von Heinz Jakubowski
Von der Hufeisentheorie – also der tendenziellen Annäherung ursprünglich entfernter Pole – kann man halten was man will. Als verbindliche Doktrin ist sie, denke ich, ebenso wenig geeignet wie andere politische Letztverbindlichkeiten.

Mein Vaterland, das lob ich mir! / Man bringt nicht viele Köpfe hier / In Deutschland unter einen Hut, / Und das ist für die Hüter gut.
aus: Brennglas (d.i. Adolph Glaßbrenner), Berlin, wie es ist – und trinkt (1847). Zeichnung: Theodor Hosemann.
So völlig aus der Luft gegriffen ist sie allerdings wohl nicht, wenn es um Annäherungen bei der Be- bzw. Verurteilung gesellschaftlicher Tatbestände geht, so diese von Rechts- wie eben auch Linksaußen längst en vogue geworden sind. Im von beiden Seiten, mittlerweile aber vor allem von den „wahren Linken“ vertretenen Verdikt des Mainstreams als pejorative Qualifizierung der Mehrheitspositionen im politischen Diskurs, namentlich der Medien, spiegelt sich der Einsatz dieses Terminus‘ als ein dazu mutierter Kampfbegriff exemplarisch wider. „Linksautoritäre“, so der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo, „sind auf die Vereinnahmung durch Pauschalisierung und sozialen Druck spezialisiert. Sie haben mit Rechten gemein, dass sie Differenzierung ablehnen.“
Ein Höchstmaß an Verachtung und Verurteilung schwingt mit, wenn die vorherrschende politische Positionierung zu aktuellen Problemen, als das Böse schlechthin, eben als Mainstream, etikettiert wird. Denn – und allein das gilt als verrucht – besagtem Mainstream liegt ja „die Position der Regierung“ zugrunde und schlimmer geht’s halt nimmer. Mehrheitlichkeit, und nichts anderes bedeutet Mainstream, wird im Munde geführt wie das Pfui oder Babba, mit dem einem Kleinkind oder einem Hund etwas als ungenießbar avisiert wird. Dass so der Grundkonsens jeder Demokratie, die Respektierung von Mehrheiten als politische Verantwortungsträger, aufgekündigt wird, weil solcherart machtausübende Regierung nicht den eigenen – richtigen! – Intentionen entspricht, spielt in dem von Minderwertigkeit kontaminierten „Kampfpositionen“ keine Rolle. Warum auch, weiß man doch das Recht der Geschichte auf seiner Seite…
Dass eine Akzeptanz der mehrheitlichen Gegebenheiten keineswegs den Verzicht auf, auch scharfe, Kritik ausschließt, akzeptiert ebenfalls, wer die Demokratie als die schlechteste aller Regierungsformen – außer allen anderen (Churchill) anerkennt. Und hier wird offenbar, was sich hinter der Verächtlichmachung des Mainstreams im Kern verbirgt – die Delegitimierung unserer Gesellschaftsstruktur überhaupt, ihrer demokratischen Verfaßtheit bei deren gleichzeitiger Beschwörung, worüber sich Rechts- wie Linksaußen eben so nahe sind. Vom Mainstream zur „gleichgeschalteten“ Lügenpresse ist der Abstand nun wirklich nicht sehr groß.
Als wenn, so man die „bürgerliche Demokratie“ als Basis des Staatslebens akzeptiert, es nicht so sei, dieses „als ein andauerndes Formieren und Überwinden von instabilen Gleichgewichten zu fassen …“, wie Antonio Gramsci in seinen „Gefängnisheften“ befunden hat. Dass es heute die digitalen „sozialen“ Medien sind, in deren Raum die Hegemonie verhandelt wird, sei hier lediglich angemerkt. „Der Antitotalitarismus“, so der Historiker Volker Weiß, „hat früher gesagt, die Propaganda gehe hauptsächlich von einem lenkenden Staat aus, und hat dann auf die Vielfalt des Marktes als Gegenmodell gesetzt. Heute haben sich längst Monopole herausgebildet, die zudem noch globale Wirkung entfalten können. Das wäre einem Staat nur bedingt möglich gewesen, ein Unternehmen kann das leichter.“
Merkwürdig bei alledem, dass der solcherart qualifizierte Mainstream in der täglichen medialen Praxis eine Ambivalenz praktiziert, die sich aus scheinbaren Gegensätzlichkeiten speist: Zum einen weitgehender Konsens bei der Akzeptanz der demokratischen Mehrheitlichkeit, zum anderen als zum Teil scharfer Kritiker aktueller Regierungspolitik. Wer sich die Mühe macht, das im Netz zu verfolgen, dem dürfte das augenfällig sein: Nur teilweise sachliche Auseinandersetzung, dafür permanentes Infragestellen und Verwerfen politischer Entscheidungen; das eitle Kompetenzverständnis von Redakteuren und / oder Bloggern feiert Tag für Tag in höchster Verantwortungslosigkeit fröhliche Urständ. So bereitet man einer wohl kaum wünschenswerten Unregierbarkeit den Boden, wie eine solche das Ende der Weimarer Republik geprägt hat. Der selbstbezogene ideologische Kampf von Konservativen und linken Kräften half eben auch die Nazis an die Macht zu bringen.
Im Schlußwort eines frühen PDS-Parteitages hatte Gregor Gysi einst mit Bezug auf in der Debatte getätigte Verächtlichmachung der bundesdeutschen Demokratie Zurückhaltung angemahnt, könne es doch sein, dass wir (also auch die Linke) jene so mokant belächelte „Freiheitlich Demokratische Grundordnung“ einmal werden verteidigen müssen. Quod probatum est, sofern man sich die gefährdete Demokratie unserer Tage vor Augen führt.
Ein Anmerkung noch: Nicht wenige jener linken Mainstreamverächter von heute haben in Zeiten der „sozialistischen Demokratie“ kaum etwas anderes getan, als seinerzeitige Regierungspolitik zu verbreiten und natürlich „überzeugt“ zu goutieren, ohne auch nur eine Spur von Kritik daran deutlich werden zu lassen. Interessant, dass sie das einst Unterlassene heute mit solcher Verve tun – nicht zuletzt, weil sie es tun können. An der freiheitlichen Grundordnung ist offenbar wohl doch nicht alles schlecht.
Guter Text. Schade nur, dass es ohne Fremdwörterbuch nicht zu verstehen ist! Schreibe doch mal jemand, ohne dass die lesende Person das Fremdwörterbuch hinzuziehen muss! Zitate hin oder her!
Endlich sprichts mal jemand aus. Beim „Mainstream“-Vorwurf ist noch zu beachten, dass das Wort mit höchstmöglicher Verachtung in der Stimme ausgestoßen werden muss…
Volle Zustimmung.
Der Mainstream-Beitrag erinnert mich an eine FAZ-Meldung dieser Tage, deren Inhalt auf seine Weise den Blog-Artikel illustriert:
„In rechter Hand: Das neue Buch von Egon Krenz erscheint in der „Edition Ost“. Ob der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR weiß, wer jetzt Miteigentümer der Eulenspiegel Verlagsgruppe ist? Ein Mann namens Baldur Bachmann. Das nunmehr so benamte Unternehmen „Berliner Traditionsverlage GmbH“ wurde am 13. Juli 2023 in Stendal von Andreas Kietzmann und Baldur Bachmann gegründet. Beide sind Gesellschafter zu 50 Prozent. Kietzmann ist registrierter Versicherungsmakler. Bachmann stammt aus Österreich und hat, laut „Spiegel TV“, ein völkisch-nationales Weltbild. Seine Ideologie sei rechtsextrem, heißt es in einem Videobeitrag aus dem Jahr 2021 über eine von ihm gegründete völkische Siedlergemeinschaft in Sachsen-Anhalt.- Weiß die FAZ zu berichten, auch wenn sie anmerkt, dass nicht zu verifizieren sei, ob Bachmann wirklich rechtsextrem ist.“
Wenn man bedenkt, dass die Eulenspiegel-Verlagsgruppe Herausgeber dezidiert linker, gern auch DDR-nostalgischer Literatur ist, darf das sicher als eine bemerkenswerte Vereinigung betrachtet werden.