von Erhard Weinholz
Am 12. Oktober 1963 hat sich Mademoiselle Berthe Kohler verlobt – oder war es ihr Hochzeitstag? Auf der Menükarte jedenfalls zwei goldene Ringe. Überhaupt hat man hier mit Gold nicht gespart, auf dem Umschlag nicht und nicht im Innenteil, der eigentlichen Karte, und es ist alles von Hand gestaltet, die Narzisse in Deckfarben außen auf dem dicken Pergament und ebenso die Zierschrift innen.
Vorspeisen: Hudson-Räucherlachs und Schwarzmeer-Kaviar; erster Hauptgang: Steinbutt, Sc. Hollandaise und Kartoffeln; zweiter Hauptgang: Rehkeule Grand … (nicht zu entziffern); es folgten Käse und Eiskörbchen Christiane. Dazu wurden Champagner Brut und Chambolle-Musigny gereicht – der Ort, so lese ich im Internet, ist bekannt für höchst subtile Rotweine mit geradezu femininem Charme; die Preise pro Flasche sind mitunter drei- oder vierstellig gar. Ich hoffe, es wurde auch beim Kaviar nicht gespart: Man muss ihn löffeln können, sonst macht es keinen Spaß. Den Champagner trinkt man dazu am besten aus der Flasche, natürlich ganz, ganz langsam. Aber das war bei solchen Anlässen wahrscheinlich nicht gestattet. Wann habe ich eigentlich zuletzt Champagner getrunken? Es ist schon längere Zeit her.

Berlin: Hotel Adria, Restaurant (1957). Postkarte / Sammlung Jürgen Hartwig
Doch was der Westen kann, das hat der Osten auch einmal geboten. 1958 bei der Silvesterfeier im Hotel Adria zum Beispiel. Der schmucklose, um nicht zu sagen schäbige Altbau, inzwischen längst abgerissen, war in der Friedrichstraße gelegen, wenn man vom Bahnhof kam gleich links hinter der Weidendammer Brücke, und soll ein beliebter Ost-West- und gelegentlich gar Agententreff gewesen sein.
Auch hier auf der Menükarte einiges Gold, aber nicht so dick aufgetragen. Der gemischten Vorspeise mit Toast und Butter folgten echte Schildkrötensuppe, Artenschutz spielte damals noch keine große Rolle, als erster Hauptgang die Zanderschnitte au four, gebacken oder überbacken also, mit Schwenkkartoffeln, als zweiter Rehrücken mit Sc. Creme, Johannisbeergelee, Dauphinkartoffeln und Salat der Saison; den Abschluss bildeten die Eisbombe „Harlekin“ und Silvesterpfannkuchen. Das Spitzenangebot der Nachtkarte: 50 Gramm Kaviar mit Toast und Butter für 13,10 Mark. Die Eintrittskarten für den Abend wurden frei verkauft, kosteten 27 Mark.
So hat es mir in den neunziger Jahren eine ältere Dame erzählt, die mir diese Speisekarte überlassen hat. Sie war damals Hausfrau, ihr Mann arbeitete bei Bergmann Borsig als Ingenieur, verdiente etwa 600 Mark im Monat; da sie für den Anlass nichts Geeignetes anzuziehen hatte, hat sie ihr Tanzstundenkleid umgefärbt. Im Jahr darauf waren sie zu Silvester im Restaurant Warschau in der Stalinallee. Auch dort stand Kaviar auf der Speisekarte, 1958 jedenfalls: Kaviar auf Eis mit Toast und Butter für 14,40 Mark; der monatliche Durchschnittsverdienst belief sich zu jener Zeit auf etwa 500 Mark brutto.

Café „Warschau“ am 1. Mai 1953. Foto: Zentralbild-Hans-Günter Quaschinsky. Bundesarchiv, Bild 183-19400-0147 / CC-BY-SA 3.0 // Wikimedia Commons
Bekam man in den achtziger Jahren noch irgendwo in dieser DDR Kaviar? Richtig fünfzig Gramm und nicht nur fünf Krümel als Dekoration? Vielleicht in der ZK-Kantine am Werderschen Markt oder in der sowjetischen Botschaft Unter den Linden, aber in Restaurants meines Wissens nicht.
Wenn es um Delikatessen geht, Delikatessen minderen Ranges allerdings, lohnt sich auch ein Blick auf die Speisekarte der HO-Tanzgaststätte Melodie (ob es die Große im Friedrichstadtpalast oder die Kleine in der Friedrichstraße war, ist nicht zu erkennen). Besonders empfohlen wurden per handschriftlichem Zusatz Aal grün, Gurkensalat und Kartoffeln, 5,25 Mark, das teuerste warme Gericht auf der Karte, und Schnitzel mit Spargel, brauner Butter und Kartoffeln für 3,85 Mark. Das war 1964. Einige Jahre später, 1970 oder ’71, fuhr ich zusammen mit einigen Kommilitonen nach Königs Wusterhausen, Kreisstadt am Südrand Berlins, wo es, zu unserer Überraschung, muss ich sagen, in der Gaststätte gegenüber dem Bahnhof Aal gab. Ich bestellte eine Aalsuppe, hatte mir allerdings mehr Fisch davon erhofft. Wir saßen dann noch eine Weile beim Bier. KW besichtigt haben wir nicht mehr, kehrten zum Bahnhof zurück; es war, wenn ich mich nicht täusche, das letzte Mal, dass ich zu DDR-Zeiten in einem Restaurant Aal gegessen habe.
Die Wirtschaftsleistung der DDR, das Bruttoinlandsprodukt, hat sich von 1960 bis zum Ende des alten Systems annähernd verzweieinhalbfacht, es gab nun aber nicht etwa Kaviar, Aal und Spargel für alle, vielmehr wurden sie zur Rarität. Denn im Laufe von vier Jahrzehnten war das das ganze sozialistische Lager trotz allen Wachstums technisch und damit auch wirtschaftlich mehr und mehr hinter den westlichen Industriestaaten zurückgeblieben. Auch wenn Zahlenvergleiche zwischen beiden problematisch sind: Zuletzt war die Produktivität der DDR-Wirtschaft nur etwa halb so hoch war wie die der bundesdeutschen. Unter anderem deshalb hatte der Export in den Westen, wie schon erwähnt, mit den Jahren viel an Rentabilität verloren. Fast alle realsozialistischen Länder mussten ihn daher auf Biegen und Brechen ausweiten. Vieles von dem, was vorher noch für den Binnenhandel oder die Bruderländer zur Verfügung gestanden hatte, ging nun in den Westen – Kaviar und Aal zum Beispiel. Und letztlich hing auch die Spargelverknappung mit diesem Rückstand zusammen, aber auf andere Weise. Doch das will ich hier nicht mehr erläutern.
Lange Zeit aber lief die Entwicklung in Ost und West noch in gleicher Richtung: In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre baut Friedrich Jahn sein Wienerwald-Reich auf, 1966 folgt Zum Goldbroiler; fast zeitgleich eröffnen das erste Gastmahl des Meeres und das Stammhaus von Gosch. Den Geist dieser Jahre spiegelt für mein Empfinden ein Rezept, das ich im Guten Rat vom Sommer ‘68 gefunden habe, „Hering Bernard Shaw“: Mittelgroße grüne Heringe werden geschuppt, ausgenommen, entgrätet und in verdünntem, gesalzenem Kräuteressig zusammen mit einer zerschnittenen Zwiebel zehn bis fünfzehn Minuten gegart. Danach abtropfen lassen. Butter mit geriebenem Meerrettich verkneten und den heißen Fisch damit bestreichen. Ein Gericht, das man vielleicht als nonkonform bezeichnen könnte.
In den Achtzigern dann dehnt Italien sein Reich weit nach Norden aus, auch in der DDR wird die Pizza Mode. Sie lässt sich ohne große Vorarbeiten und Kenntnisse zubereiten, und so treffen sich Freunde, Bekannte und Verwandte meist jüngeren Alters in Haus und Garten oder im rustikal eingerichteten Hausgemeinschaftskeller, ein Teig wird ausgerollt, jeder belegt ein Stück davon mit diesen oder jenen Zutaten, rasch ist er gebacken, gemeinsam wird er verzehrt. Gerade das Gemeinschaftliche machte die Sache zum Vergnügen.
Was aber soll dieses Altertümelnde, das sich all die Jahre hindurch in Ost und West auf Papier und Pappe zeigt? Im Westen sind es oft Mönche, die dabei in Aktion treten; in der Getränkebranche erscheinen sie auf Kartonverpackungen billigster Marken, Klosterstolz extra lieblich Verschnitt von Weinen aus aller Welt oder dergleichen. Im Osten dagegen wird aus verständlichen Gründen nicht gern mit Kirchenleuten geworben, der Mönch im Labor auf einem Aquavit-Etikett aus dem Jahre 1955 ist eine der wenigen Ausnahmen. Doch man konnte auch auf andere Weise altertümeln: Askania Gold hatte die Sektkellerei Köthen ihren Mehrfrucht-Tischwein hell benannt – die Stadt gehörte zum Fürstentum Anhalt, in dem bis 1918 die Askanier regierten. Träger der Schrift ist ein Pergament, ein Urkundenimitat, das auf dem Etikett gelb vor pflaumenfarbenem Hintergrund steht und, wie es sich gehört, gesiegelt ist. Doch ist kein Wappentier auf dem Siegel zu sehen, sondern eine Inschrift: TGL 83-6.6. Das ist etwa so, als würde ein Ritter seine Konto-Nummer im Wappen tragen. Beide, der Mönch und das Pergament, kommen aus der Butzenscheibenromantik des vorletzten Jahrhunderts, die nun dem gemeinen Produkt Wert verschaffen soll – beide versprechen sie Genuss. Ob der Köthener Mehrfrucht-Tischwein dies Versprechen halten konnte, kann ich nicht sagen: Ich habe ihn zwar gekauft, 1988, wie ich auf dem Etikett vermerkt habe, 0,7 Liter zum Preis von 2,75 M, getrunken habe ich ihn wahrscheinlich nicht – man muß ja auch auf seine Gesundheit achten.
Das erinnert mich an frühe DDR-Jahre, in denen die Regale der Fischabteilungen in HO-Läden mit Krebsfleischdosen aus der UdSSR als pure Dekoration geflutet waren und mangels Kenntnis und Reputation kaum einer sie gekauft hat. Als dann der Westen diesbezüglich „auf den Geschmack gekommen“ war und diese Dosen massenhaft importierte, war diese Deko umgehend perdu, was für den Handel schon deshalb betrüblich ausfiel, weil sie nur schwer zu ersetzen war.
Als der DDR-Gourmet mitbekam, welche Delikatesse ihm entgangen war – war sie dann nicht mehr zu haben … shit happend…
Vielen Dank für diesen teils auch sehr appetitanregenden Rückblick!
Auch auf die Gefahr hin, ich hab das hier bereits einmal erwähnt, will ich unbedingt auf eines meiner Lieblingsbücher aus der bzw. über die DDR hinweisen:
Manfred Otto: Gastronomische Entdeckungen in der DDR
Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1984, 295 Seiten
Beschreibung:
„Mit diesem Buch beabsichtigt der Autor, in Wort und Bild Einblick zu geben in das, was die Menschen hier und dort früher gegessen haben, welche Ess- und Trinkgewohnheiten sie pflegten und welche sich bis in unsere Zeit bewahrt haben. Dazu stellt er 100 Gaststätten vor, in denen gebietstypische Speisen auf der Karte stehen…“
Siehe zum Beispiel hier:
https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Angebote/autor=Manfred+Otto&titel=Gastronomische+Entdeckungen+in+der+DDR
Ich hab dieses Buch inzwischen bestimmt 30mal verschenkt – nach 1990 meist, um „Wessis“ zu vermitteln, wie es sich angefühlt hat, in der DDR zu leben.
Neben gelungenen Landschafts- und Architekturaufnahmen enthält das Buch zu jeder der ausgewählten Gaststätten Rezepte. Manchmal sind die (be)rührend einfach (Toast Hawaii), oft aber auch raffinierter.
Ich meine, das ist eine äußerst gelungene Dokumentation von DDR-Alltagskultur.
Die Hälfte der 100 Gaststätten habe ich ausprobiert. Inzwischen gibt es viele davon nicht mehr oder sie sind „umgenutzt“ worden.
Aal in DDR-Restaurants: Im Restaurant in der Messehalle 7 (Technische Messe) in Leipzig unweit der Deutschen Bücherei gab es – auch außerhalb der Messezeiten! – noch in den 80er Jahren regelmäßig köstlichen Räucheraal, die Portion für 7,50 Mark. Die Gaststätte stand allen Besuchern offen, war gut zugänglich.