Adam Schafs Ängste

von Wolfgang Brauer

Wer in Berlin das Besondere finden möchte, muss in die Seitenstraßen gehen. Während am 21. Juni in der Gluthitze eines Sahara-Abends zwischen Hackeschem Markt und Brandenburger Tor ein ziemlich gerupfter Bär steppte – es war Fête de la Musique –, auf dem staubigen Bebelplatz die Staatsoper inmitten der stadtüblichen Rummelbudenlandschaft das Volk per Bildschirmübertragung mit Charles Gounod zudröhnte („Oper für alle“), gab es im Haus am Kastanienwäldchen gleich hinter der Neuen Wache ein Kleinod zu bestaunen. Das Theater im Palais brachte Georg Kreislers Musical für einen Schaupieler „Adam Schaf hat Angst“ zur Premiere.


„Es hat sich nichts geändert – Guten Morgen, Frau Körner…“ Dennis Weissert als Adam Schaf. Foto: Theater im Palais / Ildiko Bognar

Kreisler hatte das Stück 2002 mit dem Chansonnier und Schauspieler Tim Fischer als Adam Schaf an das BE zur Uraufführung gegeben. Er selbst inszenierte es 2006 noch einmal – wieder mit Fischer – am Hamburger Schmidt-Theater. Die Anspruchs-Latte lag also hoch. Zumal: an Kreisler heranzugehen braucht schon Mut… Der Mutige heißt Dennis Weissert. 1992 in Berlin geboren hat Weissert an der hiesigen UdK Musical studiert, war also zwangsläufig an der Neuköllner Oper und der Komischen Oper zu sehen, ehe er auf den Brettern diverser Bühnen der Republik stand. Jetzt also im TiP und dann auch noch in Kreislers vorletztem Stück. Um es gleich vorweg zu sagen, Weissert hat die Latte nicht gerissen. Die Tücken, die in den scheinbar so daherplätschernd kommenden Kreisler-Chansons liegen, hat er mit Bravour gemeistert.

Das Libretto, eine Art Kreislersche Lebensbilanz, nimmt uns mit auf einen Parforceritt durch die (bundes-)deutsche Geschichte ab 1945, und der beginnt mit dem morgendlichen Weg Adam Schafs ins Kontor. Das ist großartig gespielt, das ist souverän gesungen. Ein freundliches „Guten Morgen, Frau Körner“ … das ist die Zeitungsfrau, deren Mann bedauerlicherweise einsitzt … Frau Körner wurde nicht eingesperrt. Nur eben der Mann, der war bei der SS, sie nicht. Sie hat aber alle Sauereien mitgemacht. Weissert-Schaf spaziert auf seinem Morgengang ins Publikum – dem step by step das Lachen vergeht. Das geht so weiter bis zum Herrn Professor, der wieder die Kinder verdirbt. „Es hat sich nichts geändert“, lautet Schafs bitterböses Fazit. Glaubt euren Lehrern nicht!

Adam Schaf jedenfalls wird Schauspieler, er tingelt durch das Land. Von Gelsenkirchen, dem Zentralgestirn „unserer einzigartigen Brennstoffdemokratie“, geht es an das Staatstheater. Mit Kreislers „Staatsbeamten“ liefert Weissert ein Bravourstück ab. Ganz eigen. Wie mit „Die Ehe“ („… ich will das nicht, und man fügt sich doch…“) – überhaupt kommt plötzlich ein ganz zarter Ton von der Bühne: „Wenn ich lieben dürfte, wie ich will…“ Toll!

Ein Blick nach draußen, in die städtische Wirklichkeit. Am Premierentag lief in Berlin-Marzahn die Pride-Parade. Unter starkem Polizeischutz. Zwischen ein paar Büschen am Rande der Allee der Kosmonauten grölten eine handvoll Nazis ihre schwulenfeindlichen Sprüche. „Wenn ich lieben dürfte, wie ich will…“ – passt. Die Doofen grölten, die große Mehrheit tolerierte. Mindestens… Wir haben schließlich Meinungsfreiheit! Und: „Meine Freiheit ist nicht deine Freiheit“, sagt der Unternehmer dem Arbeiter. Dieses Kreisler-Couplet muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. „Nur Kriege teilen sie brüderlich“, heißt es an anderer Stelle. Dennis Weissert verzichtet hier auf den aggressiven Kreisler-Ton. Gut so! Das ist ein Hieb in die Leber.

Apropos Freiheit: Noch darf die Staatsoper Gounods „Roméo et Juliette“ als „Oper für alle“ bringen. Richtig „deutsch“ ist das natürlich nicht! Am Ende des 2. Aktes des Kreisler-Musicals öffnet Adam Schaf eine Tür im Bühnenhintergrund. Schrille Töne aus dem Halbdunkel: Alice Weidel geifert gegen die Kopftuchmädchen, sekundiert von einem kreischenden Joseph Goebbels.

„Ich habe mich bis heute an diese Leute nicht gewöhnt“, sagt Kreisler. Adam Schaf hat Angst. Zu Recht. Wieso nur finden manche Georg Kreisler lustig? Er meinte das gegen Ende seines Lebens überaus ernst: „Es hat keinen Sinn Lieder zu machen / Statt die Verantwortlichen nieder zu machen.“

Vorhang.

Ein wichtiges Stück und eine gute Inszenierung. Und ein bewundernswerter Dennis Weissert, der einen sehr eigenen Ton findet…

Wieder am 29. Juni, 23. und 31. August 2025.

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