von Wolfgang Brauer und Reinhard Wengierek

Die Berliner Trauerfeier – das Programm
Es ist ein trüber Berliner Herbsttag, dieser 26. September 2025. Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße wird Claus Peymann zu Grabe getragen. Er ist nun schon über zwei Monate tot. Für die Hinterbliebenen muss der Sommer eine Tortur gewesen sein. Aber die Regeln des Wiener Burgtheaters sind unerbittlich „k.u.k“ – irgendwie ein letztes Überbleibsel des spanischen Hofprotokolls: Einem verstorbenen Burgtheaterdirektor gebührt die Aufbahrung im Stiegenhaus der Burg und die Umfahrung des Hauses. Eine „schöne Leich“ eben, wie man in Wien sagt. Nur nicht in den Theaterferien. In einer laufenden Spielzeit bittschön… Claus Peymann war von 1986 bis 1999 Direktor des Wiener Burgtheaters.
Das Berliner Ensemble leitete er – zudem als alleiniger Gesellschafter der GmbH – anschließend bis 2017. Das waren 18 die Berliner Kultur prägende Jahre! Die Umstände seines damaligen Abganges waren merkwürdig, aber das gehört jetzt nicht hierher. Peymann hat das Haus aus einer tiefen Agonie herausgeholt und wieder in die erste Liga der deutschsprachigen Schauspielbühnen geführt. In einer zutiefst ambivalenten Berliner Theaterlandschaft stand er mit seinem Team als Solitär: voller Respekt vor der Arbeit der Autoren – seine „Strichfassungen“ veröffentlichte er nachvollziehbar in den Programmbüchern –, voller Hochachtung vor der Arbeit der Schauspielerinnen und Schauspieler, die für ihn das Wesen des Theaters ausmachte.
Keinerlei Verständnis hatte er für eine Kulturpolitik, die meinte, auch „ihren Beitrag“ zu den „Sparanstrengungen“ der öffentlichen Haushalte leisten zu müssen. Dies war der Punkt, an dem wir uns immer wieder begegneten. Fast die gesamte Zeit der „Ära Peymann“ – so wird man diese Jahre einmal in den Handbüchern zur Berliner Theatergeschichte nennen – durfte ich ihn als Parlamentarier begleiten. Und es war nie leicht, die gierigen Pfoten der Sparkommissare von den Häusern fernzuhalten. Die waren nun heute nicht zu sehen.
Dafür viele seiner Kollegen. Auch die, mit denen er gelegentlich über Kreuz lag. Ich hatte den Eindruck, dass sich am Sarge Claus Peymanns so eine Art stillen Einvernehmens zeigte. Man ist sich einig, dass man gemeinsame Gegner hat, man weiß, dass man ein gemeinsames Interesse hat. Johannes R. Becher hat das einmal „Verteidigung der Poesie“ genannt. Peymann hätte das mit einem sichtlich freundlichen Knurren registriert… Es sind keine 50 Meter von der letzten Ruhestätte Claus Peymanns zum Grab dieses Dichters. Na ja, und Brecht sowieso und die große Vorgängerin Helene Weigel… Peymann liegt in einer Reihe mit Hans Mayer und Thomas Brasch. Auch das passt.
Mir war es heute ein Herzensbedürfnis, Claus Peymann auf seinem letzten Weg mit begleiten zu dürfen. Für das, was er in Berlin geleistet hat, für das, was ich in seinem Haus erleben durfte, bin ich ihm zutiefst dankbar.
Wolfgang Brauer
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Rückblick 2017: Claus Peymanns Abschied vom Berliner Ensemble. Der Abschied von einer singulären Karriere als Theaterdirektor
Nach 18 Jahren, ging Claus Peymann (damals 80) aus dem Theater am Schiffbauerdamm, das unter Brecht als Berliner Ensemble weltberühmt geworden war. Und kreierte eine hinreißende Fünfstunden-Parade mit einem Halbhundert raffiniert arrangierter, köstlicher Häppchen aus den immerhin 190 Produktionen seiner Ära. Mit selbstbewusstem Seitenblick auf die ach so hochmögenden Kritiker, die ihn notorisch abwatschten als musealen Verfechter eines flügellahmen Literaturtheaters. Dabei stellte die finale Peymann-Show cool klar, welch Vielfalt an wichtigen zeitgenössischen, klassischen und klassisch-modernen Autoren er in sein Haus holte und welch Fülle gegensätzlicher großer Regisseure – und grandioser Mimen. In seinem BE waren alle Genres und Spielformen im Einsatz; freilich immer dem Text dienend. Peymanns Maxime: Dem Autor vertrauen, ihn in seiner Originalität und Autorität zur Erscheinung bringen – jenseits kleingeistig-privater Regie-Visionen. C.P. hasst ungeniert aggressiv das Herumkaspern auf der Bühne! Stets sah er sich als Fels in der Brandung aus „aufgeblasenem Nichtkönnen und billigem Jugendwahn“. Damit gewann er viel Medien-Feindschaft. Aber noch mehr Publikums-Freundschaft. Sein BE war stets rappelvoll.

Das letzte Monatsprogramm (Juli 2017) der „Direktion Peymann & Co.“ / Ausschnitt – Sammlung R. Wengierek
Ja, es war eine herzbewegende Rückblick-Revue, auch eine Hommage auf Peymanns Halbjahrhundert-Leben als (einst) Epoche machender Big-Boss des Theatermachens (sein Regie-Alterswerk am BE blieb eher blass). Und es war ein Fest weher wie glückseliger Erinnerung mit dem gesamten Ensemble, mit Prominenz vom Wiener Burgtheater, mit Film, Musik, Gesang (unter anderen Grönemeyer, Nina Hagen). Dazu Liebeserklärungen an den Prinzipal mit dem Reißzahn im Fleisch der Öffentlichkeit (C.P. untertreibend: „Ich wollte nie den Skandal, ich habe nur Finger in offene Wunden gelegt.“). Am Ende schließlich, nachdem Cornelia Froboess-Ranjewskaja mit Tschechow letztmalig ihren Kirschgarten grüßte, stehende Ovationen bis die Beine schmerzten. Und, auch das noch, gemeinsame Abgesänge von Pop-Hits bis die Puste ausging. Keine Reden! Der Boss stand, die Zurückhaltung selbst, abgeklärt beiseite.
Dann aber, Mitternacht ist längst vorbei, stürzt alles raus zum Feuerwerk, vom Theater-Zampano mit seinem Sinn für Poesie und Zauberei höchst selbst bezahlt. Barocke Prachtentfaltung für 12.000 Euro. In die Stille danach schallt aus Boxen: „Es war eine herrliche Zeit. Es war eine mächtige Zeit. Es war die schönste Zeit.“ Die weiße BE-Fahne wird vom Dach geholt. Das staunende Volk ist gerührt und strömt in den Theaterhof zu Bier, Bratwurst, Tanz unter alten hohen Bäumen, die schon Brecht so liebte. Bis früh um fünfe, kleine Maus.
Reinhard Wengierek
Lieber Wolfgang,
Ich habe die Beisetzung im RBB gestern gesehen.
Du warst auch dabei.
Dein Bericht bringt mir den berühmten Künstler näher, Danke und beste Grüße
Claas