von Herrmann Beil
„Ich gehe nicht von hier fort“
haben Sie einmal auf der Burgtheaterbühne ausgerufen
pathetisch
„ich sterbe hier“
darauf habe ich mehrere Male das Wort „abstoßend“ gesagt
das rührte Sie aber gar nicht
„Sie sind größenwahnsinnig Herr Peymann“ habe ich
Ihnen ins Gesicht geschrien
„Sie sind eine Theaterausgeburt“
und Sie lachten nur dazu
dieses Lachen werde ich nicht vergessen
*
Das Lachen war Claus Peymann ureigen und Thomas Bernhard hat es auch erlebt, schließlich schrieb er diesen Dialog zwischen einem Theaterdirektor namens Peymann und einem Dramaturgen namens Beil 1987 nach deren erstem Jahr an der Burg. Thomas Bernhard hat Recht, ja, Peymann war größenwahnsinnig und er war im wahren Sinne des Wortes eine Theaterausgeburt. Das Theater hatte ihn geboren und folgerichtig verfiel er dem holden Wahnsinn des Theaters. Nur ein Wahnsinniger wie Peymann konnte sich über 60 Jahre dem Theater hingeben, Tag und Nacht und wahrscheinlich auch noch im Schlaf; nur ein Wahnsinniger konnte über vier Jahrzehnte in so gegensätzlichen Städten wie Stuttgart, Bochum, Wien und Berlin den Theaterdirektor spielen. Und Peymann spielte tatsächlich den Direktor in allen Facetten.
Er konnte diese Rolle spielen, weil er ein genuiner Regisseur war und 1961 programmatisch mit der Inszenierung eines französischen Theaterstücks mit dem Titel HERR ICH keck in Erscheinung trat. Und diese seine Berufung spielte er in ständig wechselnden Rollen: draufgängerisch nach vorne stürmend, träumerisch innehaltend, polternd, predigend, aufrührerisch agierend, hellsichtig warnend und doch schelmisch den Kindskopf hervorkehrend, größte Genauigkeit einfordernd und immer zu fröhlicher Improvisation bereit.
Theaterkatastrophen schreckten ihn nicht, denn er wußte instinktiv, was Not tut. Er vermochte in jeder Situation, seinem Ensemble Mut zu machen und wenn er selbst wie Direktor Striese auftrat, um eine Abendvorstellung in der Burg zu retten. Was wurde ihm nicht alles nachgesagt und angedichtet, aber nie und nimmer war er ein Chaot. Gewiß, er plante spontan und festbetonierte Spielpläne waren ihm ein Greuel, aber er hatte Prinzipien und diesen blieb er treu: Er achtete das Dichterwort, er war großzügig zu Autoren, Verschwendung und unsinnige Ausgaben duldete er nicht, dann spielte er den peniblen Kassenwart.
Die Kunst der Schauspieler und ihre Hingabe waren ihm das Höchste, er wußte, sie sind das Theater, nur sie; andere Regiehandschriften waren ihm immer willkommen; der Phantasie seiner Bühnenbildner lieferte er sich bereitwillig aus; die Magie der Bühne war ihm heilig, das Publikum liebte er, das Wiener Publikum hatte er ins Herz geschlossen. Angst hatte er keine, vor keinem Politiker, vor keinem Kritiker. Seine Theater waren ihm unantastbar, er verteidigte sie gegen jede Bedrohung; Angst hatte er nur vor sich selbst – die Angst, ob es gelingen wird, die theatralische Botschaft zu verkünden, die ihm immer wichtig war.
An der Idee der Schaubühne als moralische Anstalt hielt er unbeirrbar fest, auch wenn sie belächelt wurde. Er konnte gewaltig brüllen; er brüllte gegen Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Er brüllte, weil er gehört und verstanden werden wollte. Vielleicht war es auch ein insgeheimes Brüllen gegen das Alleinsein. Peymann konnte nicht allein sein; ohne solidarische Mittäter konnte er seine Theaterdirektorenrolle gar nicht spielen, er brauchte Komplizen so dringend wie einen Bissen Brot.
Das war fordernd und oft auch streitbar, aber durch diese Zusammenarbeit wurden lang Verbündete zu souverän selbstständigen Theaterkünstlerinnen: Karin Bergmann, Christiane Schneider, Vera Sturm, Miriam Lüttgemann und nicht zuletzt Jutta Ferbers. Zuneigung schenkte Peymann verschämt, aber beständig. Warum Peymann und ich es fünfzig Jahre in der Zusammenarbeit ausgehalten haben, also alle Triumphe und Niederlagen, alle Turbulenzen und Stürme an der Burg gemeinsam erlebt und überlebt haben, ist nur scheinbar ein Geheimnis. Er und ich hatten ein ideales Distanzverhältnis. Er wußte nichts von mir, ich wußte nichts von ihm. Zwischen uns gab es keine private Kumpanei, aber unausgesprochen Vertrauen. Unsere Sache war die Dritte Sache: das Theater. Für diese Dritte Sache trafen sich ein Bremer und ein Wiener und gaben niemals auf… so einfach ist das.
Daß Peymann Burgtheaterdirektor wurde, war im Grunde vorgezeichnet, will sagen naturgemäß, denn er hatte über dreißig Stücke österreichischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen uraufgeführt, mit Handkes „Publikumsbeschimpfung“ begann es und mit Bernhards „Heldenplatz“ wurde seine Regie- und Direktionsarbeit in Wien zu einem geschichtsmächtigen Ereignis. Seine 13 Jahre Burgtheater waren, wie er selbst bekannte, seine wahre Königsetappe. Als er 2017 nur noch freischaffender Regisseur war und da und dort inszenierte, vor allem an der Burg und am Theater in der Josefstadt, gelang ihm sogar das seltene, ja vielleicht einmalige Kunststück, als seine eigene Theatergeschichte leibhaftig aufzutreten, personifiziert in Thomas Bernhards Peymann-Dramoletten. Immer wieder erlebte er, schweißnaß, was es für ihn nun als Schauspieler seiner selbst heißt, auf der Bühne zu stehen, den Peymann zu spielen und den liebevoll-strengen Regieanweisungen von Maria Happel folgen zu müssen. In unseren bald hundert Auftritten in Wien und anderswo wurde Peymann zu einem Inbegriff der „Weltkomödie Österreich“ – vom Publikum bejubelt, ich kann es bezeugen.
Zu einem wahren Schlußpunkt wurde unversehens seine Inszenierung von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in der Josefstadt. Nie hatte Peymann Beckett inszeniert, plötzlich, in einem traumwandlerischen Zugriff, nach Ionesco Inszenierungen zuvor, endlich auch diesen großen Dramatiker des absurden Theaters.
War es ein melancholischer Abschied? Gewiß nicht, es war ein hoffnungsvolles Resümee! Aber was war nun Peymanns Geheimnis?
Thomas Bernhard zeichnete ihn einmal mit dem Titel „Großfürst der Schnürböden!“ aus. Ich hingegen denke, er war das, was ein Theaterdirektor sein sollte: der erste Diener seines Theaters.
Hat Claus Peymann uns eine Botschaft mitgegeben? Für mich ist es die gelebte Erkenntnis, daß am Theater alles, wirklich alles möglich ist. Er hat es uns gezeigt.
Er hat uns gezeigt, daß Theater Freiheit ist.
Danke, lieber Peymann!
*
Hermann Beil sprach diese Abschiedsworte auf der Feststiege des Wiener Burgtheaters während der Trauerfeier für Claus Peymann am 22. September 2025. Beil (geb. 1941 in Wien) gehört seit 1974 zu den engsten Mitarbeitern Claus Peymann bis zum Ende von dessen Intendanz am Berliner Ensemble 2017. Beide prägten durch ihre gemeinsame Arbeit in Stuttgart, Bochum, an der Burg und in Berlin die Geschichte des deutschsprachigen Theaters.
Ich danke Hermann Beil für die Überlassung seines Textes. Er wird auch bei der Beisetzung Claus Peymanns am 26. September auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin sprechen.