von Reinhard Wengierek
ABBA in Steglitz, Netrebko in Mitte und Frischkäse aus Wedding, jetzt werden die Sommerspäße rausgehauen. Es schwankt da zwischen Schwank, Sketch, Show, Comedy und Ballermann. Aberwitz höherem Blödsinn und niederem. Es kann auch nichts schaden, wenn man zuvor ein bis drei Gläschen Prosecco kippt. Prost!
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EINS: DT – Die Netrebko macht den Walfisch

Der Gesang des Pottwals (Regie und Komposition: Heiner Bomhard), frei nach der frei erfundenen Oper Il canto del capodoglio von Giacomo Puccini. Heiner Bomhard und Ensemble; Uraufführung auf der Open-Air-Bühne des DT im Hof am 31.05.2026, Foto © Thomas Aurin
DT-Sommerspektakel, draußen, unter freiem Himmel… Herrlich! Aber wo? In einer Hofecke am hochgemauerten Flussbett der Panke unter einer alten Platane: Die formidable Tischlerei zimmerte einen feinen Guckkasten (Bühne: Olaf Grambow). Davor die Tribüne und fertig ist die DT-Freilichtszenerie. Gezeigt wird natürlich nix aus einschlägig sommerlichem Klamauk-Kanon, sondern eine kollektive Neuanfertigung: „Der Gesang des Pottwals. Frei nach der frei erfundenen Oper ‘ll Canto del Capodoglio‘ von Giacomo Puccini, Heiner Bomhard und Ensemble“. Aha, große Oper in kleiner Kiste. Gibts da Probleme?
Ja! Der austriakische Regisseur (Florian Köhler), angeblich Wiener Staatsoper, Salzburger Festspiele, listet sie auf: Kein Orchestergraben, kein Orchester, kein Chor, keine High-Tech-Breitwandbühne. Und wo bleibt der 100 Tonnen schwere Pottwal? Wo Superstar Anna Netrebko? Wo Jonas Kaufmann? – Um es gleich zu sagen: Seine flinke Regieassistentin (Daria von Loewenich) kriegt alles hin, zaubert alles herbei, wie auch immer. Doch erst einmal hat, quasi als Ouvertüre, der größenwahnsinnige Luxusregisseur seinen Auftritt als tobsüchtiger Macker – und das Publikum seine Auftakt-Gaudi.
Die mit Musike von Heiner Bomhard durchsetzte Chose ist eigentlich eine Persiflage auf den Theaterbetrieb; mit Gastspiel-Einlagen von Wolf Biermann, Funny van Dannen, Reinhard Mey, Till Lindemann und Max Reinhardt mit seiner Frau Mama Rosa Goldmann. Der Allrounder Heiner, einst künstlerischer Mitkämpfer von Rosa von Praunheim, tanzt den illustren, von aberwitzigen Misshelligkeiten umrankten Gastspiel-Reigen natürlich gleich selbst. Zuvor prescht jedoch Dramaturg Dröge auf dem Fahrrad um die Ecke und zelebriert einen Einführungsvortrag über die brennende Frage „Was soll das Theater?“ Also: „Ich meine, äh, auch die politische Situation…, die politischen Fragen, die wir oft haben, und ich denke sehr oft nach darüber, äh, warum wir nicht zusammen…, also warum wir uns nicht zusammenfinden, warum es dann, äh, doch so schwierig ist… Und dann hab ich eine, äh, mögliche Erklärung…“
Hat er nicht. Und ist einfach nicht zu stoppen, der Kerl (Manual Harder in Höchstform). Doch seine rhetorischen Kostbarkeiten aus Absurdistan machen mächtig Krach in den Kulissen. Gegensätze explodieren, jeder gegen jeden, der (theaterübliche?!) Backstage-Clinch. Krass und auch für Laien sehr erhellend. Und zum Totlachen.
Apropos Tod. Dafür zuständig ist der Auftritt des Neoliberalismus in Gestalt von Kanzler Merz, Jeff Bezos und Elon Musk. Mit ratterndem Abrisshammer wollen sie das überflüssige DT platt machen. Und Platz schaffen für ein amerikanisch finanziertes, KI-gesteuertes Verteidigungszentrum. Glücklicherweise fährt da Alt-Kanzlerin Merkel mit der Gießkanne dazwischen. Ein Kampfgerät, in der die Nebelmaschine steckt, mit der sie das infernalische Herrentrio von der Bühne jagt. Polit-Klamotte, ziemlich billig. Die Dramaturgie hätte, wie oft in diesem Theater, einschreiten müssen: Straffen, Streichen!
Trotzdem, das wunderbare Ensemble (noch zu nennen: Lisa Birke Balzer und Janek Maudrich), das reißt die Show immer wieder hoch mit schonungslosem Einsatz von Leib und Stimme! Und die Turbulenzen um den Singsang des Pottwals, um Theater, Kunst, Künstler, Knete sind Amüsemang genug. Höhepunkt der aus niederem und höherem Blödsinn froh verquirlten Show: Der – haha! –versteckte Auftritt des Meeresssäugers im DT-Schwerlast-Transporter. Draußen auf der Bühne beherzt gedoubelt von Anna: Florian Köhler im Glitzerfummel mit infernalisch quietschendem Sopran. Walgesang!
Doch am Ende wird das liebe Tier abtransportiert. Gefrierfisch. Italienischer Gastro-Service. Dazu Opernpomp-Finale mit per Video eingespieltem Chor von sage und schreibe 82 Berliner Kehlen. Die Tribüne jubelt, die Panke plätschert und der Mond grinst durch die Äste der Platane.
Bis zum 27. Juni.
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ZWEI: Primetime-Theater Wedding – Käserei in der Badewanne
Wenn Trübsal weht und Kummer schwelt, hätten wir ein praktikables Gegenmittel: Das schamlos freche, unverdrossen herzerwärmende Berliner Volkstheater im Wedding. Der intime, plüschig-gemütliche Tempel für lebenspralle, kabarettistisch krass aufgemischte Kiezgeschichten ist das grellbunte Reich von Theaterdirektor Oliver Tautorat, dem weltberühmten Striese von der Müllerstraße, der den Laden nun schon seit Jahrzehnten flott am Laufen hält. Motto: „Mitte ist schitte, Prenzlberg ist Petting, real Sex ist only Wedding.“
Der mittlerweile legendäre Titelsong der Bühnen-Sitcom-Serie „Gutes Wedding. Schlechtes Wedding“ bringt berüchtigte Klischees bekannter Berliner Gegenden keck auf den Punkt. Wie überhaupt der ganze, so verrückt wie gekonnt videogestützte GWSW-Zirkus des Primetime-Theaters intelligent hintersinnig mit Klischees (und ein bisschen auch mit Ballermann) spielt und sie „IN-ECHT-FLIX“ mit einer Handvoll erstaunlicher Verwandlungskünstler aufs Brettl knallt. Da spielt ein jeder (und natürlich auch jede) die unterschiedlichsten Figuren, was den besonderen Charme der zwischen Farce, Herzschmerz-Theater und poppigem Singsang oszillierenden GWSW-Szenen ausmacht.
Jetzt, in der 141. Folge der längst kultigen Show – „Wedding, mon amour“ – geht es französisch zu. Mit Josefine Heidt, Susanna Karina Bauer, Merlina Parot, Sascha Vajnstajn sowie Kilian Löttker. Und mit Blick zurück. Schließlich war Wedding mal französischer Sektor; und es gibt da obendrein eine unglaubliche Hüben-und-drüben-Mauergeschichte.

„Wedding, mon amour“: Monis Ermittlungen in Hassleben bringen Krudes zutage. Foto © Raphael Howein / Prime Time Theater.
Einen besonderen Blick aufs Heute liefert Zampano Tautorat, garniert mit Baskenmütze und Halstüchlein, als französelnder Berlin-Fremdenführer, der durchgeknallten Shopping-Touris diverse Spezialitäten der „Champs Élysée des Nordens“, genannt Müllerstraße, nahebringt. Dazu gehört auch ein Käse-Wettbewerb, der dort zur Französischen Woche veranstaltet wird vom Centre Francais. Da hat Habibi vom Leopoldplatz (mit türkischem Großvater) einen lang ersehnten, leider von irrwitzigen Problemen gestörten Auftritt. Ist er doch weithin anerkannter Avantgardist seiner in der heimischen Badewanne produzierenden Käse-Manufacture. Hinzu kommt als Highlight der duftenden Veranstaltung eine Performance des frisch eingeflogenen Crème-Fraiche-Chansonniers Jean-Jacques Frack, der urkomisch drauflos parodiert als Spatz von der Müllerei mit einem Batzen Camembert im Rachen.
Aber das ist nur eine der spektakulären Nummern vom „Mon Amour“. Denn die Fantasie des Autorenkollektivs (Daniel Zimmermann, Raphael Howein und Sacha Vajnstaijn, der auch Regie führt) ist schier unermesslich im Erfinden von Aberwitz. Und Mutterwitz. Doch wir wollen nicht weiter vorgreifen… Je t‘aime Primetime!
Bis zum 28. Juni.
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DREI: Schlosspark Theater – The Winner Takes It All
IKEA, ok, kennt jeder. Doch hinter den vier Buchstaben steckt neuerdings eine andere Bedeutung: Nämlich die Anfangsbuchstaben von Inka, Klaus, Erwin, Anke. Die vier Figuren sind eine Erfindung von William Danne, einem Filou auf dem Boulevard, als Autor und als Regisseur. Einem tollen Hecht mit heißem Herz für die Show sowie einem kühlen Blick aufs Menschlich-Allzu-Menschliche. Auf unsere Schwächen, Ängste, blöde Verstiegenheiten, liebenswerte Verrücktheiten. Der Mann hat Alltagsrealismus. Und obendrein jede Menge Humor.

Schlosspark Theater Berlin: „ABBA – Waterloo im Bällebad“. Eine Produktion des Kammertheaters Karlsruhe (Inszenierung: William Danne) – Sina Schulz, Carina Smerdon, Marco Fahrland-Jadue, Patrick Stauf. Foto © Markus Breig.
Also Inka, Klaus, Erwin, Anke, die vier Typen braucht er für seine alberne Rahmenhandlung, die er geschickt mit einem formidablen Konzert der längst zum Kulturerbe gehörenden Popgruppe ABBA verstrickt. Freilich, deren Ohrwurm-Feuerwerk reichte auch ohne Rahmenhandlung aus für den totalen Kracher. Warum also noch Rahmen und albern?
Weil dazwischen noch genug Luft bleibt fürs Menscheln, für Aberwitz und Komik. Das IKEA-Quartett, so die Story, gehört zur Belegschaft einer IKEA-Filiale, die ihr Betriebsjubiläum feiern will mit einer zünftigen ABBA-Sause. Die Schweden sind natürlich unbezahlbar, deshalb wurde eine Maschine gechartert. Sie soll die Weltstars als Avatare auftreten lassen fürs ultimative Partyglück zur Jubelfeier der gesamten Knäckebrot-Gemeinde in der örtlichen Möbelhauswelt.
Doch in letzter Minute die Hiobs-Botschaft: Die Maschine kommt nicht, Transport-Unglück. Was tun? – Natürlich, ABBA selber machen. Vorbereitung unter höchstem Druck mit den unglaublichsten Zwischenfällen. Das Menschlich-Allzu-Menschliche tobt sich aus. Comedy-Kurzauftritte am laufenden Band. Albernheiten, Geblödel, auch das. Aber nichts zwingt zum Lachen unter Niveau. Und gefühlt alle fünf Minuten gibt’s zwischen geschaltet einen der vielen ABBA-Welthits.
Das klappt natürlich nur, wenn man für die vier Typen vier klasse Kräfte des Gesangs und des Schauspiels versammelt: Sina Schulz, Carina Smerdon, Marco Fahrland-Jadue, Patrick Stauf. Sie spielen – Tempo, Tempo! – wie verrückt all die Unmöglichkeiten und Pannen, aber präzise. Sie tönen mit Kraft und Saft, auch solistisch. Und präzise. Und mit einem sympathischen Schuss Charme. – Der Sound kommt vom Band.
Zum Schluss stürzen sie in kindlichem Übermut ins IKEA-Bällebad. „Waterloo…!“ Das Publikum rast, singt mit, schwenkt die Handy-Lichter, springt am Ende von den Sitzen. Und tänzelt. „Dancing Queen…“
Bravo Hallervorden-Intendanz, das feurige kleine Karlsruher Kammertheater eingeladen zu haben für diesen furiosen Sommerspaß. Regie: William Danne. Musikalische Leitung: Jörg Hilger. Choreografie: Patrick Stauf. Kostüme: Mihaela Schönfelder. Bühne: Florian Angerer. – Auf nach Steglitz!
Bis zum 12. Juli.