Besuch bei einem „ehrlosen alten Wüstling“ *

von Wolfgang Brauer

Das kleine Harzdörfchen Molmerswende (es hat keine 300 Einwohner und gehört heute zur Stadt Mansfeld) liegt abseits der großen Straßen auf der Hochfläche des Unterharzes zwischen Pansfelde und Harzgerode. In die Gegend verirren sich Reisende meist nur, wenn sie die Burg Falkenstein besichtigen wollen. Es lohnt sich aber, in Molmerswede einen Zwischenstopp einzulegen. In Molmerswende wurde 1746 als Sohn des Dorfpfarrers einer der ganz Großen, ein inzwischen weitgehend Unbekannter der deutschen Literatur geboren: Gottfried August Bürger, Schöpfer der deutschen Kunstballade (nee, das war nicht der Schiller!) und Autor der „Wunderbare(n) Reisen … des Freiherrn von Münchhausen“.


Gottfried August Bürger. Gemälde von J. H. Tischbein d. J. (1771). Gleim-Haus Halberstadt. Foto: W. Brauer

1759 verfrachtete der Großvater Jakob Philipp Bauer das offensichtlich einigermaßen verwilderte Kind nach Aschersleben in die dortige Stadtschule (das heutige „Stephaneum“). Dort musste der Knabe nach einem Jahr wieder „abgehen“. Er hatte sich wohl mit dem Rektor angelegt – und wurde nach Halle in das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen gegeben. Nachgerade widerwillig unterzog er sich von da an seinem weiteren Ausbildungsweg – und wurde zu einem der tonangebenden Poeten des deutschen Sturm- und Drangs.

Aus Bürgers Gedichten brechen, so Heinrich Heine – der sich dem Molmerswender wesensverwandt fühlte und es wohl auch war –, „die gewaltigen Schmerzlaute eines Titanen, welchen eine Aristokratie von hannövrischen Junkern und Schulpedanten zu Tode quälte. […] Der Name ‚Bürger‘ ist im Deutschen gleichbedeutend mit dem Worte citoyen.“ Das Letzte ist ein Hinweis an die französischen Leser Heines, die „citoyen“ synonym mit dem Bürger-Begriff der Französischen Revolution setzten. Und selbst Goethe, dem es schwerfiel, Zeitgenossen als einigermaßen gleichrangig zu sehen, räumt gegenüber Johann Peter Eckermann ein: „… was haben nicht Bürger und Voß für Lieder gedichtet! Wer wollte sagen, dass sie geringer und weniger volkstümlich wären als die des vortrefflichen Burns!“ Schiller sah das anders, aber dazu später noch einmal.


Molmerswende: Gottfried-August-Bürger-Museum; links Zustand um 1980
(Foto aus: Literarische Museen und Gedenkstätten in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1981), rechts Zustand 2025 (Foto: W. Brauer)

Zwischen 1968 und 1975 jedenfalls wurde im damals leerstehenden Pfarrhaus Molmerswendes eine Gottfried-August-Bürger-Gedenkstätte eingerichtet. Das erste und bis heute einzige Bürger-Museum in Deutschland. Die Gründung des Museums geht auf eine Initiative Molmerswender Einwohner zurück. Und ein kleiner, aber rühriger Förderverein steht auch heute noch hinter ihm. In den Jahren nach der Wende schien es allerdings, als habe das letzte Stündlein des Hauses geschlagen. Mangels originärer Austellungsstücke war die Erstausstellung sehr papieren – und wurde mit den Jahren immer staubiger. Auch das Haus selbst wurde immer maroder.

Als erstes traf es aber die benachbarte Kirche. 2003 musste der Turm wegen Baufälligkeit abgetragen werden, glücklicherweise entschloss man sich zum Wiederaufbau. Aus Kostengründen wählten die Bauherren moderne Grundformen, lediglich die Turmhaube ist noch das spätbarocke Original. Bereits 2015 konnte das Projekt mit dem Ingangsetzen der Turmuhr und der Weihe der Glocken abgeschlossen werden. Derzeit laufen umfangreiche Restaurierungsarbeiten in der Kirche selbst.

Und – das Erstaunlichste! – auch das Museum wurde grundlegend saniert und präsentiert seit dem Sommer 2024 eine neue Dauerausstellung. Gerne gebe ich zu, dass ich die so nie vermutet hätte. Es ist schwer, einem zunehmend leseunwilligen Volk einen seiner Dichter so zu präsentieren, dass man dessen Museum gern besucht und gar nicht bemerkt, wie die Zeit in seinen Räumen verfliegt. In Molmerswende ist das gelungen. Auch wenn es immer noch kaum originäre Sachzeugen aus Bürgers Leben zu sehen gibt – aus dem Elternhaus nur die Wanduhr aus dem Jahr 1763. In jenem Jahr war Bürger aber schon in Halle. Und besonders anrührend zwei Erinnerungsstücke an die zweite Ehefrau Augusta Maria…

Das Haus ist nicht sehr groß. Im Erdgeschoss befinden sich ein Einführungsraum und eine kleine Ausstellung über den Ort und seinen Bürger. Die sechs Räume des Obergeschosses versuchen, das Leben und das Werk des Dichters zu fassen.

Das gelingt nur durch kluge Auswahl – und Verzicht. Man kann Vieles selbst entdecken. Dem dient auch eine Vielzahl von Audiostationen. Und – oh Wunder – die Technik funktioniert an allen! Und es gibt immer wieder Ecken, an denen man sich auf spielerische Weise Bürger, seiner Zeit und seinem Werk nähern kann. Nicht zuletzt Kinder finden tatsächlich Gefallen daran! Die Schulen der Umgebung hätten merkwürdigerweise den Weg noch nicht hierher gefunden, beklagte kürzlich die Mitteldeutsche Zeitung. Aber ich habe auch Erwachsene gesehen, die sich damit beschäftigten, dem Zeitgenossen des Rokoko G. A. Bürger ein heutiges Outfit zu verpassen, ein Puzzle über die Ständegesellschaft zu lösen – oder ein eigenes Liebesgedicht aus Bürgerschem Wortmaterial zu montieren. Dass Bürger ein großer Worterfinder war, war auch mir als studiertem Germanisten in dem Maße nicht bekannt. Da schweigt man betreten und ist mucksmäuschenstill… Auch dieses Wort ist eine Kreation Bürgers.



Ein neues Outfit für den alten Knaben oder lieber einen neuen Liebesbrief für die Sammlung? Fotos: W. Brauer (2025)

Mucksmäuschenstillesein sollte man auch in dem Zimmerchen, in dem wir Lenore begegnen. Wegen Lenore sowieso, aber da ist gleich um die Ecke ein Schreibpult der Verführung installiert. Die Besucher werden angeregt, selbst einen Liebesbrief oder ein Liebesgedicht zu schreiben. Der kann dann in einem neben dem Pult zu findenden Umschlag deponiert werden und geht später ins Museumsdepot – als amouröser Gruß aus dem Jahr 2025 an unsere neugierigen Nachkommen. Eine schöne Idee. Mit der Liebe hatte es der Bürger. Das kann man in der Ausstellung entdecken.

Aber das mit der Liebe war zu seinen Zeiten durchaus nicht nur rosig. Im Gegenteil. 1779 erwürgte die Molmerswenderin Elisabeth Voigtländer das uneheliche Kind ihrer Tochter. Der Kindesvater war bekannt, eine Hochzeit aber unmöglich. Beide Frauen wurden verhaftet und ein Jahr auf der Burg Falkenstein festgesetzt. Die Verhandlung fand 1780 an der Gerichtsstätte der Grafen von Asseburg an der „Schwarzen Eiche“ statt. Die findet man leicht an der vom Parkplatz an der Gaststätte „Gartenhaus“ nach Harzgerode führenden Friederikenstraße unweit der Burg. Elisabeth wurde zum Tode verurteilt und an der Hinrichtungsstätte an den Rabenköpfen enthauptet. Die Leiche wurde in der Nähe von Molmerswende an der Brandbergeiche – die steht noch – auf das Rad geflochten. Die Pansfelder Chronik vermeldet das etwas anders: „Sie ist oben auf Müllern seine Wiese unter der krummen Linde, wo der Weg durchs Wasser geht, gerichtet worden.“ Wie auch immer, der Asseburger hatte einen Schauprozess veranstaltet. An der Hinrichtung mussten 225 Einwohner aus den umliegenden Dörfer seiner Herrschaft teilnehmen.

Wenn Bürgers Balladen sich bei den Zeitgenossen einer unerhörten Popularität erfreuten, so hat das auch mit ihren Stoffen zu tun. In einer Zeit, in der der Krieg das Alltagsgeschäft der Herrschenden war, traf „Lenore“ natürlich das Herz des Volkes: „Lenore fuhr ums Morgenrot / Empor aus schweren Träumen: ‚Bist untreu , Wilhelm, oder tot? / Wie lange willst du säumen?‘ …“ „Lenore“ wurde 1773 geschrieben, zehn Jahre nach dem Ende des 7-jährigen Krieges. Das war damals Gegenwartsliteratur! „Bürgers Gedichte geben den Geist der unsrigen [Zeit]“, meint Heine.


„Rasch auf ein eisern Gittertor / Ging’s mit verhängtem Zügel. / Mit schwanker Gert ein Schlag davor / Zersprengte Schloß und Riegel. / Die Flügel flogen klirrend auf …“ – Carl Wilhelm von Heideck: Lenore. Aquarell 1818; F.: W. Brauer (2025)

Und eine seiner bekanntesten Dichtungen greift das Kindesmordmotiv auf: „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“. Am Balladenstoff selbst arbeitete er mindestens seit 1776. Von 1772 bis 1784 war Bürger Amtmann der gräflichen Familie von Uslar im Gerichtsbezirk Altenkirchen im Kurfürstentum Hannover. Anfang 1781 führte er die Ermittlungen gegen eine Kindsmöderin in seinem Amtsbezirk. Er ermittelte akkurat, die Akten sind veröffentlicht. Es ist nicht bekannt, welches Urteil er dem Gericht empfahl. Bei Goethe hingegen wissen wir es. Im Falle der Kindsmörderin Johanna Catharina Höhn war seine Stimme als Mitglied des Geheimen Consiliums die ausschlaggebende. Anders als Herzog Carl August von Sachsen-Weimar plädierte dessen Dichterfreund für die Todesstrafe. Die arme Catharina Höhn wurde 1783 in Weimar enthauptet. Bürgers Ballade lag spätestens im Jahr zuvor gedruckt vor. Goethe wird sie gekannt haben.

Nun ist „Taubenhain“ mit Sicherheit nicht Molmerswende. Aber Motive aus dem Geschehen in Bürgers Heimat flossen gewiss in die Ballade ein: der „Junker von Falkenstein“, die Richtstätte am „Rabenstein“, das tote Röschen wird aufs Rad geflochten… Übrigens wurde die Tochter der Elisabeth Voigtländer freigesprochen.


Hier fiel das Todesurteil gegen Elisabeth Voigtländer. Der Gerichtsplatz der Asseburger. F.: W. Brauer (2013)

Die Wahrheiten des Lebens sind zumeist todtraurig. Die erfundenen Wirklichkeiten hatten auch zu Bürgers Zeiten etwas Erheiterndes. Und der Meister der gefakten Realitäten heißt immer noch Gottfried August Bürger und sein Protagonist Hieronymus von Münchhausen. Den gab es ganz real, der war wirklich Offizier im Dienste der Zarin Katharina und kämpfte gegen die Türken. Die Familie soll es dem Bürger immer noch übel nehmen, dass der ehrbare Vorfahr zum „Lügenbaron“ gestempelt wurde. Die Geschichte der „Wunderbare(n) Reisen zu Wasser und zu Lande. Feldzüge und lustige Geschichten des Freiherrn von Münchhausen wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde zu erzählen pflegt. Aus dem Englischen“ – so der vollständige Titel – ist verwirrend. Auch der Mathematiker, Professor für Experimentalphysik und Spötter Georg Christoph Lichtenberg aus Göttingen hatte da seine Finger im Spiel. Nebenbei gesagt: Dass es in der Mathematik eine Münchhausen-Zahl gibt, habe ich auch erst in Molmerswende erfahren… Der Münchhausen-Raum ist jedenfalls Höhe- und Schlusspunkt des kleinen Museumsrundganges, der länger dauerte, als ich eigentlich beabsichtigte. Und ich hatte gedacht, „meinen Bürger“ zu kennen…

So kann man sich irren.


Den Münchhausen-Raum dominiert eine Applikation von Fredericke Happach (1924-2012) „Münchhausen“ (Ausschnitt, 1973); F.: W. Brauer (2025). Daneben eine der wohl schönsten Münchhausen-Ausgaben mit den Zeichnungen Josef Hegenbarths: 1970 im Berliner Verlag der Nation erschienen (Sammlung W. Brauer).

Ach so, der Schiller. Dieser boshafte Kerl hatte 1791 in der viel gelesenen Allgemeinen Literatur-Zeitung – Bürger betrachtete ihn bis dato als Freund – einen Kardinalverriss der Dichtungen Bürgers veröffentlicht: „Und hier müssen wir gestehen, daß uns die Bürgerischen Gedichte noch sehr viel zu wünschen übrig gelassen haben, daß wir in dem größten Theil derselben den milden, sich immer gleichen, immer hellen, männlichen Geist vermissen, der, eingeweiht in die Mysterien des Schönen, Edeln und Wahren, zu dem Volke bildend herniedersteigt, aber auch in der vertrautsten Gemeinschaft mit demselben nie seine himmlische Abkunft verläugnet.“ Und wenige Zeilen weiter meint unser Groß-Klassiker: „ daß er unter allen bürgerischen Gedichten […] beynahe keines zu nennen weiß, das ihm einen durchaus reinen, durch gar kein Mißfallen erkauften, Genuß gewährt hätte.“ Das saß. Die Rezension wurde anonym veröffentlicht, aber jeder dürfte gewusst haben, von wem sie stammt. Bürger hat das dem Schiller nie verziehen.


Wie stellt man einen Dichter-Streit aus? Den Museumsmachern gelang eine überzeugende Lösung. Wer mag, kann die komplette „Recension“ Schillers hier in Ruhe nachlesen… F.: W. Brauer (2025)

Allerdings lagen inzwischen auch Welten zwischen beiden: „Alle Poesie soll volkstümlich sein, denn das ist das Siegel ihrer Vollkommenheit.“ So Bürger. Volkstümlich war Friedrich Schillers Dichtung nach seiner Abkehr von den Idealen seiner Anfangszeit nun wirklich nicht mehr. Er sah die wahre Meisterschaft des Dichtens im „Idealisieren“ der misslichen Zeitumstände. Bürger wollte nicht idealisieren, er wollte sie ändern. Grundsätzlich.

*

Und ganz am Ende noch ein Kunsttipp: Derzeit zeigt das Bürgermuseum in einer kleinen Sonderausstellung „Bilder zu Münchhausen-Geschichten“ des in Molmerswende ansässigen Vereins Liwet und von Frauen der Malgruppe des Ateliers Wolff. Die Bilder sind voller Phantasie und sprühen vor stillem Humor. Da ist kein Krampf, unbedingt originär sein zu wollen. Die Künstler (-innen) hatten offenbar Freude beim Malen und teilen das auch mit. Herrlich!
Der Kunsthof Molmerswende und das Landhaus Liwet sind nur wenige Häuser weiter zu finden…


Heike Wolff: Geschichtenerzähler (2020); ©Heike Wolff / Molmerswende

In einem von der Münchhausen-Bibliothek Zürich veröffentlichten Aufsatz interpretiert der Autor Bernhard Wiebel die Kirchturm-Geschichte als blasphemisch-kirchenkritische Handlung. Auf Friedhöfen schieße man nicht, auf Kirchtürme erst recht nicht. Zur Erinnerung: Um wieder an sein Pferd heranzukommen, hatte Münchhausen mit der Pistole das Pferdehalfter zerschossen.
Ich halte das für eine unsinnige Überinterpretation. Der Kirchturm war in alten Zeiten immer das höchste Gebäude eines Ortes. Mehr nicht… Heike Wolff zeigt übrigens die Kirche von Molmerswende.

Gottfried-August-Bürger-Museum Molmerswende, Hauptstraße Molmerswende 14, 06343 Stadt Mansfeld / OT Molmerswende; geöffnet März bis Oktober, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 16 Uhr.

* Die Beschimpfung im Titel dieses Aufsatzes habe ich bei Therese Huber (1764-1829) entliehen. Huber gehörte damals zu den als „Universitätsmamsellen“ bekannt-gefürchteten Göttinger Professorentöchtern. Von 1785 bis 1794 war sie (unglücklich) mit dem Naturforscher und Jakobiner Georg Forster, dem Weltumsegler, verheiratet. Therese Huber konnte Bürger überhaupt nicht leiden.

3 Kommentare

  1. Es ist immer wieder schön, so kompetent und einfühlsam von Dir herumgeführt zu werden, vielen Dank!
    Ich habe dieses Museum vor vielen Jahren besucht.
    Nun weiß ich, dass ich das dringend noch einmal machen muss.

  2. Vielen Dank für den klugen, launigen Bericht! Wohne nur 20 Minuten entfernt von Molmerswende und muss wohl dringend wieder einmal hinfahren.
    In der dortigen Töpferei hat unser Kirchspiel Abendmahlsgeschirr anfertigen lassen und in der Leinemühle, so erinnere ich mich, gibt es leckeren selbst gebackenen Kuchen.

    Viele Grüße!
    L. Bremer, Aschersleben

    1. Dankeschön für den freundllichen Kommentar. Und den Tipp mit der Leinemühle. Schnöderweise fahre ich da immer dran vorbei… Ich werd das ändern.
      Herzliche Grüße nach Aschersleben!
      Ihr
      Wolfgang Brauer

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