Bärwurzwiesen und Postenwege – eine Grenzwanderung

von Wolfgang Brauer


Foto: W. Brauer /2025

Weil ihm gelegentlich unachtsame Wanderer in die Quere kommen, ist der Bär mal wieder im Gespräch. Ich habe inzwischen Leute erlebt, die ganz besorgt die Frage stellen, ob es denn auch in unseren Mittelgebirgswäldern Bären gebe… Nein gibt es nicht, noch nicht. Kürzlich fand ich aber auf einer Info-Tafel des Naturparks Thüringer Schiefergebirge-Obere Saale den Hinweis, dass der Braunbär (Ursus arctos) hier durchaus hergehöre. Nimmt man einige Tierschützer ernst, so hat der Mensch im Wald überhaupt nichts zu suchen, und Ursus arctos gehört wieder angesiedelt. An seiner Stelle aber haben wir bärige Pflanzen: Bärenklau (Heracleum) – der Riesenbärenklau wird bis zu 3m hoch und ist kreuzgefährlich –, Bärlauch (Allium ursinum) – eine beliebte Salatpflanze, die stark nach Knoblauch riecht; manche verwechseln sie mit Maiglöckchen und haben dann den Salat, den letzten … – und die Bärwurz (Meum athamanticum).


Bärwurz (Meum athamanticum). Foto: W. Brauer / 2025

Die hat nun überhaupt nichts mit dem Bären zu tun. Der Name ist eine Verkürzung von „Gebärwurz“. Der Volksmund neigt zur Faulheit. Das Kraut sollte gegen Gebärschmerzen helfen und milchtreibend wirken. Der im 16. Jahrhundert wirkende Arzt und Apotheker Tabernaemonthanus weist 1588 in seinem „Neuen Kräuterbüchlein“ der Pflanze wahre Wunderwirkungen zu: „Beerwurtzwasser getruncken / eröffnet die verstopffung der Leber / der Nieren / Harngäng / und der Blasen / vertreibet die Geelsucht / Wassersucht / den schmertzen der Därm und der Mutter / führet auss den Stein / … / vertreibt die Harnwinde / und das tröpfflingen harnen.“

Logisch, dass das Kraut eine neu aufflammende, inzwischen fast seine Existenz gefährdende Popularität erfuhr, als Hildegard von Bingen wieder in Mode kam. Mit der „Bärwurz-Birnen-Honig-Kur“ – nach Hildegard natürlich – kann man viel Geld loswerden. Den Nutzen hat auf jeden Fall der Hersteller. Harmlos, aber lecker ist die erzgebirgische Köppenickelsuppe. Und einen Bärwurz-Schnaps gibt es auch. Produziert wird er hauptsächlich im Vogtland und im Bayerischen Wald. Allerdings wird dazu gern auch mal die Mutterwurz verwendet. Die hat ein kräftigeres Aroma. Mutterwurz ist nichts anderes als die Alpen-Bärwurz (Ligusticum mutellina). Für den Bärwurzschnaps benutzt man die Wurzel. Die wird bis zu einen Meter lang, die Pflanze selbst bis zu 60 cm groß. In Bayern gibt es strenge Regeln, was ihre Ernte betrifft. Man benötigt ein Zertifikat, sonst kann es teuer werden. Beim Herausgraben der Hauptwurzel sollen die Nebentriebe geschont werden. Das kann nicht jeder.

Uns interessieren nur die Blätter, wir haben die Pflanze im Hausgarten. Zum wild wachsenden Bärwurz soll aber mein Wandertipp führen. Es geht ins Oberfänkische nach Nordhalben, hart an die thüringische Landesgrenze. Berühmt geworden ist die Gegend durch den Film „Der Ballon“ (2018) von Michael „Bully“ Herbig. Sehr melodramatisch erzählt er von einer realen Flucht aus der DDR im Fesselballon. Die Flüchtlinge – zwei Familien – starten auf einer Waldwiese bei Bad Lobenstein und landen auf einer Wiese bei Nordhalben. Eine Bärwurzwiese, aber das war ihnen sicherlich egal.


Foto: W. Brauer / 2025

Und genau da wollen wir hin: auf den „Frankenwald Steigla durch die Nordhalbener Bärwurzwiesen“. Eine Karte braucht man nicht, der etwa acht Kilometer lange Weg ist hervorragend ausgeschildert. End- und Zielpunkt unserer Tour ist das „Erlebnisbad Nordhalben“.

Etwa 30 m hinter der Badgaststätte nehmen wir den links abbiegenden Weg direkt in die Wiesen. Auf der nach rechts führenden asphaltierten Forststraße geht es nach Titschendorf. Das liegt bereits in Thüringen. Nach wenigen Metern säumen schon die ersten Bärwurzstauden den Weg. Links und rechts des Weges kommen eingekoppelte Wiesen. Das Gehöft hinter der Wiese linkerhand gehört zum Weiler Buckenreuth. Dessen Höfe waren in vergangenen Jahrhunderten „freieigen“, gehörten also den Bauern und keinem Grundherren. Der Suffix „-reuth“ weist auf ihre Entstehung hin. Die Gegend gehört zum Rodungsgebiet des 12. Jahrhunderts. Wald steht hier eigentlich nur, wo Ackerbau und Wiesenwirtschaft aufgrund der Oberflächenstruktur nicht möglich sind.

Nach etwa 800 m biegt ein schmaler Steig in den Titschengrund ab. Wir folgen ihm. Im Grund wenden wir uns nach rechts und überqueren nach etwa 500 m den Bach. Jetzt geht es recht steil wieder nach oben. An der Wegekreuzung biegen wir links ab und betreten einen mit Wabenplatten befestigten Fahrweg. Wir sind jetzt in Thüringen, haben also gerade die ehemalige Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR überquert. Der als Forststraße gekennzeichnete Fahrweg ist der ehemalige Postenweg der DDR-Grenztruppen. Er markiert das sogenannte „Grüne Band“, den unter Schutz gestellten ehemaligen Grenzverlauf. Wenn wir tapfer weiterliefen, kämen wir irgendwann an die Ostseeküste zwischen Lübeck und Wismar.


links: Buckenreuth; rechts: Postenweg bei Titschendorf, links im Grund gut erkennbar die ehemalige Grenzlinie. Fotos: W. Brauer / 2025

Eine Grenze war hier schon immer. Und noch nie eine besonders nette. Seit dem Augsburger Religionsfrieden ist diese Grenze auch eine konfessionelle Trennungslinie. Die Nordhalbener Protestanten wichen nach 1600 ins benachbarte reußische Titschendorf aus. Das zum Hochstift Bamberg gehörige Nordhalben wurde im Dreißigjährigen Krieg 1633 von protestantischen Truppen geplündert und niedergebrannt. 1635 jedoch schloss hier das katholische Bamberg mit dem protestantischen Fürsten Reuß-Lobenstein einen Separatfrieden, der immerhin die Versorgung des gebeutelten Ortes mit Lebensmitteln aus dem Reußischen ermöglichte. Auch so etwas gab es in der deutschen Geschichte.

Die eigentliche Grenzlinie ist links neben unserem Weg noch recht gut zu erkennen. Rechterhand befindet sich eine Wiese, vor deren Betreten uns Schilder warnen. Die sollte man ernst nehmen. Hier ist die Start-und Landebahn des Segelflugplatzes Titschendorf des LSC Nordhalben. Wir halten uns auf dem Plattenweg. Nach einer 90-Grad-Kurve links geht es sehr steil in den Titschengrund. Genauso steil geht es wieder bergauf – und wir stoßen fast auf die L 1095 Richtung Bad Lobenstein, nach links ist es die St 2207 nach Nordhalben. Es ist dieselbe Straße. Die unterschiedliche Bezeichnung ist dem wundersamen Wirken des deutschen Föderalismus geschuldet.

Aber da wir nicht nach Navi laufen – wir biegen sowieso gleich nach links in den Wald ab – stört uns das nicht weiter. Dennoch sollten wir hier einen Moment innehalten. Genau an der Stelle, wo heute Verbotsschilder die Autofahrer zum Weiterfahren zwingen, war nach dem 18. November 1989 ein Parkplatz direkt an einem Postenturm der Grenztruppen der DDR. An jenem Tag fiel hier die Grenzbefestigung. Ich hatte die Hoffnung, dass der Turm als Denkmal erhalten bleibt, aber irgendwann nach 2000 wurde er aus Unverstand abgerissen. Schräg gegenüber dem heutigen uniformen „Straßengedenkschild“ hatten offensichtlich Bürger aus Nordhalben vor einigen Jahren ein Schild aufgestellt, das ihrer Freude und Dankbarkeit über den Fall dieser Grenze Ausdruck verlieh. Dem Schild war keine lange Lebensdauer beschieden. Das Lattengerüst steht noch.


links: Grenzöffnung am 18. November 1989; rechts: heutiger Zustand. Fotos: unbek. / Sammlung W. Brauer // W. Brauer / 2025

Aber wir wollen ja den Wald durchqueren. Ein richtiger kleiner Märchenwald, wie von Ludwig Richter gemalt. Nach einem knappen Kilometer erreichen wir den Aussichtspunkt Buckenberg. Vor uns liegen am Rand der Wiese die Gehöfte von Buckenreuth. Und am Horizont die Kammlinien des Frankenwaldes. Wer sich noch einen Blick für landschaftliche Schönheiten erhalten hat, muss hier einfach innehalten! Für Pflanzen- und Vogelfreunde sind die sich hier öffnenden Wiesen ein Garten Eden. Wir gehen jetzt am Waldrand entlang bis zur schon erwähnten St 2207, überqueren die und stoßen auf eine Bärwurzwiese vom Feinsten. Zwischen den Bärwurzstauden Heidenelke und die struppigen Borstgrasbüschel. Auch Orchideen sind hier oben zu finden. Das ist keine liegengebliebene Ackerkultur, das ist hier alles Natur! Aus guten Gründen streng geschützt.


Buckenreuth, im Hintergrund der Frankenwald. Foto: W. Brauer / 2025

Für die Entstehung dieser Wiesenlandschaft ist nicht zuletzt eine seit vielen Jahrzehnten ausgeübte Schafweide verantwortlich. Überall dort in den Seitentälern der Umgebung, wo die nicht mehr betrieben wird, verbuschen die Wiesen und die Artenvielfalt von Flora und Fauna nimmt auf dramatische Weise ab. Werden die einst in dieser Gegend zahlreich vorhandenen Teiche nicht mehr gepflegt oder gar deren Dämme bewusst durchstochen, versumpfen die Täler. Besonders skurril wird es, wenn dann am Rande des moddrigen Gestrüpps Schilder auf eine „Löschwasserentnahmestelle“ hinweisen. Welche Auswirkungen das hat, kann man derzeit täglich in den Fernsehnachrichten sehen. Während ich das hier schreibe, höre ich im Hintergrund Antenne Brandenburg. Der Sender weist gerade in einer kleinen Reportage auf ein fördermittelfinanziertes Projekt hin, das den Brandenburgern klar machen soll, dass man Schaffleisch auch essen kann…

Selbst auf den hiesigen Bärwurzwiesen ist die Zeit der Wanderschäferei vorbei. Der österliche Lammbraten kommt auch im Fränkischen aus Neuseeland. Im Sommer werden die Wiesen von den Landwirten abgemäht. Ich vermute stark, es gibt dafür Fördermittel. Intensivdüngung ist hier verboten. Das ist sicher auch ein Grund dafür, dass die Bauernhöfe im Rübleinsgründlein – ich liebe die alten Flurnamen! –, den wir nach einem weiteren kleineren Waldgebiet erreichen, abgerissen wurden. Der Gewässerschutz ist ein weiterer. Wir befinden uns hier im Einzugsgebiet der Ködeltalsperre, einer Trinkwassertalsperre. Deren Vorhandensein erklärt übrigens auch das völlige Fehlen von Windkraftanlagen in diesem Gebiet. Die sind hier verboten.

Sowohl der teilweise noch befestigte Weg als auch Terrassierungen im Gelände weisen uns auf die ehemaligen Hofanlagen hin. Auch die landwirtschaftlichen Nutzflächen – nicht nur die für den Obstanbau, einige alte Apfelbäume findet man noch – sind aufgrund des abschüssigen Geländes teilweise terrassiert gewesen. Ich kann mich nicht dagegen wehren: Aber in solch Landschaften kommen mir immer Zweifel an der Sinnhaftigkeit unseres Fortschrittsbegriffes. Der Gesang einer aufsteigenden Feldlerche – die Berghöhe neben dem Weg trägt sinnigerweise den Namen „Lerchenhügel“ – und nie gesehene Falter vertreiben aber diese trüben Gedanken…


Rübleinsgründlein. Foto: W. Brauer / 2025

Träumend steht man plötzlich wieder an der Asphaltpiste der Landstraße. Diesmal an einem an Hässlichkeit kaum zu toppenden, vollkommen überflüssigen Kreisverkehr. Aber hier schlängelt sich ein schmaler Weg in den Titschengrund. Wir sehen schon das Nordhalbener Freibad vor uns, sollten aber kurz davor einen kleinen Stop einlegen. Rechts neben dem Weg ragen „Zwei Pfeiler für den Wald“ („Deux piliers pour la forêt“) des belgischen Holzbildhauers Urban Stark aus dem Jahr 2019 auf. Stark will damit an die zwei wirtschaftlichen Säulen der Region in den vergangenen Jahrhunderten erinnern: Schiefer und Fichtenwald. Den Wald fraßen Borkenkäfer und die Dürre. Der hier inzwischen von den Dachdeckern verwendete Schiefer kommt im günstigsten Fall aus Spanien.


„Zwei Pfeiler für den Wald“ und das Erlebnisbad Nordhalben. Fotos: W. Brauer / 2025


Aber über all das kann man in der „Badgaststätte Bondi“ nachdenken. Bondi ist ein großartiger Wirt. Das Bier ist gut, die Küche hervorragend – und es ist täglich ohne die im Fränkischen und inzwischen auch in Thüringen üblichen Frühnachmittagsschließzeiten geöffnet! Das „Erlebnisbad“ allerdings, eine schöne Anlage, hat hingegen nur „bei Badewetter“ geöffnet. Was man hier unter Badewetter versteht, habe ich bislang nicht herausbekommen können. Als wir vorbeikamen war geschlossen.

*

Botanischer Nachsatz zur weiteren Verwirrung: Auf den Bärwurzwiesen wächst natürlich auch die Blutwurz (Potentilla erecta). Mit dem Bärwurz hat sie nichts zu tun, ist aber eine Zeigerpflanze für Magerwiesen. Der Name kommt vom blutroten Saft, der beim Durchschneiden der Rhizome austritt. Auch ihr werden wunderbarste Wirkungen zugeschrieben. Dass es auch einen Blutwurz-Schnaps gibt, hat möglicherweise mit dem – falsch verstandenen – lateinischen Namen zu tun. Die Inhaltsstoffe des Krautes haben eher eine stark zusammenziehende Wirkung…

1 Kommentar

  1. Als jemand, der das KI-Tool ChatGPT als hilfreiches KI-Recherche-Instrument durchaus schätzt, habe ich dort über diesen Blog Wolfgang Brauers lesen können, dass Brauer sich „inhaltlich orientiert … am Stil von Theodor Fontane: er will Landschaftliches, Historisches, Sitten‑ und Charakterschilderungen sowie Kulturthemen miteinander verknüpfen“. Nun schon eine ganze Reihe seiner „Wanderungen“ durch die Welt in dieser noch so jungen Plattform geben diesem Fazit recht.
    Eva Rucht

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