der große Entwurf
zugeschüttet vom Sandsturm der Realitäten
Heiner Müller, Fatzer + Keuner

Umschlag der Erstausgabe.
Foto: Sammlung W. Brauer
Georg Lukács bespricht kurz nach dem Erscheinen die große Hymne, die Johannes R. Becher dem ersten Fünfjahrplan der Sowjetunion gewidmet hat. „Der große Plan“ erscheint 1931 als Buch im Berlin-Wiener Agis-Verlag. Gemeint ist der Fünfjahrplan von 1928 bis 1933, mit dem Stalin das Konzept vom Aufbau des Sozialismus in nur einem Land gegen alle erdenklichen Widerstände in die Tat umsetzen will. Das Tor zum Weltsozialismus soll im Sowjetland endgültig aufgestoßen werden, die Fackel der Revolution richtet sich entschieden nach innen. Becher nennt seine Hymne einen „Epos des sozialistischen Aufbaus“. Der Rezensent greift den Untertitel gleich eingangs heraus, denn Becher, so Lukács, erhebe sich über die bisherige Russlanddichtung in Deutschland, „die zwischen Tatsachenbericht und abstrakter Begeisterung bisher nicht immer den Weg zur wirklichen Gestaltung zu finden vermochte“. Lukács spricht von der „größten Umwälzung der Weltgeschichte“, die mit dem Fünfjahrplan beginne, Becher nun fordert sich als Dichter selbst entsprechend heraus:
Gewaltiges haben / Vor uns gesungen / Die Dichter aller Zeiten // Das Gewaltigste aber / Blieb uns zu singen: // WIR SINGEN / DEN FÜNFJAHRPLAN.
Leicht wäre es, im Wissen um das unrühmliche Ende, das der „Sozialismus in einem Lande“ finden wird, Becher wie Lukács der historischen Naivität zu bezichtigen. Doch entschuldigend soll wenigstens eingeflochten werden, dass beide ganz am Anfang auf den Vorgang schauen, den sie – jeder in seiner Weise, ob als Dichter oder marxistischer Gelehrter – tatsächlich für den Umkehrpunkt in der Menschheitsgeschichte (nicht einmal nur in der Revolutionsgeschichte!) halten.

„Und der Traktor kam in die Dörfer“ (Becher), Neulandgewinnung. Foto: Sammlung H. Politt
Lukács sieht den glücklichen Griff Bechers, weil ihm gelinge, die „Atmosphäre des Aufbaus“ einzufangen: „Die Eigenart der Form seines Werkes liegt in einer kämpferisch weltanschaulichen Zusammenfassung und Systematisierung der lyrischen Reflexe, die vom Aufbauprozess des Fünfjahrplanes, vom Kampf um seine Verwirklichung ausgelöst werden.“ So werde in der Dichtung nicht die Atmosphäre eines Zustands, sondern die eines Prozesses festgehalten, „die Totalität, die gestaltet wird, ist eine bewegliche“. An der Spitze der gewaltigen Bewegung macht Becher den Fortsetzer Lenins aus, den es brauche, um die Massen über den welthistorischen Umkehrpunkt zu führen:
GESCHLOSSENHEIT DER PARTEI, / EINHEIT DER FÜHRUNG. / Es gibt Namen, / Sie gehören nicht mehr dem, / Der sie trägt: / Ein jeder hat ihn angenommen / Und gibt ihn weiter / Und überträgt ihn – / Allen Taten / Wird er vorangetragen – / Schon nicht mehr / Eines Menschen / Namen – / Namen von Millionen, / Namen eines ganzen Lands, / Namen einer Zeit. / So auch dieser: / STALIN
Vier Großbaustellen des Sozialismus greift Becher beispielhaft heraus: Magnitogorsk, das damals größte Wasserkraftwerk Dnjeprostroj, die Eisenbahntrasse Turksib und die Traktorenfabrik in Stalingrad. Wir heißen / TRAKTOROSTROJ, / Liegen an dem Ufer der Wolga / Und bauen Traktoren. Lukács gefällt die ästhetische Herangehensweise des Dichters, die den Leser wie in einem Kinosaal unwiderstehlich in das Geschehen auf der Leinwand hineinzieht: „Turksib, Dnjeprostroj, Magnitogorsk…: ihr Aufbau braust in raschen zerrissenen Filmbildern an uns vorbei, ein jedes Bild ein scharf umrissenes Moment des Kampfes, der Schwierigkeiten und Rückschläge, des ehernen Willens zum Siege, des endlichen Erfolgs.“ Lukács sieht die „Rhythmen des sozialistischen Aufbaus“ walten, denen Becher „objektiv-episch“ wie „subjektiv-lyrisch-agitatorisch“ nachspüre und die er festzuhalten verstehe. Der Kampf um den Weltsozialismus biege nun ein in die Wegstrecke seines nicht mehr aufzuhaltenden Aufbaus.

Vorwärts zum Sieg des Kommunismus, 35. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution – alles im Zeichen Lenins und Stalins. Foto: Sammlung H. Politt
Dem Geschichtsphilosophen Lukács ist es bereits der Durchbruch zu Verhältnissen, in denen der seine Geschichte machende Mensch die historisch gegebenen Bedingungen, unter denen das sozialistische Aufbauwerk erfolgt, immer besser zu durchschauen versteht. „Der Aufbau selbst, die Verwirklichung des Fünfjahrplans, die führende Rolle der Partei (und die Überwindungen der Schwankungen in der Partei), die sozialistische Umgestaltung des Dorfes, der Widerstand des Kulakentums, der unterirdische Kampf der bürgerlichen und menschewistischen Schädlinge – all dies steht klar im klassenmäßigen Zusammenhang vor uns.“
Becher feiert die um ein Jahr vorfristig erfolgende Übergabe der Bahnstrecke überschwänglich: Kunde bringt Euch die Turksib, / daß der Mensch frei ist / Im Lande der Sowjets. Harte Worte findet der Dichter indes, wenn er gegen jene zürnt, die es immer noch wagen, sich dem großen und gemeinsamen Aufbauwerk zu widersetzen: Geschlagen haben wir / Die Schädlinge / Bei Schachty. / Nicht zu Ende / Ist die Schlacht. / Denkt an / Schachty!

An großen Plänen hat es nie gefehlt: Briefmarke zum Siebenjahrplan 1959 bis 1965. Geplant ist eine gigantische Steigerung der Produktion der chemischen Industrie – 300 Prozent! Foto: Sammlung H. Politt
Nirgends im Text von Lukács – an keiner einzigen Stelle – findet sich ein Wort der Kritik an dem vom Dichter heroisch besungenen Gegenstand, wenn doch einmal ein kritischer Zeigefinger gesetzt wird, dann zielt der allein auf den Dichter, weil „die Tendenz ab und zu nicht mit der notwendigen Schärfe zum Ausdruck gelangt“. Lukács meint „Wucht“, das „alles erblickende Auge der revolutionären Avantgarde“, die „herannahende Entscheidungsschlacht“. Lukács schreibt den Text in Berlin, wohin er im Sommer 1931 aus Moskau gekommen war. Abgedruckt wird der Beitrag im Dezember 1931 in der Wochenschrift Moskauer Rundschau, die für deutschsprachige Leser über das Sowjetland berichtet.
Lukács kennt die sowjetische Wirklichkeit aus eigenem Erleben, hatte 1930/31 als Literaturwissenschaftler für längere Zeit am Moskauer Marx-Engels-Institut arbeiten können. Er versteht sich als ein entschiedener Anhänger des Versuchs, den Sozialismus in einem Land aufzubauen.
Becher lässt im Rhythmus der Dichtung an markanten Stellen den Chor des sozialistischen Aufbaus erklingen: DER GROSSE PLAN WIRD VOLLENDET / IN VIER JAHREN WIRD ER VOLLENDET / DER GROSSE PLAN / DER AUF FÜNF JAHRE BERECHNET WAR. Ganz am Schluss aber der heroische Abgang:
Beeile Dich, nachzukommen, / Beeile Dich, Schritt zu halten. / Wir streichen 5 aus / Wir streichen durch 4 / Wir schreiben: 3 / Wir sagen: / DER GROSSE PLAN WIRD VOLLENDET / IN DREI JAHREN WIRD ER VOLLENDET / DER GROSSE PLAN / DER AUF FÜNF JAHRE BERECHNET WAR.
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1957 schreibt Lukács ein Postscriptum zu der 1933 abgefassten autobiographischen Skizze „Mein Weg zu Marx“. Jetzt steht er unter dem starken Eindruck der Chruschtschow-Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956. Und dennoch hält er zunächst fest: „Ich habe, als Mitstreiter, den Kampf Stalins um das richtige Erbe Lenins gegen Trotzki, Sinowjew etc. durchlebt und gesehen, dass gerade jene Errungenschaften gerettet und für den weiteren Aufbau genutzt wurden, mit denen Lenin uns beschenkt hat.“ Und fast klingt es wie die entschiedene Verteidigung seiner Sichtweise und Haltung von 1931: „Denkt man an die begeisterte Stimmung eines beträchtlichen Teils der Intelligenz in den ersten Jahren der großen stalinistischen Revolution, so gehörte das geniale, doppelte Reformwerk Lenins am Marxismus wesentlich mit zu den Ursachen. Einerseits hat Lenin alle jahrzehntelang wuchernden Vorurteile in Bezug auf die Klassiker des Marxismus weggefegt. Und bei dieser Reinigungsarbeit zeigte sich, wie reich das Werk von Marx und Engels an Erkenntnissen ist, die bis dahin noch nicht ans Tageslicht gefördert worden waren.“
Wer also A sage – es mit Lenin hält –, der müsse auch B sagen, also die „große stalinistische Revolution“ bejahen. Lukács beschreibt sein Handeln in der Stalinperiode im Postscriptum als „eine Art Partisanenkampf für meine wissenschaftlichen Ideen“. Er hält entschieden den Lenin-Kurs, bezeichnet – im Grunde sogar entlarvend – den „Sozialismus in einem Lande“ (also den tiefen Verrat an der marxistischen Theorie!) überhaupt als eine Leninsche Theorie und spricht Stalin dann das große Verdienst zu, diese Theorie oder dieses Konzept gegen Trotzki erfolgreich verteidigt zu haben. Von der „größten Umwälzung der Weltgeschichte“ und der „herannahenden Entscheidungsschlacht“ – so allen Ernstes 1931 – schweigt der Theoretiker in seinem Text von 1957 …
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Literaturhinweise:
Johannes R. Becher: Der große Plan. Epos des sozialistischen Aufbaus, in: ders., Dramatische Dichtungen (Gesammelte Werke Bd. 8), Berlin und Weimar 1971, S. 191 – S. 392.
Georg Lukács: Postscriptum zu „Mein Weg zu Marx“, in: ders.. Autobiographische Texte und Gespräche. Herausgegeben von Frank Benseler und Werner Jung unter Mitarbeit von Dieter Redlich, Bielefeld 2005, S. 41–48.
Simone Barck: „Wir werden mündig erst in deiner Lehre“. Der Einfluß Georg Lukács´ auf die Literaturkonzeption von Johannes R. Becher, in: Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács. Der Methodenstreit deutscher sozialistischer Schriftsteller, Leipzig 1975, S. 249–285.