„Ab tausend Meter geht’s ma guad!“ – Auf dem Bergsteigerfriedhof von Johnsbach

Und es gehen die Menschen hin,
zu bestaunen die Höhen der Berge,
die ungeheuren Fluten des Meeres,
die breit dahinfließenden Ströme,
die Weite des Ozeans
und die Bahnen der Gestirne
und vergessen darüber sich selbst.“

(Augustinus, Confessiones 10/8)

von Wolfgang Brauer

Im April hatte das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) wie jedes Jahr seine „Alpinunfallstatistik“ veröffentlicht. Die Zahlen sind erschreckend. 2024 verunglückten in Österreichs Bergen 309 Menschen tödlich, 2023 waren es noch 271. Gemeinhin würde man vermuten, die gestiegene Zahl liegt an sich immer abenteuerlicher gebärdenden Abfahrtsläufern. Die winterlichen Unfallzahlen sind tatsächlich erheblich angestiegen (7.979 Verunfallte – das Zehn-Jahres-Mittel liegt bei 7.198 – gegen 5.310 Bergunfallopfer im Sommer). Den größten Anteil an den Todesopfern haben allerdings mit 170 die Sommersportarten: Allein beim Wandern und Bergsteigen starben 127 Menschen, beim Klettern 16, Hochtouren sowie das Eisklettern forderten fünf Todesopfer. Die Statistik räumt mit einem weiteren Vorurteil auf: 67% der Alpintoten 2024 waren älter als 51 Jahre!


Johnsbach im Gesäuse (Steiermark) – St. Ägidius mit dem Bergsteigerfriedhof.
Fotos: W. Brauer (2025)

Von den österreichischen Bundesländern hält natürlich Tirol, gefolgt vom Salzburger Land, den traurigen Spitzenplatz. Dort liegen – vom Großglockner angeführt – die spektakulären Dreitausender mitsamt (noch) zugehörigen Gletschern. Für höhentrunkene Gipfelsammler scheint hingegen das in der nördlichen Steiermark gelegene Gesäuse – es gehört zu den nördlichen Kalkalpen und ist gleichsam der zentrale Gebirgsstock der Ennstaler Alpen – nicht sonderlich attraktiv. Der höchste Gipfel, das Hochtor, erreicht gerade mal 2369 m und ist nicht vergletschert. Dafür weist der Nordabhang der Hochtorgruppe Kletterrouten aller Schwierigkeitsgrade auf. Auch die als Wanderwege ausgewiesenen Bergrouten sind zumeist extrem schwierig zu begehen.


Die Nordwand der Hochtorgruppe von der Haindlkarhütte (1125 m).
Foto: W. Brauer (2025)

Beredtes Zeugnis davon legt das im malerischen Tal des gleichnamigen Johnsbaches – der recht wilde Bach mündet in die Enns – gelegene Dörfchen ab. Am Rande des Ortes, unter den schroffen Hängen der Ostflanke des Admonter Reichensteins (2251 m) liegt die Dorfkirche St. Ägidius. Mit denkmalgeschütztem Pfarrhaus und umgebendem kleinen Friedhof bildet sie ein wahres Postkartenidyll. Solche Kirchlein findet man in den Alpen viele, der Friedhof hingegen ist einmalig. Er ist mit fast 90 hier zur letzten Ruhe gebetteten Touristen der größte Bergsteigerfriedhof Österreichs. Schon am Tor erinnern zwei Gedenktafeln an die Bergtoten der Ennstaler Alpen. Beginnend mit Andre Ruck, der am 14. Februar 1803 im Hartelsgraben starb, endet die Liste mit Karl Wurzer, der am 26. Oktober 2021 am Hochtor sein Leben ließ. Insgesamt sind 558 Namen verzeichnet. Die Aufzählung ist damit leider mitnichten beendet, aber dazu weiter unten.

Im 19. Jahrhundert waren es zumeist Menschen, die im weitesten Sinne Arbeitsunfällen – ich zähle jetzt einmal auch Steinschläge, Lawinenabgänge und Unwetter, die sie bei ihren alltäglichen Beschäftigungen trafen, dazu – zum Opfer fielen. Wald- und Almwirtschaft im Hochgebirge war und ist immer gefährlich. So starben am 18. Dezember 1842 auf der Treffneralm Elisabeth und Katharina Zeisinger. Am Rande der Treffneralm – nicht zufällig befindet sich dort heute eine Bergrettungshütte – liegt auf 1543 m die Mödlinger Hütte. Ich nehme an, die beiden Frauen sind dort oben im Schnee gestorben. Touristinnen waren sie jedenfalls nicht.


Josef Herzmann und Adolf Kupfer (29. Juni 1885).
Foto: W. Brauer (2025)

Touristen kamen erst nach der eisenbahntechnischen Erschließung des Ennstals ab 1875. Damit setzten auch die Alpinunfälle ein. Am 29. Juni 1885 stürzten am Reichenstein Josef Herzmann und Adolf Kupfer aus Wien zirka 200 m tief ab. Es waren die ersten Bergsteiger, die auf dem Johnsbacher Friedhof bestattet wurden. Das Bergungsteam fand seinerzeit die Spuren völlig unzureichender Klettersicherungen. Josef Hasitschka zitiert in seinem Büchlein über den Bergsteigerfriedhof (in dritter Auflage 2022 herausgegeben vom Pfarramt Johnsbach) das Buch „Die Gefahren der Alpen“ (1885) des bedeutenden Wiener Alpinisten Emil Zsigmondy: „Man kann an diesen Unglücksfall nur die Ermahnung knüpfen, dass Leute ohne hinreichend Fähigkeiten und Erfahrung keine Touren ohne einen erfahrenen Begleiter oder Führer unternehmen sollen.“ Die Gräber existieren nicht mehr, aber der Grabstein befindet sich neben fünf weiteren von aufgelassenen Bergsteigergräbern aus dem späten 19. Jahrhundert westlich der Kirche am schmalen Weg zur Totenhütte.

Dass die wohlbegründete Ermahnung das Eine ist, der unbedingte Wille, es sich selbst und dem Berg zu zeigen, etwas Andres sind, lässt sich auf dem Johnsbacher Friedhof trefflich studieren. Am 23. Oktober 1921 stiegen die beiden 18-jährigen Linzer Freunde Karl Winter und Karl Schwarz bei äußerst schlechten Witterungsbedingungen über die Südwand des Kleinen Buchsteins (der hat nur 1990 m, aber dieser Aufstieg ist auch bei guter Witterung ambitioniert…) auf. Beide wurden erst im Mai 1922 gefunden. Bert Schlamberger (30-jährig aus dem Rheinland) wollte am 7. Juni 1942 in Begleitung den Reichenstein besteigen. Ihm angebotene Seilhilfe lehnte er ab – und stürzte 200 m in die Tiefe.


Karl Schwarz und Karl Winter (23. Oktober 1921) / Bert Schlamberger (7. Juni 1942)
Fotos: W. Brauer (2015)

Geradezu ein Klassiker in den Alpen ist die Unterschätzung von mit Wetterumstürzen und prekären Schneeverhältnissen verbundenen Gefahren. Pfingsten 1949 wurden zahlreiche Kletterer und Wanderer im Gesäuse von einer Kaltfront mit Schnee und Gewitter überrascht. Vier Tote und mehrere Verletzte waren zu bergen. Vier Tote forderte auch ein Schneesturm zu Pfingsten 1936. Am 1. Juni gerieten Fritz Schmid – ein als besonnen geltender Bergsteiger – mit seinen Freunden Dr. Scherrak und Wilma Guoth am Ödstein (2325 m) in diesen fürchterlichen Wettersturz. Die drei mussten am Ödstein biwakieren. Ein zweites notwendig gewordenes Biwak am Haindlkarturm – offensichtlich hatte der erfahrene Fritz Schmid auf den ursprünglich vorgesehenen Aufstieg zum Hochtor verzichtet und suchte den Abstieg – überlebten Schmid und Guoth nicht.


Fritz Schmid (2. Juni 1936). Foto: W. Brauer (2025)

Mit dieser Schneekatastrophe ist auch eine weitere äußerst tragische Geschichte verbunden. Wolf Stadler von Wolffersgrün – ein hochdekorierter Bergretter aus Wien – wollte mit seiner Verlobten Angela Roth-Tilgner zur Roßkuppe (2152 m), als beide vom Unwetter überrascht wurden. Die zu Hilfe gerufene Rettungsstelle in Admont konnte wegen des Schneesturms zu ihnen nicht vordringen. Stadler starb in der Nacht an Erschöpfung. Seine Kleidung hatte er seiner Braut übergezogen. Wolf Stadlers Grab befindet sich unmittelbar am Weg neben der Sakristei. Dass Eva Schistl (44 Jahre, aus Linz) am 12. November 1951 bei miserablem Wetter – noch dazu als Alleingängerin – trotz ihr erteilter Warnungen zum Hochtor aufsteigen musste, ist kaum erklärbar. Eva Schistl wurde nach zwei Tagen erfroren aufgefunden.

Natürlich gibt es in diesem Gebirge auch tödliche Unfälle, die von den Opfern nicht zu beeinflussen waren. Steinschlag, auch noch ausgelöst von gedankenlosen Wanderern mehrere hundert Meter höher. Schneebretter. Blitzschläge… Aber auch bewusstem Vandalismus fielen Bergsteiger zum Opfer. Am 17. Oktober 1943 stürzten die beiden Wiener Robert Nowotny und Walter Wimmer (18 bzw. 17 Jahre alt) ca. 250 m von der Dachl-Nordwand ab. Zwei Monate zuvor hatten zwei Kletterer aus der äußerst schwierigen Route fast alle Sicherungshaken herausgeschlagen. Die Bergwacht Admont vermutete hier einen Zusammenhang.


Foto: W. Brauer (2025)

Überhaupt die Bergretter: Einige von ihnen liegen hier begraben. Und an einen, Herbert Heissenberger, erinnert eine Gedenktafel an der Mauer links neben der Totenhütte. Heissenberger kam bei einem Rettungseinsatz am 27. Juni 2004 am Hochtor ums Leben. Die wirkliche Arbeit der Bergrettung hat nur wenig mit der ZDF-Vorabend-Soap und ihren smarten Protagonisten zu tun.

Das Gesäuse fordert nach wie vor seinen Tribut. Am 27. Juli 2024 stürzte ein 51-Jähriger beim Abstieg vom Hochtor zur Hesshütte über den Josefinensteig 100 m in die Tiefe. Am 9. August desselben Jahre stürzte ein 62-jähriger Bergwanderer, der im Alleingang vom Haindlkar über die Peternscharte zur Roßkuppe (2152 m) wollte, 250 Meter in einen Felsspalt. Der jüngste tödliche Unfall ereignete sich erst am 22. Juni dieses Jahres: Ein 52-jähriger steirischer Alpinist verlor offenbar beim Abstieg vom Roßschweif (2045 m) Richtung Hesshütte den Halt und fiel 100 m in die Tiefe.


An dieser Mauer befinden sich Gedenktafeln für die Bergtoten, die im Gesäuse starben, aber nicht in Johnsbach begraben wurden – ebenso wie Tafeln für Alpinisten, die dem Gesäuse verbunden waren, aber in anderen Gebirgen verunglückten. Foto: W. Brauer (2025) / Hier befindet sich auch die Tafel für Franz . Foto: W. Brauer (2015).

In diesem Zusammenhang erneuerte die Bergwacht eine Mahnung, die sie immer wieder ausspricht – und die immer wieder ignoriert wird: Besonders wichtig sei neben einer soliden Tourenvorbereitung eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Damit bin ich wieder bei der eingangs zitierten ÖKAS-Statistik… Es gibt wenige Orte, die ich stets in so tiefer Nachdenklichkeit verlasse, wie den Johnsbacher Friedhof. Oft ist von „Helden der Berge“ die Rede und vom „Bezwingen“ der xy-Tausender. Das ist Unsinn. Die Berge lassen sich nicht bezwingen. Der Mensch muss sich bezwingen, um zu ihnen zu gelangen. Kann er das nicht, sollte er unten bleiben. Im schlimmsten Fall verweigert der Berg den Zugang. In der Überschrift dieses Feuilletons habe ich die Erinnerungstafel an Franz – er starb kurz vor seinem 39. Geburtstag, die Tafel nennt seinen Nachnamen nicht – zitiert. Ich verstehe ihn gut, aber auch Augustinus hat Recht. Geht also in die Berge, aber achtet auf Euch!

Das hat auch etwas mit Behutsamkeit im Umgang mit unseren Mitmenschen und der Natur zu tun. Sie überlebt auf jeden Fall. Beim Menschen ist das nicht so sicher…

3 Kommentare

  1. Danke, ein sehr bewegender Beitrag. Zugegebenermaßen kannte ich „Gesäuse“ weder vom Wort noch von der Gegend her nicht. Wieder etwas gelernt!

  2. Ich habe vor wenigen Jahren den gepflegten Friedhof in Zermatt, gleich neben der Kirche gelegen, besucht. Dort findet man Gräber mit beeindruckenden Grabsteinen, auch von vielen internationalen Bergsteigern, die am Matterhorn verunglückt sind.
    Nach Besichtigung habe ich den Friedhof mit schwermütigen Gedanken verlassen.

  3. Fast zeitgleich, als ich diesen Text veröffentlichte, verunglückte Laura Dahlmeier im Karakorum. Ich weiß nicht, was sie unter den gegenwärtigen extremen Bedingungen – Reinhold Messner hat sehr zurückhaltend das Nötige dazu gesagt – auf den Laila Peak getrieben hat. Sie muss von den Steinschlaggefahren gewusst haben, andere haben den Aufstieg auf den K2 deswegen abgebrochen. Die dpa zitiert heute Dahlmeier, dass „ein gewisser Abenteuergeist wichtig [ist], eine gewisse Einsamkeit, eine eigene Routenwahl, sportliche Spontaneität und Flexibilität“. Eben nicht, genau das hat Laila Peak übel genommen. Aber es ist jetzt nicht der Moment, darüber zu schwadronieren. Ruhe in Frieden, Laura…

    Ärgerlich – wie so oft – heute wieder die „Tagesschau“. Ein als „Berg- und Sportexperte“ zitierter Vielredner schwätzte von der „komplizierten politischen Situation“ in jener Gegend. So werden Zusammenhänge konstruiert, die einfach mal an den Haaren herbeigezogen sind. Kollegen, kann man in bestimmten Situationen nicht einfach mal die Klappe halten?

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