„Denn das Schöne ist nichts als des
Schrecklichen Anfang…“
Rainer Maria Rilke – erste Duineser Elegie
von Heinz W. Konrad
Hans Vaihinger, ein deutscher Philosoph, hat vor über hundert Jahren eine „Philosophie des Als ob“ entwickelt. Sie ist ebenso kompliziert wie umstritten, was aber hier nur angemerkt sein soll. „Es geht um jene eine Form des gesellschaftlichen Verhaltens, bei dem Menschen so tun, als ob etwas der Fall wäre – obwohl allen (mehr oder weniger bewusst) klar ist, dass es nicht wirklich so ist. Es handelt sich um eine Art kollektives Schauspiel oder Selbsttäuschung – oft zur Wahrung von sozialen Normen, Status oder Harmonie“ (Quelle: Chatgpt, Hervorhebung H.J.).

Dieses Konstrukt stand am Anfang: Die erste funktionsfähige Rechenmaschine der Welt (1690, Museum Schloss Herrenhausen). Der Erfinder, Gottfried Wilhelm Leibniz, meinte auch, in der besten aller Welten zu leben. Foto: Hajotthu bei de.wikipedia, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons.
Das zu verstehen, bedarf es des Philosophen eigentlich nicht. Denn so zu tun, als ob, ist ein normales menschliches Verhaltensmuster, das im Privaten ebenso gängig ist wie in jenem Gesellschaftlichen, um das es Vaihinger ging. Beileibe nicht nur, aber doch eindrücklich haben diesen Gedankengang im Realsozialismus so ziemlich alle Lebenden an sich selbst kennengelernt. Schließlich tat zumindest die Mehrheit nur so, als ob sie wählte, wenn sie einen Stimmzettel faltete und in die Urne warf. Oder man tat so, als ob man die Politik von Partei und Regierung einmütig begrüßte, weil das halt erwartet wurde. Oder indem man den Kapitalismus wunschgemäß als das Grundübel alles Bösen schalt, als ob man mit ihm je eine eigene Erfahrung gemacht hätte etc. pp. So zu tun, als ob, war allemal ein probates opportunistisches Verhalten, in der Regel zum Selbstschutz.
Das ist es freilich auch heute, etwa wo man gern den kämpferischen
Demokraten herauskehrt, als ob es in Wirklichkeit nicht – jedenfalls sehr oft – um banale Besitzstandswahrung oder andersartige Eigen- oder Gruppeninteressen geht. Oder wo man publizistische Zersetzung von Vertrauen in Politik und Demokratie betreibt und das mit dem Habitus tut, als ob man diese verteidige. Oder man Aggressoren via Verständnis in die Hände spielt, als ob es einem dabei um Frieden und den Schutz von Menschen ginge statt um
narzisstische Selbstbespiegelung als Märtyrer des „Mainstreams“. Oder wenn man Rednern in Parlamenten und auf Kundgebungen artig Beifall zollt, als ob man einer Erleuchtung teilhaftig geworden wäre, wo es wie so oft nur um Banalitäten, Phrasen oder Selbstverständlichkeiten ging.
„Als ob“-Verhalten, so fasst eine Netzrecherche es ziemlich plausibel
zusammen, „hilft oft dabei, Konflikte zu vermeiden, soziale Rollen zu
stabilisieren oder Komplexität zu reduzieren. Aber es kann auch zu
Entfremdung, Zynismus oder Verdrängung führen, wenn die Diskrepanz zwischen Schein und Sein zu groß wird“.
Eben das ist auch der Anlaß auf diesen Rückgriff auf Vaihinger, nämlich im Kontext eines Top-Themas unserer Tage: die Künstliche Intelligenz (KI) als von technokratisch Gläubigen vielmals etikettierter Heilsbringer unserer Tage und der Zukunft, gern schon mal als wirkmächstigste Technologie aller Zeiten apostrophiert.
Ja: Man kann und muss sogar dieser Technologie ungeahnte nützliche Möglichkeiten in diversen Lebensbereichen zubilligen und darf sich sehr vieles von ihr erhoffen (siehe auch ihre Nutzung zur Recherche via Chatgpt in diesem Text). Eine Gefahr ist allerdings bereits erkennbar, seit der Vorläufer der KI, die allgemeine Digitalisierung, unser Leben immer stärker prägt: Die rasante Entfremdung des Menschen von sich selbst, die Verlagerung der
zwischenmenschlichen Kommunikation hin zu der mit unbelebten Maschinen.
Bereits heute braucht es z.B. in der Kunst keine realen Menschen mehr, um eine lebensechte Bühnenshow von Avataren zu realisieren: Als ob ABBA in London auf der Bühne steht. Als ob der KI-Chatbot, mit dem man sich unterhalten kann, ein echter Mensch wäre. Als ob die immer häufigeren Zeitungsbeiträge mit dem Zusatz „KI-unterstützt“ dem leibhaftigen Autor gleichzusetzen sind. Als ob es doch egal ist, wenn ganze Musikträger oder auch Bücher von Elektronen und nicht handwerklich von Menschen produziert
werden, denen man zwar in der Tat vieles beibringen kann, nicht aber z.B. menschliches Fühlen, um das es grade in der Kunst so wesentlich geht.
Vom offenkundig antihumanistischen Einsatz der KI ganz zu schweigen – der Kriegführung, in der beim immer massiveren Einsatz von „intelligenter Technik“, Drohnen etwa, ersetzt und so getan wird, als ob deren Hintersinn doch human, weil „menschenschonend“ sei. Und auch: Über KI zu reden, als ob sie quasi gratis zu haben wäre, wo sie doch einen immensen Bedarf an zusätzlicher Energie und damit einhergehende Belastungen mit sich bringt…
Brave new world?
Es mag sein, dass die meinerseitige Skepsis in Sachen human-nützlicher KI altersbedingt pessimistisch ist und dystopisch anmutet, und ich hätte nichts dagegen, wenn sie durch die zukünftigen Realitäten widerlegt würden. Indes: Der Mensch – ganz und gar der, der an Realisierbarem gut verdient – neigt dazu, zu verwirklichen, was immer zu verwirklichen geht, sei ́s drum, ob und wodurch das eventuell zeitgleich oder später mißbraucht wird. Und falls er das
dann bereut, ist es in der Regel zu spät, wie etwa Robert Oppenheimer, der Schöpfer der Atombombe, als er angesichts der gewaltigen Explosion vonHiroshima den Satz aus einer Hinduschrift zitierte: „Ich wurde der Tod, der Zerstörer der Welten.“
Wenigstens gibt es erkennbare Ansätze, letzteres einzuhegen. China, das freilich nicht zuletzt um eine Hegemonie auch auf diesem Technologiefeld bemüht und also nicht frei von Eigennutz ist, hat die Gründung einer weltweiten Organisation angeregt, die diesen Bereich regulieren soll. „Es gehe darum, ein anerkanntes Regelwerk für die Entwicklung und Sicherheit von künstlicher Intelligenz zu schaffen“, wird vermeldet. Das ist wohlgetan, denn im günstigsten Fall könnte es verbreiteten Sorgen entgegenwirken. Der
Thinktank Seismic Foundation weist in einer Studie nach, in welch hohem Maße der ungezügelten KI Mißtrauen entgegengebracht wird: 10.000 dazu befragte Menschen in Deutschland, Polen, Frankreich, den USA und Großbritannien sind der Meinung, dass die Einbindung von KI in alle Lebensbereiche zu schnell gehe. Die von den Befragten erwarteten Auswirkungen sind negativ. Nur einer von drei sieht KI als ermutigende Entwicklung, jeder zweite als immer größer werdendes Problem.
Und last not least: Sam Altman, Chef des amerikanischen
Softwareunternehmens OpenAI, zu dessen Produkten auch Chatgpt gehört und der von manchen als „Messias“ gefeiert wird, warnte 2023 in einer von ihm unterzeichneten Erklärung: „Das Risiko einer Vernichtung durch KI zu verringern, sollte eine globale Priorität neben anderen Risiken gesellschaftlichen Ausmaßes sein, wie Pandemien oder Atomkriege.“ Der Mann, weiß, wovon er redet! Elon Musk hingegen, zieht die Karte eines schlichten Demokratieverständnisses, indem er wünscht, dass KI möglichst vielen Menschen verfügbar gemacht werden sollte, weil das die beste Verteidigung gegen eine mißbräuchliche Verwendung von KI-Systemen sei. Wie „erfolgreich“ dieser Ansatz ist, läßt sich am ungehemmten Ge- und vor allem Mißbrauch der „sozialen Medien“ schon heute studieren.
Ein ziemlich plastisches Sinnbild fällt mir zu alledem ein: Goethes „Der Zauberlehrling“. Dort immerhin hat sich die finale Katastrophe stoppen lassen, die aus der Übertragung von lästiger Arbeit des Wasserholens auf Geisterwesen resultierte. Ein solches Zauberwort steht der KI-Welt nicht zur Verfügung, außer, wo der Umgang mit Elektronik noch kabelbasiert ist, denn da kann man ggf. den
Stecker ziehen.
Aber freilich kann und wird es der menschliche Mainstream halten wie immer: Et hätt noch immer jot jejange…
Ich denke, die „KI“ ist nicht nur gefühl- sondern auch geistlos. Es sind weiter nichts als immer schnellere Rechenmaschinen, hochentwickelte PIKO dats (https://de.wikipedia.org/wiki/Piko_dat). Insofern: künstlich – ja. Intelligent – nein. Man muss schon eine extrem verkürzte, pervertierte Sicht auf die menschliche Psyche haben, um ernsthaft zu glauben, sie ließe sich auf Maschinen übertragen. Wir wissen nach wie vor gar nicht, was „Psyche“, Seele tatsächlich ist – aber die „KI“-Freaks meinen, sie verpflanzen zu können.
Das Buch, das für mich bislang am eindeutigsten und verständlichsten belegt, dass „KI“ wie auch „Transhumanismus“ künstlich aufgeblasene Luftnummern sind, ist: „Der neue Glaube an die Unsterblichkeit. Transhumanismus, Biotechnik und digitaler Kapitalismus“ von Philipp von Becker.
Klar gibt es hier große Gefahren – aber die gehen wie immer bei Technik von den Menschen aus, von denen sie angewendet wird.
Vorweggenommen hat das unter anderem Stanislaw Lem in seiner Pilot-Pirx-Erzählung „Ananke“.
Guter Text. Auch ich bin ob der KI hin und her gerissen. Und obwohl eigentlich Optimist, glaube ich, dieses Mal wird es nich jut jehe…Ich hoffe nur, ich muss die „Matrix“ nicht mehr erleben…
Wichtige Ergänzung Ihres Artikels, meine ich:
„Das ist ja auch das Verlockende an ChatGPT & Co. Die sollen uns ja was abnehmen: Recherche, Formulierungen – und damit automatisch auch das Denken.“
Aus: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/chatgpt-und-co-wie-wir-kritisches-denken-durch-ki-nutzung-verlernen
Matthias Wurms, Deutschlandfunk Nova
Ich finde den ergänzenden Hinweis von Helga Schirm sehr wichtig. Er erinnert mich an Kants Definition von Aufklärung und Unmündigkeit:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Nun ist eigenständiges Denken heute schon nicht jedermanns Sache. Wenn die KI diese zumindest gelegentliche Mühe aber auch noch abnimmt, weil sie druckreife Antworten auf allemöglichen Fragen liefert, über die eigentlich ein eigenes Nachdenken und Erforschen erforderlich wäre, , dem Menschen also bequem jenen Mut erspart, zu dem Kant auffordert, dann – na ja, dann läuft es wohl auf H.W. Konrads Befürchtung hinaus.
Peter Ziegert
Aktueller Nachtrag – Keine Grenze, nirgends…
https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/hirn-computer-schnittstelle-forschenden-gelingt-begrenztes-gedankenlesen-mithilfe-von-ki-a-17c4e69c-b175-47e6-8064-19b78e5a95da
Noch ein Nachtrag zur brave new world:
https://www.berliner-zeitung.de/news/albanien-erwaegt-ganzes-ministerium-von-ki-fuehren-zu-lassen-li.2349186