Bemerkenswert? Bemerkenswert! Getrübt in Moll – Das Theatertreffen, 62. Ausgabe

von Reinhard Wengierek

„Dieser Jahrgang ist ein düsterer!“ Ziemlich steile Ansage der Jury noch vor Beginn dieser 62. Leistungsschau des deutschsprachigen Schauspielbetriebs, gegründet 1963 in Westberlin als alljährlich im Mai präsentiertes kulturelles Aushängeschild im Kalten Krieg. Seither gilt das gleiche Verfahren: Sieben (ordentlich divers) berufene Kritiker reisen durch die Lande und küren aus zig Produktionen zehn „bemerkenswerte“. Eine kostspielige, also auch umstrittene Sache, zumal die Auslese neuerdings auch in der Mediathek des Veranstalters (die vom Bund finanzierte Berliner Festspiele GmbH) einsehbar ist.

Gleichfalls notorisch umstritten: das einzige Auswahlkriterium „bemerkenswert“. Es wurde bewusst schlitzohrig schwammig gefasst, erlaubt jedoch der Jury die allergrößten Freiheiten. Was freilich nicht ausschließt, dass (kultur-)politische Erwägungen, der gesellschaftliche Zeitgeist, ästhetische Moden und Geschmack diskret mitentscheiden. Darüber hinaus gilt: Eine Einladung ist ein Ritterschlag!

Das Zehner-Tableau also ein Blick auf den Status quo der Szene, der uns – „in verunsichernden Zeiten“ – als „getrübt in Moll“ offeriert wird (TT-Chefin Nora Hertlein-Hull). Passgenau dazu die Eröffnung mit „Bernarda Albas Haus“ in der Inszenierung von Katie Mitchell (Deutsches Schauspielhaus in Hamburg), die Lorcas entsetzliche Geschichte aus einem gefängnisgleich von Gewalt beherrschten Frauen-Domizil im kollektiven Selbstmord enden lässt. Oder Ersan Mondtags suggestive Adaption des horriblen Romans „Double Serpent“ von Sam Max, in dem es um Missbrauch und bizarren schwulen Sex geht.

Das Residenztheater München zeigt Brechts antipazifistischen Aufruf „Die Gewehre der Frau Carrar“ in Verbindung mit Björn SC Deigners galligem Anti-Kriegs Gedicht „Würgendes Blei“ – ein ätzend pessimistisches Konstrukt. Kaum weniger bitter der tragisch-trotzige Aufschrei einer Berliner WG „ja nichts ist ok“ von René Pollesch und Benjamin Hinrichs (Volksbühne). Daneben Kim de l’Horizons Debütroman „Blutbuch“ (Regie Jan Friedrich, Theater Magdeburg) über das schmerzliche Coming of Age einer nonbinären Person.

Die opernhafte Monumental-Performance über das Elend mit kirchlichen Mächten „Sancta“ (Florentina Holzinger, Staatstheater Schwerin, Staatsoper Stuttgart u.a.) bestürzt vor allem durch Chor und Orchester (Hindemith). Und spektakuläres Skinhanging der nackten Darstellerinnen.

Leidvoll, bittersüß, mit leisem Humor oder Ironie durchzogen hingegen Hakan Savas Micans packende Collage mit Musik „Unser Deutschlandmärchen“ (Gorki Theater Berlin), geformt aus Dincer Gücyeters türkisch grundiertem Erfolgsroman. Oder die Neuauflage des Pina-Bausch-Klassikers „Echoes of 78 – Kontakthof“ (Meryl Tankard, Tanztheater Wuppertal). Oder Anita Vulesicas geistreicher Coup: Die komisch-groteske, erstaunlicherweise unversehens herzbewegende Verarbeitung von Georges Perecs Computer-Satire im verrückt dadaistischen Einklang mit einem Goethe-Gedicht „Die Maschine oder: Über allen Wipfeln ist Ruh“ (Schauspielhaus in Hamburg). Rasendes Theaterglück! Verdienter 3sat-Preis.

Aus der freien Szene Wiens ein futuristisches High-Tech-Kunststück: „EOL End of Life“, eine Virtual-Reality-Show von Victoria Halper und Kai Krösche.

An den Festivalflanken: Das internationale Forum „Begegnung junger Bühnenangehöriger“, Preisverleihungen (Regisseur Christopher Rüping spendierte – Riesenhallo! – seine 20.000 Euro von der Preußischen Seehandlung dem finanziell schwer bedrohten Berliner Kulturbetrieb). Und natürlich Diskussionen. Der weiße Elefant dabei im Raum: Das angekündigte Berliner Kaputtsparen; Barrie Kosky sprach vom „act of terrorism“, wetterte gegen „allgemeine Depression“ und Suhlen in Opferrollen, forderte aber auch Selbstkritik im Agieren der nicht selten selbstgerechten Kultur- und Kunstmenschen.

Fazit: Im Technischen Höchststände, einige avancierte Experimente. Viel Moll, viel Schwarz. Und ein klein bisschen Bunt.

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