Der Freigeist. Unsterbliches Opfer – Neue Parabeln

Von Heinz Jakubowski

Der Freigeist

Nein, ihm konnte keiner was vormachen, IHM doch nicht! Nicht nur, weil sich F. als ein bestens informierter Mensch betrachten konnte. Keine Informationsquelle in den sozialen und asozialen Medien, die er nicht bis auf den Grund ausschöpfte, um per sublimer Logik stichhaltige Schlüsse zu ziehen, an denen er dann auch andere gern verbal, in übersichtlichem Maße auch verschriftlicht teilhaftig werden ließ.


Ein früher Freigeist – Hansis Professor Knatschke (Buchumschlag),
Mülhausen i. E. 1913

Indes, und darauf kam es an – blauäugig quellenoffen war F. beim Erforschen des ihn Umgebenen nicht. Grade gegenüber den sogenannten Leitmedien hatte er mehr als nur gewisse Vorbehalte. Schließlich ging es ihm, dem Freigeist, um eine eigene Beurteilung allen Geschehens und nicht um die der Regierung oder ähnlich etablierter und quasistaatlich alimentierten Informanten, Kommentatoren und Kolumnisten. Das war, wie gesagt, mit ihm nicht zu machen, mit ihm nicht!

So umfassend zugänglich er sich nationale wie internationale Quellen dank des Internets auch machen konnte, wie tief und beharrlich er auch immer bohrte – manche gewünschte Information aus erster Hand zu bekommen gelang ihm nicht. Er blieb da, womit er ja nicht allein war, auf eigene Überlegungen und Interpretationen angewiesen. Wobei ihm hier seine ostelbische Sozialisation samt akademischer Meriten, allem voran deren erprobtes Instrument, die Evidenz, gute Dienste leistete. Denn dank  der unbezweifelbaren, Beweise nicht erfordernde Einsichten in das menschliche Ringen um die Freiheit, war die Frage, wer die Guten sind und wer die Bösen ultimativ, ja, axiomatisch geklärt.  

F. hatte der Mehrheit der deutschen Bevölkerung damit einen Weisheitsstand voraus, der in seiner Klarheit und Unzweifelhaftigkeit – wenn auch atheistisch grundiert – dem Biblischen doch sehr nahekam. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20, 29), wusste er im neutestamentarischen Umkehrschluß die ihm intellektuell hoffnungslos Unterlegenen denn auch mit luzidem Spott zu deklassieren, auch wenn er jenen nicht übelnahm, dass sie sich geistig unter seinem Niveau bewegten.

Nicht zuletzt war F. dank seines enzyklopädischen Wissens klar, was den nur eingeschränkt denkfähigen Mitmenschen verwehrt blieb: Dass grade die Bösen ihr Denken und Tun zu verschleiern suchten, wo immer das möglich ist. Von dem, was sie verlautbaren, sei besser nichts zu glauben, diene es doch lediglich der Irreführung der Menschen. Zumal hinter allem doch hemmungslos die obskuren Geheimdienste agieren. Mit IHM… wie schon gesagt…

Da diese Grundfragen für ihn geklärt waren, wußte sich F. zu gestatten, im Falle unzureichender Informationslagen seine Schlüsse zu ziehen und diese gebührend öffentlich zu machen; die hysterisch hetzenden Mainstreammedien selbstredend ausgenommen. Und in feingeistiger, durchaus auch märtyrerhafter Treue gibt er so ein Beispiel dafür, dass letztlich das Aschenputtel-Prinzip der Wahrheitsfindung auf die Sprünge hilft: Die Schlechten ins Kröpfchen, die Guten ins Töpfchen…

*

Unsterbliches Opfer

Es gibt ein altes Wort: „Wenn der Deutsche hinfällt,
steht er nicht auf, sondern sieht sich um,
wer ihm schadenersatzpflichtig ist.“
(Peter Panter, d.i. Kurt Tucholsky, 1919)

K. hatte dies nie vorsätzlich sein wollen, beileibe nicht. Aber es half nichts: Wie er den Lauf seines Lebens auch betrachtete, alles in allem er war vor allem Opfer gewesen.

Unauslöschlich eingebrannt hatte sich die Begebenheit, in der mehrere seiner Mitschüler ihn direkt so bezeichnet hatten: Du Opfer! Da war K. immerhin noch Kind, zwar nicht die hellste Kerze am Baum, aber doch auch kein Totalversager, außer im Geräteturnen … vielleicht. Hinzu kam, dass er Grund hatte, sich auch von einigen Lehrern durch entwürdigende Leistungskontrollen und miese Zensuren gemobbt zu fühlen; insofern hatten seine Schulkameraden nicht mal unrecht, das allerdings meinten diese wiederum gar nicht.


Aus Hansi: Mon village, Paris 1913

Auch die schlimme Akne-Zeit mit allweil verpickelter Stirn und Oberlippe samt der Unfähigkeit der Pharmazie, ihm Abhilfe zu verschaffen, bestärkte K.’s früh wachsende Beklemmungen im Umgang mit seiner Mitwelt und beileibe nicht nur mit deren Weiblichkeit.

Kaum war diese Lebensphase überwunden, nahm das Dilemma in Ausbildung und Erwerbsleben seinen Fortgang. Studieren, selbst Medizin, wurde K. verwehrt, angeblich wegen zu schlechter schulischer Leistungen, aber da man wusste man ja, was dahintersteckt… – wie er sich sicher war. Nicht mal als Mechatroniker wollte man ihn haben; wiederum wegen seines angeblich weit unterdurchschnittlichen Leistungsvermögens und angeblicher Unzuverlässigkeit. Wenn er damit kein Opfer dieser eklen, nur profitorientierten Leistungsgesellschaft war, der sich K. so hilflos ausgeliefert fühlte – was dann?

Diverses hielt der Alltag für K. bereit, sich seines Opferdaseins nahezu alltäglich zu vergewissern; Gleichbetroffene waren ihm in diesem Erkenntnisprozess stets eine wohltuend solidarische Hilfe. Als kulminierend kam zu alledem hinzu, dass K. Ossi war. Nicht genug, dass er jahrzehntelang am 24-stündig-barbarischen Realsozialismus gelitten hatte – fast schlimmer noch wurde ihm eben als Ossi nun von seinen westelbischen Landsleuten Zweitklassigkeit attestiert, wurde er (wie auch Millionen anderer Opfer) über den Tisch gezogen, belogen und betrogen und mit Spott und Häme überschüttet.

All dieses ewige Opferdasein mit seinen Kränkungen und Minderwertigkeitserfahrungen ward K. begreiflicherweise  eine schwere Last. Bis, ja bis er als ein ostelbisch geschulter Dialektiker gewahr wurde, dass man eine solche Daseinsbestimmung auch ins Positive verkehren konnte. Fortan war Minderwertigkeit etc. mit ihm nicht mehr zu machen. Denn klar war ja doch: Opfer war man nicht dank genetischer Bestimmung oder regionaler Herkunft, zum Opfer wurde man gemacht! Und zwar von den anderen! Das konnten böse Nachbarn und Kollegen ebenso sein wie Behörden und Politiker, vor allem Politiker! Die Antwort auf die Schuldfrage lag jedenfalls auf der Hand!

Und Opfer gleich ihm, so war K. längst klar geworden, gab es haufenweise, im Osten siedelten sie sogar mehrheitlich, Märtyrer wie du und ich. Fast jedem Menschen war auf irgendeine Weise schon böse mitgespielt worden, alle hatten sie an sich selbst Tort erleiden müssen. Diese Erkenntnisse verinnerlichend wuchs, ach: explodierte in K. ein ungeahntes Selbstbewußtsein. Seit er sein Opferdasein als identitätsstiftend verstand, hatte er es in einem kollektiven Kontext öffentlich gemacht. Bei all den Demonstrationen, Plakatierungsaktionen und Mahnwachen hielt ihm mittlerweile irgendein Rundfunk- oder TV-Journalist, selbst von der zutiefst verachteten Lügenpresse, ein Mikrophon unter die Nase, selbst in einer Talkshow hatte er einen Auftritt; von den eigenen Videos in den sozialen Medien ganz zu schweigen. K. wurde bekannt. Immer wieder grüßten ihn bislang fremde Menschen nun achtungsvoll auf der Straße, nicht wenige klopften ihm dabei respektvoll und ermutigend auf die Schulter. Ja, es war genauso, wie Marx es schon gesagt hatte: Die Idee, in diesem Falle die des Opferdaseins, wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.

Endlich aus dem so langen Zustand verhuschter Revolten auf dem Sofa vor dem heimischen TV in die nunmehrige Offensive gekommen, war K. endlich bei sich, zu Hause – wenn er nicht grade wieder demonstrierte…

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