingt ihm überzeugend, gesellschaftliche Konflikte durch Verfremdung durchschaubar zu machen.
Mehr davon, wenn ich bitten darf!
Erich Warlitz
Lieber Erich Warlitz, genau deshalb bin ich Heinz Jakubowski sehr dankbar, dass er mir seinen Text zur Verfügung gestellt hat. Ich bin zuversichtlich, da kommt noch mehr …
Mit besten Grüßen
Wolfgang Brauer