Abgründe im DT und ein Deutschlandmärchen im gorki – Fund-Stücke im Berliner Bühnenbetrieb (8)

von Reinhard Wengierek

Eins: Deutsches Theater – Kurzer Blick in Abgründe


Das Dinner (Regie: András Dömötör). Szene mit Ulrich Matthes und Maren Eggert. Foto: Deutsches Theater Berlin /
© Thomas Aurin

Nachts in einer Sparkassenfiliale: Es stinkt, es ist nass, eine Obdachlose schnarcht in ihrem Schmutz. Da stürmt eine Gymnasiasten-Gang herein, Kohle ziehen für den Ritt durch die Klubs. Sie pöbeln „Verdammte Assi-Tante, such dir Arbeit!“ Sie schubsen, treten, schlagen die Frau. Immer brutaler. Haben Spaß dabei und filmen bis die Frau tot ist. Filmen so, dass sie unerkannt bleiben auf den Bildern, die sofort ins Netz kommen. Johlend stürmen sie nach draußen.

Abends in einem Luxusrestaurant: Die Herren Paul und Serge, zwei Brüder, gehobener Mittelstand, treffen sich mit ihren Gattinnen Claire und Babette. Es sind die Eltern der Totschläger. Beim Speisen legen sie die Linie fest über den Umgang mit dem, wie sie meinen, „Dumme-Jungen-Streich“. Denn: Das Nachrichten-TV berichtete! Zwar liefen die Bilder der Überwachungskameras, doch die Gesichter der Mörder blieben unkenntlich. Die Alten freilich sahen klar, auch, weil sie die Tatvideos in den Handys der Burschen entdeckten. – Etwas musste also geschehen.

„Angerichtet“ ist der vielsagende Titel eines Romans von Herman Koch aus Holland. Darauf basiert, nichtssagend neu getitelt, „Das Dinner“. Dabei ist die Grundsituation ungeheuerlich: Fein herausgeputzt bespricht eine liberal auftretende Akademikerfamilie beim teuer Futtern („das Rosmarin bekränzt die Olive“) ein Gewaltverbrechen ihrer halbwüchsigen Kinder. Zunächst aber pflegt man hingebungsvoll zynisches Alltagsgeplänkel und gegenseitig giftiges Frotzeln. Feine Leute, nicht sonderlich fein und als Figuren nicht sonderlich scharf gezeichnet. Auch wenn das Quartett der Protagonisten (Ulrich Matthes, Maren Eggert, Bernd Moss, Wiebke Mollenhauer) die Register ihrer Kunst zu ziehen weiß. Zur Redeschlacht über essentielle (moralische) Dinge, was zu erwarten wäre, kommt es nicht. Kein Vergleich mit Autoren wie Jasmina Reza oder Thomas Vinterberg, die in ihren Stücken Familienhöllen erschreckend bloßlegen.

Stückbearbeitung und Regie lagen in unserm Fall fatalerweise in einer Hand. Andras Dömötör rackerte sich vergeblich ab, seine generelle Uninspiriertheit auszugleichen durch nervöse Wechsel von erlebter und erzählender Rede, zur Sache wenig beitragende Videospielchen sowie durch aufwändige Dekorationen mit spaßigen Nebenfiguren. Erst spät steuert dieser erstaunlicherweise auf Unterhaltsamkeit angelegte 100-Minuten-Abend seine entsetzliche, bürgerliche Wohlanständigkeit demaskierende Pointe an: Die Eltern wollen das Verbrechen ihrer verwöhnten, emotional wohlstandsverwahrlosten Teenager nicht anzeigen, wie es moralisch-erzieherisch geboten wäre, sondern es eiskalt unter den Teppich kehren. Um den Jungs nicht die Zukunft  zu verbauen. Die Linie: Man müsse die Dinge „aus der richtigen Perspektive betrachten“. Wow!

Als Papa Serge aber doch noch das Gewissen packt, er ausscheren will in Richtung Polizei, zertrümmert Schwägerin Claire mit zerbrochenem Weinglas sein Gesicht. Wie die Großen so die Kleinen … Und Schluss der Veranstaltung – mit flüchtigem Blick in den Abgrund. Eine Ahnung von dessen Tiefe, die wenigstens mag uns bleiben.

Wieder am 13., 20., 28. und 30. September sowie am 7. und 9. Oktober.

*

Zwei: Gorki Theater – Vieles war schlimm, vieles schön

Es passiert einfach nicht: Fatma wird und wird nicht schwanger. In ihrer Verzweiflung ruft sie nach Maria, betet inbrünstig (Allah möge verzeihen!). Denn Maria kennt sich ja aus mit komplizierter Empfängnis … Und endlich: Es hat geklappt; freilich unter Mithilfe des Frauenarztes in Köln, Dincer kommt zur Welt, 1979; ihr ein und alles, das nur ihr gehört – und nicht dem lieblosen Vater, dem Säufer und Nichtsnutz, den sie hat heiraten müssen. Und der sie, als „Gastarbeiter“ fünf Jahre zuvor aus der Türkei nach Deutschland geholt hat. Nach Nettetal im Ruhrpott. Und dort ist sie es vor allem, die sich abrackert fürs Geldverdienen in der Fabrik. Und noch dazu als Erntehelferin auf den Gurkenfeldern. Dincer aber, der soll so werden, wie Fatma sich einen ordentlichen, glücklichen Mann erträumt: Schule, Beruf, fleißig sein, Familie gründen, Nest bauen. Und wenn sie alt ist, wird er sich um seine Mama kümmern.


Unser Deutschlandmärchen. Szene mit Sesede Terziyan. Foto: Maxim Gorki Theater © Ute Langkafel MAIFOTO

Aber Dincer ist anders, ganz anders als Fatma sich das vorstellt. Zwar hängt er rührend liebevoll an Mama, bewundert sie, macht ihr verrückte Geschenke (als Achtjähriger teure Schuhe vom ersten selbstverdienten Taschengeld). Ansonsten aber steckt er seine Nase in Bücher, schreibt Gedichte, Geschichten – statt sich für Mädchen und Fußball zu interessieren wie die anderen Jungs. Trotzdem quält er sich durch eine Schlosserlehre, doch abends fährt er nach Düsseldorf, will zum Theater. Fatma ist entsetzt. Normale Leute gehören dort nicht hin. Künstler – was ist das, wie soll man da sein Geld verdienen für Familie, Kinder, womöglich für ein Haus? Doch Dincer bleibt stur, stellt rigoros klar: Mama, ich bin anders als du es willst! Er verlässt sie schweren Herzens, trollt sich, hungernd nach Abenteuer, neugierig durch die Welt. Und reift zum Dichter.

Der autobiografisch grundierte Roman  „Unser Deutschlandmärchen“ von Dincer Gücyeter erzählt so herzbewegend wie spannend von einem schwierigen Leben des „Dazwischen“ – zwischen Herkunft und Dasein. Als türkischer Sohn (schwierig) und (auch schwierig) deutscher Ruhrpottjunge in zunächst ärmlichen Verhältnissen in einem Deutschland, das es seinen fürs Arbeiten gerufenen „Gästen“ schwer macht, hier anzukommen, heimisch zu werden. Und sich die „Gäste“ untereinander auch nicht grün sind. Erst recht sind sie gegen eine praktisch Alleinerziehende wie Fatma, die sich behaupten muss in einem ausbeuterischen, auch verflucht übergriffigen Arbeitsalltag und, nach Feierabend, im Klima türkischer Männerdominanz.

Der Regisseur Hakan Savas Mican hat aus Dincer Gücyeters Debütroman, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2023, eine Art Revue gefiltert. Und diese opulent aufgefächerte, weit ins Historische greifende, ungewöhnlich freimütige Migrations- und Integrationsgeschichte konzentriert auf die bittersüße Mutter-Sohn-Geschichte zwischen Fatma (Sesede Terziyan) und Dincer (Taner Sahintürk). Die beiden Gorki-Stars erzählen monologisch oder quasi im dramatischen Duett signifikante, von inniger Zuneigung und kritischer Ablehnung geprägte Momente der Selbst- und Identitätsfindung. Von Enttäuschung, vom Zweifeln, dem inneren Zerrissen-Sein. Da wechseln feindselige Härte, beklemmendes Befremden, Unverständnis, Tapferkeit, Wut, Mut, Liebe und Lebensfreude.

Eine faszinierender, mit Komik und Tragik durchsetzter Abend packender Szenen und musikalisch tollem Entertainment, gestützt von einer virtuosen Band: elegische türkische Lieder für Mama, westliche Pop-Hits für den Buben – und natürlich Grönemeyer. Was für ein Mix: Drama mit Show. Und einem Hauch betörender Sentimentalität über allem. – Tief bewegend. Beglückend.

Die Produktion war eingeladen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen im Mai.
Wieder am 14. September und 5. Oktober.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert