von Reinhard Wengierek
Mal wieder gekramt in den Theaterfächern des Bücherregals. Und fündig geworden mit einer Preziose: Den so aufschlussreichen wie amüsanten Erinnerungen des Regisseurs Barrie Kosky. Und das gerade rechtzeitig zur bevorstehenden Wiederaufnahme von „La Cage aux Folles“ am 17. Oktober in der Komischen Oper im Schillertheater. Regie: Kosky, der Ex-Chef des Hauses.

Zur Premiere 2023 war Helmut Baumann in der Rolle der Jacqueline zu erleben – jetzt hat Angelika Milster den Part übernommen. Foto: Komische Oper Berlin © Monika Rittershaus
Die Show läuft vorerst bis zum 17. Januar 2026.
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Den kleinen Barrie darf man sich getrost als verspielten, verträumten, frechen Kobold vorstellen. Ein helles Kerlchen, das alle Welt bezaubert. Und sich selbst mit. Ja, der Bursche mit gleich einem ganzen Geäst von Antennen für alles Verführerische und Besondere, für alles Schöne aber auch Schmerzliche, der lässt sich gern sich hinreißen und verzaubern. Stürzt gern ins Entrückte, Verzückte. Ins Außersichsein.
Sehr viel später sagt der große Barrie – noch heute mit einem Kobold in sich – ganz nüchtern: „Ich war ein Junge mit blühender Fantasie und hypersensiblem Wahrnehmungsvermögen.“ So steht es in „On Ecstasy“, Barrie Koskys Erinnerungen an frühe Sinnlichkeiten, an erste Erschütterungen durch Kunst, an seine „éducation sentimentale“ sowie sein erstaunlich umstandsloses Aufwärts ins Künstlertum, erschienen 2008 in Australien (da war der Mann aus Melbourne vierzig). Und erst 2021 in Berlin.
Hundert Seiten im praktischen Vokabelheft-Format. Ein kluges Büchlein, charmant amüsant, witzig, herzig, aber auch voll ernster Weisheiten etwa vom Verschmelzen von Trallala und Tragik bei Mahler oder Bernstein. Und vor allem: Voller berührender Bekenntnisse zur Kunst- und Lebensleidenschaft, zur Musik, zur Oper, zum Drama der Küsse und Bisse und zum Theater – diesem „idealen Ort für die Manifestation des Ekstatischen“; dieser „von Natur her alchemistischen Mischung aus Manipulation, Ritual und Stimulation, Körper, Stimme, Licht, Klang“.
Ekstase also, Hingabe. Schon als Knabe Kosky aus dem Plattenschrank der Eltern Mahler-Sinfonien hervorkramte: „Das Kinderzimmer wurde zum Urknall; das Universum drehte sich in mir.“ Oder die LP mit der „unerhörten, unheimlichen“ Stimme von Renata Tebaldi: „Ich war versteinert, mir wurde schwindelig.“ Oder, ganz anders: Die Hühnersuppe der polnischen Großmutter – „der Caravaggio, der Rainer Maria Rilke, der Michelangelo aller Suppen“. „Mein erster Löffel metaphysische Verzückung, dann kosmische Glückseligkeit, katapultierend an den Anfang und das Ende aller Zeiten.“ – Ekstase auch verbal.
„On Ecstasy“ – der Regiestar sagt, das würde er jetzt, mit Mitte 50, nicht mehr schreiben. Doch wenn schon schreiben, dann über Lachen oder über Melancholie. Ekstase sei nicht mehr sooo wichtig, Wahrnehmungen veränderten sich. Wie beim Sex, der sei auch anders als mit 15. Außerdem: Ein Intendant sollte nicht nach Ekstase suchen, ein Regisseur aber schon. Doch davon die Regiearbeit bestimmen lassen, das wiederum nicht. Da sei „große Objektivität der einzig richtige Weg“.
Meister Kosky kommt auf Richard Wagner, „den Meister theatralischer Phantasmagorien“, auf seine Bayreuther „Meistersinger“-Inszenierung. Im Festspielhaus habe er ständig einen Dämon Wagners auf seiner Schulter gespürt. Und der habe immerzu geflüstert „Dreckiger Jude! Dreckiger Jude!“. – Trotzdem: „Ich vergebe Wagner alles, wenn ich ‚Tristan‘ höre. Dieses erotische Verweben von Begehren, Verklärung, Dunkelheit und Tod. Eine lichtdurchwobene Nachtmusik.“
„On Ecstasy“ beschließt ein aktuelles Gespräch mit dem Wissenschaftler Ulrich Lenz. Der fragt nach neuen Ekstase-Momenten. Kosky nennt die „extrovertierte Ekstase“ („Ekstase durch Komik“) bei seinen Operetten-Wiederentdeckungen an der Komischen Oper, dann die „introvertierte Ekstase“ bei Inszenierungen von Rameau, Händel, Prokofjew oder Bartók – wobei sich nebenbei Koskys sagenhafter Wirkungsweg stichwortartig markiert: Von Australien über Wien nach Berlin; dort Weltruhm als Chef der Komischen Oper. Und bis heute gefeierter Liebling der Berliner sowie der gesamten Opernwelt. Das Sagenhafteste, dies zum Schluss, seien freilich – Kosky in Begeisterung! – seine „so geliebten, so besonderen Sängerdarsteller“. Ohne die keine „Qual, Freude, Leidenschaft“. Eben „kein ekstatischer Kitzel“.
Barrie Kosky: On Ecstasy. Übersetzung aus dem Englischen von Ulrich Lenz, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2021, 100 Seiten, 15,00 Euro.