von Stephan Wohanka
Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los
Goethe
Sapere aude!
Horaz / Kant

Pieter Bruegel d.Ä. (zugeschrieben): Landschaft mit dem Sturz des Ikarus (um 1555-1568)
Das gab es wohl noch nie in der neueren Menschheitsgeschichte: Wir haben keinen Begriff mehr von der Zukunft. Sie war etwas, was man zwar selbst nicht mehr erlebte, man war aber sicher, die Nachfahren kämen in den Genuss ihrer Segnungen. Der Grund dafür lag in der behutsamen, nicht konfliktfreien, jedoch langsamen Entwicklung der Dinge. Wissen ging vom Vater auf den Sohn über; gemachte Erfahrungen zählten, das Tempo des Progresses überforderte den Menschen nicht. Heute dagegen geschieht alles rasend schnell; viele Menschen sind ratlos, niemand kann ihnen sagen, wie die Welt in zwei Jahren aussieht. Der politische Anspruch, die Zukunft gestalten zu wollen, läuft ins Leere: Wie will man etwas gestalten ohne eine Ahnung davon, wie es aussehen könnte? Wie sagt doch Hans Jonas hellsichtig: „[…] die kumulative Selbstfortpflanzung technologischer Veränderung der Welt überholt fortwährend die Bedingungen jedes ihrer beitragende Akte und verläuft durch lauter präzedenzlose Situationen, für die die Lehren der Erfahrung ohnmächtig sind“. Vieles, was die Zukunft betrifft, hat heute einen bedrohlichen Anstrich.
Dieses Bedrohliche kommt vom Menschen selbst; er ist sich selbst zur Gefahr geworden: Mit Kriegen, Konflikten und allerlei anderen Ruchlosigkeiten hält er sich davon ab, die der eigenen Rettung entgegenstehenden Bedrohungen wie der Klimakrise und dem Artensterben energisch entgegentreten zu können. Neben anderen von Menschenhand und -hirn geschaffenen Artefakten, die auch schon in ihrer Komplexität kaum noch durch ihre Schöpfer beherrschbar sind, soll ausgerechnet die Künstliche Intelligenz (KI) bei der Rettung helfen oder gar die Lösung selbst sein. So versprechen es die Techunternehmen – denen fallen mit den Nobelpreisträgern 2024 für Physik John J. Hopfield und Geoffrey E. Hinton gerade die Wegbereiter ebendieser KI ins Wort: „Niemand weiß wirklich, ob wir in der Lage sein werden, sie zu kontrollieren.“ KI macht das Dilemma des technologischen Progress´deutlich: Wir sind zu Goethes Zauberlehrlingen geworden… Oder ist KI wieder nur eine große Kränkung des Menschen, weil er meint, erneut von einem Sockel gestoßen zu werden?
All das führt zu einer unglaublichen Verunsicherung, die seit geraumer Zeit durch Populisten aufgeladen wird. Etwa anhand des „klassischen“ Themas Migration. Sie huldigen der Vorstellung, jedwede Schwierigkeit löste sich von selbst, wenn man nur alle Migranten auswiese. Dass das barer Unsinn ist, der die Probleme eher verschärfte, denn löste, liegt auf der Hand. Es sind die gleichen politischen Kräfte, die angesichts dieser Lage das gesellschaftliche Heil im Beschwören der Vergangenheit, in der Rückkehr zu selbiger sehen. Sie finden Vorbilder und Bundesgenossen in autokratischen Führern und Staaten, deren staatsautoritäre Verfassung sie gern kopierten.
Das hatten wir Deutschen schon einmal… das kann´s nicht sein! Denn trotz aller Unsicherheit und Pessimismus – wir leben! Sollte man sich in fatalistischer Manier in sein Schicksal ergeben? Nein! Was dann? Der Zauberlehrling endet mit den Worten: „Ruft euch nur zu seinem Zwecke / Erst hervor der alte Meister“. Also „der alte Meister“ … er ist Goethes Zeitgenosse: Kant. Später auch andere. Es ist grundsätzlich schon alles gedacht, was uns hier und heute weiterhelfen kann. Darauf kann man sich stützen. Um die Lage wieder erträglicher für sich selbst zu machen. Um Argumente zu gewinnen. Um nicht (weiter) Spielball welcher „Mächte“ auch immer zu sein, um eigene Einstellungen zu dieser Lage zu gewinnen. (Das meint jedoch nicht die Individualisierung der Probleme dieser Welt).
Kant also. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Das ist das Plädoyer für Emanzipation und Autonomie des Individuums sowie für Menschenrechte. Dennoch war die Aufklärung von Anfang an von inneren Widersprüchen durchzogen und blieb in vieler Hinsicht ein „unvollendetes Projekt“ (Jürgen Habermas). Menschenrechte koexistierten mit Rechtfertigungen von Rassismus und Kolonialismus. Und wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno belegten, schlug instrumentelle Vernunft in Barbarei um – in Gestalt der Konzentrationslager des Naziregimes.
Die europäische Aufklärung bewertete die Natur positiv; sie wurde zum Vernunftprinzip erhoben. Die Herleitung ethischer, sozialer und ästhetischer Kriterien aus der Natur sollte sicherstellen, die als schmerzlich erlebte Kluft zwischen Mensch und Natur zu schließen. Und auch das schlug fehl – die spätere radikale Trennung von Natur und Kultur, von Mensch und Tier habe zu einer „Amputation der Vernunft“ (Corine Pelluchon) geführt.
Die Frage: Lässt sich das aufklärerische Ideal angesichts eben beschriebener Defizite noch halten? Ja – es gibt keinen Grund, die Idee der Emanzipation und des Universalismus über Bord zu werfen, Kant zu einem toten Hund zu erklären. Es gilt, die Aufklärung neu zu denken und zu erweitern, dabei ihre zentralen Werte verteidigend. Das ist um so mehr geboten, da Kräfte der Gegenaufklärung Hass auf die Vernunft als Waffe gegen jede Emanzipation in Stellung bringen. Überzeugungen meinen durch Gefühle, das heißt Phobien, ersetzen zu sollen. Die zu kognitiver Dissonanz oder – mehr noch – zur Einengung der kognitiven Wahrnehmungspotentiale führen.
Es geht – wenn man so will – um eine Art „neue“ Aufklärung. Nachfolgende Ideen können den „dicken“ Traktaten zum Thema keine Konkurrenz machen; es geht vielmehr darum, den „kurzen“ Versuch zu wagen, sich zum Zustand der gegenwärtigen Welt, den Herausforderungen, zu den neuen Technologien, ethischen Dilemmata und sozialen Ungleichheiten zu verhalten; ideelle Umgangsformen dazu zu finden.
Das beginnt damit, sich gegen die unsinnige Behauptung alternativer Tatsachen, gegen Verschwörungsmythen und unbegründete apokalyptische Szenarien zu wenden, damit all diese nicht endgültig überhandnehmen und nicht das Ende der Menschheit herbeifabulieren. Es gilt weiter Partei zu ergreifen für eine Aufklärung, die die intellektuellen und ethischen Fähigkeiten der Menschheit gegen ihre post- und transhumanistischen Verächter verteidigt. „Feindseligkeit aller gegen alle (ist) ein erfolgreiches Geschäftsmodell“ – so der Medienwissenschaftler Joseph Vogl.
Im Zentrum steht dabei (immer noch) der Kantsche „Mut, sich seines Verstandes zu bedienen“ – das (Selbst-) Denken als ein Akt der Selbstbestimmung, die zum universalen Wesenskern des Menschen gehört. Als selbstbestimmte soziale Wesen kommen wir gar nicht umhin, als immer wieder zu versuchen, uns einen Reim darauf zu machen, wie wir uns auf alles einen Reim machen; uns darüber klar zu werden, wie wir uns und so allem anderen einen Sinn geben und uns der genaueren Art und Weise dieser Sinngebung bewusst zu werden. Es geht um eine kritische Vernunft, die ihre eigenen Grenzen erkennt; darum, nicht (wieder) einer Hybris zu verfallen, zu der der Mensch offenbar neigt. Wir sollten auch lernen, die so genannte Ambiguitätstoleranz einzuüben, Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten; wir kommen dann mit anderen und uns selbst manchmal besser klar.
Menschliche Geschichte kann nur Teil der Naturgeschichte sein; ist sie es nicht, scheitert der Mensch. Trotzdem kann die Welt nicht ausschließlich aus der „instrumentellen Vernunft“ der (Natur)Wissenschaften erklärt und der Mensch auf biologische Prozesse reduziert werden. Die Wirklichkeit ist komplexer als die reduktionistischen Modelle der klassischen Wissenschaft uns sagen. Unsere Autonomie besteht darin zu erkennen, dass wir nicht passiv Naturgesetzen unterworfen sind, sondern moralische Entscheidungen in Kenntnis ebendieser Gesetze zu treffen haben; Entscheidungen zu konkreten Regeln, Normen und Werten, nach denen wir hier und heute leben und handeln wollen. Begleitet werden sollte dies von Reflexionen darüber, wie wir angesichts der globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, sozialer Ungerechtigkeit und technologischer Risiken einer „globalen Vernunft“ Raum geben können.
Der aufgeklärte Mensch ist der diese Zusammenhänge begreifende Mensch; das ist die Grundlage seiner Mündigkeit. Nicht alle werden dieses Ideal erreichen; andere wollen es nicht. Auch diese werden nolens volens ihres Menschenrechts auf ein würdiges Leben durch die Fährnisse dieser Welt beraubt. Um nochmals die französische Philosophin Pelluchon zu zitieren: „Ich glaube, wir alle wissen bewusst oder unbewusst, dass es nicht möglich ist, so weiterzuleben“. Wie bisher. Nehmen wir die „richtige“ Abbiegung? Um wieder wenigstens „etwas“ Zukunft zu gewinnen, ohne Fatalismus…
Wie auch sonst, wenn ich Beiträge von Ihnen lese, erfreue ich mich an deren stets nachdenklichen, also nicht doktrinären Anregungen. So auch bei diesem Beitrag, dessen Relevanz ja unmissverständlich enorm ist.
Und ich teile auch das Gros Ihrer hier angestellten und ausgeführten Überlegungen; auch oder grade, weil sie angesichts der Komplexität des Gegenstandes eben nicht den Anspruch auf Letztverbindlichkeit erheben.
Allerdings werde ich beim Thema „Aufklärung“ eine doch tiefsitzende Skepsis nicht los. Kants Dictum, ähnlich dem verwandten von Hannah Arendt, setzt bei seinem Plädoyer für den Gebrauch des eigenen Verstandes (bei Arendt: Denken ohne Geländer) voraus, dass besagter Verstand fähig ist (von „willens“rede ich mal gar nicht), auf Basis der eigenen kognitiven Fähigkeiten zumindest massenhaft zu wirklich aufgeklärten Ergebnissen zu kommen; Sie selbst nennen ja selbst bestimmte Voraussetzungen dafür.
Ohne mich einer geistigen Elite zurechnen zu wollen – bewahre! – fürchte ich denn doch, dass zu einer soch komplexen Geistesleistung doch nur eine Minderheit der Menschen fähig ist, was freilich eine pessimistische Position ist, indes: Hier stehe ich und kann nicht anders… In eben diesem Sinne ist für mich auch der Begriff der Vernunft nur bedingt praktikabel, da nicht allgemeingültig definier- und anwendbar.
Sie haben selbst angemerkt, dass für dieses Thema ganze Traktate, von denen es ja bereits auch viele gibt, nicht ausreichen, um es umfassend behandeln zu können, und insofern sollen meine Zeilen auch kein weiteres initiieren. Vielmehr gilt Ihnen mein nochmaliger Dank für eine weitere Denkanregung und ich grüße Sie herzlich,
Heinz Jakubowski