Auf Mielkes und des Seeadlers Spuren – Rund um den Wolletzsee

von Wolfgang Brauer

Es soll heute rund um den Wolletzsee gehen. Der liegt in der Uckermark am Rand des berühmten Grumsiner Buchenwaldes. Vom Bahnhof Angermünde sind es zu Fuß bis zum Strandbad Wolletzsee – unserem Ausgangs- und Zielpunkt – rund 4,4 km, eine knappe Stunde Fußweg. Man kann aber auch den Bus 452 nehmen. Der braucht nur 20 Minuten. Mit dem ÖPNV erreicht man Angermünde mit der RE 4 nach einer Stunde Fahrzeit ab Hauptbahnhof Berlin. Mit dem Auto benötigt man etwa dieselbe Zeit.

Der 330 ha große Wolletzsee ist ein für die Gegend nördlich von Berlin typisches Eiszeitprodukt. Er liegt in einer Abflussrinne des seinerzeitigen Gletschers in west-östlicher Richtung über eine Länge von ca. fünf Kilometer. Im Schnitt ist er einen knappen Kilometer breit. Die Tiefe liegt bei durchschnittlich acht Meter, die tiefste Stelle erreicht aber 17 m. Das Wasser ist recht klar, der See ist fischreich und bei Anglern beliebt. Die Belastung durch Nährstoffeintrag seitens der äußerst intensiv betriebenen Landwirtschaft in Ufernähe soll allerdings erheblich sein. Glücklicherweise hat der See über lange Strecken einen recht breiten Schilfgürtel. Dadurch ist er von den Zweibeinern nicht so überstrapaziert wie andere Gewässer Brandenburgs. Der Rundwanderweg hat eine Länge von knapp 17 km, gut die Hälfte davon auf natürlichem Untergrund. Also gelegentlich sehr schmal. Vorsicht vor Baumwurzeln und in moorigem Gelände vor plötzlich auftauchenden Löchern im Untergrund!

Aber es ist überwiegend still. Für Vogelfreunde ein Paradies, nirgendwo bin ich äsenden Kranichen so nahe gekommen wie hier! Und wer Glück hat, begegnet dem Seeadler. Man hält dann unwillkürlich inne… Und Insekten sowieso. Ja, ich weiß, Mücken und Zecken und Natur piekt. Das gehört dazu.


Start am Strandbad – dann ein fast verwunschener Waldweg… Fotos: W. Brauer (2025)

Wir starten am Strandbad. Hier befindet sich auch einer der wenigen offiziellen Parkplätze in der Gegend. Das Strandbad ist eine gepflegte, kinderfreundliche Anlage mit schönem Sandstrand. Der Imbissstand am Eingang ist auch von außen zugänglich. Wir halten uns jetzt links. Der Weg an einem kleinen Campingplatz vorbei nennt sich „Zum Wolletzsee“. Der See ist kaum sichtbar. Datschen und kleine Bootshäuser versperren Sicht und Zugang, aber – für Brandenburg inzwischen ungewöhnlich – nach knapp 500 m Weg endet die Privatisierung des Seeufers, wir erreichen den offiziellen Rundweg. Markiert ist er durch einen grünen Punkt auf weißem Untergrund. Die Markierung des Rundweges ist vorbildlich.

Insgesamt laufen wir jetzt fast 7 km am Südufer entlang bis Altkünkendorf. Gelegentlich enfernt sich der Weg ein Stück vom Ufer. Aber es geht über lange Strecken durch den Wald. Im Sommer ein sehr angenehmer Weg. Nach einem Kilometer erreichen wir die „Adlerquelle“, direkt am Seeufer. Eine eingefasste Quelle, mit Namen und Bedeutung überladen, aber hier ist ein hübscher kleiner Rastplatz mit freundlichem Blick über den See.

Nach etwa zwei Dritteln des Weges verlassen wir den Wald und stoßen zunächst auf eine anmutige Wiesenlandschaft, die später von einer gigantischen Landwirtschaftsfläche abgelöst wird. In der welligen, fast hügeligen Landschaft der Uckermark fallen immer wieder kleine Bauminseln auf den Erhebungen auf, um die selbst heutige Pflüge-Roboter einen Bogen machen. Für unsere Ahnen waren das heilige Orte, zumeist gehen sie auf neolithische Gräber zurück. Heute liegen da zumindest die großen Findlingsblöcke, die sich noch immer gegen das Umpflügen wehren und den beeindruckenden freistehenden Bäumen, zumeist Buchen, gelegentlich sind es auch Eichen, Schutz bieten. Den modernen Agrarkapitalisten sind sie ein Dorn im Auge. Aber noch stehen sie unter Schutz.


Es gibt sie noch: märchenhafte Uckermarklandschaftsbilder am Südufer des Sees. Fotos: W. Brauer (2025)

Wie rabiat heute die Flächen unter den Pflug genommen werden, spürt man hier an den eigenen Füßen. Vom Weg zwischen Feldrain und Ufergebüsch ist kaum noch etwas vorhanden. Man stolpert streckenweise über den Rand des Getreideackers. Geht nicht anders. Ist das überwunden, tauchen wir wieder in den Wald ein und stoßen nach einem scharfen Knick auf eine kastaniengesäumte Allee. Nach wenigen Minuten sind wir am Ortsrand von Altkünkendorf angekommen. Das ist ein hübscher, euphemistisch würde man sagen „verträumter“ Ort. Immerhin schon 1287 ersterwähnt, dann war er immer ein Gutsort. Durch die Bodenreform wurde das Gut 1945 an insgesamt 33 Bauern aufgeteilt. Einkehren kann man hier nirgends, aber es gibt eine empfehlenswerte Brennerei. Die hat aber nur samstags am Nachmittag geöffnet – und heute ist Montag… Also weiter nach rechts am Ufer des Heiligen Sees (8 ha). Hier finden wir am südwestlichen Ufer gleich neben dem Wanderparkplatz der Weltnaturerbeverwaltung Buchenwald Grumsin eine hübsche kleine Badestelle. Pause!


links: Altkünkendorf; rechts: Badestelle am Heiligen See. Fotos: W. Brauer (2025)

Weiter dann auf einem Plattenweg – in der DDR hieß so etwas „KAP-Straße“, von „Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion“, Dinge gab es… – Richtung Wolletz. Bald überqueren wir einen Zufluss des Wolletzsees, die Welse. Die Welse ist ein ruhig vor sich hindümpelndes Flüsschen, das am Rande der Schorfheide nördlich von Joachimsthal dem märkischen Sand entspringt und nach bereits 66 km kaum beachteten Daseins im Hafen der Stadt Schwedt in der Oder verschwindet. Genaugenommen wird ihr noch nicht einmal eine ordentliche Flussmündung gegönnt, ihr Wasser wird von der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße aufgenommen. Sie endet also in einem Kanal. Bei der Einmündung in den Wolletzsee ist noch nicht zu ahnen, dass sie ein trotzdem respektables Gewässer ist. Nach rund 4 km werden wir ihr wieder begegnen.

Jetzt geht es erst einmal auf einer recht ermüdenden, befestigten Straße gut 2 km nach Wolletz. Tröstlich sind die das Auge immer wieder gefangen nehmenden Blicke auf den See, der von hier aus allerdings nicht zugänglich ist. Wolletz selbst empfängt uns in einem Zustand seligen Halbschlafes. Hier haben noch nicht einmal die Fliegen Lust zum Belästigen des Wanderers. Immerhin gibt es eine Verpflegungsstation, die den in die Vergangenheit reichenden Namen „Kaffee Konsum“ trägt. Manuela Schalow präsentiert hier mittwochs bis sonntags Leckeres. Geöffnet ist von 11 bis 18 Uhr. Aber besser ist es immer, vorher anzurufen: 033337 519090. Ansonsten macht der Ort einen zugemauerten Eindruck. Das hat mit seiner Geschichte zu tun.


links: Nordufer; rechts: Wolletzseeinsel 1 – es gibt drei, aber alle tragen nur eine Ziffer als Namen. Fotos: W. Brauer (2025)

1313 erstmals urkundlich erwähnt war Wolletz immer ein Gutsdorf. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte es wie vieles vom Oderland bis zur Altmark der Familie von Rohr. Sie seien „eiserner Bestand in den Ranglisten unserer Armee“, meint Theodor Fontane in Band 1 der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“: „Bei Leuthen, Lipa, Leipzig, / An der Katzbach und an der Schlei. / Von Fehrbellin bis Sedan – / Ein Rohr war immer dabei.“ Manchmal hat der Meister auch ziemlich holprig gereimt…

Ab 1935 gehörte das Gut dann einem US-Amerikaner namens Anton Martinek, der übrigens auch von der DDR nicht enteignet wurde. Das Gut wurde laut den im Brandenburgischen Landeshauptarchiv befindlichen Akten als Martinekscher Besitz mindestens bis 1966 treuhänderisch verwaltet. Martinek ließ das alte von Rohrsche Jagdschloss abreißen und begann 1936 mit einem Neubau, dessen Fertigstellung er nicht mehr vor Ort erleben konnte. Die geschah erst ab 1953, als der DDR-Minister für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser das Objekt „als Erholungsheim“, wie die Akten vermelden, ausbauen ließ. Aber auch Zaisser hatte nichts mehr davon. Im Gefolge der Machtkämpfe in der SED-Führung nach dem 17. Juni 1953 wurde er von Ulbricht gestürzt. Von 1957 bis 1990 war Schloss Wolletz de facto der private Jagdsitz Erich Mielkes, der hier bis zu 71 Mitarbeiter beschäftigte. Das Nordufer des Sees war deshalb zu großen Teilen unzugänglich. Nach 1990 wurde aus dem Haus ein kardiologisches Reha-Zentrum. Reha-Kliniken schossen damals wie Pilze aus dem märkischen Boden.


links: Bestrickend (genauer hinsehen!) – die Reste des Mielkeschen Gartenzaunes; rechts: Schloss Wolletzsee. Fotos: W. Brauer (2025)

1997 erwarb die Unternehmerfamilie Fiege (Fiege Logistik Holding Stiftung & Co. KG) aus Westfalen Klinik und Gut und baute großzügig um. Das Jagdschloss firmiert jetzt als GLG Fachklinik Wolletzsee mit einem recht breiten Reha-Spektrum. Fieges selbst haben sich ein neues Gutshaus errichten lassen. Die imposante Anlage ist nicht zugänglich. Lisa Fiege vermietet aber nette Ferienwohnungen. Man muss sich jedoch mindestens 14 Tage einquartieren.

In die politische Geschichte des Landes Brandenburg schrieben sich die Investoren aus dem Münsterland ein, als 2004 aus Naturschutzgründen, wie es hieß – dem berühmten Buchenwald sollte aufgeholfen werden – 572 teils recht alte Eichen der Kettensäge zum Opfer fielen. Die Fachleute hielten diese Argumentation für an den Haaren herbeigezogen. Der damals zuständige Umweltminister Dietmar Woidke – richtig, der heutige Ministerpräsident – fand da aber nichts Gesetzeswidriges und stellte sich vor die umweltschützenden Unternehmer. Ein rumnölender Verwaltungsbeamter wurde wohl versetzt, berichtete seinerzeit die Presse. Auch wir lassen das jetzt mal auf sich beruhen, verscheuchen jeden bösen Nebengedanken an TESLA und die umweltschützenden Windräder und ziehen – jetzt aber direkt am Seeufer – weiter.


In seiner Längsausdehnung ist der See nicht zu fassen – hier vom Nordostufer. Foto: W. Brauer (2025)

Derzeit ist der Wasserstand gut einen Meter niedriger als „normal“. Das mag mit der Trockenheit zu tun haben, auch die Welse ist mehr Modder als Fluss. Als brandenburgerfahrener Wanderer vermutet man allerdings sofort einen Golfplatz in der Nähe… Und tatsächlich, den gibt es. Die GLG-Klinik hat ein therapeuthisches Golf-Angebot im Programm. Aber die Golfplatzeigner haben bestimmt einen eigenen Brunnen und zapfen „nur“ das Grundwasser an. Südlich von Potsdam kann man so etwas trefflich am langsam verröchelnden Großen Seddinsee studieren. Nach der neuen Studie „Grundwasserstress in Deutschland“ des BUND wird derzeit in 15 von 18 brandenburgischen Landkreisen mehr Grundwasser entnommen, als durch Niederschläge ausgeglichen wird. Die Uckermark gehört noch nicht dazu.


Die Welse verlässt den Wolletzsee. Foto: W. Brauer (2025)

Der Uferweg ist recht wild, der Wald linkerhand dicht. Hier beginnt das Reich des Seeadlers. Mit ein wenig Glück kann man tatsächlich das scheue Tier fliegen sehen. Und nach knapp zwei Kilometer Weg erreichen wir wieder das Ufer, also den ihr Ufer umgebenden Sumpf, der Welse. Die schlängelt sich ab hier gemächlich in Richtung der Fischteiche an der Blumberger Mühle. Ein Vogelparadies, aber das sagte ich schon. Nach einem knappen Kilometer überqueren wir die Welsebrücke, biegen am anderen Ufer des Flusses nach rechts ab und sind binnen kurzem wieder am Strandbad, unserem Ausgangspunkt.

2 Kommentare

  1. Eine wunderschöne Wanderung, die ich beim Lesen miterleben durfte. Und wenn ich könnte, wie ich wollte – ich liebe „wilde“ Natur. Wobei ich auf den Golfplatz verzichten könnte.

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